Grüne & Macht: Bundeskanzlerin Baerbock – und Habecks Lauf der Geschichte

Klar im Vordergrund: Annalena Baerbock - Foto: Imago

Es gibt Meldungen, bei denen man sich schleunigst mit Frostschutzmittel impfen lassen muß, ehe einem das Blut in den Adern gefriert. Die nachfolgende ist so eine. Der Kommentar.

von Max Erdinger

Die dts-Nachrichtenagentur: „BerlinFür Grünen-Parteichefin Annalena Baerbock wäre es „ein kleiner Stich ins Herz“, ihrem Co-Vorsitzenden Robert Habeck den Vortritt als Kanzlerkandidat zu lassen. „Ich glaube, keinem von uns fällt es schwer zu sagen: Du bist der oder die Richtige“, sagte Baerbock dem „Spiegel“. Doch „natürlich“ gebe es am Ende diesen kleinen Stich.

Baerbock und Habeck wollen zwischen Ostern und Pfingsten bekanntgeben, wer von ihnen bei der Bundestagswahl im September für die Grünen als Kanzlerkandidatin oder Kanzlerkandidat antritt. Gegenüber dem „Spiegel“ ließen sie die Entscheidung weiterhin offen, sprachen aber ausführlich über ihre Befindlichkeit angesichts der bevorstehenden Klärung. „Wenn man Ehrgeiz hat, will man natürlich zeigen: Ich kann das“, sagte Baerbock.

„Diesen Ehrgeiz haben wir natürlich beide.“ Habeck sagte, es dürfe „nicht um Eitelkeit“ gehen. „Wir haben es bis jetzt so gut hinbekommen, dass wir zusammenbleiben, das ist eine zarte Pflanze. Es wäre ja wirklich dämlich, wenn wir das jetzt kaputtmachen würden.“ Es gehe, so Habeck, „nicht nur um die Möglichkeit, dass einer von uns beiden Kanzlerin oder Kanzler werden“ könne. Sondern darum, „dass die größte Industrienation Europas von den Grünen geführt werden könnte“.

Es gebe „einen Moment, den Lauf der Geschichte zu verändern“. (dts)

Kommentar

Daß Frau Merkel den Zenit ihrer Beliebtheit überschritten hat, läßt sich schwerlich bestreiten. So mancher raunt hinter vorgehaltener Hand, bei der Bundeskanzlerin handle es sich in Wahrheit um eine Heimsuchung. Wieder andere behaupten, eine solche Behauptung sei ein großer Stich ins Herz. Und frauenfeindlich sei sie obendrein. Jedenfalls ist aktueller Stand der Dinge, daß die Merkeljahre mit der Bildung einer nächsten Bundesregierung vorbei sein werden. Daß man allerdings vom Regen auch in die Traufe kommen kann, ist eine Volksweisheit, die so sehr in Vergessenheit geraten zu sein scheint wie Eisbein mit Sauerkraut. Bei den Grünen läuft sich Annalena Baerbock warm fürs Kanzleramt. Der Krug geht eben wirklich so lange zum Brunnen, bis er bricht. In Deutschland sowieso.

Wenn man sich bei den Grünen auf etwas verlassen kann, dann ist es, daß dort niemand jemals einer Frau einen „kleinen Stich ins Herz“ versetzen würde. Deswegen war es taktisch gewieft von Frau Baerbock, schon einmal zu verraten, wie sie sich fühlen würde, wenn nicht sie selbst, sondern Robert Habeck Kanzlerkandidat der Grünen wird. Der kann nämlich mit einem „kleinen Stich ins Herz“ nicht so gut punkten wie seine Kollegin Co-Vorsitzende. In dem Punkt sind Grüne Traditionalisten vom allerfeinsten. Vom potentiellen Kanzlerkandidaten Habeck wird erwartet, daß er niemanden mit seinen persönlichen Gefühlen belästigt, sondern männlich-rational bleibt, sich in den Dienst an der Allgemeinheit stellen will, das Große und Ganze überblickt. Vor allem erwartet man bei den Grünen von Robert Habeck, daß er Frau Baerbock nicht „klein ins Herz sticht“. Man stelle sich vor, Habeck würde behaupten, es sei ein „kleiner Stich ins Herz“ für ihn selbst, wenn er nicht Kanzlerkandidat wird.

Nein, sogar bei den grünen Marsmännchen fern jedes klimagebeutelten Planeten gilt bei aller endlosen Weite des Universums, daß die Belästigung der Öffentlichkeit mit subjektivistischer Gefühligkeit ein weibliches Privileg zu bleiben hat. Bei aller Gleichheit, selbstredend.

Robert Habeck weiß natürlich, daß er Erwartungshaltungen genügen muß. Deshalb wittert er auch sogleich die Gefahr, die seiner eigenen Kanzlerkandidatur droht, würde er darauf hinweisen, daß es bei Kanzlerfragen nicht um Stichlein und Herzlein geht, sondern um den besten Kandidaten „für das Land“. Was im Lande von Theorie & Sonntagsrede wenigstens theoretisch auch richtig wäre. Mit genau einer solchen Bemerkung allerdings würde er parteiintern bereits identifiziert worden sein als elender Messerwetzer, der sich auf einen kleinen Stich gegen seine Co-Vorsitzende vorbereitet. Deswegen tut er das einzig Vernünftige, das man in seiner Lage noch tun kann. Ohne die liebe Annalena stichhaltig zu bedrohen, hebt er die Kandidatenfrage auf ein anderes Niveau, indem er ein Fehlerchen ausnutzt, das wiederum der Gefühlskalkulatorin unterlaufen ist.

Frau Baerbock hatte das Wort „Ehrgeiz“ verwendet und eingeräumt, daß sie dem Ehrgeiz erlegen sei. Der Ehrgeiz wiederum ist in der leistungsfeindlichen Gesellschaft, die lieber eine „menschliche“ sein will, zwar nicht absolut negativ konnotiert, tendenziell aber schon. Für Habeck ergab sich also die günstige Gelegenheit, Gleichstand herzustellen, indem er seiner Co-Vorsitzenden Baerbock „im Negativen“ beisprang, und zwar insofern, als daß er einräumte, auch er selbst kämpfe dagegen, dem Ehrgeiz zu erliegen. Zu behaupten, daß Frau Baerbocks Ehrgeiz keine gute Voraussetzung sei, um Kanzlerin „für das Land“ zu werden, und daß er selbst, völlig frei von Ehrgeiz, tatsächlich nur an das Land denke, um sofort auch auf die große Opferbereitschaft hinzuweisen, die er zu zeigen bereit sei, um selbstlos eine schwere Bürde auf sich zu nehmen, wäre bereits eine Stichelei gewesen, die Habecks eigenen Ambitionen nicht gefrommt hätte.

Was hilft ihm also? Die Flucht ins Große, Übergeordnete. Denn dem Großen und Ganzen, dem Übergeordneten, kann selbst Stichleinherzchenfrau nicht folgenlos den subjektivistischen Stinkefinger zeigen. Sie würde sich ihrerseits selbst beschädigen, Frau hin oder Frau her. Für Baerbock gilt: „kleiner Stich ins Herz“ war perfekt. „Ehrgeiz“ hingegen war eher schlecht. Für Habeck gilt: Noch nicht einmal den Verdacht aufkommen lassen, er halte sich für jemanden, der besser als Baerbock sei. Und wenn er sich zehn Mal für besser hält. Bei den Grünen hat man als Habeck insofern einen Nachteil, als daß man allezeit mit der zivilreligiösen Östrogenpräferenz rechnen muß, die wie eine Hormonwolke über jedem Parteitag wabert. Wer einen weiblichen Fehler gnadenlos ausnutzt, hat schon verloren. Gemeinmachen muß er sich mit dem Fehler. Persönlichen Ehrgeiz zu behaupten, ist einer. Im Zusammenhang mit einer Kanzlerkandidatur auf jeden Fall. Es reicht, daß man ehrgeizig ist. Darüber zu reden, ist tendenziell eher schädlich als nützlich in einer Glaubensgemeinschafts von gruppenkollektivistisch Denkenden.

So landet ausgerechnet Habeck bei seinem virtuosen Fettnäpfchen-Vermeidungslauf zur Kanzlerkandidatur in der rhetorischen Güteklasse von „Vorsehung“. Was angesichts der Tragik wiederum nur der Humorvollste mit „Ironie der Geschichte“ kommentieren würde. Deutschland wird auf einmal, rein aus kandidaturtaktisch-rhetorischer Mannesnot geboren, zur „größten Industrienation Europas“- holla? Habeck? Nation? Größte auch noch? – die „von den Grünen“ – horribile dictu – „geführt“ werden könnte, was schon insofern verkehrt ist, als daß es natürlich nicht die Grünen insgesamt wären, die führen, sondern eben ein grüner Führer resp. eine grüne Führerin. Im Kanzleramt sitzt schließlich auch nicht die CDU, sondern Frau Merkel. Und als ob das noch nicht reichen würde, kommt es auch noch zu einem „Moment, den Lauf der Geschichte zu verändern.“ Wenn es nicht wegen der Frage, um die es geht, etwas zu lakonisch wäre, könnte man einfach ein „gottverdammte Scheiße“ in seinen Bart nuscheln.