Je weniger Covid-Patienten in den Kliniken liegen, desto lauter warnen Intensivmediziner vor „Öffnungen“

Notstand ohne Patienten: Intensivstation in Corona-Zeiten (Foto:Imago)

Gestern lagen noch knapp über 2.500 Personen insgesamt „wegen Covid“ (an und mit) in den Krankenhäusern (Normal-und Intensivstationen) – unter normalen Umständen ein vernachlässigbarer Wert, der die in normalen Grippejahren erreichten saisonalen Belegungen zu dieser Jahreszeit sogar noch unterschreitet. Doch diese „normalen Umstände“ sind bekanntlich kein Maßstab mehr und dürfen es auch nie mehr sein – weshalb nun sogar diese niedrigen Belegungszahlen kein Grund für Entwarnung sind.

Im Gegenteil: Die „März-Öffnungen“ und „Lockerungen“ selbst in der augenwischerischen Form, die uns als allmählicher Ausstieg aus dem Lockdown verkauft wird (obwohl sie dessen potentiell unbefristete Fortsetzung bedeuten), sind in den Augen mancher Experten mit Blick auf die „Situation in den Intensivstationen“ gar unverantwortlich und verfrüht. Als Grund geben sie an: Auch wenn dort mittlerweile wesentlich weniger Covid-19-Patienten liegen, habe sich die „Zahl der freien Betten“ nicht erhöht.

Der Leiter des DIVI-Intensivregisters Christian Karagiannidis weist laut „n-tv“ darauf hin, dass es sich auch bei den gesunkenen Patientenzahlen „immer noch um einen historischen Höchststand, vergleichbar mit der Grippewelle 2018“ handelte. Wenn schon ein vergleichbares Ereignis von nur vor drei Jahren genügt, um diesen „historischen Höchststand“ einzustellen, dann kann es sich um keine Katastrophe handeln – zumal 2018 eben keinerlei Lockdown oder irgendeine staatliche Panikmache herrschte, weil schlichtweg keine Weltgesundheitsorganisation aus welchen Gründen auch immer eine Pandemie ausgerufen hatte.

Und dann nennt Karagiannidis noch einen weiteren hochinteressanten Grund, warum sich die Anzahl der freien Intensivbetten „seit Anfang Januar fast nicht verändert“ habe, obwohl mehr als 3.000 Betten abgebaut wurden und die Corona-Beatmungsfälle sich somit mehr als halbiert haben: „Sobald ein Bett frei wird, wird es wieder verwendet, beispielsweise für einen postoperativen Patienten, weil wir auch ein paar Operationen aufgeschoben haben.“ Dies habe zur FOlge, dass die Reserven nicht größer als zum Höhepunkt der zweiten Welle seien. Dieses Argument verdeutlicht einmal mehr, wie sich die Pandemie ihre eigene Logik schafft – und die Maßnahmen gleichsam ihre ständige Selbstaufrechterhaltung bedingen: Durch den Lockdown selbst werden Engpässe erzeugt, die dann wiederum als Vorwand für die Verlängerung des Lockdowns herhalten müssen.

Willkommener Grund für ewigen Lockdown

So wie letzten Herbst die Intensivkapazitäten nicht nur – und streckenweise gar nicht – durch zu neue Patienten, sondern vor allem durch fehlendes Personal und reduzierte Bettenzahlen „ans Limit“ gerieten, so ist es jetzt der geschickt in die Diskussion wiedereingeführte Rückstau an Operationen, der den Fortbestand der Krise plausibel machen soll. Hauptsache, es wird immer wieder aufs Neue ein guter Grund gefunden, die „angespannte Lage“, den „drohenden Zusammenbruch“ zu perpetuieren – durch die ansteckendere Mutante B.1.1.7, die laut „n-tv“ „vermutlich auch zu mehr schweren Erkrankungen führt„, oder eben durch die Zunahme von intensivmedizinischen Behandlungen durch den Lockdown-Rückstand selbst.

Für die Kliniken bringt Corona Geld in die Kasse – für freigehaltene Betten und Covid-Behandlungen; hier liegt ein starkes Motiv zum ständigen Übertreiben. Deshalb würden manche Chefärzte, Intensivmediziner und die verantwortlichen Gesundheitsmanager vermutlich selbst dann noch vor der allfälligen Apokalypse in den Krankenhäusern warnen, wenn überhaupt niemand mehr in den Intensivstationen liegt. Denn es könnte ja noch jemand kommen. Für die Politik übrigens keine schlechte Perspektive: Je mehr Kliniken am Ende leer sind, umso leichter lassen sie sich schließen, um Geld einzusparen… (DM)