Deutsche Weltklimaretter: Jetzt diskutieren sie wieder

Papst der "Zivilreligiösen Kirche aller Menschengemachtheiten": Hans-Joachim Schellnhuber - Foto: Imago

Im Kommentarbereich der „Zeit“ reden sie sich wieder die Köpfe heiß. Es geht um „Klimaschutz“ und um die Frage, ob man wohl besser das Diesel verteuern – oder doch lieber ein Tempolimit einführen soll, um das liebe Weltklima zu retten. Die wesentlichen Fakten fallen dabei komplett unter den Tisch. Der Debattenbericht.

von Max Erdinger

CO2 ist wahres Teufelszeug. Es macht eine Klimakatastrophe. Das ist die erste Gewißheit, die im Debattenbereich der „Zeit“ als gesetzt gilt. Der dazugehörige Artikel hat die Schlagzeile „Klimaschutz: Diesel verteuern – oder besser ein Tempolimit?„. Ein Leser faßt es gar nicht und plärrt: „Selbstverständlich beides und zwar heftig.“ – Wahrscheinlich will er später mal Weltklimarettungspräsident werden. Natürlich könnte es auch sein, daß er einfach kein Auto hat und daß ihm deshalb Geschwindigkeiten und Spritpreis am Allerwertesten vorbeigehen könnten, wenn das nicht ein Thema wäre, bei dem er billig seine vorbildiche Gesinnung ausstellen kann. Was ihre vorbildliche Gesinnung angeht, sind Ökofreaks wahre Exhibitionist:innen.

Womit die „Zeit“ hantiert

Es sind Zahlen. Schöne, dicke, fette, große Zahlen. Ein Tempolimit von 130 auf deutschen Autobahnen könnte bis zu 1,9 Mio. Tonnen CO2-Ausstoß einsparen. 1,9 Mio. Tonnen!? – Boah, ist das aber viel. Das sind ja … äh … Moment … fast zwei Millionen Tonnen! Noch besser wäre sogar Tempo 120. Dann wären es nämlich 2,6 Mio. Tonnen. Und bei 100 erst!?- Sagenhafte 5,4 Mio.Tonnen! Bei der „Zeit“ weiß man natürlich von der „Magie der großen Zahl“ – und daß sie ratzfatz verschwindet, wenn man die große Zahl ins Verhältnis zur noch viel größeren Zahl setzt. Weswegen man es auch tunlichst unterläßt.

Der Gesamtausstoß von CO2 durch Fahrzeuge lag im Jahr 2018 weltweit angeblich bei 6,09 Milliarden Tonnen (Quelle: Statista) Abgerundet auf sechs Milliarden wären das also 6.000 Millionen. Mit einem Tempolimit in Deutschland wären es nur noch 5.998 Millionen – und das würde das Weltklima unter der Voraussetzung, daß es tatsächlich mit dem CO2-Gehalt in der Atmosphäre als einer Hauptursache steht oder fällt, absolut retten. Deutsche Tempolimitquassler wären international hochgeachtet als diejenigen, die das Klima für die ganze Welt gerettet hätten. Wer da noch nach Verhältnismäßigkeit fragt, muß ein ganz fieser, gewissensloser Raser sein. Und wer gar zu meinen dürfen glaubt, Lebensfreude und ein Sinn für die Segnungen des automobiltechnischen Fortschritts seien auch unter dem Aspekt der Möglichkeit, höhere Geschwindigkeiten zu erreichen, gewichtige Argumente gegen die hypermoralistischen Anmaßungen notorischer Weltverbesserer, der wird endgültig gar zum Unhold. Nein, es ist wieder diese zur neudeutschen Unart gewordene Billigkeit, mit der sich „Zeit“ler und ihre Leser auf Kosten „der Anderen“ einen schlanken Fuß machen wollen. „Die Anderen“ sind für „Zeit“ler und ihre Leser in dieser realiter überflüssigen Frage diejenigen, die Freude am Fahren haben, und dann, wenn das geht – was selten genug der Fall ist – für ein paar wenige Kilometer auch einmal mit 200 km/h unterwegs sind. Diese Individuen haben Freude an den falschen Dingen im Leben – weswegen man sie ihnen auch ganz unbedingt verbieten muß. Damit sie fürderhin „moralisch richtig ticken“.

Klimaschutzziele

Die Klimaschutzziele der Bundesregierung sind klar: Bis zum Jahr 2045 soll Deutschland vollständig klimaneutral sein., heißt es in der „Zeit“. „Laut des überarbeiteten Klimaschutzgesetzes, das die Regierung am 12. Mai beschlossen hat, sollen die CO2-Emissionen im Verkehr von 163 Millionen Tonnen im Jahr 2019 auf 85 Millionen Tonnen im Jahr 2030 absinken, sich also fast halbieren.“ – Das ist ein ehrgeiziges Ziel jener Regierung, die 1,15 Prozent der Weltbevölkerung regiert.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, einer aus den Reihen jener Polithelden, die nie etwas befürworten oder gutheißen, sondern lieber sofort „kämpfen“ (lassen), sagte im ARD-„Morgenmagazin“: „Der Kampf gegen den Klimawandel, den wird es nicht umsonst geben.“ – und damit hat er schön den Unterschied zwischen „umsonst“ und „vergeblich“ verdeutlicht. Der vergebliche Kampf gegen den Klimawandel wird sauteuer werden, heißt das nämlich. Brinkhaus hob auf die Spritpreise ab und prognostizierte für die zweite Hälfte des Jahrzehnts, Benzin würde „richtig teuer“ werden. Das hat er auch wieder schön formuliert, weil Benzin, das richtig „teuer werden“ wird, mehr nach unsteuerbarer Unabänderlichkeit klingt, als die Ankündigung, Benzin in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts „richtig teuer machen“ zu wollen. Weil das Volk bereits unter der höchsten Steuerquote der Welt ächzt, redet auch niemand mehr von einer „CO2-Steuer“, sondern von der „CO2-Bepreisung“. Das ist hervorragend, weil das Wort „Bepreisung“ geeignet ist, das Wort „Steuerhöhung“ so prächtig verschwinden zu lassen wie ein Virus hinter der Gesichtswindel. Lediglich das Wort „Kampfbepreisung“ wäre vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen gewesen. Weil sich der Kampfsoldat an der Zapfsäule womöglich gefragt hätte, ob er den „Kampf“ seiner schöndenkenden Regierung auch noch selber bezahlen muß.

Das Bundesverfassungsgericht„, schreibt die „Zeit“, – obwohl sie durchaus präziser hätte formulieren können „der erste Senat des Bundesverfassungsgerichts unter seinem Präsidenten Stephan Harbarth“ -, habe zuvor in einem Urteil festgestellt, daß es nicht ausreiche, neue Klimaschutzziele immer nur zu formulieren. Vielmehr müsse wegen künftiger Generationen heute schon klar sein, mit welchen Maßnahmen genau der CO2-Ausstoß reduziert werden soll. Es bestehe sonst die deutsche Gefahr, die selbstauferlegten Ziele zu verfehlen. Bei der „Zeit“ weiß man von der Gefahr, die darin besteht, „Harbarth“ und „Bundesverfassungsgericht“ in einem Satz unterzubringen, und daß das eher kontraproduktiv wäre, wenn des Lesers Aufmerksamkeit dem „Kampf gegen den Klimawandel“ gelten soll – und nicht der Nähe Harbarths zur Politik, geschweige denn seiner Nähe zur regierenden Kanzlerin.

Bislang setzten Union und SPD dazu vor allem auf die Förderung von Elektroautos. Aber genügt das, um die Klimaziele zu erreichen? Oder sind zusätzliche Schritte notwendig? Ein Verbot von Inlandflügen oder höhere Steuern auf Benzin und Diesel? Was bringt mehr für den Klimaschutz?„, fragt die „Zeit“. Das ist wirklich zu drollig. Aus der Förderung von Elektroautos ergibt sich nämlich als logische Konsequenz die Existenz des elektrischen Förderautos. Die elektrischen Förderautos sind aber völlig ungeeignet, um kämpfend irgendwelche Klimaziele zu erreichen, da sie, von den Transportrouten für ihre hochgiftigen Ingredienzen über die eigentliche Produktion, ihre dürftige Lebensdauer, das danach anstehende Recyclingproblem und die Notwendigkeit, sie durch energieintensiv neu herzustellende Automobile zu ersetzen, unter keinem Aspekt herkömmlichen Autos mit Verbrennungsmotoren überlegen sind. Ganz im Gegenteil. Summa summarum sind elektrische Förderautos absolut kontraproduktiv bei der Verfolgung von Klimazielen, schon deswegen, weil das Klimaziel eine deutlich höhere Reichweite hat, als das elektrische Förderauto. Ehe das elektrische Förderauto das Klimaziel eingeholt hat, muß es im Stillstand Strom in jenen Akku laden, der allein schon so schwer ist wie vor fünfzig Jahren ein ganzer Kleinwagen. Auch das elektrische Förderauto zur Verfolgung von Zielen aller Art ist nicht in der Lage, physikalische Gesetzmäßigkeiten zu überwinden. Eine dieser Gesetzmäßigkeiten ist, daß man umso mehr Energie aufwenden muß, je schwerer die Masse ist, welche bewegt werden soll. Dabei ist völlig egal, woher die Energie kommt, die man zur Bewegung von Masse generieren muß. Auch wenn die Energie offiziell „kostenlos“ ist (La-la-la: „Sonne und Wind schicken keine Stromrechnung“), so verursachen Wind- und Solarenergie inoffiziell ganz erhebliche Kosten, um den Strom für elektrische Förderautos zu liefern, was sie dann auch in großer Unzuverlässigkeit tun. Die Kosten für die „umweltfreundliche Erzeugung“ von Ökostrom für elektrische Förderautos bezahlen Störche, Greifvögel und Milliarden von Insekten mit ihrem Leben. So ein Windrad rotiert mit Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h an seinen Flügelspitzen und zerhackt dabei alles, was ihm fliegenderweise in den Weg kommt. Was die Insekten angeht, die an den Rotorblättern kleben bleiben, senken sie durch die „Aufrauhung“ der ursprünglich glatten Windrad-Flügeloberfläche (Luftverwirbelungen) auch noch den Wirkungsgrad des Rotorblattes ganz erheblich. Bis zu 1.600 Kubikmeter Beton braucht es zudem für ein Windrad-Fundament mitten im grünen Thann – und die Herstellung von Beton wiederum gilt als eine der CO2-intensivsten Produktionen überhaupt. Riesige Solarfelder haben zwar bei gewissen Sonnenständen eine hervorragende Blendwirkung, aber das wiegt den Nachteil nicht auf, welcher darin zu sehen wäre, daß die Böden, auf denen sie errichtet werden, keinen Tropfen Wasser mehr abbekommen, da die Solarpanele wirken wie Überdachungen. Und angesichts all´ dessen fragt die „Zeit“ mit bitterem Ernst, ob die Förderung von Elektroautos, die dadurch zu elektrischen Förderautos werden, genügt, um „die Klimaziele zu erreichen“. Das ist fast so, als hätte sie gefragt, ob der Umstieg auf Crack genügt, um von der Heroinsucht wegzukommen.

Verdikt

Der „Zeit“-Artikel illustriert trefflich, wo der deutsche Intellektuelle, der „Zeit“-Leser also, wieder einmal angekommen ist: In der Traumwelt seines urdeutschen Weltenrettungs-Idealismus´, in welcher sich zu suhlen ihm die Schönheit des eigenen Gedankens zu identifizieren erlaubt, was das Wichtigste überhaupt ist. Ob das noch irgendeinen Bezug zur Realität hat, ist – eine deutsche Tradition – wieder einmal nachrangig. Hauptsache, es wird „schön gedacht“. Deswegen müssen auch alle Bezüge der großen Zahl zur noch größeren Zahl unter den Tisch fallen und stattdessen irrelevante Fragen erörtert werden. Die noch größere Zahl: Bei der Menge an CO2, welche deutsche Weltklimarettungs- und Wandelbekämpfer auf ihrem Weg zur deutschen Klimaneutralität unter einem enorm bürokratischen und finanziellen Aufwand bis 2045 „einsparen“ wollen, handelt es sich in etwa um die gleiche Menge, die China ganz ohne „Zeit“ und Harbarth binnen sechs Monaten ausstößt – und zwar mit weiter steigender Tendenz. Die irrelevante Frage: Ob man zur Verbreitung des elektrischen Förderautos obendrein auch noch die Benzinpreise in exorbitante Höhen treiben -, ein Inlandsflugverbot verhängen – und ein Tempolimit einführen muß, um den „Kampf gegen den Klimawandel“ zu gewinnen.

Bei der „Zeit“ weiß man schon, warum man solche Infos wie die über China und das CO2 der Chinesen lieber nicht mitliefert. In Deutschland stört die Frage nach der Verhältnismäßigkeit die Schönheit des Gedankens nämlich derartig, daß sie im Dienst an der gedanklichen Schönheit gar nicht mehr gestellt wird. „Schöndenken“ ist absolut in, wie man leicht erkennen kann an jenen Witzfiguren, die mit einer Gesichtswindel im Gesicht und einem Helmchen auf dem Kopf mutterseelenallein durch grüne Auen und schattige Wälder radeln im prallen Bewußtsein ihrer fürsorglichen „Solidarität“ und ihres beispielgebenden „Umweltbewußtseins“.

Da kommt selbst der glühendste Patriot in Schwierigkeiten, wenn er erklären muß, was am Fortbestand des deutschen Volks so unglaublich wichtig sein soll. Das ist nämlich die größte Illusion überhaupt: Daß die Welt am deutschen Wesen genesen könnte, obwohl sie sich evident suizidieren würde, wenn sie eine solche „Genesung“ in Betracht zöge.