Kein Zurück zur Normalität mehr: „Zukunftsforscher“ Horx beschwört den Great Reset

Matthias Horx, "Trend- und Zukunftsforscher", schaut wieder mal in die trübe Glaskugel (Foto:Imago/Siebinger)

Diese dialektischen Zeiten zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die sogenannten „Verschwörungstheoretiker“ wieder und wieder von der Realität bestätigt werden – wenn nämlich die Philosophen, Theoretiker und nun auch „Zukunftsforscher“ genau das artikulieren, wovor die angeblichen „Spinner“ seit jeher warnen. Aktuell erleben wir dies fast täglich im Zusammenhang mit Corona: Praktisch alles, was noch vor einem Jahr als Geunke, als paranoide Fehlprognosen oder verrückte Visionen belächelt wurde, ist schon Wirklichkeit geworden – oder steht kurz davor.

Da nimmt es kaum Wunder, wenn sich nun mit dem „Zukunftsforscher“ Matthias Horx ein weiterer Intellektueller der Zeit nach Corona zuwendet und in diesem Zusammenhang Projektionen entwirft, die die schlimmsten Vorahnungen der Skeptiker, Maßnahmenkritiker und Grundrechtsdemonstranten noch übertrifft. Alleine schon die Prämisse Horx‘ hat es in sich: Es sei keineswegs erstrebenswert, den Zustand vor Corona exakt wieder herzustellen. In einem Beitrag für das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ entwirft er „acht Lehren“ und fabuliert unter anderem: „Corona hat uns drastisch darauf hingewiesen, dass wir uns längst in einer Wohlstandskrise befanden. Wir lebten im alten Normal in einem Übernormal, das sich Stück für Stück in einen Mangel verwandelte.

Und natürlich darf auch die gendergerechte Einstreuung einer eigentlich längst überholten Geschlechterdebatte in Horx‘ Ausschweifungen nicht fehlen: Die „Sieger“ in der Krisenbekämpfung seien Länder wie Neuseeland, Bhutan und Costa Rica – weil diese „von Frauen geführt“ würden und es sich um „kleine Länder mit starker Bürgerkultur“ handele, die „auf männlichen Heroismus verzichten„. Ausnahmen seien Länder wie Portugal, die zwar mit Rebelo de Sousa von einem Mann geführt würden, jedoch „pragmatische Fürsorge verkörpern„. Als Gegenbeispiele führt er Tschechien und Brasilien an, die „zeigen, was passiert, wenn die Gesellschaft in männliche Deutungs- und Vertrauenskämpfe verstrickt ist.“ Deutschland unter der Blackoutkanzlerin oder die EU-Kommission unter der Mega-Pfeife Uschi von der Leyen unterschlägt der Zukunftsforscher in diesem Zusammenhang wohlweislich – widerlegen diese seine krude Wahrnehmung doch fulminant.

Ansonsten ist es wieder die vertraute linke, zivilisations- und marktwirtschaftskritische Konsumkritik, die hier in eine neue Systemdebatte überführt wird, die Corona als Geschenk des Himmels betrachtete, endlich Tabula Rasa zu machen – so, wie dies Klaus Schwabs Beststeller „Great Reset“ bereits vorwegnahm. Horx nennt nennt unter anderem ein „Zuviel an Tourismus, Fleischkonsum und Vergnügung“ als Beispiele für jene Wohlstandskrise. Die Freiheitsfeindlichkeit, die totalitäre Bevormundungssucht trieft aus jeder Worthülse; der Staat soll also auch bestimmen, wieviel „Vergnügung“ notwenig sind. Die Anmaßung dieser Übergriffigkeit zulasten jedes bürgerlichen Individualismus legitimiert sich aus denselben ideologischen Scheinargumenten, mit denen auch FFF-Dogmatiker wie Luisa Neubauer meinen, sich über Demokratie, Autonomie und Selbstbestimmung hinwegsetzen zu dürfen: Den Schutz einer abstrakten Zukunft vor den Verirrungen der Gegenwart.

Totalitäre Bevormundung der Agendasetter

Corona enthüllte die Abwesenheit einer plausiblen Zukunft. Auf drastische Weise hat das Coronavirus unsere Sättigungskrise in eine Sehnsuchtskrise verwandelt. Heute sehnen wir uns nach allem, was wir früher im Überfluss hatten – Party, Urlaub, Lärm, Genuss, Sinnlichkeit, Verfügbarkeit. Sogar Stress„, schreibt Horx weiter. „Aber gleichzeitig zwingt uns die Sehnsucht dazu, unsere eigenen Wünsche aus neuer Perspektive zu betrachten.“ Zumindest den staatlichen Framing-Sendern zufolge scheint sich dieser Perspektivwechsel bereits bei Teilen den Publikums eingestellt zu haben; mit kaum verhohlener, tiefer Zufriedenheit berichtete

Dass erschreckend viele Deutsche also Freiheitseinschränkungen und Lockdown-Komponenten für alle Ewigkeiten begrüßen, ist darauf zurückzuführen, dass sie als Folge einer beispiellosen Fürchtemacherei und Panikkampagne das Leben seit einem Jahr als neuerdings tödliche Dauergefährdung betrachten (übrigens nur wegen eines Virus, nicht wegen mehr einer Vielzahl hundertfach gegenwärtigerer und wahrscheinlicherer Risiken, die in dieser Krise vollends aus der Wahrnehmung verschwanden). Aber wer braucht eigentlich – diese Frage drängt sich hier auf – dann auch noch „Zukunftsforscher“, die unsere Wünsche und Sehnsüchte zu definieren?

Die Antwort ist liegt auf der Hand: Genau dieselben Politiker und Eliten, die diese Krise für eine langgeplante und endlich realisierbar gewordene Agenda missbrauchen. Und da kommt dann sogar ein selbsterklärter „Trend-„Experte zu Ehren, der mit seinen Prognosen noch öfter als Karl Lauterbach danebenlag, jedoch wie jener anlasslos und unbeirrt von den einflussreichen Milieus als seriös und ernstzunehmend betrachtet wird. 2001 dämpfte Horx als Leiter des Hamburger „Zukunftsinstitut“, mit tragendem Gestus, die damals aufkommende Internet-Euphorie und prophezeite, das Internet werde sich auf absehbare Zeit zu keinem neuen Massenmedium entwickeln. Auch die Zukunft des E-Commerce sah er damals mangels logistischer Lösungen extrem pessimistisch. 20 Jahre später wundert man sich, dass uns so einer noch immer unsere Zukunft weissagt. (DM)