Geimpft, aber weiterhin einsam weggesperrt: Das miese Spiel mit unseren Senioren

Senioren-Impfung in Pflegeheim (Foto:Imago/Hessland)

Im Namen der Alten und Schwachen in den Heimen wurde Deutschland systematisch in weniger als 12 Monaten zugrunde gerichtet, wurden unermessliche Kollateralschaden an Leib, Leben und Wirtschaft in Kauf genommen – und dann das: Ausgerechnet die Hochrisikopatienten, die als Erste in den Genuss der rettenden Impfung kamen und inzwischen vollen Impfschutz haben, werden weiterhin von Sozialkontakten ferngehalten. In den meisten Heimen gelten die Besuchsbeschränkungen unvermindert fort.

Nicht nur, dass der größte Teil der sogenannten Covid-Toten ausgerechnet in den Heimen zu beklagen war, weil die Bundesregierung stur auf Komplettabschottung der gesamten Gesellschaft statt auf selektiven Risikogruppenschutz setzte, was am Ende 29.000 Menschenleben allein in den Altenheimen kostete und die gesamte Rechtfertigung der Politik ad absurdum führte. Die, die das Massensterben überlebten, wurden ab Ende Dezember als menschliche Versuchskaninchen „privilegiert“ für die ersten Impfungen zugelassen – was erneut zu einer großen Sterbewelle führte (letztere durfte allerdings offiziell keinesfalls auf die neuartigen Experimental-Impfstoffe zurückgeführt werden, sondern hier waren dann stets ausschließlich hohes Alter und Vorerkrankungen todesursächlich).

Die Hochbetagten und Vorerkrankten, die jetzt noch in den Kliniken leben, sind fast alle geimpft und haben mehrheitlich auch schon die zweite Impfdosen erhalten. Dies entspricht somit der maximalen Immunisierung, die im Rahmen der gegenwärtigen Impfkampagne, mit den verfügbaren Seren erreichbar ist. Man sollte eigentlich meinen, für sie sei inzwischen wieder Normalität zurückgekehrt und sie könnten uneingeschränkt, ohne Risiko, wieder Besuche ihrer Angehörigen, Verwandte und Freunde empfangen – soziale Kontakte, die ihnen seit fast einem Jahr fast vollständig fehlten, was viele Senioren den letzten Lebenswillen geraubt hatte und vermutlich mehr Leben forderte als jedes Virus.

Affen in den USA sind besser dran als die Alten bei uns

Doch weit gefehlt; von einer Rückkehr zu früheren Besuchsregelungen und Freiheiten kann überhaupt nicht die Rede sein, wie der „Tagesspiegel“ (TS) in einem aktuellen Beitrag dokumentiert. Die Zeitung beruft sich auf eine bislang unveröffentlichte Umfrage des BIVA-Pflegeschutzbundes unter Angehörigen. Dieser zufolge bleiben den meisten Pflegeheim-Bewohnern Besuchsmöglichkeiten weitgehend verwehrt – obwohl sie bereits vollen Impfschutz gegen Corona haben. In mehr als 80 Prozent der bereits vollständig geimpften Heimbewohner wurden die Besuchsverbote oder -einschränkungen bislang nicht aufgehoben. Mitunter sei gar das Gegenteil eingetreten: „Bei zehn Prozent der Befragten wurden die Schutzmaßnahmen weiter verschärft„, so der TS. Anderswo sind inzwischen sogar Affen besser dran als die Alten in Deutschland.

Dass Besuchsbeschränkungen vollständig revidiert wurden und frühere Normalität einkehrte, berichteten gerade einmal 0,6 Prozent der befragten Angehörigen. Nur etwas über 5 Prozent gaben an, die Verbote seien teilweise aufgehoben worden. Inzwischen haben die meisten Angehörigen die Hoffnung aufgegeben, dass alles wieder wie vor der Pandemie wird: Nur rund 25 Prozent gehen davon aus, dass dies auch nach vollständiger Durchimpfung bei den Besuchsregelungen je wieder der Fall sein wird. Nur rund jeder siebte Angehörige sagte, dass ihm Heimbesuche ohne zeitliche Einschränkung möglich seien. Der BIVA-Vorsitzende Manfred Stegger spricht laut TS von einem „erschütternden Bild“ – zumal die Heimbetreiber mit ihrer „Übervorsichtigkeit“, den Alten und Pflegebedürftigen trotz Impfung weiter Kontakte zu verweigern, explizit gegen die Empfehlungen des Deutschen Ethikrates verstoßen.

Erneut stellt sich hier die Frage, welche Schutzwirkung dann überhaupt eine Impfung hat, der offensichtlich die Pflege- und Gesundheitseinrichtungen und der Staat selbst so sehr misstrauen, dass sie die Menschen weiterhin abschotten und vor Risiken bewahren müssen. Diese Grundzweifel begleiten auch die Impfprogramme der als nächstes anstehenden weiteren Priorisierungsklassen – und werfen letztlich die Frage auf, was eine Impfkampagne bringt, an deren Ende keine Aufhebung von Lockdown, Kontaktsperren und Hygienebeschränkungen steht, sondern deren unbefristete Fortsetzung. Wofür dann diesen beispiellosen logistischen und finanziellen Aufwand? (DM)