Nicht ohne mein Wattestäbchen: Schnelltest-Irrsinn als Voraussetzungen für Lockerungen

Lecker: Corona-Schnelltests (hier Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Weil) - künftig dauernd & immerdar? (Foto:Imago/FutureImage)

„Freitesten“ wird zum neuen Unwort des Jahres und gemeint damit ist die abwegige Vorstellung, man könne künftig überall da wieder zumindest halbwegs normal am Leben teilhaben, wo bisher der katatonische Lockdown alles stilllegt – vorausgesetzt, man unterzieht sich quasi dauerhaft und in Echtzeit Schnelltests – beim Arzt oder beim Apotheker an der Ecke, demnächst vielleicht auch per Selbsttest.

Sollten die Selbsttests zur Norm werden, dann steht sogar zu befürchten, dass das, was im letzten Sommer Kugelschreiber und Zettel zum Ausfüllen von Kontaktinformationen waren, fortan dann der Abstrich sein wird – zumindest so lange, bis dann irgendwann der digitale Impfnachweis zum dauerhaften Alltags-Persilschein geworden ist. Erst gestern kündigte – nach Hessen, Rheinland-Pfalz und weiteren Ländern, deren Regierungen anders als der Berliner Führerbunker allmählich den zunehmend Zorn der Bürger zu spüren bekommen – auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann Lockerungen an (ausgerechnet er, der vergangene Woche den Bürgern noch mit einem „richtigen Lockdown“ gedroht hatte), und zwar eventuell „sogar“ schon bei Inzidenzwerten unter 50, für Handel, bei Dienstleistungen, Gastronomie, Museen sowie im Sport. Aber alles nur unter Vorlage von Schnelltests, versteht sich.

Diese Antigen-Tests, von denen erst wenige für den Massengebrauch zugelassen sind, werden dabei wie selbstverständlich angeführt – als wäre auch nur im Entferntesten klar geregelt, wie denn die praktische Umsetzung der Testungen laufen soll. Müssen wir ständig zum nächsten „Point of Care“ rennen und uns dauernd zum Testen anstellen – oder werden die Tests dann vor allem dort, wo die Praxen- und Apothekendichte nicht hoch ist und man gerade keinen tagaktuellen Test zur Hand hat, dann bald auch in-situ, verlangt – im Zweifel also durch Selbsttest (wie sie bald schon für den Hausverbrauch offiziell empfohlen werden), um den negativen Infektionszustand in Echtzeit nachzuweisen? Dann allerdings handelte sich nicht mehr um einen „Dauerpassierschein“, sondern um eine Art Eintrittskarte, die bei jedem einzelnen Zutritt neu „gelöst“ werden muss – ob beim Café- oder Kneipenbesuch, in Hotels, bei jedem Einkauf und natürlich erst recht bei jeder Reise, jedem Kurzurlaub.

Abstrich vorm Essen und Einkaufen

Wenn es dazu käme, wie sollen wir uns das dann praktisch vorstellen? Spuckt, kotet oder rotzt dann jeder auf einen Teststreifen und gibt ihn vor Ort ab? Oder werden demnächst die Schnelltests auch von geschultes Personal im Handel und der Gastronomie durchgeführt, heißt es dann bald vielleicht schon „Essen ohne Stäbchen“ nicht nur beim Japaner als No-Go, weil man ab sofort, wo immer man einkehrt, vom Kellner zuerst ein Teststäbchen gereicht oder gleich in die Nase gerammt bekommt? Muss irgendwann jeder, der sich nur eine Unterhose kaufen will, vorher zur Teststation an der Kasse, soll beim Kinobesuch am Popcornstand dann zuerst einmal der Abstrich abgewartet werden? Und was eigentlich, wenn es zu Verletzungen kommt – da die Abstriche auch im vorderen Nasenbereich oder Rachen nicht unproblematisch sind? Wer haftet dann, die Unternehmen? Diese Frage stellt sich womöglich auch bereits bei den vorgesehenen Tests in Apotheken oder an Teststationen.

Ob nun nur durch Kontrolle der Testergebnisse oder gar Hilfe bei deren Durchführung: Weil bei alledem zusätzlich ja auch noch Hygienekonzepte und Zutrittsbeschränkungen gelten sollen, ist überhaupt nicht sichergestellt, wie noch irgendein gastronomischer oder gewerblicher Normalbetrieb zustandekommen soll – es sei denn, die Menschen entwickeln mit der Zeit eine ähnliche stoische Geduld und Leidensfähigkeit wie beim Anstehen vor leeren Regalen in Venezuela oder Nordkorea. Wer aber möchte bzw. kann so leben? Gruselig ist, dass es sich bei diesen Überlegungen nicht um abstrakte Gedankenspiele handelt, die eine frösteln machende Zukunft ausmalen – sondern dass dies bereits einen Zustand darstellt, der allenfalls und bei optimistischer „Hoffnung“ zu erwarten ist, wenn man nicht die Alternative einer schier endlosen Fortführung des Knockdowns in Kauf nehmen will. (DM)