Richard David Precht – die Sprechblase aus der Kanalisation des Kanzleramts

Precht beim Schwadronieren (Foto:Imago/Star-Media)

Ob die Handhabung der Corona-Krise oder die Exekution des Klimawahns: Vieles kann man kann der deutschen Politik ja vorwerfen – aber ganz sicher nicht einen Mangel an Alarmismus. Zunehmend bestimmen Hysterisierung und Ideologisierung das politische Geschehen und beherrschen nicht nur die öffentliche Debatten, sondern auch das Verwaltungshandeln bis in die kleinsten Verästelungen. Heruntergespielt und verharmlost werden allenfalls die Folgen einer ungezügelten Masseneinwanderung – doch in allen anderen gesellschaftlichen und öffentlichen Fragen dominiert das Prinzip Panik.

Einer, der natürlich auch hier wieder einmal den diskursiven Kontrapunkt einnehmen muss, ist der Lüneburger Honorarprofessor Richard David Precht: Er gibt sich vom genauen Gegenteil überzeugt und findet, die deutsche Politik neige „chronisch zur Beschwichtigung„. Precht behauptet dies nicht, weil er dafür überzeugende Argumente hätte – sondern weil er Gefallen daran findet, Extrempositionen zu vertreten, die sogar dem Mainstream zu gewagt erscheinen. Indem er der Regierung auf ihrer Geisterfahrt nicht etwa die falsche Richtung, sondern ein noch immer zu niedriges Tempo vorwirft, verspricht er sich möglicherweise durch eine Verfestigung und Aufpolierung seiner Rolle als TV-Philosoph und ÖRR-Mattscheibenintellektueller – denn wer konformismustaugliche Regierungspositionen vertritt und diese sogar noch für immer noch zu verhalten erklärt, der kommt in diesem politisch-medialen Regime besonders gut weg.

So zählen für Precht im „Focus„-Interview nicht etwa die sofortige Beendigung der Corona-Maßnahmen oder eine Rückkehr zur Realpolitik des Mach- und Durchsetzbaren zu den vordringlichen Aufgaben der Regierung; im Gegenteil: die beiden „größten Herausforderungen für die Republik“ sind für ihn „der Klimawandel und die Digitalisierung„. Es ist nichts, was man so nicht wortgleich auch von Merkels Regierungssprechautomat Steffen Seibert hören könnte – doch Precht ist eben „Philosoph“, folglich kann er seine wenig originellen, aber wohlfeilen Gedankenstränge mit deutlich mehr Gravität vorbringen.

Corona ist für Precht „nicht die Krise des 21. Jahrhunderts, als die der eine oder die andere die Pandemie gern darstellt„, denn: „Das Virus werden wir eindämmen„. Dagegen hätte das Land es mit dem Klimawandel und der Digitalisierung „noch viele Jahrzehnte zu tun„. Dass das Virus den Deutschen inzwischen weit weniger Sorgen bereitet als die durch das Virus der Unfreiheit angerichteten Langzeitschäden – Grundrechte nur noch unter infektiologischem Geltungsvorbehalt, autoritäre Freiheitseinschränkungen, Maskenpflicht – scheint Precht nicht weiter zu bekümmern. In seiner Abhandlung „Von der Pflicht – Eine Betrachtung“ mokierte er sich abfällig über die renitenten Deutschen, die sich schon über Nichtigkeiten wie Kontaktbeschränkungen und Maske so sehr aufregten, dass man sich fragen müsse, wie sie dann wohl erst auf spätere Eingriffe in ihre Autonomie reagieren werden.

Die Freiheit des Individuums als lästige Nebensache

Die Lust linker Gesellschaftsplaner und „visionärer“ Utopisten am angeblich unverzichtbaren, moralisch oder durch Sachzwänge gebotener Umbaumaßnahmen hat schon immer die Freiheit des Individuums missachtet und ignoriert – und auch ein Salon-Dampfplauderer wie Precht bildet hier keine Ausnahme, auch wenn er gegen die Tiefe eines Adorno oder Sartre geistig unterm Teppich Fallschirm springen kann. Doch das eitle Geplapper über die Welt von morgen klingt bei diesem nicht mehr ganz dichten Denker kein Deut anders, als wenn sich Angela Merkel oder Ursula von der Leyen beim digitalen WEF-Gipfel über Klaus Schwabs feuchte Träume vom Great Reset auslassen. Sie maßen sich Allwissenheit an und meinen die alternativlosen Notwendigkeiten verstanden zu haben, in deren Namen sie dann alles kurz- und kleinschlagen, was dieses Land einst großgemacht hat.

Als nützlicher Idiot propagiert Precht ganz im Sinne Merkels und ihrer globalistischen Mitstreiter die behauptete strukturelle Gleichartigkeit von Pandemie und Klimakrise: „Das Virus hat uns Menschen außerdem ganz sinnlich gezeigt, wie verletzlich wir am Ende sind… egal ob die Bedrohung Sars-CoV-2 oder Klimawandel heißt.“ Sinnlich? Ist dies nur eine weitere verunglückte Precht’sche Stilblüte, oder blanker Zynismus? So oder so: Im Zentrum steht das Primat des Staates, der angeblich überfällige Systemumbau – und ob die Lockdowns wegen fiktiver CO2-Grenzwerte oder 7-Tages-Inzidenzen über uns hereinbrechen, ist letztlich sekundär.

Auch die übliche Prise Kapitalismuskritik darf bei diesem Westentaschenphilosoph in seinen leichtverdaulichen Weisheitshäppchen nicht fehlen – und das Virus kommt ihm auch hier wie gerufen: „Einerseits dominiert uns noch das alte Credo ‚Wachstum um jeden Preis‘, andererseits diktiert uns die Vernunft, dass echte Nachhaltigkeit letztlich auch uns selbst rettet… Immerhin hat uns Corona da eine Art Bewusstseinsschub beschert: Plötzlich nehmen wir das alles mal wirklich ernst“, so Precht. Ein volkswirtschaftlicher Billionen-Schaden, an dem die Deutschen viele Jahrzehnte zu knapsen haben werden – die Vernichtung von hunderttausenden Existenzen und Unternehmen – eine beispiellose Staatsverschuldung – irreparable Schäden an psychischer und sozialer Gesundheit: das alles war also kein zu hoher Preis, damit die Menschen endlich einmal über die garstige Marktwirtschaft und Konsumgesellschaft reflektieren konnten? Mit derlei sozialistischen Affekten dürfte sich Precht endgültig als nächster Kanzlerratgeber – egal ob für Baerbock oder Laschet – empfohlen haben. Ebenso wie für eine Auslandsprofessur in Caracas oder Pjöngjang. (DM)