Erst Einnahmen „vergessen“, dann den Saubermann spielen: Karl Lauterbach mit Giffey’scher Ehrlichkeit

Goldene Zeiten für Karl Lauterbach - dreist kommt weiter (Foto:Imago/Leber)

Es scheint der neue Ehrlichkeitskodex in der deutschen Politik zu sein: Erst schweigend schummeln, tricksen, abzocken und kein Wort darüber verlieren – und dann, wenn die Absahnerei auffliegt (oder aufgrund erhöhten Aufklärungsinteresses aufzufliegen droht), „Fehler einzuräumen“ und sich reumütig zu geben – und sich dafür noch als charakterstark, ehrlich und moralisch integer feiern zu lassen. Auch Panikpriester Karl Lauterbach springt jetzt auf diesen Zug auf.

„Mit zwei Monaten Verspätung“ während derer er offenbar zu sehr damit beschäftigt war, Stimmung für Wellen, Lockdowns, Verbote zu machen und von einer Talkshow zur nächsten hoppte, wenn er nicht selektive Studien auf Twitter wiedergab (die zu seiner Weltsicht passten) habe er zuvor angeblich übersehene Einnahmen eines Buchhonorarvorschusses vom letzten Dezember nachgemeldet – wobei seinem Büro „aufgefallen“ sei, dass da ja noch läppische 17.850 Euro für vier Vorträge aus den Jahren 2017 und 2018 ebenfalls nicht gemeldet waren. Diese Summe wolle er jetzt „nach Indien“ spenden:

(Screenshot:Twitter)

Lauterbachs Tweet wirft zwei Fragen auf: Erstens, wie kann es sein, dass Abgeordnete, die vom Steuerzahler zusätzlich zu ihrer Diät ein komplettes Büro mit Sekretariat und Referenten bezahlt bekommen, die nichts anderes zu tun haben, als unter anderem die Finanzen und administrativen Belange des Abgeordneten besorgen und up to date zu halten, solche Fehler unterlaufen können? Diese Frage stellte sich auch schon bei Annalena Baerbock. Und zweitens: wann finden deutsche Parlamentarier eigentlich noch Zeit für ihre eigentliche Aufgabe der Volksvertretung, wenn sie nicht nur allabendlich auf Corona-Panik-Tournee durch die TV-Studios tingeln, sondern auch noch Bücher schreiben und als Vortragsredner hausieren gehen?

Der strenge selbstgerechte Eigengeruch Lauterbachs, der aus diesem Tweet wabert, erinnert an das Gebaren der frisch zurückgetretenen Skandal-Familienministerin Franziska Giffey, die als Doktortitelbetrügerin so lange an ihrem Posten klebte, bis es nicht mehr ging, allerdings nicht aus Gründen der politischen Hygiene, sondern um sich gleich für höhere Weihen als Kandidatin zur Regierenden Bürgermeisterin in Berlin zu empfehlen – und dafür noch von Parteifreunden hofiert und abgefeiert wurde, die ihre „menschliche Größe“, ihr „Rückgrat“ und ihre „Charakterstärke“ lobten – ganz anders als vor 10 Jahren Karl-Theodor zu Guttenberg, der von denselben SPD-Granden wegen desselben Vergehens auf eine Stufe mit einem Ladendieb oder Wirtschaftskriminellen gestellt wurde.

Nach den Maskenabzocker-Enthüllungen und Baerbock/Özdemirs grüner Nebeneinkünfte-Affäre scheint nun im Bundestag eine weitere taktische Sauberkeitswelle loszurollen.   „Los Ehrlichkeitswochos im Bundestag„, kommentiert heute Roger Letsch auf Facebook: „Alle Abgeordneten scheuchen ihre Referenten durch die Büros um festzustellen, ob hinter der Yuccapalme noch ein vergessenes Bündel Hunderter klemmt.“ Wie man als Ertappte(r) mit dem eigenen Fehlverhalten umgeht, das haben Giffey und Baerbock dabei „mustergültig“ vorgemacht.

Von Baerbock über Giffey: Beim Schummeln ertappt

Die eine schummelt beim Doktortitel und versucht es mit „Irren ist menschlich“ zu bagatellisieren – und die andere lenkt mit der Zusage, nachzuversteuern, vom eigentlichen Skandal ihrer kassierten Corona-Zulagen ab. Und Lauterbach meldet eine läppische Peanuts-Kleinigkeit im Volumens des Nettojahresgehalts etlicher deutscher Arbeitnehmer als übersehene Nachlässigkeit nach – eine Summe von fast 18.000 Euro, die steuerfinanzierten Großverdienern des deutschen Politikbetriebs schon gar nicht mehr auffällt und schon mal unter den Tisch fallen kann – und gibt sich anschließend noch als selbstloser Wohltäter.

Was letzteres betrifft, so sorgte Lauterbach gleich für die nächste Irritation: Die Spende an UNICEF für Indien, die er seinem selbstgerechten Tweet (s.o.) anhängt, beläuft sich nur auf 3.000 Euro; ein Sechstel also der zugesagten Spendensumme. Was ist mit den restlichen 14.850 Euro? Wann fließen die, und an wen? Was genau meint er mit „für Indien“ – für das indische Atomprogramm, für die dortige WHO-Vertretung oder der Verband indischer Krematorienbauer? Übrigens, Herr Lauterbach: Online-Überweisungen gehen auch am Feiertag. Deshalb: Spendenbeleg sowie Empfangsbestätigung bitte noch heute vorweisen!

Und wo wir grade dabei sind – was ist eigentlich mit den nicht übersehenen Honoraren Lauterbachs, die aufgrund seiner gefragten und gewachsenen Bedeutung als oberster Corona-Alarmist seit Beginn der Pandemie doch alle Dimensionen gesprengt haben müssten – wieso werden die nicht gespendet, zum Beispiel für all die anderen wechselnden Virusvarianten- und Hochrisikogebiete des Planeten, die Lauterbach als Beleg für seine hiesigen Panikerzählungen heranzieht? Fragt nach denen noch irgendwer? (DM)