Neue „Merkwürdigkeiten“ im Hause Spahn

Der Mann mit dem goldenen Finger (Foto:Imago/Heinrich)

Gesundheitsminister Jens Spahn steht erneut im Rampenlicht. Nicht nur, dass Antikörpermedikamente im Wert von 400 Millionen Euro ungenutzt ihrem Verfallsdatum entgegen dämmern, nein auch bei dem Urintest DiaPat-CoV-50 von der Firma Mosaiques Diagnostics tauchen „Ungereimtheiten“ auf. Spahn saß bei dem Pharmakonzern im Aufsichtsrat. Ob er dort noch Aktien besitzt, ist unbekannt.

Künstliche Antikörpermedikamente sollen nach einem positiven Corona-Testergebnis im Anfangsstadium einen schweren Verlauf bei Risikopatienten verhindern können. Mit ihnen soll sich die Wahrscheinlichkeit eines Krankenhausaufenthalts um bis zu 30 Prozent senken lassen. Und so schlug Bundesgesundheitsminister Anfang Januar zu und bestellte laut Welt 200.000 Dosen der monoklonalen Antikörper. Kosten – 400 Millionen Euro. Die Dosen lagern seither in 19 von 2000 Kliniken in Deutschland. Ein Rankommen an das nicht ungefährliche, per Infusion verabreichte Medikament ist für andere Krankenhäuser schwierig, da mit ungeheurem bürokratischen Aufwand verbunden. Niedergelassenen Ärzten außerhalb eines Krankenhauses werde das Medikament, dass zu schweren allergischen Reaktionen führen kann, für ihre Patienten grundsätzlich verweigert, so die Welt. Und so wurden bisher auch nur 1700 Dosen – zumeist an Krebskranke oder andere „frisch infizierte“ Risikopatienten –  verabreicht, räumt das Spahn-Ministerium ein.

Jens Spahn ist unbeirrt für die bisher offiziellen nicht zugelassenen Medikamente auf neuem „Beutezug“ und kaufte gerade für weitere vier Millionen Euro das Antikörperpräparat Etevisimab nach, das mit einem anderen Medikament namens Bamlanivimab kombiniert werden soll, schließlich sind die Mutanten unterwegs. Das Bamlanivimab von der Firma Eli Lilly in den USA gerade die Notfallzulassung entzogen wurde, weil die Kombination gegen die südafrikanische und brasilianische Variante nicht wirken soll, ficht ihn nicht an. Shopping macht Spaß…

Im Oktober ist für einen Großteil der Dosen, die in 19 Krankenhausapotheken vor sich hin stauben, das Haltbarkeitsdatum erreicht. Und so wurde wie üblich in Deutschland schnell eine neue Verordnung gebastelt. Sie soll es nun auch kleineren Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten ermöglichen, an die Lagerbestände zu kommen. Damit die auch wirklich zugreifen, lockt wieder einmal eine Vergütung: 84 Millionen Euro sollen laut dem Entwurf des Spahn´schen Ministeriums die Krankenkassen den Kliniken, Praxen und Apotheken für Beschaffung, Aufbewahrung und Gabe bezahlen. Laut Verordnung sollen auch die Fahrtkosten für die Patienten übernommen werden.

Besonders brisant: Welche der Risikopatienten in den Genuss der Antikörper-Infusionen kommen, sollen die Mediziner nach den Kriterien des Paul-Ehrlich-Instituts entscheiden. Alternativ ist ihnen ein – bisher auch nicht vollständig erprobter neuer Urintest, von dem die Hersteller behaupten, er könne anhand von Eiweißspuren den Krankheitsverlauf von Covid-19-Patienten vorhersagen, gestattet. Obwohl Experten die Wirksamkeit des Tests bezweifeln, ist in der Verordnung dafür der DiaPat-CoV-50-Urintest der Firma Mosaiques Diagnostics vorgesehen. Und genau dort saß Jens Spahn bis Ende 2012 im Aufsichtsrat. Nach entsprechenden Presseberichten legte er damals das Amt nieder.

Der ausgesprochen teure und umstrittene Test, der mit 900 Euro zu Buche schlägt, hat es jedenfalls in die Verordnung geschafft. „Man könnte fast meinen, dass Herr Spahn Aktien von dem Hersteller hat“, orakelt denn auch Wolf-Dieter Ludwig, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft gegenüber der Welt. Ob dem tatsächlich so ist, ist unklar, das Bundesgesundheitsministerium habe dazu im Laufe des Freitags keine Stellung genommen, so das Blatt.

In Sachen Urin-Test gibt es eine überraschende Wende seitens des Ministeriums. Nach vorangegangener Presseanfrage sei die „Verordnung zur Vergütung der Anwendung von Arzneimitteln mit monoklonalen Antikörpern“ am 22. April im Bundesanzeiger veröffentlicht worden. Der Absatz zum Thema Urintest fehlt nun. Die Unterschrift von Jens Spahn ist datiert auf den Vortag. (MS)