Hat da jemand einmal zu oft Merkel kritisiert? Nötigungsvorwürfe gegen „Bild-„Chef Julian Reichelt

Julian Reichelt (Foto:Imago/Schüler)

Dass sich einflussreiche Personen mit Anschuldigungen wegen angeblichen Fehlverhaltens  aus heiterem Himmel konfrontiert sehen und diese auch öffentlich thematisiert werden, bleibt in einer freien Gesellschaft nicht aus. Häufen sich derartige Vorfälle allerdings und betreffen sie vor allem Personen, die sich zuvor kritisch über die Regierungspolitik geäußert haben, und geschieht dies dann auch noch in auffälligem zeitlichen Zusammenhang zu dieser Kritik, dann deutet einiges darauf hin, dass es sich eher um eine gezielte Intrige handelt. Diese Vermutung drängt sich derzeit bei den Vorwürfen gegen „Bild“-Boss Julian Reichelt auf.

In zunehmend scharfen Worten hatte der Chefredakteur der immer noch auflagenstärksten deutschen Tageszeitung die Corona-Politik Angela Merkels und ihrer Minister kritisiert – und den Sinkflug der CDU zumindest journalistisch begleitet, wenn nicht beschleunigt, indem er dazu beitrug, dass eine kritische Masse an zuvor duckmäuserischen und vertrauensseligen Deutschen aus ihrem Angstkoma aufwachte – und das Regierungshandeln inzwischen deutlich distanzierter sieht. Es deutet vieles darauf hin, dass man dies im Umfeld der Kanzlerin nicht auf sich sitzen lassen wollte. Als dann Reichelt letzte Woche in einer Art kommentarischen Generalabrechnung per Video auf „Bild Live“ die Resultate der Corona-Beschlüsse auseinandernahm und die ganze Unfähigkeit der Groko-Regierung auf den Punkt brachte, muss wohl das Fass übergelaufen sein.

Wie der Zufall so spielt, werden prompt jetzt, auf einmal, interne Anschuldigungen aus dem eigenen Haus gegen Reichelt publik – und zwar von der Sorte, bei denen der Grundsatz „schuldig bei Verdacht“ greift, indem schon die einseitige Bezichtigung derart bleibende Leumundschäden verursacht, dass der Betreffende sich davon selbst dann nicht befreien kann, wenn die Vorwürfe frei erfunden wären und er dies auch vor Gericht lückenlos nachweisen könnte: Reichelt soll „Compliance“-Verstöße begangen haben, die „wiederholtes Fehlverhalten gegenüber Frauen betreffen„, berichtet „Spiegel Online„, und schreibt von „internen Ermittlungen„. Die Verdachtsberichterstattung wurde von fast der gesamten Linkspresse bereitwillig übernommen.

Mit kaum verhohlener Genugtuung schreibt der Spiegel: „Unter anderem geht es bei der Untersuchung um Machtmissbrauch und die Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen… In einzelnen Fällen soll sich Reichelt möglichen Vorwürfen von Nötigung und Mobbing stellen müssen, wie mehrere Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind, berichten.“ Es sind Vorwürfe, die – spätestens seit „MeToo“ – bereits dann zum Rücktritt führen oder eine Person untragbar erscheinen lassen können, wenn sie alleine nur in die Welt gesetzt sind; aus welchen Motiven und auf Grundlage welcher noch so fragwürdigen Beweislage auch immer. Neben dem von regierungsergebenen Corona- und Lockdownsympathisanten durchsetzten „Spiegel“ trug noch prompt noch ein weiterer System-Meinungsmacher, ZDF-Hetzer Jan Böhmermann, als öffentlich-rechtliche Hofschranze des Corona-Regimes die angeblichen Verfehlungen Reichelts in die Öffentlichkeit.

Konzertierte Agitation- und Propagandaaktion?

Das ganze Manöver könnte durchaus Züge einer konzertierten Aktion tragen: Erst die Kritik an Merkel – und kurz darauf erfolgte dann von ihrer fünften Kolonne in staatshörigen Medien der vernichtende Versuch einer Rufschädigung. Steht beides in einem kausalen Zusammenhang – oder kommen Reichelts angeblichen „Opfern“ rein zufällig gerade jetzt mit ihren Vorwürfen um die Ecke, bzw. werden diese ausgerechnet nach seiner Fundamentalkritik am deutschen Corona-Staat öffentlich durchgestochen? Man weiß es nicht. Klar indes ist: Sollte es sich um eine gezielte Diskreditierung handeln, dann trägt diese alle Züge einer geheimdienstlichen Operation, wie sie in der DDR etwa von den Experten für Agitation und Propaganda geübt und praktiziert wurden. Wie der Zufall so spielt, war die Bundeskanzlerin bekanntlich einst selbst Jugendkader der SED-Jugendorganisation FDJ – und dort für ebendiese Bereiche zuständig: für „Agitation und Propaganda„.

Der Journalist Boris Reitschuster machte sich in einem Beitrag unter dem vielsagenden Titel „Nach Hammer-Kritik an Merkel: Bild-Chef unter ‚Fehlverhalten‘-Verdacht“ ähnliche Gedanken und schreibt – eingedenk seiner leidvollen Erfahrung als Focus-Korrespondent im autoritären Russland, wo er ständig die Drangsalierung von Dissidenten und Oppositionellen wie auch kritischen Journalisten durch Kreml-gesteuerte Kommandos miterlebte – über den Fall Reichelt: „Die Intervalle zwischen meinen Moskau-Déjà-vus und den Momenten, wo ich mir sage ‚das kann doch gar nicht wahr sein!‘ werden immer kürzer.“ Reitschuster erinnert daran, wie auch der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen mit Stasi-Methoden vor zwei Jahren aus dem Amt gemobbt wurde, und schreibt mit feinem Soupcon, bei ihm „sträuben sich  nach 16 Jahren Moskau alle Nackenhaare, wenn ich mir ansehe, wie viele ähnliche Zufälle es gab und gibt.“ Fakt ist: Sollte Julian Reichelt tatsächlich wegen der seltsam pünktlich erhobenen Anschuldigungen weggemobbt werden, dann hätte Merkel auf den letzten Metern ihrer Kanzlerschaft einen gefährlichen Kritiker weniger. (DM)