Sascha Lobo: Der Impf-Irokäse im „SPIEGEL“

Sascha Lobo - Foto: Imago

Sascha Lobo, seines Zeichens Besserwisser im Auftrag des „SPIEGEL“, zieht gegen Impfgegner vom Leder. Die wesentlichen Fragen hat er sich dabei gar nicht gestellt. Deswegen mußte er auch nicht nach den Antworten suchen. Eine Nachreichung.

von Max Erdinger

Erschienen ist Lobos Kolumne in der Rubrik „Halbwissen und Kommunikationsprobleme„, wo sie auch sehr gut hinpaßt. Betitelt hat Lobo seine fragwürdigen Einlassungen mit: „Warum werden Menschen mitten in einer Pandemie zu Impfgegnern?“ – und das hat ungefähr dieselbe Qualität wie die Frage: „Warum werden Menschen während eines Angriffs von Außerirdischen zu Pazifisten?“ – Grund: Es gibt keine Pandemie, außer nach einer Neudefinition des Begriffs „Pandemie“ durch die WHO im Jahre 2009. Noch im Jahr 2008 hätte das Infektionsgeschehen der vergangenen 14 Monate nirgendwo auf der Welt auch nur einen einzigen Hund hinter dem Ofen hervorgelockt. Richtig gestellt hätte Lobos Frage also lauten müssen: „Warum werden Menschen zu Impfgegnern, obwohl es gar keine Pandemie gibt?“. So eine Frage wäre aber vermutlich selbst Lobo etwas merkwürdig vorgekommen.

Was man Lobo zugestehen muß, ist, daß er eine bemerkenswerte Gabe hat, griffige Bezeichnungen zu finden für die Ursachen eines inexistenten Problems. Ob es in einer inexistenten Pandemie Impfgegner gibt oder nicht, wäre nämlich eine recht uninteressante Frage. Aber gut, es gibt Impfgegner in der inexisten Pandemie – und die Ursachen ihrer Impfgegnerschaft hat Lobo schön strukturiert in griffigen Zwischenüberschriften benannt. Als da wären …

– 1. Covid-Verharmlosung und Leugnung
– 2. Systemskepsis
– 3. Vulgär-Antikapitalismus
– 4. Esoterik
– 5. Gefahrenübertreibung
– 6. Mangelnder und mangelhafter Diskurs
– 7. Wissenschaftskommunikationsprobleme
– 8. Experten-Herablassung
– 9. Politisierung der Impfung
– 10. Falsche Ausgrenzung

Der Mann hat sich also ganz schön den Kopf zerbrochen auf der Suche nach überflüssigen Antworten. Ehe der Leser aber an Lobos wunderhübsche Erklärungsstruktur gerät, muß er erst einmal den ersten Absatz von Lobos Irokäsenschrift verdaut haben. Der liest sich so: „Theodor Wiesengrund Adorno sah sich 1959 gezwungen, ein ganzes Buch über die Kehrseite sozialer Medien zu schreiben, dessen Essenz dieses Zitat ist: »Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind«.“ – Schon haben „wir“ wieder etwas gelernt darüber, wie schlau der Theodor W. Adorno gewesen ist – und vor allem, daß der Lobo weiß, wofür das „W“ zwischen „Theodor“ und „Adorno“ steht. Wahrscheinlich muß man auch „Wiesengrund“ als Mittelnamen haben, um über die Kehrseite der sozialen Medien schreiben zu können, bevor es die sog. sozialen Medien überhaupt gegeben hat. „Soziale Medien“ war ja auch 1959 schon ein interessanter Terminus, weil er damals bereits implizierte, daß es asoziale Medien geben muß.

Ob der „SPIEGEL“ zu den sozialen Medien zählt? – Muß wohl so sein. Sehr sozial vom Herrn Sascha Lobo ist es nämlich, Wissen mit den Lesern zu teilen, das außer ihm noch niemand hatte. Oder hätten Sie gewußt, daß sich Adorno „gezwungen“ sah, ein Buch zu schreiben? Interessiert Sie die Frage, weshalb er – gezwungen oder freiwillig – ein ganzes Buch geschrieben hat, obwohl er doch 1959, schlau, wie er gewesen ist, hätte wissen müssen, daß es dereinst nicht nur das Internet und die Kehrseite der sozialen Medien geben wird, sondern auch, daß ein Sascha Lobo das Licht der Welt erblicken wird, der den ganzen Inhalt seines Buches als Essenz in einem einzigen Satz unterbringen kann? – Klar interessiert Sie das: Warum hat Adorno nicht selbst nur einen einzigen Satz geschrieben? Da hätte er sich viel Arbeit sparen – und stattdessen mit fröhlichen Ungeimpften zusammen im Biergarten sitzen können. Bei bester Blasmusik.

Aber zurück zu Lobos sehenswerter Strukturiertheit bei der Erklärung des Überflüssigen.

– zu 1.: Covid-Verharmlosung und Leugnung: Weder verharmlost noch leugnet irgendwer „Covid“. Was harmlos ist, läßt sich nicht weiter verharmlosen. Weit über 99 Prozent aller Covid-Infizierten überleben ihre Infektion. Manche zeigen milde Symptome – und nur ganz wenige, meistens multipel vorerkrankte, alte Infizierte, versterben – wie man zu schreiben sich auch in den asozialen Medien angewöhnt hat – „an oder mit Corona“. Das ist zwar nicht schön, aber es ist noch lange nicht geeignet, jede grundgesetzlich geforderte Verhältnismäßigkeit bei der Wahl der gesundheitspolitischen Gegenmittel in die Tonne zu treten.

– zu 2.: Systemskepsis: Systemskepsis ist sozusagen der Intelligenznachweis, den die Systemskeptiker freiwillig erbringen angesichts der Tatsache, daß es an der in Punkt 1 genannten Verhältnismäßigkeit bei den gesundheitspolitischen Gegenmitteln mangelt. Und zwar eklatant. Für Systemskepsis gäbe es außerdem noch eine Unzahl anderer Gründe. Daß Frau Merkel noch immer Bundeskanzlerin bleiben kann, ist einer davon. Und daß Frau Baerbock die nächste Canceler:in werden könnte, ist noch einer – um nur zwei zu nennen.

– zu 3.: Vulgär-Antikapitalismus: Hier muß man wenigstens der Vermutung Raum geben, daß Lobo einem vulgär weit verbreiteten Differenzierungsdefizit aufgesessen sein könnte, welches darin besteht, daß Kapitalismus mit Materialismus verwechselt wird. Ein Kapitalismus, dem die geistigen Grundlagen entzogen wurden, auf denen er ursprünglich einmal als sittlich gebotenes Wirtschaftssystem etabliert worden war, mutiert nicht zum „Vulgär-Kapitalismus“, sondern zum besinnungslosen Materialismus. Als eine rein materialistische Sichtweise auf das Leben als solches muß man es wohl bezeichnen, wenn das Leben mitsamt seiner metaphysischen Dimension bedenkenlos – und vor allem: vor Selbstgerechtigkeit nur so strotzend – auf ein rein physisches Überleben reduziert wird, auf ein atmendes Dahinvegetieren also. Wenn das auch noch völlig grundlos (Abwesenheit von Pandemie trotz Existenz eines Virus) geschieht, dann ist es außerdem auch noch brunzdämlich.

– 4.: Esoterik: Esoterik kann man nicht nur im Zusammenhang mit (fehlender) Impfbereitschaft als Problem einer angeblich aufgeklärten Gesellschaft begreifen. Esoterik scheint vielmehr das Resultat des Umstandes zu sein, daß sich eine Gesellschaft nicht mehr auf eine objektive Realität einigen kann, da ihr die dazu nötigen Dogmen entzogen worden – und durch andere, qualitativ deutlich schlechtere, ersetzt worden sind. Seine Blütezeit hatte Europa – ersichtlich in heute noch existierenden Bauwerken, Gemälden, Skulpturen und der Musik – , als seine Völker noch einhellig von der Gültigkeit jener Dogmen überzeugt gewesen waren, derentwegen man damals vom „christlichen Abendland“ sprach. Esoterik ist das Resultat aus dem neuzeitlichen Glauben an die Gültigkeit des 1. Axioms der Sozialpsychologie, demzufolge sich jeder seine eigene Realität konstruiert. Woran es hängt, daß er sich eine bestimmte, vermeintlich „eigene“ Realität konstruiert – und wie sich das von den Mächtigen zu ihrem eigenen Wohl und Frommen ausnutzen läßt, ist bestens erforscht, wird aber nicht so gern ausgeplaudert. Vor allem in Presseerzeugnissen wie dem „SPIEGEL“ nicht.

– 5.: Gefahrenübertreibung: Lobo meint die Übertreibung der dem Impfen inhärenten Gefahr. Da hat er aber den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Die ganze Impferei wäre nämlich überhaupt kein Thema geworden, wenn nicht zuvor mit allem, was die kognitions- und massenpsychologische Trickkiste hergibt, die Gefahren einer realiter inexistenten Pandemie in den drastischsten Farben geschildert worden wären. Genau das ist vorher aber passiert, wie entsprechende Strategiepapiere beweisen, die bekanntlich sowohl im sachsen-anhaltinischen als auch im österreichischen Innenministerium kursierten. Außerdem ist bekannt, daß vom Bundesinnenministerium der Wunsch an die Forscher des RKI herangetragen worden war, den Schilderungen der „Gefahren der Pandemie“ ein Worst-Case-Szenario zugrunde zu legen.

– 6.: Mangelnder und mangelhafter Diskurs: Der Euphemismus ist ein Meister aus Deutschland. Richtig hätte das heißen müssen: Medial und politisch unterdrückter Diskurs, Mundtotmachung international renommierter Virologen, Epidemiologen, Mediziner und Statistiker, Fokussierung auf immer dieselbe handvoll „Experten“, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in den sozialen Netzwerken per Löschung von Pandemie- und Impfkritikern. Mangelnder und mangelhafter Diskurs sind lediglich das Resultat dieser Schändlichkeit gewesen.

– 7.: Wissenschaftskommunikationsprobleme: Nicht ganz falsch. Besser: Willentlich herbeigeführte Wissenschaftskommunikationsprobleme per Ausschluß mißliebiger Wissenschaftler vom dadurch dann „mangelhaften Diskurs“.

– 8.: Experten-Herablassung: Die eigentliche Herablassung besteht gar nicht in dem, was solche Leute äußern, die dem Volk in inflationärer Manier als „Experten“ angedient werden (es gibt inzwischen AfD- und ARD-Experten!), sondern die Herablassung besteht darin, daß dem Volk inflationär angebliche „Experten“ vor die Nase gesetzt werden – und seien es „Experten für Hühnerfürze“. Die Botschaft, die dadurch transportiert wird, ist nämlich die folgende: Du bist zu dämlich, dir eine eigene Meinung zu bilden und brauchst deshalb „Experten für alles und jedes“, die das für dich erledigen. Gut möglich, daß das inzwischen tatsächlich so ist.

– 9.: Politisierung der Impfung: Ja, was denn sonst? Selbstverständlich fungiert die massenhafte Impfung statistisch Ungefährdeter auch als Tätigkeitsnachweis einer Regierung, die ansonsten rein gar nichts vorzuweisen hätte. Der regierungsamtlich vorangetriebene Impfungshype ist eine nachgereichte Pseudo-Rechtfertigung für die der Impfung vorausgegangene Schleifung von Grundgesetz und Grundrechten. Die Impfung dient sozusagen als Verantwortungsnehmer. „Impfung macht frei“ heißt: Die (realiter inexistente) Pandemie war Grund für die Schleifung von Grundgesetz und Grundrechten, nicht die impertinente Kompetenzenanmaßung der Regierung an der Realität vorbei. Die massenhafte Impfung macht vor allem die Regierung frei – und zwar von der Pflicht zur Verantwortungsübernahme für ihre Fehlentscheidungen.

– 10.: Falsche Ausgrenzung: Lobo impliziert, daß es auch eine „richtige Ausgrenzung“ geben könnte. Demokratisch denkbar wäre jedoch höchstens eine Abgrenzung, nicht eine Ausgrenzung. Bei der Ausgrenzung gibt es in der Demokratie kein „richtig“ oder „falsch“. Sie ist immer antidemokratisch.

Letztlich ist es wohl so, daß durch die Ausgrenzung ernstzunehmender Dissidenten – hier: international renommierter Wissenschaftler – ein ganz bestimmtes Ergebnis ungeachtet seiner Inkompatibilität mit der einen Realität, ein totalitärer Wahrheitsanspruch also, ausgerechnet für solche Individuen verfügt werden sollte, die ansonsten jederzeit die Gültigkeit des 1. Axioms der Sozialpsychologie bestätigen würden, und daß damit ein Ziel verfolgt wird, das mit dem öffentlich vorgetragenen rein gar nichts zu tun hat. Das wird auch nicht vollumfänglich verneint von den diesbezüglichen Verdächtigen, sondern lediglich ein bißchen verdreht. Die „Pandemie“, sagen sie, böte als „kurzes Zeitfenster“ die historisch einmalige Chance, das gesamte Weltwirtschaftssystem samt unserer Art zu leben auf neue Füße zu stellen (Prof. Schwab, WEF, et al).

Realiter ist es wohl so, daß diese „Pandemie“ nicht zufällig eine solche „Chance“ bietet, sondern daß ihre Existenz zu genau diesem Zweck behauptet wird. Es ist ja auch nicht wirklich wichtig, ob es sie gibt, sondern wichtig ist einzig und allein eine Masse, die davon überzeugt ist, daß es sie gibt. Die Realität versetzt keine Berge, der Glaube allerdings schon.

So gesehen ist Sascha Lobos im „SPIEGEL“ dokumentierter Irokäse nichts anderes, als ein vor Inbrunst nur so strotzendes, zivilreligiöses Glaubensbekenntnis, von dem Lobo keinesfalls wahrhaben will, daß es genau das ist. Weswegen er verzweifelt nach vermeintlich stichhaltigen Erklärungen dafür sucht, daß er das nicht wahrhaben muß. Sein Wille ist des Menschen Himmelreich. Und dafür, daß es Impfgegner gibt, reicht eine einzige Erklärung: Wo es die Notwendigkeit für massenhafte Impfungen nicht gibt, gibt es die Notwendigkeit, sich nicht impfen zu lassen. So einfach ist das.