Dunkeldeutschland: Die „Zeit“ – Fachblatt für Umnachtungen aller Art?

Verlagsgebäude und Logo der Wochenzeitung DIE ZEIT in Hamburg. - Foto: Imago

Eine kleine Zitatesammlung aus drei „Zeit“-Artikeln der vergangenen Tage, die veranschaulicht, wie übertriebener Intellektualismus zu pietistischer Zivilreligiosität in der intellektuellen Umnachtung werden kann. Die Erschütterung.

von Max Erdinger

Daß die sogenannte vierte Gewalt in Deutschland großteils zur vierten Gewaltlosigkeit mutiert ist, wird häufiger beklagt. Das Wort „Lügenpresse“ ist auch nicht populär geworden, weil sich finstere Gestalten überlegt hätten, wie sich die „Qualitätspresse“ am besten verleumden läßt. Vielmehr ist das Wort „Lügenpresse“ Resultat der Beobachtung, daß sich deutsche Medien – durchaus ehemalige „Qualitätsmedien“, bei denen sich vor dem Auftauchen des Wortes „Lügenpresse“ niemand veranlaßt gesehen hatte, sie auch so zu bezeichnen, weil Qualität ohnehin stillschweigende Voraussetzung gewesen ist – zu „Hofberichterstattern“ der Macht entwickelt haben. Die Macht wiederum haben „Hypermoralisten“ gekapert, denen jeder Sinn für Pragmatismus und weltanschauliche Neutralität abhanden gekommen ist. Journalisten wurden bei ihrem Paarlauf mit der Macht zu hypermoralistischen Aktivisten, – das Wort „Qualitätsmedien“ kam erst als Reaktion auf den populär gewordenen Begriff „Lügenpresse“ auf. Der Lügner wiederum unterscheidet sich vom einfachen Quatschkopf dadurch, daß er genau weiß, wie er seine Lüge präsentieren muß, damit sie nicht sofort als eine solche identifiziert wird.

Es gibt ein Extrembeispiel dafür, wie das aussieht, wenn die Presse z.B. das Wort „Klimawandel“ (stillschweigend: menschengemacht) bewirtschaften will. Im Januar 2020 gab es im „Focus“ einen Artikel zur Aisch. Das ist ein Fluß in Mittelfranken/Bayern. Im Quellgebiet der Aisch hatte eine Firma, die Gips abbaut, einen der unterirdischen Zuflüsse der Aisch angegraben, so daß die Gipsgrube mit Wasser vollgelaufen ist. Resultat: Die ersten 200 Meter dessen, was dort bereits „die Aisch“ heißt – und nicht „Zufluß der Aisch“, obwohl im weiteren Flußverlauf noch andere Zuflüsse dazukommen – war plötzlich ohne Wasser. Das wurde im Artikel auch zutreffend so beschrieben. Bereits einen Kilometer flußabwärts war die Aisch so voller Wasser wie immer. Seit das Gipsgrubenmalheur wieder behoben ist, sind auch die ersten 200 Meter dieses einen Zuflusses wieder normal. Dennoch lautete die Schlagzeile im Januar 2020: „Wegen Klimawandel? Fluß in Bayern ausgetrocknet und verschwunden.„. Das Kalkül: Wer sich, beispielsweise in Ostfriesland oder in der Lausitz, nicht sonderlich dafür interessiert, was in Mittelfranken passiert, der wird zwar den Artikel nicht lesen, aber die „Message“ aus der Schlagzeile bleibt hängen. Die nimmt er beim Surfen im Internet auf jeden Fall wahr, ob er den Artikel dann liest oder nicht. Realität ist allerdings auch im Januar 2020 gewesen: Die Aisch war keinesfalls „ausgetrocknet und verschwunden“. Vielmehr ist sogar der Flutgraben der Aisch mit Wasser voll gewesen. Das heißt: Obwohl man beim „Focus“ – wie der Artikel beweist – ganz genau wusste, daß in Bayern eben kein Fluß „ausgetrocknet und verschwunden“ gewesen war, wählte man dennoch eine solche Schlagzeile. Hauptsache, das Wort „Klimawandel“ konnte untergebracht werden. Selbst dann, wenn das Wort „Lügenpresse“ eine Verallgemeinerung darstellen sollte, – in diesem Fall beschreibt es haargenau das, wozu sich der „Focus“ mit dieser Schlagzeile selbst degradiert hatte. Auch, wenn „Lügenpresse“ eine Verallgemeinerung darstellt: Ein Einzelfall ist die „Klimawandel & Austrockungsgeschichte“ im „Focus“ nicht.

Perfide daherlügen

Eine besonders perfide Methode, eine Lüge zu verstecken, ist es, Interviews abzudrucken, bei denen die Lüge bereits in der Frage enthalten ist, ohne daß das bemerkt wird, weil die Frage oberflächlich auf etwas ganz anderes abzielt. Hier ein Beispiel aus diesem „Zeit“-Interview mit Monika Schnitzer, ihres Zeichens „Lehrende“ für „komparative Wirtschaftsforschung“ an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Es ging um Innovationen, ihre Sinnhaftigkeit resp. Sinnlosigkeit im Angesichte der „Klimakrise“. Zwei stillschweigende Voraussetzungen: 1. – Es gibt eine Klimakrise und 2. – sie ist menschengemacht. Darauf bauend dann die Frage von „ZEIT-Online“ an die komparativ Wirtschaftsforschende: “ (…) Sollte ein Staat in Zeiten der Umweltkrise versuchen, das Denken stärker zu lenken – damit weniger Unsinn erfunden wird und mehr Dinge, die bei wirklichen Problemen helfen? (…)“ – Transportiert wird hier also nicht nur die Frage, ob der Staat das Denken stärker lenken sollte, damit weniger Unsinn erfunden wird, sondern transportiert wird viel mehr die implizite Behauptung, daß „der Staat“ überhaupt die Erfindung von Unsinn verhindern könne. Was jeweils erfundener „Unsinn“ sein soll, kann man hier dahingestellt sein lassen. „ZEIT-Online“ unterstellt ganz einfach, daß es eine intellektuell überlegene Entität namens „Staat“ gibt – und baut dann diese Unterstellung in eine Frage ein, die auf etwas ganz anderes abzielt: Ob der solchermaßen überlegene Staat etwas regulieren sollte.

Wer auf eine solche Frage antwortet (der Staat sollte, resp. er sollte nicht), hat bereits eine ganze Reihe von unbewiesenen Behauptungen als wahr akzeptiert. Er hat akzeptiert, daß der Klimawandel eine Krise sei, die menschengemacht ist, daß angesichts dessen auch noch Unsinn erfunden wird – und daß „der Staat“ trotz der Tatsache, daß er selbst ebenfalls aus nichts anderem als Menschen mit einem menschlichen Denkvermögen besteht, auf mysteriöse Weise ein dem einzelnen Menschen überlegener „Durchblicker“ sei. Da fehlt nur noch die nächste Perfidie, eine, die ebenfalls Mode geworden ist: Die „Wie“-Frage. „Wie stark sollte der große Durchblicker sich zum Vormund von Erfindern aufspielen?“ – Analogien gäbe es zuhauf: Wie beliebt ist Angela Merkel? Wie gefährlich ist die AfD? Wie weit rechts ist jouwatch? Wie geil ist das denn? – Alle diese pseudoneugierigen Fragen sind nichts anderes, als mit einem Fragezeichen versehene Behauptungen, die über das „wie“ als Behauptungen unkenntlich gemacht werden. Die Behauptungen sind hier: Angela Merkel ist beliebt. Die AfD ist gefährlich. jouwatch ist rechts. Es ist geil. – Die ubiquitäre „Wie“-Fragerei ist eine perfide Methode, eine Lüge zu verstecken.

Rotzfrech daherlügen

Ein Beispiel aus einem anderen „Zeit„-Artikel der vergangenen Tage. Es wurde wieder einmal mit der üblichen Obsession „der Feminismus“ zelebriert. Anlaß war ein „Stern“-Artikel, der vor fünfzig Jahren mit einem Bekenntnis zur damals noch verbotenen Abtreibung für Furore gesorgt hatte. Namhafte Frauen bekannten damals, zusammengefasst in der Schlagzeile „Wir haben abgetrieben“, daß sie gegen das Gesetz verstossen hatten. Ihr damaliges Bekenntnis gilt bis heute als großartiger feministischer „Befreiungsschlag“ gegen die bösen Unterdrücker aus dem Patriarchat.

Im gegenständlichen „ZEIT“-Artikel des Jahres 2021 kommen verschiedene Frauen zu Wort, darunter eine Frau Ute Gerhard, die dem Leser als Soziologin und Juristin vorgestellt wird. Ute Gerhard wird folgendermaßen zitiert: „Es war ja zuvor tatsächlich einiges erreicht worden, die Geschlechterforschung wurde an den Unis zunehmend ausgebaut, 1994 wurde der Artikel 3 des Grundgesetzes um den Satz ergänzt, der Staat sei dazu verpflichtet, die Gleichberechtigung von Mann und Frau tatsächlich herzustellen und nicht nur zu fördern.“ – und wenn eine solche Einlassung nicht Dummheit ist, dann ist sie eine rotzfreche Lüge. Der entsprechende Satz in Art. 3 des Grundgesetzes lautet nämlich so: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ – Abgesehen davon, daß sich der Staat eben nicht verpflichtet, die „Durchsetzung der Gleichberechtigung“ herzustellen, wie die Soziologin und Juristin zu behaupten beliebt, – weil es evident auch 1994 dabei geblieben ist, daß er die „tatsächliche Gleichberechtigung“ resp. deren „Durchsetzung“ lediglich „fördert“ -, wird die völlig aus dem Blauen heraus getroffene Behauptung etabliert, daß die „tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung“ noch immer etwas mit „Gleichberechtigung“ zu tun habe. Das ist falsch.

Wer die Gleichberechtigung „durchsetzt“, anstatt sie zu „fördern“, der schafft die Gleichberechtigung als ein je individuelles Recht auf Chancengleichheit ab – und ersetzt sie durch einen totalitären Top-Down-Prozess, der auf kollektive Ergebnisgleichheit abzielt und deshalb folgerichtig auch „Gleichstellung“ genannt wird. „Gleichberechtigung“ und „Gleichstellung“ bezeichnen zwei grundverschiedene Sachverhalte. Mitnichten verpflichtet Art. 3 Grundgesetz den Staat, Gleichstellung zu betreiben. Vielmehr verpflichtet Art.3 den Staat, die „tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung“ zu fördern. Das bedeutet, daß er Sachverhalten entgegenzuwirken hat, die eine je indivuelle Frau daran hindern, ihr Recht auf Chancengleichheit wahrzunehmen. Daß „Gleichstellung“ außerdem nie und nimmer darauf abzielt, eine ohnehin illusorische „Geschlechtergleichheit“ herzustellen – auch, wenn das gern behauptet wird – liegt auf der Hand. Männer können beispielsweise nicht „Gleichstellungsbeauftragter“ werden. Und noch keine Gleichstellungsbeauftragte hat jemals gefordert, daß genau so viele Chefärztinnen Krankenpfleger zu heiraten hätten, wie umgekehrt Chefärzte Krankenschwestern. Noch keine Gleichstellungsbeauftragte jemals hat gefordert, die ohnehin wenigen geschiedenen Mütter, die den sorgeberechtigten Vätern ihrer Kinder Unterhalt schuldig bleiben, mit derselben Härte zu verfolgen, mit der sie das im umgekehrten Fall sehr wohl tun. Noch keine Gleichstellungsbeauftragte hat je gefordert, bei Rentenbezügen von Frauen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, ihre signifikant höhere Lebenserwartung zu berücksichtigen. „Gleichstellung“ ist erstens mitnichten von Art. 3 Grundgesetz gefordert, und zweitens wäre sie sowieso nichts anderes als ein Euphemismus für „rigorose und systematische Frauenbevorzugung“. Abgesehen davon ist das ubiquitäre Gleichheitsgefasel generell realitätsfremd und negiert die Weisheit hinter der alten Volksweisheit, daß Träume nichts weiter als Schäume sind. Es gibt keine Gleichheit, die etwas anderes wäre, als eine utilitaristische Arbeitshypothese zur Standardisierung und Vereinfachung verwaltungstechnischer Vorgänge. Es regiert und verwaltet sich einfach leichter, wenn man Gleichheit als unumstößliche Gewißheit behauptet. Wenn eine Soziologin und Juristin also unwidersprochen in der „Zeit“ behauptet, Art. 3 des Grundgesetzes verpflichte den Staat, Gleichberechtigung „herzustellen“, obwohl er die bereits im ersten Satz des entsprechenden Artikels explizit als Gegebenheit verfügt hat, dann ist das einfach rotzfrech gelogen. Wäre es anders, müsste man sich fragen, wer außer Frau Ute Gerhard etwas davon haben soll, daß sie als Juristin durchgeht. Der „Zeit“ kommt aber „so eine“ gerade recht. Sie bedient eben das gewünschte Indoktrinations-Narrativ.

Saudumme Lügen

In einem weiteren „Zeit„-Artikel geht es um einen 19-jährigen FFF-Aktivisten im sächsischen Zwickau. Zwickau? – Au weh, zwick. Das ist doch bestimmt wieder eine dieser Städte bei den falsch sozialisierten Ostdeutschen, die unter Demokratiegesichtspunkten keine Ahnung von Tuten und Blasen haben? Und dann das, schon im Teaser des „Zeit“-Artikels: „Vor zwei Jahren gründete Jakob Springfeld in Zwickau eine Fridays-for-Future-Ortsgruppe. Damals ahnte er nicht: Wer hier fürs Klima kämpft, wird auch von Nazis bedroht.“ – Einmal dahingestellt, was nach Lesart der „Zeit“ wohl ein Nazi sein soll – es gibt sowieso den begründeten Verdacht, daß für die „Zeit“ praktisch jeder:in „Nazi“ ist, der sich die Hirnwindungen nicht mit Gender – & Rassismusschnack, Feminismen und Ökologismen zukleistern lassen will -, fragt man sich, ob die Ablehnung, die der brave Klimaaktivist in seiner Heimatstadt erfährt, tatsächlich dem Umstand geschuldet sein kann, daß er sich dem Schutz des Klimas verschrieben hat. Entschuldigung: „Weltklima“ wollte ich geschrieben haben. Und „Weltklimawandelkatastrophe, original menschengemachte“, auch.

Es könnte sein, daß der junge Mann da, wo er laut „Zeit“ von lauter Nazis umzingelt ist, einfach als „linke Bazille“ gilt – und zwar mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der die anderen für ihn die „Nazis“ sind. Es ist darüber hinaus definitiv so, daß auch der junge Klimaaktivist aus Zwickau im Notfall auf die Solidarität linksextremistischer Schlägerbanden gegen rechts zählen kann. Noch liegt Zwickau selbst für die „Zeit“ nicht auf einem anderen Planeten. Auch in Zwickau wird der grüne Weltenretter nicht gleich zum Einsiedler.

Der löbliche FFF-Aktivist aus Zwickau sei 19 Jahre alt, heißt es in der „Zeit“. Bedroht werde er. Man wisse, wo er wohnt, lasse man ihn wissen. Die hohe Kunst der investigativen Herausfinde zum Zwecke des Psychoterrors. Jedenfalls war der Gute 17, als er die örtliche FFF-Gruppe gründete. Er wird schon gewußt haben, wie es in Zwickau zugeht, sollte es dort tatsächlich so zugehen, wie die „Zeit“ meint. Meistens ist aber nichts so, wie die „Zeit“ meint, glauben machen zu sollen.

Interessante These: In der Religion ist der Märtyrer hilfreich bei der Förderung der allgemeinen Gläubigkeit. Bei der zivilen Klimareligion scheint man es für sicherer zu halten, bereits den Märtyrer in spe heilig zu sprechen, lange bevor er gräßlich zu Tode gefoltert wird. Lebendige Märtyrer sind hip und „irgendwie menschlicher so“, sagt man „jetzt mal“. Und klug sind die Zivilreligiösen auch. Endlich haben sie begriffen, daß der Märtyrer zu seinen Lebzeiten überhaupt nichts von seinem gräßlichen Tod hat, und daß es krass ungerecht ist, wenn einer mit seinem Leben für etwas bezahlt, von dem er selbst nichts -, die Anderen aber alles haben. Da wird der 19-jährige Klimaaktivist in Zwickau noch zum Gladiator, bevor er als Märtyrer endet. Jedenfalls in der „Zeit“.

Man stelle sich das vor: Ein junger Mensch in der Blüte seiner Jahre, noch keine zwanzig, will für die Rettung des Weltklimas aktiv werden. Weil das Weltklima weiß-der-Kuckuck-wovor gerettet werden kann, wenn nur alle, alle „die Menschen“ brav mitmachen. Und dann wissen diese Nazis, wo ein solches Juwel von Mensch wohnt. Das bedeutet, daß man als Klimaaktivist sogar in Zwickau eine Wohnung bekommt. Ergo: Zwickau ist eine tolerante, bunte und weltoffene Stadt, in welcher zu Friedenszeiten vermutlich sogar dann freudig Eierkuchen gegessen werden würde, wenn ein x-beliebiger Klimaaktivist eine Wohnung vermietet bekäme, obwohl er schwul ist und „auch von Nazis“ bedroht wird. Steht oben so zu Zwickau: „Wer hier fürs Klima kämpft, wird auch von Nazis bedroht“. – Von wem noch?

Es ist so: Überall in Deutschland werden Verstand und Freiheit von dünkelhaften Klima-, Viren – und Weltrettern bedroht. Auch in Zwickau.