Black Penises Matter? Neue Vorwürfe gegen Lehmanns „Quotenneger“

Lehmann, Aogo (Fotos:Imago)

Vorgestern beschloss das unerbittliche Scherbengericht der Hyperheuchler und moralischen Großinquisitoren den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte von Jens Lehmann, weil dieser in einem geleakten privaten Whatsapp-Chat seinen Sky-Kollegen und Ex-Nationalspieler Dennis Aogo launig als „Quotenneger“ (sic!) genannt hatte. Auch wenn sich darüber niemand weniger aufzuregen schien als Aogo selbst (der den harmlosen und freundschaftlichen Zungenschlag der aus dem Kontext gerissenen Nachricht verstanden hatte), so zerrte der öffentliche Empörungssturm auch ihn ins Rampenlicht – und förderte Verfängliches zu Tage. Resultat: Nun ruht auch Aogos Moderatorenjob.

Es scheint, als gäbe es in dieser „Affäre“ nur Verlierer: Denn das vermeintliche Lehmann-Opfer Aogo, der für antirassistische wohlfeile Empörungssuaden des gesamten Juste Milieu prompt vereinnahmt wurde (und von dem, als eigentlich alleinigem Betroffenen dieser angeblichen „Beleidigung“, gar niemand wissen wollte, wie er eigentlich selbst diese Nachricht interpretiert oder empfunden hatte), ist selbst alles andere als ein unbeschriebenes Blatt – und taugt so gut wie nicht als Diskriminierungstestimonial nach den Kriterien der „woken“ PC- und PoC-konformen Rechtschaffenen.

Nachdem gestern Aogo die Tatsache um die Ohren flog, dass er im Analyse des Champion-League-Halbfinalspiels Manchester City gegen Paris Saint-Germain die Formulierung „Trainieren bis zum Vergasen“ gebraucht hatte, findet er sich plötzlich selbst auf der Anklagebank der Gesinnungsschnüffler wieder. Gestern Nachmittag teilte er seinen Programmverantwortlichen mit, dass er seinen Moderatorenjob als TV-Experte „vorerst ruhen“ lasse. Sky begrüßte die Entscheidung rundum. Bei dem Sender werden so langsam die Moderatoren knapp, wenn die senderinternen Taliban der Wokeness und Diversität ihren Säuberungs- und Gesinnungswahn weiterhin so unerbittlich ausleben.

Von Sushis, Quotennegern und „dicken Negerschwänzen“

Vor zwei Monaten erst feuerte der Pay-Kanal seinen Kult-Kommentator Jörg Dahlmann, nachdem der Japan launig als „Land der Sushis“ bezeichnet hatte. Auch damals hatte sich übrigens kein einziger Japaner „beleidigt“ oder „gekränkt“ gefühlt; im Gegenteil, sind die Japaner doch uneingeschränkt stolz auf ihr immaterielles Weltkulturerbe der Sushi-Küche. Es waren die McCarthyisten deutscher Haltungsmedien, die ihre feuilletonistischen Shitstorms gewohnt wohlgesetzt plazierten – und Sky zum Handeln zwangen. Wie jetzt auch bei Lehmann/Aogo zirkulierte die Aufregung ausschließlich innerhalb eines weiß-deutsch-privilegierten, linken Sprach- und Denkverbotsmilieus.

Die zeitverzögerte Skandalisierung von Aogos „Vergasungs“-Spruch war jedoch nicht der einzige Wirbel, den Lehmanns Whatsapp-Nachricht nach sich zog. Gestern ging im Netz der Screenshot eines Facebook-Kommentars vom 24. April viral, in dem sich eine junge Frau mit brisanten und äußerst verfänglichen Vorwürfen an die Adresse Aogos auf dessen Seite zu Wort gemeldet hatte. Darin bezichtigte sie den Kicker der positiv-rassistischen, plumpen sexuellen Belästigung einer Freundin in dessen aktiver Zeit als Profikicker:

(Screenshot:Instagram)

Ob der in diesem – zwischenzeitlich wohl gelöschten – Kommentar erhobene Vorwurf zutrifft oder es sich womöglich um einen Racheakt (vielleicht einer verschmähten Ex-Verehrerin?) handelt, ist mit letzter Sicherheit nicht zu sagen. Jedenfalls zeigt sich hier einmal mehr, wie schlaglichtartig, vordergründig und oftmals aus dem Zusammenhang gerissen so manche Zitate, Memes, Wortfetzen und Contents der Netzöffentlichkeit sind – und wie unangemessen hysterisch daher auch die öffentliche Reaktion darauf. Überhaupt ist dieses Problem der „De-Kontextualisierung“, des Herausreißens von Aussagen aus ihrem situativen Zusammenhang, der schlimmste Kommunikationsdefekt, den das Internet hervorbracht hat. Nie waren skandalöse Enthüllungen leichter, aber auch Rufmord billiger als heute.

Nochmals zum „Quotenneger“ (mit Smiley): Jeder, der hier die Nase rümpft und Lehmann zur Unperson stempelt, sollte sich an die eigene Nase fassen und einmal ehrlich memorieren, was ihm selbst schon so alles an Hässlichkeiten, an missverständlich zu interpretierenden sexistischen, rassistischen, diffamierenden Bemerkungen entfahren ist – und was sich in den Chatverläufen seiner Messenger wohl so alles an Belastendem oder Kompromittierendem finden ließe, sollte eines Tages daran je ein öffentliches Interesse aufkommen. Im Fall von Aogos Schwanzgeprahle hingegen liegt der Fall anders: Sollte der Vorwurf der Dame zutreffen, dann dürfte es äußerst interessant werden zu beobachten, welche Konsequenzen im öffentlichen Ansehen ihm deswegen drohen – und ob es nicht wieder so etwas wie einen „Schwarzen-Bonus“ geben wird. Lustig jedenfalls, wenn wieder einmal die Gesinnungs-Hashtags kollidieren: In diesem Fall „#BLM“ versus „#metoo„. Zwischen der hellen und dunklen Seite der Macht zu unterscheiden wird zunehmend ein Ding der Unmöglichkeit. (DM)