Angeschmiert: Frisch Geimpfte müssen draußen bleiben – wegen positiver Tests

Schnelltest-Vorführung in der Schule (Foto:Imago/Weber)

Der sich im Zusammenhang mit den Schnelltests abzeichnende neue Giga-Pfusch der Bundesregierung verspricht, alle bisherigen Tiefschläge und Blamagen von der Maskenbeschaffung bis zum Impfdesaster nochmals um Längen zu toppen. Das ist vor allem deshalb fatal, weil der Ausweg aus einem bald fünfmonatigen Dauerlockdown von eben den Antigentests abhängig gemacht werden soll. In Wahrheit werden diese, falls sie überhaupt je im versprochenen Umfang bereitstehen, den Alltag vollends zum absurden Theater machen: Sie werden Milliardensummen verschlingen und dafür sorgen, dass die Aufhebung des Lockdowns in weite Ferne rückt – unter anderem, weil sie sogar Geimpfte und Genesene als falsch positive brandmarken könnten. 

Inzwischen hat es sogar SPD-Panikfreak Karl Lauterbach eingesehen: „Die Öffnungsschritte, die in dem Papier drin sind, werden zum größten Teil nie umgesetzt, weil die Voraussetzungen dafür – entweder stabile oder gar sinkende Fallzahlen – nie erreicht werden.“ Damit hat der Mann ausnahmsweise recht – auch wenn er dafür die falschen Ursachen benennt: Denn nicht die von Lauterbach beschworenen Fallzahlenanstiege durch Mutationen sind das Problem, sondern ausgerechnet das, was er dagegen als Ausweg sieht: Die Antigentests. Lauterbach glaubt allen Ernstes, diese hätten das Zeug, für eine Ausbremsung der „dritten Welle“ sorgen zu können.

In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Gerade durch massenhafte Schnelltests werden die Fallzahlen explodieren – je mehr getestet wird, umso schneller. Und selbst wenn anschließende PCR-Nachtests den größten Teil etwaiger falsch-positiver Antigentests wieder korrigieren: Angesichts der schieren Masse von Schnelltests – ihre Verfügbarkeit ab April vorausgesetzt – wird am Ende dennoch ein signifikanter Inzidenzanstieg stehen, weil abnorm hohe Zyklen-/Ct-Werte bei der PCR-Diagnostik für umso mehr positive „Inzidenzen“ sorgen, wie die Vortestwahrscheinlichkeit zunimmt.

Hierbei spielt ein bislang unterschätzter, nicht wirklich hinreichend geklärter möglicher Messfehlereffekt eine besondere Rolle: Gerade bei Geimpften und Genesen, deren Immunsystem bereits Abwehrkörper gegen Sars-CoV2 gebildet hat, kommt es häufig zu positiven Testergebnissen – sowohl bei den PCR- als auch Antigentests, die auf bestimmte Virusproteine und -trümmer, die nach der Immunisierung im Blut nachweisbar sind, reagieren. Aus diesem Grund raten Hausärzte, Genesenen in den ersten Wochen nach überstandener Covid-Infektion von Tests ab, weil diese irreführende falsch-positive Resultate hervorbringen könnten (und so erklärt sich übrigens auch die hohe Zahl an Corona-Ausbrüchen in Altersheimen unmittelbar nach der Impfung, die zumeist erst durch Schnelltests, dann PCR-Tests bestätigt werden).

Messfehlereffekte, die es in sich haben

Dass die Befürchtung, ausgerechnet Geimpfte und Genesene könnten als „Schnelltest-Positive“ von Sanktionen und Einschränkungen betroffen sein, durchaus real ist, bestätigen sogar namhafte Experten – auch wenn sie die Gefahr Kleinreden: Der Tropenmediziner Dr. Christoph Specht erklärte Ende Januar gegenüber „n-tv„, dass zwar die meisten verwendeten Tests auf Nukleokapsid-Antigene reagierten (dem Protein, das in der runden Hülle des Virus, dem Nukleokapsid, vorkommt); diese Proteine würden nach einer Impfung mit mRNA-Impfstoffen nicht vom Körper produziert, weshalb die Impfung eigentlich nicht zu einem positiven Antigentest führen würde, so Specht. „In der Theorie“ sei dies aber dennoch möglich – weil es eben auch Antigentests gebe, die auf das Spike-Protein auf der Virus-Hülle reagieren – auf deren Reproduktion im Körper die derzeitigen Covid-19-Impfstoffe gerade abzielen. Wenn die so entstandenen Proteine und der spezielle Antigentest zusammenkämen, sei ein positives Testergebnis die Folge. Es sei „recht unwahrscheinlich„, so Specht, aber eben „unter ganz bestimmten Voraussetzungen nicht zu hundert Prozent auszuschließen.“

Weil die Schnelltests künftig in der Größenordnung von hunderten Millionen Anwendungen binnen kürzester Zeit zum Einsatz kommen werden, würde sich jedoch schon eine Fehlerquote nur im Promillebereich verheerend auswirken – und zahllosen, eigentlich immunen Menschen die Tortur der nächsten Quarantäne, Zugangsbeschränkungen und Zutrittsverbote bescheren. Bei auch nur angenommenen 45 Millionen Tests pro Woche (viel zu wenig, um die zur Bedingung für Öffnungen gemachten Nachweise zu erfüllen) bedeuten bereits 0,2 Prozent knapp 100.000 „positive“ Testergebnisse. Bei einer durchaus realistischen Fehlerquote von 1-2 Prozent sind bereits Millionen Gesunde betroffen.

Neben diesen grundsätzlichen Fehleranfälligkeiten des Schnelltesteinsatzes stellt jedoch vor allem deren völlig planloser, von der Politik nicht ansatzweise zu Ende gedachter Massengebrauch die größte Hürde dar. Was die Bundesregierung hier zur Voraussetzung für „Lockerungen“ macht, ist weder praxistauglich noch zielführend – selbst wenn (wonach es derzeit überhaupt nicht aussieht) ab April Schnelltests in der benötigten Anzahl zur Verfügung stehen sollten. Niemand weiß hier Genaues – nicht einmal jene, die für die Testdurchführung zuständig sein sollten. Auf Nachfrage von Jouwatch hin konnten zum Beispiel weder befragte Ärzte noch Apotheken Auskunft darüber geben, wie nach Ostern das genaue Testprozedere ablaufen soll – weder was Durchführung, fälschungssichere Bestätigung des Testergebnisses, Abrechnung der Kostenerstattung noch die Testlogistik betrifft, scheint irgendjemand durchzublicken.

Niemand weiß Genaues

Auch die Geschäftsinhaber, Kulturverantwortlichen und Dienstleister, die ihre Teilöffnungen künftig unter strengen Einschränkungen ( entsprechende stabile „Inzidenzwerte“ vorausgesetzt) von den Tests abhängig machen müssen, haben offenbar keinen blassen Schimmer, wie deren Überprüfung praktisch ablaufen soll. Wie erfolgt die Kontrolle der Resultate –  durch Inaugenscheinnahme auf dem Smartphones, durch Scannen eines QR-Codes? Von welchem Datum stammt das Testergebnis, wie wird der Zeitstempel validiert, wie lange ist der Test gültig? Was, wenn jemand einen gefakten Test oder den negativen Test eines anderen als Screenshot vorlegt? Für Betriebe, die im letzten Sommer nicht einmal die personellen Kapazitäten für Identitätsprüfung von Gästen hatten, ist es völlig ausgeschlossen, diese Kontrollen dies im Normalbetrieb und zudem kostendeckend zu bewerkstelligen.

Und abgesehen davon, dass schon die Corona-App dahingehend gefloppt war: Wieso sollte ausgerechnet jetzt binnen weniger Wochen eine digitale Lösung für diesen Bürokratisierungsirrsinn gefunden werden können? Was ist überhaupt mit denen, die kein Smartphone besitzen? Und vor allem: Wo sollen all diese Tests eigentlich stattfinden? Einzelhändler und Gastronomen zu Krankenpflegern zu machen und sie anzuhalten, ihren Kunden und Gästen selbst die Wattestäbchen in die Nase zu rammen, scheidet neben unzumutbarer personeller und finanzieller Belastungen schon aus Haftungsgründen aus. Wo aber sollen Tausende derzeit fehlende Teststationen und Anlaufstellen herkommen? Und falls hier jetzt jemand an die bereits im Handel reichlich verfügbaren Selbsttests denkt und vorschlägt, die Bürger sollten sich doch einfach zuhause testen: Wer verifiziert deren Resultate, und wie können diese überhaupt als „Passierscheine genutzt werden?

Noch verworrener sind die von der Regierung zugrunde gelegten Mengenkalkulationen benötigter Tests, um die eigenen Vorgaben als Öffnungsvoraussetzungen zu erfüllen. Geht man von 60 Millionen Bürgern aus, die regelmäßig als „Marktteilnehmer“ und Verbraucher unterwegs sind und von Schulbesuch, Arbeitsplatz Sport, Einkaufen, Spaziergängen bis zu Hotel- und Gaststättenbesuchen in irgendeiner Form „aktiv“ werden, dann würden selbst nur zwei angenommene Tests pro Woche 120 Millionen Einheiten erfordern. Selbst diese Zahl ist extrem niedrig geschätzt – denn viele der im Stufenplan vorgestellten Tests müssen ausdrücklich „tagaktuell“ sein. Wer viel unterwegs ist, braucht also täglich einen Test.

Absurde Fehlkalkulation bei Mengen und Preisen

Selbst wenn man nun annimmt, dass all die Teststationen, Apotheken, Praxen und womöglich sonstige „Points of Care“ diesen hypothetischen Andrang bewältigen könnten (was die Bilder von kilometerlangen Schlangen vor Testzentren unrealistisch erscheinen lassen, siehe Bild unten): Derart viele Tests sind selbst im optimalen Fall niemals verfügbar. Ein Großteil der Kontingente ist überdies schon durch die „institutionellen“ Tests in Schulen, Kitas, Kliniken und Heimen gebunden.

Jens Spahn kündigte gestern zwar stolz an, der Bund habe sich ein Mindestkontingent von 800 Millionen Schnelltests gesichert, 150 Millionen lägen laut Herstellern auf Lager. 200 Millionen der Tests würden zusätzlich über Apotheken und Einzelhandel zur Verfügung stehen. „Etablierte Strukturen zu nutzen, wird die Verfügbarkeit von Selbsttests beschleunigen und erhöhen und es Ländern ermöglichen, in Kitas und Schulen regelmäßig zu testen„, so Spahn. Bloß: Nur dann, wenn man (wie die Bundesregierung) alle zwei Wochen einen Test pro Kopf ansetzt – entsprechend der erwähnten knapp 45 Millionen Stück pro Woche -, dann würde dies bis in den Sommer genügen. In Wahrheit reichen die Kontingente nicht einmal für einen Monat – vorausgesetzt, es kommt wirklich zu Öffnungen und die Bürger wären bereit, fünf Stunden für ein Einkaufserlebnis, ein Kammerkonzert oder ein Glas Bier anzustehen. Offenbar spekuliert man in Berlin gerade darauf, dass diese Strapazen ohnehin niemand mitmacht, weshalb der Mangel nicht weiter ins Gewicht fällt.

Noch demoralisierender ist der Ausblick auf die finanzielle Dimension der staatlichen Schnelltest-Spinnereien.Hierin dürfte denn auch die wesentliche „natürliche“ Limitierung der Testungen liegen. Denn nach Spahns neuer Testverordnung bekommt jeder Bürger nur das Recht, pro Woche kostenfrei einen PoC-Antigen-Test in Anspruch zu nehmen – und dies dem neuen Paragraph 4a zufolge auch nur dann, solange sie „keine typischen Symptome aufweisen„, heißt es in der Begründung der Verordnung (ansonsten geht es nämlich direkt zum PCR-Test).

Demoralisierender Blindflug der Politik

Ein Test pro Woche? Das ist bei Weitem zu wenig – befindet auch Ärztepräsident Klaus Reinhardt laut „dts Nachrichtenagentur“: „Lediglich ein kostenfreier Test pro Woche und Bürger wird kaum ausreichen, die kommenden Öffnungsschritte mit der dafür notwendigen Sicherheit zu flankieren.“ Die Vielzahl weiterer Tests dürfen die Bürger dann entweder selbst bezahlen – oder sie bleiben eben freiwillig zuhause. Eine perfide Form der Erpressung – Freiheit allenfalls gegen superteures Freitesten.

Spahn prahlte, der Bund übernähme ab dem ab 8. März die Kosten für den neuen „Bürgertest“ – ein regelmäßiges, „kostenloses“ Testangebot für alle Bürger in Testzentren und -stationen. Abgesehen davon, dass nichts, was die Regierung aus Steuergeldern bezahlt, für den Bürger letztlich „kostenlos“ ist, sondern immer von diesen berappt werden muss: Das Bundesgesundheitsministerium geht von Kosten bis zu 21 Euro pro Test aus – inklusive Auswertung.

Selbst bei Merkels am Mittwoch genanntem, absurd niedrig angesetztem „Bedarf von bis zu 150 Millionen Tests pro Monat“ (in Wahrheit ist wohl eher, wie dargelegt, ein Vielfaches nötig!) würde dies monatlich 3,15 Milliarden Euro Kosten verursachen. Hierbei sind allerdings nur die Kosten für die Tests sowie die für deren Durchführung durch geeignetes Personal abgedeckt. Die Finanzierung der Einrichtung und der Betrieb massenhaft benötigter weiterer Testzentren sind noch gar nicht darin enthalten.

Unausgegorene und lückenhafte „Teststrategie“

Kein Wunder, dass Vertreter von Hausärzten, Kommunen und Testherstellern die Corona-„Teststrategie“ der Bundesregierung als völlig unausgegoren und lückenhaft bewerten, und vor Engpässen warnen. „Wie schon beim Impfstoff wurde in Deutschland auch bei den Tests viel zu wenig und viel zu spät bestellt„, klagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, in der „Welt„. Stand heute, Freitag, sei „nicht einmal ein Bruchteil der Schnelltests, die nun millionenfach eingesetzt werden sollen, bestellt worden“, sagte Weigelt – für die Ärzte und ihre Patienten eine völlig inakzeptable Situation. Auch die Kommunen verlieren die Geduld: Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, postuliert, Bund und Länder müssten sich endlich „deutlich klarer zu den Rahmenbedingungen äußern.

Auch drohende Nachschubprobleme zeichnen sich ab, denn derzeit haben nur sieben Hersteller eine Sonderzulassung zur Produktion von Selbsttests. „Das reicht nicht, um den Bedarf decken zu können, dafür müssen die Anträge von rund 50 Herstellern möglichst schnell bearbeitet werden„, sagt Martin Walger, Geschäftsführer des Verbandes der Diagnostica-Hersteller, der „Welt“. Wer unter diesen Voraussetzungen also ernsthaft mit irgendwelchen spürbaren Öffnungen rechnet, der wird sich bald bitter enttäuscht sehen.

Es gibt im Prinzip nur zwei Szenarien: Entweder die Tests und ihre Durchführung sind so teuer, an so erhebliche Stressoren und Wartezeiten geknüpft, dass die Menschen lieber freiwillig verzichten – zumal die ständige Gefahr einer Quarantäne durch falsch-positive Tests droht (insbesondere für Geimpfte). Dann bleiben zwar die Zahlen unten, jedoch hat niemand etwas von den theoretischen „Lockerungen“. Oder der Regierung gelänge es aus unerfindlichen Gründen doch noch, binnen eines Monats die Kapazitäten und die Logistik zu meistern; dann sorgen jedoch die Massentests automatisch selbst dafür, dass die Inzidenzen wieder nach oben schießen und der Lockdown wie gehabt weitergeht. Wir stecken folglich in einer kalkulierten Zwickmühle. (DM)

 

Anstehen für einen Schnelltest in Plauen (Foto:privat/viaFacebook)