Höchst brisant: Sprachliches Sichtbarkeitsvoodoo

Die Vergewaltigung der Sprache durch Gendern als Brandbeschleuniger gesellschaftsverändernder Maßnahmen / von Nicole Höchst

Die etwas seltsame Politik der Unsichtbarmachung ist ein Fimmel der Regentschaft Merkel: „Sichtbarkeit“ – in Abgrenzung zur oder „Unsichtbarkeit“ – stellt ein Hauptkriterium dar, die es in Deutschland braucht, um in irgendeiner Form an der Gesellschaft teilhaben zu können. Der „Unsichtbarkeit“ wird gleich auf mehreren Ebenen entgegengetreten. So zum Beispiel müssen Frauen per Quote als Kanzlerkandidatinnen, in Vorstandsetagen und Parlamenten „sichtbar“ gemacht werden. Und, wie ich nachfolgend noch ausführen werde, natürlich auch sprachlich.

Die AfD-Fraktion und all ihre Standpunkte in den Parlamenten werden hingegen so unsichtbar wie irgend möglich gemacht – wohl in der Hoffnung, auf diese Art und Weise die reale Existenz der Alternative für Deutschland und die Berechtigung ihrer Standpunkte auszublenden. So verwehrt man uns nachhaltig den uns laut Geschäftsordnung zustehenden Bundestagsvizepräsidenten-Posten sowie den Zutritt zu allen möglichen Gremien und Kuratorien genau zu diesem Zweck; frei nach dem Motto, „was ich nicht seh‘, ist auch nicht da.“

Natürlich funktioniert dieses Ausblenden und Unsichtbarmachen in Teilbereichen. Es führt aber in Gänze gerade nicht dazu, dass die AfD tatsächlich „nicht da“ ist. Schon kleine Kinder lernen früh: Selbst wenn sie sich ganz fest die Augen zuhalten und nichts mehr von der Welt um sie sehen, sind sie doch immer noch Teil dieser realen Welt – und selbst für andere sehr wohl sichtbar. Der Versuch, die AfD mittels Realitätsverweigerung weiterhin unsichtbar machen zu wollen, ist lächerlich – und bereits vollumfänglich gescheitert.

Untaugliche Realitätsausblendung

Der deutschen Sprache wohnt der Luxus inne, selbst im nicht-gegenderten Modus, alle Geschlechter unter einem „mitmeinen“ zu können und so eine sprachliche „Inklusion“ zu ermöglichen. Wie funktioniert das? Über das generische Maskulinum oder Femininum. Das generische Maskulinum ist erst seit der Deutungshoheitsübernahme der männerhassenden, letztlich allesamt dem (Kultur-)Marxismus zuzuordnenden Feministinnen zu einer toxischen Sauerei geworden, bei der diese Frauen eben nicht mitgemeint sein WOLLEN.

Bis zum Zeitpunkt der so einseitig aufgekündigten sprachlichen und kulturellen Vereinbarung des sprachlichen Mitgemeintseins war Gleichberechtigung auch ohne permanente Betrachtung und sprachliche Abbildung des Geschlechts, vor der Gleichsetzung von Genus und Sexus möglich. Eigentlich waren sich im Zuge der Emanzipation doch alle einig: Keine Frau sollte mehr aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Der Sexismus wurde besiegt, alle kommunizierten und interagierten unentwegt miteinander. Im Idealfall war diese Kommunikation von gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Achtung geprägt, von Zuhören und Austausch.

Wir waren kulturell einigermaßen homogen geprägt und unsere schöne deutsche Sprache, die der Dichter und Denker, der Erfinder und Ingenieure, vereinte alle Sprachnutzer in sprachlich und kulturell ganz grundsätzlichem Mitgemeintsein. Sprache war bislang eine Vereinbarung zur Verständigung von Menschen im selben Kultur- und Lebensraum. Bislang waren ALLE Menschen im generischen Maskulinum per se mitgemeint. Sprache war das Transportmedium für verbale Botschaften. Hierbei ging es grundsätzlich um Inhalte, explizite wie implizite.

Sprache nicht mehr zur Botschaftsübertragung, sondern als Gesinnungssignal

Diese Vereinbarung wird seit einigen Jahren jedoch allzu einseitig mit einer Vehemenz aufgekündigt, die verstört. Die ihrer Meinung nach sprachlich zu „unsichtbaren“ Feministinnen möchten sprachliche Sichtbarkeit über das bloße Mitgemeintsein im generischen Maskulinum hinaus erreichen. Sie möchten (ich überspitze hier ein wenig, aber weiß Gott nicht viel!) mit aller Gewalt, dass sich unsere Sprache permanent ihrer Vulva annimmt. Gendersternchen, Unterstriche, Schrägstriche und Binnen-I’s sind morphologische Ausprägungen weiblicher Genitalien, die wir durch Aussprechen würdigen und sichtbar machen sollen. Wenn das kein Schweinkram und vor allem „Positivsexismus“ ist?

Auch Nele Pollatschek schreibt in ihrem Gastbeitrag im „Tagesspiegel„: „Deutschland ist besessen von Genitalien. Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer. Wer will, dass Männer und Frauengleich behandelt werden, der muss sie gleich benennen.“ Die Autorin beklagt, dass das Gendern sich für sie anfühle, als würde sie angeschaut und bei der Anrede auf ihr weibliches Geschlecht reduziert.

Ihr komme es vor, wenn sie jemand „Schriftstellerin“ nennt anstatt „Schriftsteller“, als würde sie derjenige mit ihrem Genital ansprechen. Dem kann ich mich nur vollumfänglich anschließen! Frau Pollatschek behauptet, dass es nur einen wirklich guten Grund gibt, nicht zu gendern – und der ist nicht die schwierige Aussprache, nicht die ganzen komischen Schreibweisen, nicht die Verrenkungen zum Zwecke der „Sichtbarkeit“ in der Gebärdensprache. Sondern es ist der, dass Gendern sexistisch ist – und damit trifft die Autorin den Nagel auf den Kopf.

Positivsexismus durch Gendern

Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Die „sexuelle“ Information ist so wichtig, dass sie immer miterwähnt werden muss. Und wir sagen damit: Nur diese Information zur Identität ist es wert, immer dazugesagt zu werden. Damit machen wir das Geschlecht zur wichtigsten, ja einzigen Identitätskategorie vor allen anderen. Und wir machen das Geschlecht gleichzeitig sprachwissenschaftlich zur wichtigsten Information – per krampfhafter künstlicher Hervorhebung. Es entsteht so der Eindruck, dass wir kognitiv und sprachlich, ausgehend vom Gedanken der Gleichberechtigung, in eine permanente Hervorhebung und Überbetonung des weiblichen Geschlechts geführt werden sollen.

Ganz nebenbei nehmen wir damit, angeführt von den selbsternannten Deutungshoheits-Innehabern der Interpretationseliten, nicht nur eine neue positive und sexistische Geschlechterdiskriminierung zum Nachteil von Männern vor. Sondern wir machen erkenntnismäßig auch einen Salto Mortale zurück in die Voraufklärungsepoche. Nicht mehr „Cogito, ergo sum“ – ich denke, also bin ich – macht uns länger als Menschen aus, sondern „Visibilis sum, ergo sum“: Ich bin sichtbar, also bin ich.

Und genau die Begründung, dass Frauen, reduziert auf ihre Vulva, sprachlich sichtbar sein möchten und müssen, öffnet ein Einfallstor für weitere Sprachverrenkungen zum Zwecke der Sichtbarmachung anderer, sich benachteiligt, da sprachlich unsichtbar gemachter (oder sich so fühlender) Gruppen. Was, wenn sich plötzlich niemand mehr mitgemeint fühlen möchte? Was, wenn die nächste mächtige Lobbygruppe Einlass durch diese Bresche in die sprachliche Sichtbarkeit begehrt? Sagen wir zum Beispiel, die Behindertenverbände begehren sprachliche Sichtbarkeit durch einen ähnlichen sprachlichen Klimmzug.

Sprachliche Klimmzüge für jede „Identität“?

Oder die Anhänger unterschiedlicher Glaubensrichtungen, die jeder für sich wieder einen anderen, ganz speziellen sprachlichen Klimmzug analog zum Gendern fordern. Und danach die einzelnen Berufsgruppen. Bis hin zu den Menschen, die an einem gewissen Punkt finden, dass jetzt auch die Kinder eine eigene, ganz spezielle Sichtbarkeit mittels einer ganz speziellen Eigenheit bekommen müssen. Oder überhaupt alle identitätsstiftenden Kategorien, die irgendwie einen Anspruch formulierten könnten.

Was, wenn sie plötzlich ALLE finden, dass sie zu wenig „sichtbar“ sind? Schließlich hat doch jeder das Recht, „mitgemeint“ zu sein!

Wenn man mit dieser Sprachvergewaltigung erst einmal beginnt, dann muss man sie auch bis in die letzte Konsequenz, ad infinitum durchziehen. Und das ist natürlich vollkommen absurd – weil sprachlicher Austausch dann zu weit über 99 Prozent aus dem Benennen und Sichtbarmachen von Identitätskategorien und ihren Teilbereichen dienen müsste, und nicht mehr zur Kommunikation oder zum Überbringen von inhaltlichen Botschaften, die über eine unendliche gegenseitige Bespiegelung hinausgehen können.

Es wäre ein informationeller Stillstand im Auge des Identitätskategorien sichtbarmachenden morphologischen Sturms; ein geistloses Aussprechen von sprachlichen Sichtbarkeitsverrenkungen ohne jeglichen Nachrichtenwert oder Inhalte. Einziges Kommunikationsziel wäre die Rückversicherung der eigenen „Sichtbarkeit“.

Großer Sturm am Horizont

Sprachlich würde uns ein solches Vorgehen sogar nicht nur in die Voraufklärung, sondern gar in die vorsprachlichen Epochen, vor den Anbeginn der Sprache zurückkatapultierten, in die Evolutionsphase, in der Grunzen, Klicken, Gurren, Schnattern, Kreischen, Schreien oder sonstigen Lautgebungen unsere Interaktionen bestimmten. Denn die einzige Botschaft darf anscheinend noch sein: „Sichtbar, sichtbar, sichtbar und AUCH sichtbar.“ Und wehe, irgendjemandes Identitätskategorie würde vergessen!

Warum nur habe ich jetzt plötzlich das Bild von mittelalterlichen, hässlichen Hexen im Kopf, die um einen großen Kessel herum einen „Sichtbarkeitszauber“ und eine Art Sprachvodoo mittels unverständlicher und sinnfreier Lautaneinanderreihungen betreiben? Das mutet jetzt vielleicht ein wenig arg shakespearesk an, verstärkt aber passend das Bild des großen Sturms am Horizont, der unsere Kultur, unsere Sprache und unser ganzes intelligentes Sein vernichten und hinfortblasen wird, wenn wir der Entwicklung nicht Einhalt gebieten.

Und dieser Sturm wird heraufbeschworen auf dem feministischen Altar der Vulva, die sprachlich in aller Munde sein will – zum Zwecke der allgegenwärtigen Sichtbarmachung. Bei diesem Ziel wird er nicht halt machen, aber das begreifen diese geistigen Tiefflieger mit großem medialem Rückenwind nicht. Pfui Teufel!

Zur Person:

Nicole Höchst, Jahrgang 1970, ist AfD-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz. Sie trat 2015 in die AfD ein und zog 2017 über die Landesliste Rheinland-Pfalz für den Wahlkreis 201 (Bad Kreuznach) in den 19. deutschen Bundestag ein. Dort ist sie unter anderem als Obfrau der Enquete-Kommission für Berufliche Bildung, als Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung sowie im Unterausschuss für Bürgerliches Engagement tätig. Bis 2012 unterrichtete sie als Studienrätin am Staatlichen Speyer-Kolleg, anschließend war sie bis Oktober 2017 Referentin am Pädagogischen Landesinstitut (vormals IFB). Höchst war 2015 Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission und ist Schatzmeisterin des AfD-Kreisverbands Speyer. Sie ist katholisch, hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Speyer, wo sie auch Stadträtin ist.

Auf jouwatch veröffentlicht Nicole Höchst alle 14 Tage die kritische Kolumne „Höchst brisant“ zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Unter demselben Titel veröffentlicht sie in unregelmäßigen Abständen Videobeiträge auf ihrem YouTube-Kanal.