Lockdown: „Österliche Ruhepause“ – was man keinesfalls sagen darf

Pranger vor dem Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.Tauber - Foto: Imago

Deutschland wird wieder komplett dichtgemacht. Der härteste Lockdown jemals gilt für die Feiertage über Ostern. Er heißt jetzt anders. „Ruhepause“ lautet die neue Bezeichnung. Noch dreister ist das Gefasel von einem „Paradigmenwechsel“. Inzwischen ziehen auch hündisch der Bundesregierung ergebene Mainstream-Postillen die Reißleine, die FAZ zum Beispiel. Die Bundesregierung gerät medial immer stärker unter Druck. Dennoch gibt es Dinge, die man einfach nicht sagen darf. Die Auskunft.

von Max Erdinger

Zum sechsten Lockdown, vorerst gültig bis zum 18. April, beschlossen in der inzwischen üblichen Mauschelrunde von Kanzlerin und Ministerpräsidenten (Buntländerkonferenz) spätnachts von Montag auf Dienstag, verschärft sich der Ton auch in den Mainstream-Medien. Der Ton bleibt in Anbetracht dessen, worum es geht, dennoch erstaunlich zivilisiert. Die Regierung sei inzwischen Gefangene ihrer eigenen Fehlentscheidungen von früher, heißt es beispielsweise. Anstatt sich einen grundsätzlichen Strategiewechsel zu überlegen, werde trotz erwiesener Erfolglosigkeit planlos weitergewurstelt wie bisher, heißt es, und daß das durch ständig neue Schlagwörter („Team Vorsicht“) verschleiert werden solle.

Immer noch muß man so tun, als wolle man unbedingt „konstruktive Kritik“ üben, anstatt einfach zu sagen, was man am liebsten täte. Mit der Kanzlerin. Mit der Regierung. Mit der ganzen Parteiendemokratur und ihren schmierungsfähigen Lichtgestalten. Weswegen es nützlich sein könnte, einmal aufzuzeigen, was man keinesfalls über die Kanzlerin und Ihresgleichen sagen darf.

Die Gedanken sind frei

Es gibt mehr oder wenig gut geeignete Orte, um darüber nachzudenken, was man keinesfalls über die Bundeskanzlerin sagen oder schreiben will. Weil man es ohnehin nicht dürfte. Am besten geeignet sind wohl Orte der Stille. Zu einem solchen ist auch Rothenburg ob der Tauber geworden. Das mittelalterliche Städtchen im westlichen Mittelfranken war vor Corona ein absolutes Muß für Touristen aus aller Welt. Bilderbuchdeutschland. Romantik pur. Leider überlaufen in den Sommermonaten, deshalb lärmig. Inzwischen ist auch dort Ruhe eingekehrt, das führende Hotel am Platz ist pleite, der größte Souvenirladen in der Insolvenz.

In dieser Stille gibt es ein Gebäude, in dem es schon zu lebhafteren Zeiten vergleichsweise ruhig zugegangen ist. Es handelt sich um das „Mittelalterliche Kriminalmuseum“. Das ist inzwischen mehr denn je ein hervorragender Ort, um sich in aller Stille zu überlegen, was man keinesfalls über Kanzlerin und Regierung sagen oder schreiben will. Während man sich als einziger Besucher stumm die Streckbänke, Kneifzangen, Schandmasken und Daumenschrauben anschaut, welche in der mittelalterlichen Justiz eine wichtige Rolle spielten, wird einem klar, wie wichtig es ist, nicht alles zu sagen und zu schreiben, was einem so einfällt. Und daß man das Rad nicht neu zu erfinden braucht, um das noch mit einzuflechten. Die Schandmaske sowieso nicht.

Gedanken zu Speis und Trank

Nach einem Besuch im „Mittelalterlichen Kriminalmuseum“ zu Rothenburg ob der Tauber, wenn man vor lauter Nachdenklichkeit hungrig geworden ist wie der Folterknecht nach Feierabend, steht einem eine reiche Auswahl an gastronomischen Betrieben offen, in denen man Köstlichkeiten aller Art schnabulieren kann. Spanferkel mit gerösteten Nüßlein an Löbelstick … Liebstöckel zum Beispiel. Wenn die Nüßlein sorgfältig geröstet worden sind, schmecken sie am besten. Dazu einen oder zwei kühle Doppelbock, die im nahen Bad Windsheim – ganz im Gegensatz zu Berlin – nicht geschossen oder zu Gärtnern gemacht, sondern gebraut werden, – und der kulinarische Genuß steigert die Nachdenklichkeit zur Besinnlichkeit. Leicht kann es einem daher passieren, daß man – mit seiner Besinnlichkeit noch immer im mittelalterlichen Kriminalmuseum – übersieht, wie sehr einem ein allzu süßer Nachtisch auf den Magen schlagen kann. Doppelbock und Zucker vertragen sich nicht. Gerade in Zeiten, in denen sich alles steigern läßt, „gerecht“, „demokratisch“, „freiheitlich“, „aktuell“ und „gerecht“ zum Beispiel, muß man aufpassen, daß das Sodbrennen nicht zum „Söderbrennen“ wird.

Feuer und Wasser

Im Rothenburger Kriminalmuseum kann man auch mittelalterliche Schriftstücke studieren. Eine herrliche Sprache war das damals. Statt eines nichtssagenden „Großbrand“ bekommt man beispielsweise das Wort „Feuersbrunst“ zu lesen. Da war nichts mit „Ein Großbrand zerstörte …“, sondern damals „wütete die Feuersbrunst so gewaltig, daß Gehöfte und Bürgerhäuser zu Schutt und Asche zerfielen.“ Und „Fürio! Fürio!“ schrien die Einheimischen damals noch, wenn die Feuersbrunst wütete.

Da fällt mir ein: Wussten Sie, daß früher – also lange vor der Energiewende – nicht nur Hexen, sondern auch Hexer verbrannt worden sind? Bei lebendigem Leib? Und daß Bäcker, die zu kleine Brötchen gebacken hatten, selbst dann in einen Käfig gesperrt- und in die Tauber getaucht worden wären, wenn sie Rainald mit Vornamen geheißen hätten, so, wie der ARD-Chefredakteur?

Ein Besuch im mittelalterlichen Kriminalmuseum ist immer ein Gewinn. Besonders dann, wenn man sich überlegen muß, was man über die Kanzlerin und Ihresgleichen keinesfalls sagen oder schreiben will. Weil man nicht darf. Gut, daß ich für Sie dortgewesen bin.