Heimliche Löschaktion beim Münchner Merkur. Oder: Warum hilft ein CSU-Blatt einem AfD-Politiker?

Warum werden Artikel unkommentiert verändert? (Symbolbild: shutterstock.com/ Von goodluz)

Ungewöhnlicher Vorfall beim Münchner Merkur: Das Blatt hat ohne ersichtlichen Grund einen fünf Jahre alten Artikel über einen AfD-Politiker heimlich verändert. Jetzt, kurz vor der Wahl, würde man bei dem CSU-nahen Blatt eine Gemeinheit gegen die AfD erwarten. Doch aus dem Artikel wurden gerade die kritischen Passagen gelöscht.

 Dass Passagen eines Artikels ohne Begründung einfach gelöscht werden, das ist schon sehr ungewöhnlich“, bestätigt gegenüber Jouwatch ein erfahrener Mitarbeiter des Verlags. Normalerweise werden Korrekturen von bereits veröffentlichten Artikeln immer Gekennzeichnet. Redaktionen und Medienhäusern halten sich dabei mehrheitlich an journalistische Standardvorgaben. Änderungen werden vorgenommen, wenn ein inhaltlicher Fehler vorliegt, oder eine unwahre Tatsachenbehauptung korrigiert werden muss. Dann wird, (neben der Fehlerbebung der betreffenden Textstelle) ein Hinweis unter den jeweiligen Text gesetzt, dass korrigiert wurde.

Diese, bei vielen Medienhäusern und Tageszeitungen in „Journalistischen Leitlinien“ festgeschriebene Praxis wird auch vom Münchner Merkur üblicherweise befolgt. Doch in diesem einem Fall scheint sie jedoch nicht zu gelten. Da fragt man sich warum? Zumal der Fall wegen der anstehenden Bundestagswahl brisant ist.

Geändert wurde nämlich ein bereits fünf Jahre alter Artikel über den AfD-Politiker Florian Jäger des damaligen Münchner-Merkur-Autors Til Huber. Huber veröffentlichte seinen Beitrag „AfD in Bayern: Eine zweifelhafte Alternative“ bereits am 02.02.2016. Darin thematisierte er einen auf Facebook ausgetragener Streit des damaligen oberbayerischen AfD-Bezirksvorsitzenden Florian Jäger mit einem Parteikollegen. Unappetitliches wird berichtet, Jäger soll seinem Kollegen geschrieben haben, er sei „ein Papierjude. Wahre Juden würden ihm nicht Mal ins Gesicht pissen“.

Mehr als fünf Jahre später wurde der Artikel am 02.03.2021 ohne ersichtlichen Grund verändert und ist seitdem beim Münchner Merkur nur noch in der gekürzten Version abrufbar.

Der Textvergleich zeigt, dass der komplette Absatz nicht mehr vorhanden ist:
Was steckt dahinter, wenn eine CSU-nahe Tageszeitung einen kritischen Artikel über einen AfD-Politiker heimlich säubert?
Kenntlich gemacht wurde die „Korrektur“ indes nicht. Lediglich der Vermerk „Aktualisierung“ findet sich im Kopfbereich des Artikels. Das rief Journalistenwatch auf den Plan. In einer schriftlichen Anfrage, adressiert an die Redaktion des Münchner Merkur, wollte Journalistenwatch wissen, weshalb bei diesem Artikel journalistische Standards grob missachtet wurden, eben besagte Streichung einer kompletten Passage nicht kenntlich gemacht und der Beitrag geschlagene fünf Jahre später nochmals, ohne erkennbaren, aktuellen Bezug veröffentlicht wurde.
Antworten auf benannte Fragen blieben durch Verantwortliche des Münchner Merkurs unbeantwortet. Durch Recherche brachten wir in Kenntnis, dass Till Huber seit längerem nicht mehr beim Merkur arbeitet und daher als Urheber der Textmanipulation außer Betracht kommt.

Anschließende Nachfragen beim Chef der Münchner-Merkur Online-Redaktion Markus Knall und dem Redaktionsleiter Jochen Lehbrink wurden jedoch ebenfalls nicht beantwortet, so dass die Vermutung im Raum steht, es könnte sich um eine „Gefälligkeits-Aktualisierung“ handeln. Immerhin fehlen in der aktualisierten Version die „deftigen Worte“, mit welchen Jäger vor fünf Jahren einen zum Judentum konvertierten Parteifreund auf Facebook bedachte. Eine Nachfrage bei den „Juden in der AfD“ ergab, dass der Beschimpfte bereits die Partei verlassen hatte. An den Vorfall mit Jäger erinnern sich jedoch in der AfD noch viele Mitglieder, dieser soll damals hohe Wellen geschlagen haben und wurde sogar jüngst in internen Chats im Vorfeld der Listenaufstellung kritisch thematisiert. Es soll ihm auf Grund dieser Äußerungen die Eignung abgesprochen worden sein, die Partei würdig zu repräsentieren.

Warum löscht ein CSU-nahes Blatt heimlich belastende Stellen aus einem fünf Jahre alten Artikel über einen AfD-Politiker, der gerade für den Bundestag kandidieren will? Warum diese Intransparenz und Heimlichtuerei? Warum keine Stellungnahme zu unserer Nachfrage? Die Antwort liefert ein Mitarbeiter des Verlags: „Vermutlich wurde die Löschung hausintern von oben angeordnet und soll nicht kommuniziert werden. Dass auf mehrfache Nachfrage von Seiten der Redaktionsleitung keine Begründung kommt, ist höchst ungewöhnlich“, sagt unser Merkur-Informant, der aus Angst vor Repressalien nachvollziehbarer Weise ungenannt bleiben möchte.

Diese Intransparenz wirft weitere Fragen auf, und lässt das, in weiten Teilen nur noch rudimentär vorhandene Vertrauen in die Medienwelt weiter erodieren, hält doch jeder vierte Bundesbürger die hiesigen Medien in Deutschland für nicht glaubwürdig und wirft diesen gezielte Manipulation vor. (SB)