„Antirassismus“: Wenn der Bildschirm schwarz bleibt

Deutscher Schlagersänger Roberto Blanco mit Ehefrau Luzandra vor seinem Caravan beim Besuch in Magdeburg - Foto: Imago

Palindrome sind selten. Kaum jemand nennt sein Kind noch Otto. Otto hieße auch Otto, wenn man seinen Namen rückwärts liest. „Otto“ ist ein Palindrom. Ganze Sätze als Palindrome sind sogar derartig selten, daß man von einer „Ausrottungskampagne gegen das Palindrom“ reden muß, wenn auch nur einer dieser äußerst seltenen Sätzen nicht mehr geschrieben werden darf. „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.“ Wer dieses großartige Palindrom beispielweise bei Facebook postet, kann sich darauf verlassen, daß es gelöscht wird und daß er sich eine Sperre einfängt. Der Experte spricht von Palindromfeindlichkeit. Experten erzählen überhaupt viel Stuß. Die Aufklärung.

von Max Erdinger

Im Folgenden geht es um „wokeness“, um Frau Dialika Neufeld – und um eine skandalöse Negerimitation beim Bayerischen Rundfunk, bei der es zum verabscheuungswürdigen „Blackfacing“ gekommen ist. Aber der Reihe nach.

Wokeness

Das Wörtchen „woke“ bedeutet so viel wie „erwacht“. In Deutschland nimmt man es gern, weil das Erwachen historisch negativ konnotiert ist seit seiner Verwendung in dem Nazislogan „Deutschland erwache!“. Das Substantiv zu „woke“ ist „Wokeness“. Wokeness beschreibt einen Zustand permanenten Erwachtseins. Was ein ernsthafter Woker ist, der hält sich auch im Schlaf noch für erwacht. Als ich einem der alteingesessenen Bauern bei uns erklären wollte, was „woke“ bedeutet, beschämte er mich mit seiner blitzartigen Auffassungsgabe. Noch ehe ich fertig gesprochen hatte, platzte er heraus mit folgender Weisheit: „Wenn einer dumm einschläft, dann wacht er genau so blöd auch wieder auf.“ Wir konnten also sehr zügig auf ein anderes Thema zu sprechen kommen.

Die „Woken“ halten sich deswegen für erwacht, weil das, was sie wiederum für ihre Gedanken halten, ständig um Minderheiten und gefühlte Ungerechtigkeiten aller Art kreist. Eine dieser gefühlten Ungerechtigkeiten ist, daß es im deutschen Fernsehen zu wenige Neger fürs Gefühl gibt. Thematisiert wurde das jüngst im SPIEGEL von Frau Dialika Neufeld. Sie führte das, was sie für ihre Gedanken hielt, in der Rubrik „Sichtbarkeit von Minderheiten in Filmen und Serien“ aus.

Frau Dialika Neufeld

Frau Dialika Neufeld bezeichnet sich selbst als „schwarzen Menschen“, was nicht wirklich zutrifft, weil sie dafür noch viel zu hell ist. Also farblich betrachtet. Das muß man heute dazuschreiben, weil es keine Gewähr dafür gibt, daß der Unterschied zwischen „hell“ und „helle“ einer minderheitsbesoffenen Mehrheit noch geläufig ist. Jedenfalls schrieb Frau Dialika Neufeld – und ich schwöre, daß ich nicht der Ansicht bin, es habe etwas mit ihrem Geschlecht zu tun: „Schwarze Menschen wie ich spielen in unserer TV-Wirklichkeit so gut wie keine Rolle, es sei denn als Klischee. Es ist endlich Zeit für mehr Screen-Vielfalt.„. Da könnte man wieder einmal sehen, wie es um die TV-Gerechtigkeit in der TV-Wirklichkeit steht, wenn man davon ausginge, daß es eine TV-Wirklichkeit gibt. Davon geht man aber nicht aus. Mit der Wirklichkeit hat das deutsche Fernsehen nur sehr eingeschränkt etwas zu tun. Die „TV-Wirklichkeit“ ist in der Realität etwa so lausig verankert wie der Schnitzel-Veganismus.

Außerdem ist es rassistisch von Frau Dialika Neufeld, zu behaupten, es gebe zu wenige Neger im deutschen Fernsehen, weil nämlich der Neger – analog zum Geschlecht – nur ein soziales Konstrukt ist. Frau Dialika Neufeld versetzt also fernsehbildlich gesprochen allen denjenigen einen Tritt, die bisher schon darunter zu leiden hatten, daß wegen ihrer weißen Hautfarbe niemand die Neger erkannt hat, die sie in Wahrheit sind. Nonchalant geht sie einfach über die eminent wichtige Frage hinweg, ob man wirklich schwarz zu sein hat, um Neger sein zu dürfen. Da ruft ihr meinereiner, der eingefleischte Antirassist, empört zu: Nein, Frau Dialika Neufeld, man muß nicht, um zu dürfen! Der Neger kommt nicht als Klischee im deutschen Fernsehen vor, sondern er ist eines. So weiß sie auch aussieht – die ganze Union ist schwarz wie der Grafikbalken, mit dem ihre grandiosen Wahlerfolge auf dem deutschen Bildschirm dargestellt werden. Woran erkennt man das? Ja, an der Hautfarbe nicht! Man erkennt es daran, daß es in der Union unter Korruptionsgesichtspunkten zugeht wie in einer afrikanischen Bananenrepublik! Und Afrika nennt man den „schwarzen Kontinent“. In Südafrika werden alljährlich sogar 25.000 „die Menschen“ von schwarzen „die Menschen“ ermordet. Die Mörder sind jedoch wahre Antirassisten, weil sie peinlich darauf achten, daß die weißen Südafrikaner nicht zu kurz kommen dabei.

Konstruktiver Vorschlag zur Güte also: Mehr deutsche Fernsehfilme über den permanenten Massenmord in Südafrika! Das würde auch dazu führen, daß der Zuschauer mehr Menschen zu sehen bekäme, denen er unterstellen kann, daß sie sich selbst als Neger identifizieren. Das wäre schon wünschenswert in Zeiten, zu denen die sogenannte Identitätspolitik immer wichtiger wird. Neger und Film heißt ja nicht automatisch immer Sklaverei- und Ausbeutungsfilm. Obwohl es gar nicht stimmt, daß Neger im deutschen Fernsehen zu selten gezeigt werden. Die Berichterstattung über die Verwüstungen, welche im Zuge der „Black Lives Matter“-Demonstrationen in amerikanischen Städten zu beklagen gewesen waren, ist doch recht ausführlich gewesen. Und wenn man sich überlegt, welche weltweiten Reaktionen der Tod von George Floyd nach sich gezogen hat, während sich zur selben Zeit niemand dafür interessierte, wieviele Black Lives an Floyds Todestag in Südafrika ausgelöscht worden sind, kommt man nicht umhin, festzustellen, daß es bei dem Gewese um die Hautfarbe eines Opfers nie wirklich um die Hautfarbe des Opfers geht, sondern immer nur darum, daß der Täter die richtige Hautfarbe hat, selbst dann, wenn er nur weiß aussieht, sich aber selbst als Neger identifiziert.

Wenn Frau Dialika Neufeld also behauptet, es gebe zu wenige Neger im Deutschen Fernsehen zu sehen, legt sie zu viel Wert auf unbedeutende Äußerlichkeiten. An der Hautfarbe läßt sich der Neger nicht erkennen. Und wenn er sich an der Hautfarbe erkennen ließe, dann wäre das Rassismus. Was es allenfalls gibt, ist ein Mangel an solchen Personen im deutschen Fernsehen, die von den Zuschauern als das identifiziert werden, was sie tatsächlich sind. Obwohl „Outing“ bei Schwulen und Lesben ein positiv konnotiertes Wort ist, wird jeder weiße Neger übelst beschimpft, der sich outet, indem er sich das Gesicht schwarz anmalt. So geschehen im Bayerischen Fernsehen.

Herr Helmut Schleich

Herr Helmut Schleich ist seines Zeichens Kabarettist. „Im BR trat der Kabarettist Helmut Schleich als fiktiver Sohn von Franz Josef Strauß in der Rolle eines afrikanischen Machthabers auf – dabei war er schwarz angemalt.„, schreibt der „Merkur„. Und daß es daraufhin vor arger Betroffenheit triefende Beschwerden beim Bayerischen Rundfunk gegeben habe. Ja hallo? Als machthabende Neger in Südafrika, Rhodesien und Deutsch-Südwest noch weiß ausgesehen haben, war es auch nicht recht. Sie mussten unbedingt durch welche ersetzt werden, die jenem Vorurteil genügen, welches es leider immer noch gibt über Personen, die aussehen wie Neger, ohne daß sie wirklich welche wären. Geholfen hat das in diesen Ländern evident niemandem außer den Ersatzmachthabenden.

Kabarettist Schleich hatte sich das Gesicht nur schwarz angemalt, damit die Aufmerksamkeit für den Inhalt seines Kabarettstückchens nicht dadurch leidet, daß sich die Zuschauer einen weißen Machthaber vorstellen, den es ja in Afrika gar nicht mehr gibt, obwohl er durchaus Neger gewesen sein könnte. Man kann von außen eben schlecht erkennen, was der Mensch innerlich für einer ist. Da dachte sich der Kabarettist Schleich vermutlich, ein fiktiver Machthaber in einem fiktiven Land auf dem tatsächlich schwarzen Kontinent solle im deutschen Fernsehen besser den Vorurteilen entgegenkommen, die der deutsche Fernsehzuschauer über afrikanische Machthaber hat. Idi Amin, Robert Mugabe und Kaiser Bokassa waren eben schwarz und hatten trotzdem eine so schlechte Presse, daß das zu solchen Vorurteilen führte.

Im Grunde sagte Schleich in seiner Rolle als afrikanischer „Maxwell Strauß“ aber aus, daß es beim Thema Korruption – und um die ging es in der Sendung wegen der Maskenaffäre in der schwarzen Union – keine Unterschiede nach Farben gibt. Herr Helmut Schleich zeigte einen vorbildlichen Antirassismus und wurde nun ausgerechnet dafür heftig kritisiert von Leuten, die sich selbst irrtümlich für Antirassisten halten, obwohl sie realiter üble Rassisten sind. Mehr Antirassismus als Schleich kann man gar nicht ins deutsche Fernsehen bringen. Roberto Blanco ist schließlich schon 83 und wird nicht so ohne weiteres zu ersetzen sein. Froh und dankbar muß man daher sein für jeden, der sich das Gesicht schwarz anmalt.

Was tun gegen den deutschen Fernsehrassismus?

Es gibt eine ganz einfache Lösung für alle diejenigen, die im deutschen Fernsehen noch immer nicht den sozial konstruierten Neger erkennen können, der in vielen antirassistischen Fernseh-Weißen steckt. Auch für diejenigen, die generell zu wenig Minderheiten auf ihrem Bildschirm entdecken, gilt diese Lösung. Sie lautet: Kein deutsches Fernsehen mehr einschalten- und schon bleibt der ganze Bildschirm schwarz. Daß es dann wahrscheinlich ausgerechnet solche Leute wie bspw. der Medienliebling Malcolm Ohanwe wären, ein waschechter Münchner, die sich darüber beschweren, daß sie in dem ganzen Schwarz nicht mehr als Individuen zu identifizieren seien,- damit müsste man leben.

Der SPD-Politiker Liban Farah aus Marburg habe sich über die Figur des „Maxwell Strauß“ im Bayerischen Fernsehen schon ziemlich geärgert, heißt es im Merkur. „Es wäre schön, wenn ich einmal einen öffentlich-rechtlichen Sender wie den BR einschalten könnte, ohne Angst zu haben, dass meine Vorfahren und ich rassistisch beleidigt werden. Afrika ist nicht nur Korruption, Diktatur, Bananenrepublik und Blackfacing!„, soll Herr Farah gesagt haben. Der Sozialdemokratist hat natürlich recht. Afrika ist tatsächlich nicht nur Korruption, Diktatur, Bananenrepublik und Blackfacing. Oft aber schon, weswegen Liban Farah auch „nicht nur“ gesagt hat. Bayern, Strauß, die CSU und Helmut Schleich sind allerdings ebenfalls nicht nur Korruption, Diktatur, Bananenrepublik und Blackfacing. Weswegen es auch heroischer Antirassismus gewesen ist von Helmut Schleich, herauszustellen, wo überall auf der Welt die Dinge „nicht nur“ etwas sind.

Es könnte auch sein, daß Schleich sich deswegen das Gesicht schwarz angemalt hat, weil man in Bayern mit den „Amigos“ in der CSU schon seit bald vierzig Jahren durch ist, oder weil sich Südamerikaner aufgeregt hätten, wenn er sein Kabarettstückchen mit einem Sombrero auf dem Kopf und einem Tequila in der Hand aufgeführt hätte. Kaktus im Hintergrund. Und so große Ohrwascheln gab es in der Requisite wahrscheinlich nicht, als daß er zum Thema Korruption trotz des brandaktuellen Bezugs einen österreichischen Kanzlersohn hätte geben können. Mit der Korruption ist es ja so, daß sie ein weltweites Phänomen ist. Nur bei der Korruptionsdauer gibt es Unterschiede. In China ist man als Staatsangestellter durchschnittlich weniger lang korrupt, weil man nach der ersten Überführung bereits hingerichtet wird.

Auf alle Fälle muß man Helmut Schleich für sein Blackfacing loben, weil er damit ins Bewußtsein zurückgebracht hat, daß die Machthabenden in Afrika auch nicht schlechter sind, als die in Bayern. Schleich praktizierte keinen Rassismus, sondern vorbildlichen Antirassismus. Bleibt nur noch die Frage, ob man als Weltneger eine bestimmte Hautfarbe haben muß, um das nicht erkennen zu können.