Die Drosten-Logik: Je weniger Corona, desto mehr „Vorsicht“ ist geboten

Dr. Drosten beim Verkünden der "Wahrheit" (Foto:Imago/xim.gs)

Doktor Drosten setzt wieder mal auf antizyklische Warnungen: Je mehr Öffnungen, desto mehr Vorsicht ist geboten. Man kann darauf wetten: Wenn Corona eines Tages verschwunden wäre und ausnahmslos alle gesund sind, dann müsste der Staat nach seiner Logik den Lockdown erst recht verschärfen – weil sich dann ja die weitere Entwicklung nicht mehr einschätzen lässt und man erneuten Ausbrüchen oder anderen Viren schutzlos ausgeliefert wäre. „Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben“ – so könnte man die ungeschriebene Corona-Biographie dieses zum Messias aller „Zeugen Coronas“ aufgestiegenen Charité-Professors überschreiben.

Bei ausnahmslos allen wissenschaftlichen und politischen Stimmen von Gewicht, die uns in dieser endlosen Corona-Heimsuchung mit Prognosen, Einschätzungen oder alternativlosen Entscheidungen zusetzen, stellt sich – nach 14 Monaten sogenannter Pandemie und acht Monaten Lockdown – nicht länger die Frage, was hier eigentlich verkündet wird – sondern warum und vor allem: aus welchen Motiven heraus. Denn auch dem Umnachtetsten müsste inzwischen dämmern: Hier geht es ausschließlich um die Aufrechterhaltung eines anhaltenden Fehlalarms – und die Sirenen, die hier pausenlos schrillen, hätten bei Zugrundelegung derselben Alarmschwellen und Kriterien schon immer schrillen müssen; schon all die Jahre vor Corona, bevor man uns seit März 2020 einen Zustand als Menschheitskatastrophe verkauft hat, der jenseits seiner medialen und propagandistischen Inszenierung (und, wie wir heute sicher wissen, nach praktisch sämtlichen Parametern), von der vorherigen Normalität und der schon immer dagewesenen „Bedrohungslage“ nicht zu unterscheiden war. Bloß, dass anstelle des früheren rationalen Umgangs mit Lebensrisiken eine Hysterie getreten ist.

Zu denen, mit deren Name und Gesicht diese Entwicklung maßgeblich verknüpft ist, gehört – neben anderen zu Medienstars aufgestiegenen Hohepriestern dieser Pandemie – der Virologe Christian Drosten. Und wenn es auch gelegentlich etwas stiller um ihn wird: Man kann Gift darauf nehmen, dass sich dieser unselige Experte spätestens dann zuverlässig wieder zu Wort meldet, sobald auch nur ein Hauch von Freiheit, Öffnungen und Lockerung in der Luft liegt. Sobald es bergab geht und man den Karren ausrollen lassen kann, zieht er die Handbremse und hebt den mahnenden Zeigefinger.

Mit Dr. Drosten durch den Sommer

Der Mann, nach dessen eindrucksvoller Prophetie nicht nur im Frühjahr 2020 hunderttausende Beatmungspatienten die deutschen Kliniken hätten aus den Angeln heben oder uns aus Schwarzafrika im vergangene Sommer apokalyptische Bild „wie aus Hollywood-Filmen“ vom Wüten der Pandemie erreichen müssen, sondern der noch vor acht Wochen – kurz vor Ostern – einen Sommer 2021 mit 100.000 Neuinfektionen pro Tag heraufziehen sah: Dieser weise Weißkittel legt auch jetzt, angesichts abstürzender Inzidenzen, die Stirn in Falten und mahnt zu Umsicht – denn „der jetzige Zustand“ sei „eine der schwierigsten Phasen der Pandemie„. Welche Phase der Pandemie nach Drostens Logik dann eigentlich weniger schwierig gewesen sein, dieses Geheimnis behält er für sich: Wie auch für Karl Lauterbach ist für diesen Hof-Wirrologen des Bundesregierung immer Land unter – egal ob die Kurve abflacht oder am Scheitelpunkt steht.

Während die Sieben-Tage-Inzidenz weiter sinkt und erste Bundesländer flächendeckend zur „neuen Normalität“ zurückkehren (die zwar alle Kriterien einer Gesundheitsdiktatur beinhaltet – mit dem vollen Programm jederzeit widerrufbarer Grundrechte, legaler Diskriminierung Nichtgeimpfter-/Getesteter und zu datenschutzrechtlich alptraumhaften Bedingungen, jedoch zumindest einen Abklatsch der früheren Freiheiten verheißt): Da spricht sich Drosten sogleich wieder für ein möglichst „vorsichtiges politisches Handeln“ aus. Denn Vorhersagen würden angesichts zunehmender Impfungen immer schwieriger, weshalb die Politik „mit gewissem Augenmaß und gewisser Vorsicht“ auf Sicht fahren müsse, sagte er laut „n-tv“ bei einer Anhörung im Parlamentarischen Begleitgremium Covid-19-Pandemie des Bundestags.

Kein Zurück zur alten Normalität

Maßnahmen der Kontaktreduktion seien „wirksam„, doch keinesfalls solle man „zu viel auf einmal“ zurücknehmen, denn: „Das kann sonst zurückschlagen.“ Bei wieder steigenden Inzidenzen (die übrigens durch die jetzt wieder vermehrt notwendig werdenden Schnelltest zwangsläufig wieder steigen dürften) stelle sich künftig die Frage, „was das bedeutet„. Die Frage allerdings stellen sich viele, die Drosten in seinem NDR-Podcast und sonstigen Verlautbarungen zuhören und sich dabei durchaus bemühen, ihn noch ernst zu nehmen, schon lange.

Auf die Vorschläge von Experten, künftig weniger auf die Sieben-Tage-Inzidenzen und mehr auf Klinikeinweisungen wegen Covid-19 oder auf die Inzidenzen bei Menschen ab 60 Jahren zu blicken, hat Drosten eine erstaunliche Antwort parat: Krankenhausaufnahmen seien „nach seiner Kenntnis bisher nicht meldepflichtig„, deshalb solle in der Pandemiebewertung „erst bei einem größeren Schutz der Risikogruppen durch Impfung„, also nach dem Sommer, „beim Blick auf die Parameter einen fließenden Übergang“ eingeleitet werden. Wie bitte… Krankenhausaufnahmen sind nicht meldepflichtig? Wie konnte dann eigentlich die Politik all die Zeit wissen, wer überhaupt mit oder wegen Covid hospitalisiert wurde? Wurde hier nur grob geschätzt? Laut Drosten war das Fall: Bisher habe „die gemeldete Inzidenz die Krankheitslast sehr gut vorausgesagt„, sagt er wörtlich. Erstaunlich: Bei allen bisherigen Krankheiten errechnete sich die Krankheitslast nicht nach Labordiagnostik gesunder Getesteter, sondern nach Fallzahlen der ärztlichen Behandlung in Praxen und Krankenhausaufnahmen.

Aus Monaten werden Jahre – bis zur „Entwarnung“

Für Drosten, für den es vermutlich auch für die selbstempfundene Wichtigkeit und Gottesbegnadung, in dieser „time of his life“ als Virologe, eine schreckliche Vorstellung sein muss, dass er irgendwann wieder in der Versenkung seines Fachgebiets verschwindet, wenn diese hausgemachte globale Krise irgendwann verschwinden würde: Für ihn kann die Überwindung des Virus gar nicht langsam genug gehen. Bemaß sich sein Zweckoptimismus früher noch nach Wochen oder Monaten, so schiebt er jetzt das Ende der Pandemie auf Jahre hinaus. Dass sich das Virus „auf lange Sicht“ wie ein Erkältungsvirus verhalten werde und zu einem normalen Schnupfen werde (was es im Prinzip vermutlich, in der übergroßen Zahl der Fälle ebenso wie Influenza, immer war!), das sagte er schon letzten Sommer voraus; jetzt wiederholt er diese Aussage – allerdings ist sie jetzt plötzlich, trotz Impfung, eine Frage vieler Jahre: „In den kommenden zwei bis vier Jahren“ seien erst einmal nur „Übergangszustände“ zu erwarten, in denen das Virus „Impflücken nutzen“ werde. Irgendwann später soll es dann an Gefährlichkeit einbüßen. Bis dahin haben Drosten und seine Zunftbrüder vermutlich schon längst die nächsten pandemietauglichen Horror-Erreger identifiziert – und natürlich die passenden PCR-Tests zu ihrem Nachweis entwickelt.

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht lohnend, sich noch einmal Drostens gerade phänomenale Fehlprognose zur Schweinegrippe 2009 zur Gemüte zu führen: Damals warnte er eindringlich vor einer pandemischen Welle, rief „dringend“ zu Impfungen auf und appellierte an die Politik, unbedingt Maßnahmen zu ergreifen. Die tat nichts davon (und gut daran) – denn damals folgte die Bundesregierung noch rationalen Motiven, und ließ die Warnungen der Panikexperten ungehört verhallen. Zum Glück – denn diese erwiesen sich bei der Schweinegrippe als völlig überzogen und unbegründet. 11 Jahre später hatten Drosten & Co. dann mehr Glück – und die Katastrophe nahm ihren Lauf: Nicht durch das Virus, sondern durch die in seinem Namen betriebene, gesamtgesellschaftlich zerstörerische Politik. (DM)