Haltungs-Pianist Igor Levit: Alltagsrassistische Märchen aus 1001 Nacht, Populist Laschet gefällt das

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Igor Levit, Pianist, 2018 im WDR - Foto: Imago

Im Paralleluniversum mancher linker Haltungskünstler ist Deutschland ein Land finsterer und völkischer Nazis, vor denen sich die wenigen Ausländer und Migranten angstvoll im Schatten davonstehlen, um nicht ständig ihren Anfeindungen und Übergriffen ausgeliefert zu sein. Und wenige, eine ständig bedrohte Minderheit, bringt die große Zivilcourage auf, dieses himmelschreiende Unrechtssystem, das sich seit 1933 im Prinzip kaum verändert hat, schonungslos anzuprangern.

So oder ähnlich, als mutiger Held, muss sich Starpianist und Baumbesetzer-Unterhaltungsmusiker Igor Levit fühlen, und wie es in seinem Kopf aussieht, mag man sich gar nicht weiter ausmalen. Sein Blick über den Tellerrand bzw. Notenhalter erlaubt ihm jedenfalls nur soviel von der manichäischen Matrix wahrzunehmen, wie es sein Weltbild verkraftet. Und in diesem Weltbild sind die Rollen klar verteilt. Kein Wunder, dass da mit ihm die Gäule durchgehen, wenn er Dritte an dieser Wahrnehmung teilnehmen lässt.

Ende April gab Levit auf Twitter eine Schnurre zum Besten, die von einem „weinenden türkischen Taxifahrer“ handelte, der ihm, Levit (seinem „Bruder“), von einer diskriminierenden Schlüsselerfahrung mit einem rassistischen Radfahrer berichtete, in deren Verlauf er von einem Mob ausländerfeindlich verlacht worden sei – und das, obwohl er Deutschland in der Bundeswehr gedient hatte. Die Story wirkt derart schlecht erfunden, klischeebeladen und ist offenkundig auch sachlich falsch (ein türkischer Staatsbürger, der einst bei der Bundeswehr diente?), dass man sie nicht einmal in der tiefsten „dunkeldeutschen“ Provinz in Sachsen, wo die AfD absolute Mehrheiten einfährt, für bare Münze nehmen würde. Es sei denn, es hätte sich beim Radfahrer und den Umstehenden ebenfalls um Türken oder Kurden gehandelt – denn die größte Gefahr für hier lebende Ausländer geht noch immer von anderen Ausländern aus, nicht von Deutschen.

Besonders peinlich an dieser Räuberpistole war, dass sich dann auch noch CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet mit feinem populistischen Instinkt sofort hintendran hängte-  und diesen blühenden Blödsinn (der in umgekehrter Fassung eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung nach sich zöge) unhinterfragt nicht nur teilte, sondern mit einem anbiedernden Rührtweet erweiterte:

 

(Screenshot:Twitter)

 

Wohl selten wurde die freiwillige Engführung zwischen CDU und einem Sympathisanten des Linksextremismus, ermöglicht durch die Klammer der „Kultur“, schamloser zum Ausdruck gebracht als hier. Wenn es ums Hetzen und Spalten geht, in dem Fall gegen die autochthone Bevölkerung, da stehen selbst die früheren Vertreter der Mitte erklärten Deutschlandhassern in nichts mehr nach. Wolfram Ackner, Autor der „Achse des Guten“, schrieb auf Facebook über den Fall: „Diese Geschichte berührt mich fast noch mehr als die kürzlich erzählte Story von der total verängstigten arabischen Männergruppe, die in einem einsamen Berliner Park von einer weißen biodeutschen Joggerin rassistisch beleidigt wurden. Danke, dass jetzt auch der Kanzlerkandidat der CDU den Mut findet, solche Grimm’schen Alltagsepisoden einem breiteren Publikum bekannt zu machen, um mehr wokeness zu raisen… Oder heißt es ‚grimmige Alltagsepisoden'“?

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Vielleicht wollte Levit hier ja auch bloß seinen künstlerischen Horizont erweitern – und sich  statt an Klavierkonzerten mal in Poetry-Slam versuchen? Der Versuch ist jedenfalls missglückt. Wie derartige bizarre Verdrehungen wohl bei Opfern massiver Migrantengewalt ankommen – man denke an die Hinterbliebenen des in Augsburg totgeschlagenen Feuerwehrmanns, an die jugendliche Opfer von Gruppenvergewaltigungen, an auf deutschen Schulhöfen von migrationsstämmigen Banden drangsalierte Vertreter der deutschen ethnischen Minderheit oder an die Zusammenrottungen der Event- und Partyszene und ihre Angriffe im Rudel auf Polizisten. Das sind Alltagserfahrungen, die heute zur Normalität geworden sind; nicht solche konstruierten Schnurren von Ausländerfeindlichkeit im 1980er-Showcase, wie sie aus einem Standardwerk von Günter Wallraf oder Bernt Engelmann stammen könnten.

Prinzipiell ist es ja zu begrüßen, dass sich Künstler auch zu gesellschaftlichen Themen äußern. Doch wenn – außer Gratiskonzerten für Gesinnungsgenossen – solche kontrafaktischen Anthologien das Einzige sind, was Igor Levit zur Zuwanderungsdebatte einfällt, dann drängt sich unweigerlich die Paraphrasierung des Truffaut-Filmtitels auf: „Scheißen Sie auf den Pianisten!“ (DM)