Ein Albtraum: Das deutsche Renten-Desaster

Obdachlose in Deutschland (Foto:Imago/Willikonsky)

Durch ein erschütterndes Telefonat mit einem alten Freund gestern Abend wurde mir klar, daß einige Altersversorgungs-Konzepte mit rasender Geschwindigkeit auf den Abgrund zusteuern.

Von Barbara Wölbet

Es trifft ehemals wohlhabende Selbständige und Rentner in Seniorenresidenzen in den Großstädten. Sie haben vor ein paar Jahren ihre Häuser verkauft und sich in die Residenzen mit betreuten Wohnen eingemietet. Mit zunehmender Gebrechlichkeit werden aber nun die Nebenleistungen immer höher und aus monatlich ca 4.000€ werden 6.000€ und mehr für ein Ehepaar. Höhere Einnahmen aus Pflegegraden fangen das nicht auf. Das Geld kommt seit Jahren nicht mehr wie anfänglich berechnet, aus der Verzinsung des Kapitals für die verkaufte Immobilie. Tatsächlich wurde durch die Nullzins- und Steuer-Politik seit Jahren die Kapital-Substanz aufgezehrt. Eine grausige Situation. Das Kapital aus dem Immobilienverkauf geht nun kurzfristig zu Ende. Alternativen gibt es nicht. Bleibt da wirklich nur noch der Freitod für die Bewohner und für die teuren Residenzen mangels zahlungsfähiger Bewohner letztlich die Abwicklung oder können Pensionäre mit „sicherem Einkommen“ aus Politik und Beamtentum das Konzept noch auffangen?

Alternative Anlagen, die Zinsen bringen, gibt es nicht mehr

Zu den Hauptgründen für diese Entwicklung zählt die Geldpolitik der Notenbanken, für Deutschland die der EZB. Nachdem aus der Finanz- erst eine Banken- und schließlich eine Staatsschuldenkrise geworden war, sprangen sie für eine überforderte Politik in die Bresche und sorgten mit beispiellosen Zinssenkungen unter die Nulllinie und einer billionenschweren Liquiditätsflut dafür, dass die Schuldenlast -besonders die der südeuropäischen Länder- gerade noch so tragbar blieb.

Doch was diese Staaten weniger an Zinsen zahlen müssen, entgeht seither den Sparern der bisher wohlhabenden EU-Länder. Für Deutschland summierten sich ihre Verluste nach einer Berechnung der DZ Bank zwischen 2010 und 2020 auf 732 Milliarden Euro. Deutschlands Finanzministern hingegen bescherte der Zinsschwund eine Ersparnis von 140 Milliarden Euro.

Was für ein Hohn, dass Außenminister Heiko Maas ausgerechnet den Ex-EZB-Präsidenten Mario Draghi – der für diese Nord-Süd-Umverteilung sorgte – für das Bundesverdienstkreuz vorschlug.

Dass, wer geringere Budgets hat, stärker unter dieser Entwicklung zu leiden hat, liegt vor allem an der Entwertung sicherer, festverzinslicher Anlagen. Sparbuch, Tagesgeld, Staatsanleihen – nach Abzug der Inflation wird das Geld in diesen Anlageformen regelrecht aufgefressen, wenn nicht, wie immer häufiger bei Einlagekonten, das Kapital eh schon mit den Minuszinsen belegt ist, die die EZB an die Geschäftsbanken weiterreicht.
All die Geschäftsmodelle, die sich an die traditionellen Sparer wandten, stehen jetzt dank Draghis Politik der Negativzinsen vor dem Aus: Banken möchten Kunden, die noch lukrative Bausparverträge und Lebensversicherungen laufen haben, loswerden, denn sie können ohne Zins nicht mehr vernünftig wirtschaften. Auch für die Riester-Rente, auf die Millionen von Sparern all ihre Hoffnung für eine sichere Altersvorsorge gesetzt hatten und die tatsächlich auch viele Einkommensschwache erreicht hat, bleibt wohl nichts als die Abwicklung. (Herr Riester hat das übrigens so weder gewollt noch konzipiert.)

Momentan sind die Profiteure der EZB-Politik – neben dem Staat – vor allem all jene, die jetzt noch ihr Geld in Sachwerten haben, denn dorthin flossen Billionen, die nach den Ideen der Notenbanker eigentlich die Konjunktur hätten ankurbeln sollen. Das trieb die Immobilienpreise. Dazu zählen neben Aktien auch Edelmetalle und trotz der jüngsten Turbulenzen Kryptowährungen wie Bitcoin etc.

Auch Riester Profiteure wie Maschmeyer springen bereits auf andere Geschäftsmodelle auf, die erneut nur einen Gewinner haben werden!

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Auffällig auch die vielen Teilverkaufsangebote an Rentner die Noch-Immobilien-Eigentümer sind und die dazu anregen sollen, das Kapital zu verbrauchen. Auch diese Konzepte rechnen sich nur für die Anbieter. Wen wundert es, dass neben Engel & Völkers auch türkisch/arabische Investoren auf diesen Zug aufspringen.

Immobilien in begehrten Lagen stiegen in den vergangenen Jahren so stark im Preis, dass sie für immer mehr junge Menschen praktisch unerschwinglich geworden sind.
Damit trägt die Geldpolitik der EZB in erheblichem Maß dazu bei, die Gesellschaft zu spalten in jene, die nun etwas besitzen, was immer weiter im Preis steigt und Menschen, die vor einigen Jahren auf Konzepte setzten, die damals Sinn machten, deren Kapital nun aber aufgebraucht ist. Dieser Gruppe werden sich in Kürze die Immobilien-Teilverkäufer anschließen.

Dazu kommt ein Heer an Mittellosen, die kaum mehr – auch nicht mit harter Arbeit – eine Aussicht haben, je auf einen grünen Zweig zu kommen.

Doch auch für die vermeintlichen Profiteure des atemberaubenden Paradigmenwechsels der Geldordnung ist die Lage nicht rosig, denn auch wer heute noch Pluszeichen in seinem Onlinedepot betrachtet oder im Geiste jedes Frühjahr die steigenden Bodenrichtwert seiner Immobilie mit der Quadratmeterzahl seines Grundstücks multipliziert und sich gut fühlt, darf sich sicher sein: Diese Entwicklung steuert auf den Abgrund zu.

In der Hoffnung auf Ideen und Lösungen für diese Auswirkungen einer katastrophalen Finanzpolitik.

Barbara Wölbet