Der ganze Arm: Namibische Aktivisten fordern 477 Milliarden

"Es ist leicht, in einem Café in Friedrichshain zu sitzen und sich über die deutsche Kolonialzeit zu echauffieren."

So weckt man Begehrlichkeiten: Namibische Opferaktivisten und korrupte Politiker haben Heiko Maas‘ Angebot von 1,1 Milliarden Euro als »lächerlich wenig« bezeichnet und fordern nun stattdessen 477 Milliarden Euro von Deutschland. Warum Reparationen historisch falsch sind und Namibien politisch nur schaden werden, erklärt

Prof. Bruce Gilley, Portland State University

Zwischen 1904 und 1908 erhoben sich im damaligen Deutsch-Südwestafrika zwei kleinere Stämme zum Aufstand gegen den deutschen Kolonialstaat. Als die Rebellionen endeten, war die Bevölkerung der Herero durch Krieg, Exil, Hunger, Krankheit, Durst oder Lagerhaft um 75% von 80.000 auf 20.000 dezimiert. Die Bevölkerung der Nama wurde um 50% von 20.000 auf 10.000 reduziert.

Am 28. Mai bezeichnete die Bundesregierung diese Ereignisse erstmals als „Völkermord“ und versprach den 300.000 Mitgliedern (etwa 12% der namibischen Bevölkerung) der „betroffenen Gemeinden“ Hilfe in Höhe von 1,1 Milliarden Euro – das entspricht 3.666 Euro pro Person, oder ca. ein halbes Jahreseinkommen pro Person.

Ist es denn nicht richtig, dass sich die Bundesregierung für das verursachte menschliche Leid entschuldigt und Wiedergutmachung leistet?

Nur, wenn die deutsche Reaktion auf den Aufstand nicht gerechtfertigt war und die Taktik völkermörderisch war. Doch beides ist nicht zutreffend. Deutschland entschuldigt sich also für eine unbeabsichtigte und unvorhersehbare Tragödie.

Aber wird diese Geldflut den Menschen in Namibia nicht helfen? Das ist zwar ein separates Thema, aber auch hier lautet die Antwort: Nein. Die Art von Gießkannen-Reparationen, mit denen die Deutschen Namibia überschütten werden, wird die dortige Wirtschaft verzerren, Innovation und Selbstverantwortung untergraben, und Anreize für politische Aktivisten in anderen ehemaligen Kolonien schaffen, ihre Zeit und Energie der Erpressung ehemaliger Kolonialherren anstatt produktiveren Beschäftigungen zu widmen.

Zu den historischen Fakten:

Das Gebiet des ehemaligen Deutsch-Südwestafrika war lange vor der Ankunft der Deutschen ein gefährliches Land – voller Viehdiebe, Sklaventreiber und Krieg. Vor allem die Herero und Nama, die beide erst eine Generation vor den Deutschen einwanderten, hatten ständig gewaltsame und kriegerische Auseinandersetzungen wegen Weideland und Vieh. An einem einzigen Tag, am 23. August 1850, massakrierten die Nama ein Fünftel der Herero-Bevölkerung an einem Ort, der heute immer noch als „Mordkuppe“ bekannt ist.

Im Jahr 1886 wurden deutsche Soldaten Zeugen einer grausamen Schlacht zwischen Herero und Nama, nachdem die Nama versucht hatten, einen von Herero beanspruchten Brunnen in der Siedlung Osona zu erobern (ironischerweise heute Standort eines Berufsbildungszentrums der Namibia Water Corporation). Sobald die Schlacht beendet war, rückten die Deutschen an, um den überlebenden Verwundeten zu helfen.

Als die deutschen Siedler begannen, selbst Weideland zu suchen, waren die Herero allzugerne bereit, ihnen ihr Land zu verkaufen, und waren bereitwillige Partner der deutschen Siedler bei der Modernisierung der Landwirtschaft und, als Rohstoffe entdeckt wurden, beim Bau der Eisenbahn.

Den Nama fiel es weniger leicht, ihre Viehdieb- und Kriegerkultur aufzugeben. Schließlich streckte ihr Anführer Hendrik Witbooi 1894 die Waffen und erhielt ein deutsches Beamtengehalt. 1896/97 radierte eine Rinderpest-Epidemie die Hälfte der Rinderherden der Herero aus. Offizielle Hilfsmaßnahmen wurden von der deutschen Verwaltung ergriffen. Weit mehr als die späteren Ereignisse war diese Epidemie der Schlüsselmoment, der „die Totenglocke einer unabhängigen Herero-Gesellschaft“ läutete, wie der führende Herero-Experte Jan-Bart Gewald feststellte.

Zunächst schien die deutsche Kolonialherrschaft den Übergang der Einheimischen in die Moderne zu erleichtern. Herero-Führer Samuel Maherero, an einer deutschen Missionsschule ausgebildet und von deutschen Truppen an die Macht verholfen, handelte für sein Volk bessere Bedingungen für Landkonzessionen und Arbeitslöhne aus. Die gleiche vermittelnde Rolle spielte der Nama-Anführer Hendrik Witbooi, der seinem Volk das Christentum nahebrachte und sich selbst als eine Art Messias inszenierte.

Der deutsche Gouverneur von 1898, Theodor Leutwein, arbeitete sowohl mit Maherero als auch mit Witbooi zusammen, um den Landraub durch Siedler einzudämmen und die Einheimischen zu schützen. Die Probleme begannen, als um die Jahrhundertwende die Lebensmittel knapp wurden drohte.

Die deutschen Siedler ersuchten Berlin, schnellere Landnahme und mehr Ackerbau möglich zu machen. In den Jahren 1903-4 hob Berlin Leutweins Obergrenzen für den Landerwerb auf, die Zahl der Siedler wuchs auf 14.000.

Samuel Maherero war zu diesem Zeitpunkt Alkoholiker geworden, und so traten seine Stellvertreter auf den Plan, boten Herero-Land zum Verkauf an und füllten ihre eigenen Taschen. Dies erregte Neid und Unmut, und Maherero versammelte das Volk, um die Deutschen als Ursprung ihres Elends darzustellen.

Ende 1903 bemühten sich die deutschen Streitkräfte im Süden der Kolonie, die Ordnung wiederherzustellen. Da  erhoben sich die Rebellen, griffen Bauernhöfe und Missionarsstationen an und sabotierten Telegraphenkabel und Eisenbahnlinien. Zu den großen Massakern der Herero im Januar 1904 gehörten die mutwillige Zerstörung nicht nur deutscher Siedler, sondern auch überlebenswichtiger Landwirtschaft und Infrastruktur. Es waren keine Verteidigungskriege, sondern Vernichtungskriege.

Die deutsche Antwort darauf war angemessen robust und durchsetzungsfähig.

Um die Rebellion zu bekämpfen, schickte Berlin einen kriegserprobten Außenseiter, General Lothar von Trotha, der zuvor den blutigen Boxeraufstand in China bekämpft hatte. Kaiser Wilhelm II. entsandte von Trotha gegen den Rat seines Reichskanzlers, seines Kriegsministers und des Leiters der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt. Von Trotha befahl den Herero, die Kolonie in Richtung des benachbarten britischen Betschuanaland (heute Botswana) zu verlassen, wo sie seit 1896 willkommen gehießen wurden.

Der Nama-Anführer Witbooi wäre vielleicht friedlich geblieben, wenn ihm nicht ein afrikanischer Wanderprediger eingeredet hätte, dass die Niederlage der Herero ein Zeichen Gottes war, dass er unbesiegbar sei. Witbooi verblutete an einer Schusswunde. Die Nama ergaben sich 1907 unter Androhung eines ähnlichen Befehls.

Trothas Gewaltanwendung stand in keinem Verhältnis zur Bedrohung durch die Herero, war aber weder in Absicht noch in der Methode völkermörderisch.

In einem ausführlichen Werk aus dem Jahr 2018 argumentiert der Politikwissenschaftler Klaus Bachmann, dass der Kampf der deutschen Kolonialbehörden um die Wiederherstellung der Ordnung in Deutsch-Südwestafrika niemals der Definition des Völkermords genüge. Bachmann gibt der „irreführenden akademischen Agenda“ zeitgenössischer Akademiker die Schuld, die die Vergangenheit instrumentalisierten, um das heutige Deutschland anzugreifen. In den Überfällen, Deportationen und Verhaftungen, die nach der formellen Einstellung der Kampfhandlungen erfolgten, sah er jedoch einen klaren Völkerrechtsverstoß.

Von Trotha wurde gerügt, abberufen und seine Politik beendet. Wie Susanne Kuss der Universität Bern schlussfolgerte, entstanden seine Befehle „völlig unabhängig von irgendeiner bewussten Entscheidung für oder gegen eine Strategie des rassisch motivierten Völkermords“. Von Trotha, schrieb sie, „wollte keine Situation herbeiführen, in der die Herero durch negative äußere Einwirkungen einem langsamen Tod ausgesetzt sein würden.“ Seine Absicht war vielmehr, die Herero des Landes zu vertreiben und die Nama zu besiegen, die sich ergeben durften. Zu den Voraussetzungen für einen Völkermord zählen sowohl der Vorsatz wie die bewusste Entscheidung, eine bestimmte Volksgruppe auszulöschen, die in diesem Fall beide nicht gegeben waren.

Der Konflikt mit den Herero und Nama war für alle Parteien eine Tragödie. Er war einmalig, ungewollt und unvereinbar mit der restlichen deutschen Kolonialpolitik. Es war weder ein systematischer noch ein vorhersehbarer Aspekt des sonst ausgesprochen erfolgreichen und bis heute in den betroffenen Ländern beliebten deutschen Kolonialismus.

Als der Anführer der Herero Samuel Maharero 1923 starb, hielten die Herero ein deutsches Militärbegräbnis für ihn ab und gaben sich durch und durch als deutsche Reichsbürger. Offenbar hatten sie ihre politisch korrekten Marschbefehle von deutschen linksradikalen Akademikern nicht erhalten, die ihnen erklärten, sie sollten den deutschen Kolonialismus im Bausch und Bogen verurteilen und sich zu ewigen Opfern von Trothas erklären.

Erst als die Zeitzeugengeneration verstorben war, die von der „Gutmenschen-Enkelgeneration“ ersetzt wurde, gaben beide Gruppen ihren letzten Rest Eigenverantwortung auf und beschlossen stattdessen, vor US-Gerichten und auf deutschen Akademikerkonferenzen radikaler weißer Professoren Wiedergutmachung zu fordern. Auf diese Weise sollte sich die Geschichte der Herero und Nama fortan auf immer und ewig um den weißen Mann und seine Suche nach vermeintlicher moralischer Überlegenheit mittels Schuldkult drehen.

Warum sollte uns das aber interessieren? Wenn progressive und „woke“ Deutsche sich als moralische Bessermenschen durch das Anprangern angeblicher weißer Schuld und ritueller Bußhandlungen inszenieren wollen, wer sollte ihnen dies verbieten?

Es ist eine Frage der Einstellung. Die Tatsache, dass diese Art der moralischen Selbstverherrlichung den Namibiern schadet, von deutscher Wohltätigkeit abhängig macht, und ihr Gefühl der psychologischen Abhängigkeit als rituelles Opfer des weißen Mannes verstärkt, mag Einigen zu denken geben.

Für die Meisten sind diese Probleme jedoch weit weg. Da ist es doch leichter, in einem Café in Friedrichshain zu sitzen, selbstgedrehte Zigaretten zu rauchen und sich über die Sünden der deutschen Kolonialzeit zu echauffieren.

Aber erstens ist die historische Wahrheit wichtig, weil wir eine Lüge nicht leben können. Die deutsche Entschuldigung für angebliche Kolonialverbrechen beruht bestenfalls auf einer Verzerrung, schlimmstenfalls auf einer Lüge. Und es ist schlicht falsch, eine Lüge zu leben.

Und zweitens macht es Deutschland zu einem schlechten entwicklungspolitischen Vorbild, indem es selbstverliebte „Bewältigungspolitik“ vor effektive Hilfe stellt.

Wenn Deutschland dieser organisierten Erpressungsmafia angeblicher Kolonialismus-Opfer im Bunde mit radikalen anti-deutschen Akademikern nicht Nein sagen kann, was ist dann erst mit Frankreich, Portugal, Großbritannien und den Niederlanden, und ihre viel längeren und größeren Kolonialreichen?

Video: Gilley: Warum die deutsche Entschuldigung an Namibien ein Fehler ist (auf Deutsch)

»Verteidigung des deutschen Kolonialismus« von Bruce Gilley ist im Manuscriptum Verlag erschienen.