Norbert Bolz brillant: Der ersatzreligiöse Glaubensterror der Linken

Prof. Norbert Bolz - Foto: Imago

Es passiert nicht mehr oft, daß man in eine der deutschen Mainstream-Postillen schaut, hocherfreut aufspringt und ein ekstatisches „Hurra!“ ausruft. Vorhin war einer dieser seltenen Momente. Der allseits bekannte Norbert Bolz, ehemals Professor für Medienwissenschaften an der TU Berlin, hat einen brillanten Meinungsartikel bei Springers „Welt“ veröffentlicht: „Der neue Gott der Linken“. So geht klares Denken! Die Lobhudelei.

von Max Erdinger

Es muß wohl irgendwann Ende der Sechziger Jahre gewesen sein, daß vom eigenen Gutsein besoffene Linke frustriert beieinandersaßen und sich die miese Stimmung nicht so recht erklären konnten. Selbst der kreisende Joint brachte keine Besserung. Bis einer hinter dem geronnenen Eigelb in seinem Marxbart hervornuschelte: „Proletariat ist alle. Wir brauchen nur neues zu finden – und schon werden Frohsinn & Heiterkeit in unsere Leben zurückkehren.“ Keine Sekunde später galt der bekiffte Genosse als Hoffnungsträger. Alle tanzten begeistert um ihn herum und skandierten unaufhörlich: „Das ist das Gelbe vom Ei!“.

Weil die Genossinnen damals bereits mitreden durften, sprang dem Genossen Hoffnungsträger sofort eine bei und erzählte begeistert von den Sufragetten. Das war die Geburtsstunde jenes abscheulichen Gleichheitsfeminismus´, mit dem wir es heute zu tun haben. Die Frauen waren erstes Ersatzproletariat der Linken in der klassenlosen Gesellschaft geworden. Fortan gab es sie fast ausschließlich noch in ausgebeuteter, unterdrückter, belästigter, mißhandelter und beruflich diskriminierter Form. Wenn ausnahmsweise nicht in Deutschland, dann sonst irgendwo auf der Welt. Darüber sind zwar viel Anmut & Liebreiz verloren gegangen, aber die Augen der Linken insgesamt hatten jenen irren Glanz zurückbekommen, der seit jeher den beseelten Missionar verrät.

Im Laufe weniger Jahre jedoch wurde auch dem Genossen Hoffnungsträger klar, daß er und die Genossen es vor lauter Begeisterung für das Proletariat mit dem Opferstatus der Frauen krass übertrieben hatten. Die Klageweiber waren zu einer einzigen Zumutung für die Genossen geworden, deren Erektionen natürlich noch immer so archaisch geblieben sind, wie in den trübseligen Tagen vor der Entdeckung des östrogenalen Ersatzproletariats. So manches vormals bescheidene Mauerblümchen entpuppte sich als entsetzliche Schreckschraube. Früher hätte es wenigstens noch artig den Mund gehalten, was ihm wiederum gewisse Chancen eröffnet hätte, besonders dann, wenn es aus einem vermögenden Elternhaus stammte. Jedenfalls wies das feministische Ersatzproletariat erhebliche Konstruktionsfehler auf. Es folgte dann die Aufspaltung der linken Genossen in herkömmliche Männer und eine neue Männerart: Den aalglatten, sich selbst verleugnenden Punzenfiffi.

Norbert Bolz retrospektiv am heutigen Tage bei Twitter: „Unsere Gesellschaft gibt unmännlichen Männern die Chance, als engagierte Vertreter der feministischen Sache aufzutreten.

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Das ist zwar richtig, aber es gibt keine monokausale Erklärung für den grassierenden Wahnsinn, der einen heute aus fast jeder Politiker-Innen – & Außenäußerung und dem Medien-Mainstream anspringt, darauf aus, den Verstand des jeweiligen Rezipienten zu meucheln. Die vom mängelbehafteten, östrogenalen Ersatzproletariat bitter enttäuschten Männergebliebenen zogen zusammen mit jenen Punzenfiffis, die sich nicht eingestehen wollten, daß sie zu welchen geworden waren, – wichtig: gemeinsam – weiter, um neue, bessere Ersatzproletariate zu finden, möglichst welche, die selber nicht reden konnten, und denen sie deshalb erst einmal eine zuvor genau definierte „Stimme verleihen“ konnten.

Wie es der Teufel wollte, fanden sie auch prompt eines: Die schweigsame „Umwelt“. Wieder brach ein derartiger Jubel aus, daß die Roten vor lauter Freude ganz grün wurden. Als das passierte, schrieben wir das Jahr 1977. Und weil es in Deutschland passiert ist, kam es sogleich zu einer Parteigründung. In der Folge formten sich die grün gewordenen Roten ein wahres Imperium aus verschiedenen Ersatzproletariaten mit und ohne Hintergründen, in dem sich die frischgebackenen Proletariatsimperialisten wohlfühlten wie die Wildsau in der Suhle. Frauen, Umwelt, Minderheiten, rassisch Diskriminierte, Homosexuelle, Hinübergeschlechtliche – kurz: Tod und Teufel wurden zu Ersatzproletariaten, für deren gleichberechtigte „gesellschaftliche Teilhabe“ die Grünen „kämpften“. Das hatten sie aus ihren roten Zeiten noch so in sich drin, daß sie es nicht ablegen konnten. Immer „kämpften“ sie für oder gegen etwas, anstatt sich, wie das normale Leute tun, einfach ganz ruhig und gelassen für oder gegen etwas auszusprechen. Solche fanatischen „Kämpfer“ waren sie, daß sie selbst für erschöpfte Kämpfer noch eine dem Imperium dienliche Aufgabe fanden: Ermüdete Kämpfer taugten immerhin noch als Zeichensetzer. Mit der wachsenden Zahl von Ersatzproletariaten wuchs auch die Zahl der Sachverhalte, für oder gegen die selbst die Erschlafften noch ein Zeichen setzen mussten, um nicht zu riskieren, aus dem Imperium verstossen zu werden.

In hoc signo vinces

„In hoc signo vinces“ ist eine lateinische Redewendung, die besonders bei All- und Vollzeitkämpfern sowie den Zeichensetzern arg beliebt ist. „In diesem Zeichen wirst du siegen“, heißt sie übersetzt. Wir nähern uns allmählich dem brillanten Artikel von Norbert Bolz in der „Welt„. Denn spätestens mit der üblich gewordenen Zeichensetzerei, die naturgemäß darin besteht, anderen jene Zeichen zu setzen, die der Zeichensetzer selbst sich nicht setzen zu lassen bräuchte, landen wir an einem Punkt der Geschichte, an dem es so richtig ekelhaft wird. Die grün gewordenen Roten wandelten sich mit der Zeichensetzerei zu dauererschlafften Priestern.

Fortan hingen sie, von ihren üppigen Diäten vollgefressen, faul in Parlamenten und Redaktionen ab, wo sie ein akustisch und olfaktorisch vernehmbares Bäuerchen nach dem nächsten in die muffige Umweltluft entließen. Der „Kampf“ für die verschiedensten Ersatzproletariate degenerierte zu einem festen Bestandteil ihrer Rhetorik, in der Realität war er aber überflüssig geworden. Die Verbalzeichensetzerei mit ihren dauernden „Forderungen“ an die jeweils anderen war viel bequemer und erschien dem leicht zu verschreckenden Wahlvolk viel zivilisierter zu sein, als der „dauernde Kampf“. Das rot-grüne Imperium wurde zur Kirche und die Überzeugungen ihrer Gläubigen zur Zivilreligion. Norbert Bolz spricht von Ersatzreligion. Die Zahl der gesetzten Zeichen übersteigt die Zahl gefochtener Kämpfe inzwischen bei weitem. Leider muß man feststellen, daß die grünen Männer und die Feministinnen – mit ihren grünen Punzenfiffis dazwischen – ihre gesetzten Zeichen mit einer Verbissenheit verbalverteidigen, welche genau die Fairness vermissen läßt, durch deren Absenz sie jeden realen Kampf mühelos gewonnen hätten.

Norbert Bolz

Der Artikel von Norbert Bolz über „die Umwelt“ als dem „Neuen Gott der Linken“ ist derartig brillant, daß man sich darauf beschränken kann, lediglich die prachtvollsten Edelsteine seiner fulminanten Abrechnung zu zitieren.

– „Die Linke hat in ihren revolutionären Träumen Marx durch Rousseau ersetzt. Und die Diktatur des Proletariats durch die ökologische Diktatur. Damit ist sie am intellektuellen Nullpunkt angekommen.

– „Statt auf das Proletariat setzt man seither auf den guten Menschen und die eigentlich heile, aber gefährdete, weil ausgebeutete Natur.

– „Weil die Hoffnung auf Erlösung enttäuscht wurde, interessiert man sich wieder für die Schöpfung – unter dem Namen Umwelt. Die Natur ersetzt Gott als externe Instanz des Urteils über die Gesellschaft.

– „Diejenigen, die sich mit religiöser Inbrunst der Natur zuwenden, sind von der Geschichte enttäuscht. Aber sie haben ein funktionales Äquivalent für die marxistische Theorie der Gesellschaft gefunden. Die rousseauistische Normalerwartung einer harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Natur lässt die Gesellschaft dann regelmäßig im Ungleichgewicht zu ihrer Umwelt erscheinen.

– „Wer frustriert ist, wählt rot. Wer glaubt, dass es ihm zu gut geht, wählt grün.

– „Die geniale Pointe liegt nun darin, dass Rousseau von der eigenen Frustration auf die Misere der Gesellschaft geschlossen hat.“ – (Meinereiner redet in dem Zusammenhang immer von „Projektionen“).

– „Nietzsche hat diese „zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen“ als erster durchschaut. Und er hat gesehen, dass auch die Menschenliebe der Sozialpriester im Ressentiment fundiert ist.

Man müßte wirklich den ganzen Bolz-Artikel zitieren, um sich keinen seiner Brillanten entgehen zu lassen. Ausnahmsweise einmal ein freundliches „Chapeau!“ an die „Welt“ dafür, daß sie Bolz veröffentlicht hat.

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Um noch einmal auf die Ersatzproletariate zurückzukommen: Das Beste im zivilreligiösen Sinne ist natürlich eine Bedrohung für die Gesamtheit aller Ersatzproletariate, gegen die man billig und bequem per Verordnung und Maßnahmenerlaß solche Zeichen setzen kann, deren Aufstellung von anderen finanziert wird. „Pandemie“ hat den Vorteil, daß ein neuartiges „Narrativ“ installiert werden kann, welches es den bigotten Imperiumsinhabern eine zeitlang erspart, sich mit der Kritik der Normalgebliebenen an den logischen Ungereimtheiten bei der glaubenskongregatorischen Behandlung zivilreligiöser Einzel-Ersatzproletariate auseinanderzusetzen. Je länger „Pandemie“ geglaubt wird, desto besser. Außerdem werden zwangsweise selbst diejengen noch zu Mündeln des Zeichensetzerklerus´, die bisher nicht zu einem der Ersatzproletariate zählten, sondern als Häretiker (Leugner) bezeichnet werden mussten. Lockdown und Maskenzwang in der dogmatisch für existent zu haltenden „Pandemie“ gelten sogar für die Opposition. Wie hieß es doch bei Wilhelm Busch zu „Max & Moritz“? – „Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.“

Kürzlich rechnete Julian Reichelt, Chefredakteur bei Springers „BILD“, gnadenlos mit dem Coronaregime einer schwer „angerotgrünten“ Kanzlerin ab. Nun kommt Norbert Bolz in Springers „Welt“ zu Wort. Das ist nicht nur eine – , sondern das sind schon zwei Schwalben, die noch keinen Sommer machen. Aber es steht ja auch erst einmal der Frühling vor der Tür. Mal sehen, was den unfehlbaren Inquisitoren der moralisch einwandfreien Rechthaberkirche einfällt, um selbst den Frühling noch prophylaktisch totzuschlagen mit ihrer scheinheiligen Moral. „Pack“ – (Sigmar Gabriel).