ZDF-Intendant Bellut: Bewahrer der Meinungsvielfalt

Dr. Thomas Bellut, ZDF-Intendant - Foto: Imago

ZDF-Intendant Thomas Bellut ist kein Freund einer Zusammenlegung von ARD & ZDF. Deswegen sprach er sich auch gegen eine Fusion der Öffentlich-Rechtlichen aus. Die Begründung seiner ablehnenden Haltung ist humorvoll. Experten sprechen von einem Schenkelklopfer, Bellut hingegen vom Erhalt der Meinungsvielfalt. Das Gelächter.

von Max Erdinger

Stellen Sie sich vor, Sie wären ZDF- oder ARD-Intendant und müssten eine Begründung gegen die Fusion von ARD und ZDF finden, welche die Argumente von Befürwortern einer solchen Fusion wie kalten Kaffee aussehen läßt. Die Befürworter hätten schwere Geschütze aufgefahren, etwas von Kosteneffizienz und Verschlankung gesagt, neuen Leitungs- und Aufsichtsstrukturen das Wort geredet und die Senkung des Rundfunkbeitrags in Aussicht gestellt. Das müssten Sie nun entkräften, und zwar so, daß hinterher möglichst alle der Überzeugung sind, das beste wäre gewesen, von allem Anfang an überhaupt nur Sie zu diesem Thema befragt zu haben. Keine leichte Aufgabe, aber nicht unlösbar.

ZDF-Intendant Thomas Bellut machte vor, wie das geht. Sie müssten zweigleisig argumentieren. Um das Tempo aus der Debatte zu nehmen und so einen Zeitgewinn für sich zu schaffen, müssten Sie erst einmal abstreiten, daß die Fusion Kosten spart. Natürlich wissen Sie, daß das Kostenargument ein hervorragendes Argument ist. Nur zugeben dürften Sie das nicht. Behaupten Sie am besten, Sie sähen hinter der Zusammenlegung keinen „markt- oder betriebswirtschaftlichen Sinn„. Dadurch zwingen Sie Ihre Gegner dazu, sich an Ihnen abzuarbeiten. Die dürften nämlich nicht einfach behaupten, Sie hätten sich vor Ihrer Einlassung gar nicht mit markt- oder betriebswirtschaftlichen Überlegungen befaßt. Arbeit kostet Zeit, und für Sie ist das insofern vorteilhaft, als daß nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht worden ist. Vielleicht wird die Debatte um eine Fusion von ARD & ZDF bald durch etwas Aufregenderes überlagert, so daß das Thema allein dadurch nicht mehr im Fokus des allgemeinen Interesses steht. Auch Ihre Gegner haben kein Interesse daran, als Langweiler wahrgenommen zu werden. Das ist die erste Schiene, auf der Sie fahren können, wohlwissend, daß das nur eine zeitlang funktionieren wird. Aber es wird für Sie funktionieren, nicht für die Gegenseite.

Ihre zweite Schiene zum Erfolg besteht aus einer Flucht ins Übergeordnete. Verlassen Sie die profanen Niederungen einer Debatte um schnöde Kosteneinsparungen, Leitungs- und Aufsichtsstrukturen, Verschlankung und Beitragssenkung einfach – und begeben Sie sich auf eine höhere Ebene. Dort finden Sie verschiedene Schlagwörter, allesamt geeignet, die Fusionsbefürworter wie entsetzliche Kleingeister dastehen zu lassen. Wählen Sie weise. Lassen Sie die Demokratie, die Menschheit, die Menschlichkeit, den Planeten und die Klimakatastrophe liegen. Entscheiden Sie sich für das Wort „Meinungsvielfalt“. Besetzen Sie schon einmal den Begriff. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Behaupten Sie, daß eine Fusion von ARD & ZDF der Meinungsvielfalt schwersten Schaden zufügen würde. Gegen die Meinungsvielfalt darf offiziell niemand etwas haben. Auch unter Ihren Gegnern, den Befürwortern einer Fusion also, finden sich Leute – von der Mittelstandsvereinigung der CDU beispielsweise -, die nicht so ohne weiteres behaupten können, es habe bei ARD & ZDF schon längst keine Meinungsvielfalt mehr gegeben, ohne daß sie sich dadurch ins eigene Fleisch schneiden würden. Sofort gäbe es nämlich eine übergeordnete Debatte um Existenz oder Inexistenz von Meinungsvielfalt bei ARD & ZDF – und die Fusionsdebatte wäre ihrer irdischen Profanität wegen vergleichsweise uninteressant geworden. Merken Sie sich: Wenn Sie etwas Profanes durchsetzen oder verteidigen wollen, verschanzen Sie sich am besten scheinargumentativ hinter einem übergeordneten, höherwertigen Gut. Wenn es um Medien in Ländern geht, die offiziell als Demokratie betrachtet zu werden haben, ist „Meinungsvielfalt“ sozusagen die Atombombe unter den Scheinargumenten. Wer Sie, den wackeren Verteidiger einer auch nur eingebildeten Meinungsvielfalt angreift, kann nur verlieren.

Einschränkung

Es gibt allerdings eine Einschränkung. Alles das wäre nämlich nur Ihre Einbildung, weil Sie sich vorgestellt hätten, Sie seien Intendant von ARD oder ZDF. Das heißt, Sie hätten sich vorgestellt, in einer Blase zu leben, in der es Usus geworden ist, den angepeilten Konsumenten als erziehungsbedürftiges Mündel zu betrachten, ohne sich diesen Sachverhalt selbst klarzumachen, weil das wiederum dazu führen würde, daß Sie Ihr eigenes Berufsethos in Frage stellen müssten. Was Sie in Ihrer Blase aber nicht nötig hätten. Sie würden als Intendant von ARD oder ZDF auch prächtig leben können, ohne selbstkritisch zu sein. Sie können oder wollen sich schlicht nicht vorstellen, daß es ausgerechnet ihre eingebildeten Mündel sind, die am lautesten lachen, wenn Sie sich zum Lordsiegelbewahrer der Meinungsvielfalt selbststilisieren. Und erstrecht nicht könnten Sie sich vorstellen, daß dieses Gelächter eine Rolle spielen soll. Und doch wäre es so.

Seien Sie also gewarnt bei aller Vorstellungskraft. In den sozialen Netzwerken lacht man sich scheckig über Thomas Bellut und seine Bewahrung der Meinungsvielfalt. Die Leute werden nicht müde, bissige Kommentare zu einem Absatz aus diesem „Welt„-Artikel zu hinterlassen. Der fragliche Absatz: „Immer wieder fordern Kritiker eine Verschlankung der Rundfunkanstalten. Der ZDF-Intendant Thomas Bellut hält das für keine gute Idee. Er befürchtet unter anderem negative Folgen für die Meinungsvielfalt.“ – Bruahaa-haa-haa! Dicker Hund.

Erinnerungsstarke Mündel

Der schleichend zum Mündel degenerierte Souverän von einst verfügt trotz aller seiner Schwächen doch immer noch über Erinnerungsvermögen. Wenn er das Wort „Meinungsvielfalt“ aus dem Mund eines ZDF-Intendanten vernimmt, fallen ihm verschiedene Begebenheiten ein. Das reicht zurück bis zum abgesprochenen Rauswurf von Eva Herman aus der Sendung von Johannes B. Kerner im Jahre 2007. Erinnerungsbilder tauchen auf aus den immer gleichen Talkshows und deren Zusammensetzung: Vier mehr oder weniger meinungsgleichgeschaltete Gäste, die mit Unterstützung des Moderators den fünften Gast zur Sau machen, der nur deswegen überhaupt eingeladen wurde, um „Meinungsvielfalt“ zu simulieren. Hin und wieder handelte es sich beim fünften Gast um einen von der AfD. Unvergessen sind die Plädoyers der beiden ARD-Stars Georg Restle und Anja Reschke für einen „Haltungsjournalismus“, der Meinungsvielfalt reduzieren will auf die kärgliche Vielfalt leicht unterschiedlicher Meinungen innerhalb ein- und derselben einfältigen Grundhaltung. Kurz danach flog Claas Relotius trotz einwandfrei-einfältiger Haltung als gehätschelter Lügenbaron des „SPIEGEL“ auf. Hunderttausende von „Querdenkern“ hierzulande wissen genau, was es mit der Meinungsvielfalt bei den Öffentlich-Rechtlichen auf sich hat – und wie Regierungspropaganda daherkommt. Millionen haben bemerkt, daß die Wetterkarten bei den Öffentlich-Rechtlichen dunkelrot eingefärbt worden sind, obwohl es um Temperaturen ging, für die wenige Jahre zuvor noch freundliches Grün mit einer lachenden Sonne ausreichend gewesen war. Und daß „wir“ heuer die kälteste erste Aprilwoche seit fast 40 Jahren hatten. Immer mehr Konsumenten der Öffentlich-Rechtlichen geht der einseitige sozialpädagogische Impetus auf den Zeiger, mit dem noch der spannendste Krimi zum Telekolleg im Fach Gemeinschaftskunde umfunktioniert wird. Alle haben gesehen, wie auch in ARD und ZDF die Skeptiker zu Leugnern wurden. Und immer mehr Leute haben gemerkt, daß es in den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF nicht um Information geht, sondern um Indoktrination. War es nicht Wolfgang Herles, der behauptete, beim ZDF habe man so zu berichten, wie es die Kanzlerin vorgibt?

Und dann traut sich der ZDF-Intendant tatsächlich mit der Behauptung an die Öffentlichkeit, er sehe die Fusion von ARD und ZDF kritisch, weil er um die Meinungsvielfalt fürchtet? Seien Sie froh, daß Sich sich nur vorgestellt haben, Sie seien ARD- oder ZDF-Intendant.

Es gibt kluge, sensible Köpfe, die sehr wohl wissen, daß man ein- und dasselbe Ding nach verschiedenen Kriterien untersuchen kann, z.B. nach inhaltlichen, nach quantitativen und qualitativen. Diese klugen, sensiblen Köpfe sagen, rein qualitativ fühlten sie sich von Belluts vorgetragener Sorge um die Meinungsvielfalt in genau derselben Schublade einsortiert, in der auch Mielke damals die Leute einsortiert haben muß, als er in der Volkskammer der DDR verzweifelt behauptete, er liebe doch alle. Alle Menschen. Und daß auch das bei ARD und ZDF ubiquitäre „Die-Menschen-Gefasel“, mit welchem alle Unterschiede zwischen den real existierenden Menschen zwangsplaniert werden, ein sicheres Indiz dafür sei, daß sich das Land auf dem Abmarsch in eine linke Gesinnungsdiktatur befinde. Daß es nicht mehr weit bis zum Ziel sei, und daß sich linke Gesinnungsdiktaturen noch nie mit „Meinungsvielfalt“ vertragen hätten, – das behaupten sie auch. Diese Köpfe sagen außerdem, daß es sich beim ZDF-Intendanten im Grunde genommen um einen Apparatschik handle, dessen eigener Meinungsfreiheit schon durch die Funktion, die er innehat, sehr enge Grenzen gesetzt seien, die er wohl besser beachten sollte, um nicht selbst auf der „Abschußliste“ zu landen. Das allgemeine Gelächter über Belluts „Meinungsvielfalt“ ist ein bitteres. Nicht wenige behaupten, der ganze öffentlich-rechtliche Rundfunk sei zu einem einzigen öffentlichen Ärgernis geworden, zu einer Ansammlung von Aktivisten, die auf Journalismus pfeifen, und daß er ersatzlos abgeschafft werden müsse, weswegen auch sämtliche Fusionserwägungen überflüssig seien. Die Meinungsvielfalt hätte eventuell eine Chance, wenn die Meinungsfreiheit ernstgenommen werden würde. Das ist das, was man in den sozialen Netzwerken zum Thema „Bellut und die Meinungsvielfalt“ zu lesen bekommt. Der Rest ist Spott & Hohn.