Presse & Ungeist: „Stern.de“ – Chefs wollen anpacken statt schreiben

Bildnummer: 56749781 Datum: 01.10.1990 Copyright: imago/teutopress Karl Eduard von Schnitzler (Journalist) 10/92 pp Mann Politik Autor DDR-Fernsehen EX-Chef-Kommentator grauhaarig Sakko grau Krawatte seriös Brille quer Portrait ernst People x0x xub 1990 quer 56749781 Date 01 10 1990 Copyright Imago teutopress Karl Eduard from Schnitzler Journalist 10 92 PP Man politics Author GDR Television Ex Boss Commentator grauhaarig Jacket grey Tie seriously Glasses horizontal Portrait Ernst Celebrities x0x 1990 horizontal

Daß der deutsche Presse-Mainstream ziemlich auf den Hund gekommen ist und daß sich das in stetig sinkenden Auflagenzahlen widerspiegelt, ist kein Geheimnis mehr. Ein Grund dafür könnte sein, daß sich mehr Redakteure denn je zuvor einem „Haltungsjournalismus“ verschreiben, den Georg Restle und Anja Reschke von der ARD schon längst propagiert hatten. Beide sind prominente Gesichter auf den Fernseh-Bildschirmen in den Wohnzimmern der Republik. Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“, ist mit dieser Entwicklung gar nicht einverstanden. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Wer es in Deutschland mit seinem Haltungsjournalismus übertreibt, der wird zum Relotius und bekommt die Auszeichnungen für sein Wirken nur so hinterhergeworfen. Im Dezember 2018 flogen die Lügengeschichten des preisgekrönten „Spiegel“-Stars Claas Relotius auf, kurz danach sprach das ganze Land von der Relotius-Affäre – und niemand wollte dem Münchhausen der Gegenwart auch nur noch ein einziges Wort glauben. Das einzige, was man ihm bis heute abnimmt, ist, daß er bis zu seinem Rauswurf Haltung bewiesen hatte. Und das war ein bißchen zu wenig.

In einem Interview mit dem „Horizont-Magazin“ äußerten sich die beiden Chefs von „Stern.de“, Anna-Beeke Gretemeier und Florina Gless dennoch dahingehend, daß „reine Berichterstattung“ angesichts der „Vielzahl von Problemen in unserer Gesellschaft“ nicht mehr ausreiche. Es könne nicht mehr darum gehen, nur zu schreiben. Vielmehr sei es Zeit anzupacken. Das wirft Fragen auf.

Die erste Frage, die sich stellt, ist die, ob es neben der „reinen Berichterstattung“ nicht schon immer auch die „reine Haltungserstattung“ gegeben hat, der dann in den Rubriken Meinung und Kommentar, resp. in persönlichen Kolummen viel Raum eingeräumt worden ist. Mithin fragt man sich also, ob die behauptete Notwendigkeit einer Abkehr von der „reinen Berichterstattung“ überhaupt einem real existierenden Übelstand geschuldet ist. Die richtige Antwort lautet „Nein“. Es gibt keine „entweder oder“. Der propagierte Haltungsjournalismus ist keine Alternative zur reinen Berichterstattung, weil er schon immer seinen Platz hatte. Nur gekennzeichnet mußte er werden mit den Worten „Kommentar“, „Meinung“ oder „Kolumne“. Journalistische Neutralität und subjektive Haltung haben schon immer nebeneinander existiert.

Erste Schlußfolgerung also: Es geht nicht um eine Etablierung von Haltungsjournalismus, sondern um die Abschaffung der „reinen Berichterstattung“.

Welche Haltung?

Die zweite Frage, die sich stellt, ist die, ob „Haltungsjournalismus“ bedeutet, daß alle möglichen Haltungen publiziert werden sollen, oder ob es sich um die Absicht handelt, eine ganz bestimmte Haltung zum Verdränger der „reinen Berichterstattung“ zu machen. Ganz sicher sollen keine Haltungen große Resonanz finden, die sich außerhalb des derzeit sehr engen, politisch „korrekten“ Meinungskorridors befinden. Sollte also jemand nach einem Vergleich dessen, was vor fünfzig Jahren hinsichtlich der Segnungen feministischen Wirkens versprochen worden war, mit dem, was heute Realität geworden ist, die Haltung vertreten, daß Frauen tendenziell eher nicht dazu in der Lage sind, öffentliche Aufgaben zum Wohle der Allgemeinheit zu übernehmen, dann hätte derjenige eine Haltung, welcher gewiß kein Raum gegeben werden soll. Und sollte jemand davon überzeugt sein, daß es zwar einen Klimawandel, aber keinen menschengemachten Klimawandel gebe, dann würde dessen Haltung in Bezug auf die Personen, die er dann zwangsläufig für „Klimahysteriker“ halten müsste, ebenfalls nicht breit publiziert werden dürfen. Analog gilt das für Haltungsinhaber, die zu der Ansicht gelangt sind, daß die gegenwärtige „Pandemie“ lediglich aufgrund einer recht willkürlichen Neudefinition des Begriffs durch die WHO im Jahre 2009 als eine solche bezeichnet werden kann.

Deshalb sieht es sehr danach aus, als würde mit der Forderung nach einem „Haltungsjournalismus“ lediglich die unselige Tradition euphemistischer Verbrämung fortgesetzt werden, in welcher eine staatliche Knastmauer als „antiimperalistischer Schutzwall“ daherkam, die rechtswidrige Inhaftierung von Unschuldigen als „Schutzhaft“ bemäntelt wurde – und der millionenfache Massenmord als „Endlösung“. „Haltungsjournalismus“ ist gegenwärtig der Euphemismus für „Deutungshoheit“.

In der „Welt„: „Wir finden“, so sagt die „Stern“-Chefin, „dass die reine Berichterstattung und Kommentierung angesichts der Vielzahl der Probleme in unserer Gesellschaft nicht mehr ausreichen.“

Ulf Poschardt: „Die Lösung wäre Anpacken, nicht nur Schreiben. Man wird Propagandist der einen Weltanschauung. Im real existierenden Sozialismus waren Journalisten Transmissionsriemen ideologischer Anliegen in die Gesellschaft. Das wird wieder salonfähig. Auch in der DDR ging es, wie bei der „Stern“-Chefin, „um das Gelingen unserer Gesellschaft“.

Meinereiner würde sogar noch weiter gehen. Der „Stern“-Chefin und ihrem Kollegen ins Stammbuch geschrieben: Die Abwesenheit der „reinen Berichterstattung“ hat angesichts der „Vielzahl der Probleme“ in der Nazigesellschaft von 1944/45 für gar nichts ausgereicht. Der ganze schriftgriffelnde Aktivismus zur Lösung jener „Vielzahl von Problemen“ der Deutschen, wie er damals im „Völkischen Beobachter“ und im „Stürmer“ zu bestaunen gewesen ist, hat nicht einem Leser (heute: „den Lesenden“ oder den lesenden „die Menschen“) das weggebombte Dach über dem Kopf zurückgebracht, unter welchem er vorher „zu denken“ gewohnt war. Vielmehr hatten die Ausgebombten einen gewaltigen Dachschaden. Nicht zuletzt ihrer Lektüre wegen. Nichts zu danken.