Ratgeber Schußtechnik: Wie man sich als Systemkritiker ins eigene Knie schießt

Den Punkt treffen - Symbolfoto: Imago

Da gab es also diese hervorragend gemachte Videoaktion unter dem Hashtag #allesdichtmachen, bei der prominente und weniger prominente Schauspieler – allesamt vorher nicht groß mit Kritik an der Regierung und dem orwellschen Zeitgeist aufgefallen – mit den Mitteln der Satire und viel Sarkasmus die Corona-„Schutzmaßnahmen“ der Bundesregierung veräppelten. So weit so gut. Und nun zum Drama. Der Kommentar.

von Max Erdinger

Der Jubel über die 53 Videos der Schauspieler war noch nicht zu seiner vollen Größe angeschwollen, da schossen die Systembüttel aus der Film- und Medienbranche bereits zurück. Und zwar mit allem, was sie hatten. Wie aus Stalinorgeln pfiffen den Aufmüpfigen die Vorwürfe um die Ohren. Einige der Schauspieler, darunter Heike Makatsch, Richy Müller und Meret Becker bekamen dann ganz schnell kalte Füße und zogen ihre Videos wieder zurück. Zur vermeintlichen Eigensicherung schoben sie noch Selbstbezichtigungsschreiben hinterher. Wie man das eben aus dem Stalinismus kennt. Sie waren von den Organisten der kommunistischen Kirche in die „rechte Ecke“ gestellt worden, weil sie aus genau dieser Ecke den meisten Beifall erhalten hatten. Den meisten, nicht den ganzen. Auch ausgesprochene Linke wie Sarah Wagenknecht fanden die Aktion klasse, und – Georg Restle von der ARD ist hin und wieder für eine Überraschung gut – auch der Anchorman des WDR mahnte seine stalinistischen Kirchenmusikfreunde zur Zurückhaltung.

Gnade? – Fehlanzeige!

Nachdem Makatsch, Becker, Müller und ein paar andere ihre Videos zurückgezogen hatten und die Zerknirschten mimten, setzte als nächstes die Häme aus der „rechten Ecke“ ein. Spott & Hohn ergossen sich über die Wankelmütigen. Jetzt könnten sie mal sehen, was jeder, der vorher schon in die „rechte Ecke“ gestellt worden war, durchmachen musste. Fürchterliche Feiglinge seien sie, die aus Angst vor dem Verstoßenwerden in die berufliche Bedeutungslosigkeit gegen die Prinzipien handelten, die sie vorher noch hochgehalten hätten – usw.usf. Und damit hat sich die sogenannte „rechte Ecke“ gewaltig ins eigene Knie geschossen. Genau so muß man es machen, wenn man seinen eigenen Erfolg torpedieren will.

Makatsch, Müller, Becker et al hatten Mut bewiesen, als sie ihre Videos zur Veröffentlichung freigegeben hatten. Daß ihnen kurze Zeit später die Hosen flatterten angesichts ihres mutigen „Leichtsinns“, verdient alles andere als Häme. Zuspruch, Trost und Ermutigung wären es gewesen. Ermutigung, sich nicht kirre machen zu lassen, sondern zu dem zu stehen, was sie ursprünglich als richtig erkannt hatten. Es ist erbärmlich, auf jemanden einzuprügeln, der sich vor den persönlichen Folgen für seinen Mut fürchtet.

Ich, ich, ich

Nicht nur in den sozialen Netzwerken konnte man aus der „rechten Ecke“ heraushören, welche charakterfesten Helden sich dort versammeln. Aussagen wie die folgende gab es sinngemäß zuhauf: „Ich habe nur Verachtung übrig für Leute, die nicht zu ihrer Meinung stehen können.“ Darunter etliche, die noch nicht einmal zu ihrem eigenen Namen stehen können. Das war sehr informativ, weiß man doch nun, wem es gefällt („gefällt mir“), daß alle seine Freunde wissen, für wen die virtuellen Existenzen „Bugs Bunny“ und „Donald Duck“ Verachtung übrig haben.

Meine Vermutung ist, daß auch viele Gekränkte darunter gewesen sind. Da hätten Makatsch, Becker, Müller et al endlich einmal etwas Wichtiges und Richtiges getan – und dann folgt ein Rückzieher, weil sie keinesfalls in dieselbe Ecke gestellt werden wollten, aus der sie für die Furcht vor den Konsequenzen ihres löblichen Tuns mit Spott & Hohn übergossen werden. Das lief ganz nach dem Motto: „Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag´ ich dir den Schädel ein“ – mithin also das exakte Spiegelbild dessen, wogegen die Verhöhnten sich ursprünglich ausgesprochen hatten.

Furcht und Massenpsychose

Es ist ein alter Psychologenhut, daß Gelächter befreiend wirkt, gerade gegen die Furcht. Auf Angst und Furcht ist die Corona-Massenpsychose aber gebaut. Das Fundament dieser Massenpsychose wurde sogar nach kognitions- und massenpsychologischen Erkenntnissen extra verstärkt, wie entsprechende Strategiepapiere zur „Krisenkommunikation“ zwischen Regierungen und Volk (Sachen-Anhalt und Österreich) beweisen, die aufgetaucht sind, obwohl das keinesfalls hätte passieren sollen. Da fallen also ganze Völker auf eine wissenschaftlich generierte Designerangst herein, mit der sie von Regierungen und Aktivisten in den Medien maximal verarscht und fügsam gehalten werden, die sogenannte „rechte Ecke“ ist darüber empört – aber wenn jemand, der Furcht vor der Gewaltigkeit jener Gegner hat, von denen er sich nach Jahren der Verzagtheit, der Ignoranz oder auch des Desinteresses eigentlich „emanzipieren“ wollte, dann wird gegen eine solche arme Seele auch noch nachgetreten. Das ist erbärmlich.

Was das Personal in der sogenannten „rechten Ecke“ denen vorwirft, die sie dort hingestellt haben, nämlich ideologische Verbohrheit auf Kosten von intellektueller Großzügigkeit und um den Preis einer Spaltung der ganzen Gesellschaft, wiederholt es nun spiegelbildlich selbst. Wo sind sie, die Größe und das Selbstbewußtsein, zu sagen: „Mir ist vorläufig egal, ob jemand schon so weit ist, daß er mich zum Freund haben will. Was er im Moment tut, finde ich richtig und unterstützenswert. Und wenn er dabei schwach wird, dann helfe ich ihm dabei, seinen einmal eingeschlagenen Weg auch fortzusetzen, anstatt ihm genau den Tritt zu verpassen, der dafür sorgt, daß er mir auf alle Zeiten als möglicher Freund verloren geht“. – Wo sind sie, diese Eigenschaften, die eine sogenannte „rechte Ecke“ so überaus wohltuend von der Kleinkariertheit und der vor Selbstgerechtigkeit stinkenden Verlogenheit politkorrekter und grünlicher Menschheits-Zwangsbeglücker unterscheiden könnten?

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Wo ist sie, die Bereitschaft, die eigene Verletztheit und das Gefühl der eigenen Wichtigkeit einmal hintanzustellen und stattdessen generöse Nachsicht und Gnade walten zu lassen? Dürfen eine Heike Makatsch, eine Meerit Becker oder ein Richy Müller noch nicht einmal im Detail Recht – und dann auch Angst – haben, solange sie nicht vollumfänglich dem verhassten politkorrekten Klüngel abschwören? Muß man partout die Vorurteile bestätigen, die sie über die „rechte Ecke“ noch hatten? Muß man ihnen nicht die Möglichkeit einräumen, nicht nur in Sachen Coronadiktatur schlauer zu werden, sondern anhand der Coronadiktatur weiterführende Fragen zu stellen, ihr eigenes Lerntempo festzulegen, auch um den Preis, daß sie es möglicherweise nie mehr lernen oder lernen wollen?

Lebenserfahrung

Ich spreche aus Erfahrung. Bis zu meinem vierzigsten Lebensjahr war ich ein – retrospektiv betrachtet so zu nennen – apolitischer Gewohnheitslinker, der sich allerdings für politisch informiert gehalten hatte. Ich las den „Spiegel“, versäumte nach Möglichkeit die „Tagesschau“ nicht und hatte sozusagen ein gefestigtes Weltbild, mit dem ich gut leben konnte. Vor allem wähnte ich mich selbst auf der Seite des Guten. Bis ich anfing, mich mit dem Feminismus auseinanderzusetzen, weil ich die veröffentlichte Meinung über Frauen & Feminismus nicht mehr unter einen Hut bringen konnte mit meinen persönlichen Erfahrungen. Das lief auch zuerst in einer Gewißheit nach dem Schema „Wenn das der Führer wüsste!“ – und wurde zu einer jahrelangen Entdeckungsreise, während der eine meiner Gewißheiten nach der anderen zerbröselte. Mindestens zwei Jahre lang war ich noch davon überzeugt, daß der internationalsozialistischen Linken mit ihren feministischen Postulaten und der damit einhergehenden Gesetzgebung im Ehe-, Familien -, Scheidungs-, Sorge- und Unterhaltsrecht eine Reihe eklatanter Fehler unterlaufen seien und daß man sie nur darauf hinweisen müsste, mit ihnen argumentieren müsste, um sie davon zu überzeugen, daß dem tatsächlich so ist. Nach zwei Jahren hatte ich dann meinen „Rechtsstempel“ auf der Stirn. So kam dann allmählich eines zum anderen. Es war ein jahrelanger, autodidaktischer Lernprozess, bis mir klargeworden war, daß es Bigotterie, Subjektivismus, Rechthaberei, Unfairness und absolute Denkverweigerung sind, die regelrecht konstituierend sind für ein „linkes Bewußtsein“. Ich habe schwere Identitätskrisen durchgemacht, eine Ehe ist zerbrochen, ich habe fast alle Freunde verloren und erst seit einigen Jahren ist mir bewußt, daß sich dieses ganze Leid gelohnt hat, welches damit einherging, daß ich mich quasi selbst „neu zu erfinden“ hatte, um nicht den Rest meines Lebens in einem Gefängnis aus Wahn und Irrtum zu verbringen.

Ich habe eine Ahnung davon, in welchem Stadium sich ein Gewohnheitslinker befinden könnte, dem jetzt erst anhand der Unglaublichkeit dieser Coronadiktatur Zweifel an seinen Gewißheiten kommen. Und ich wäre der Letzte, der ihm dafür auch noch einen Tritt verpasst. Natürlich haben Becker, Müller und Makatsch Angst um ihre Karrieren, ihre Vernetzungen, Seilschaften, Freundschaften usw.usf. Sie haben mein ganzes Mitgefühl. Selbstgerechtigkeit ist ein Übel an sich, ganz egal, in welcher Ecke sie vorkommt.

Makatsch, Müller, Becker und die anderen „Umfaller“ brauchen freundliche Unterstützungsangebote, nicht Spott und Häme. Geht es denn nicht mehr darum, die gerade aus der „rechten Ecke“ so heftig beklagte Spaltung der Gesellschaft zu überwinden in dem Wissen, daß „divide et impera“ noch immer das Königsrezept für den Erhalt der Herrschaft von Diktatoren, Autokraten und Despoten gewesen ist? – Doch.

Ganz egal

Es ist ganz egal, wer das tut: Wer sich stark macht für die Abwesenheit von Zensur, wer stark gegen die Herrschaft via Angst und Furcht argumentiert, wer die Freiheit des wissenschaftlichen Disputs befürwortet und das Argument als unerläßlich für das Finden der besten Lösung hält, wer sich dafür einsetzt, daß das alles wieder den Rang erhält, den es schon einmal hatte, der muß sich mir noch lange nicht freundschaftlich verbunden fühlen, damit er meine Unterstützung hat. So viel Selbstbewußtsein habe ich. Er bemüht sich doch auch so darum, die Voraussetzungen zu schaffen, unter denen es überhaupt erst wieder möglich wird, sich gesittet mit ihm zu unterhalten. „Wir“ in der „rechten Ecke“ haben allen Grund, selbstbewußt genug zu sein, um zu verkraften, daß „uns“ jemand (noch) nicht ins Herz geschlossen hat, ja, sich vor unserer Gesellschaft sogar fürchtet. Wenn sich ein Gewohnheitslinker auf „uns“ zubewegt, dann sollten „wir“ ihn nicht wegstoßen. Er ist dabei, etwas Neues zu lernen, selbstkritisch zu werden und überhaupt die richtigen Fragen zu stellen.

Mit der Häme und dem Spott, den die „rechte Ecke“ nun über denen ausschüttet, die sich eigentlich bewegen wollten, dann aber an ihrem eigenen Mut scheiterten, schießt sie sich ganz gewaltig ins eigene Knie. Reife Leistung, meine Damen und Herren. Rrreschpeckt.