Sensationelle Reichweite: E-Auto schafft Weltrekord – 765 Kilometer mit Tempo 30

Elektrischer Renault Zoe "tankt". - Foto: Imago

Ein elektrischer Renault Zoe schaffte auf der englischen Rennstrecke von Thruxton einen neuen Reichweiten-Weltrekord für E-Autos. Da bekommt der Elektrolurch vor lauter Begeisterung einen Herzkasper. 765 Kilometer weit kam der Kleinwagen mit einer einzigen Akkuladung – bei Tempo 30. Faunaexperten wollen nun die gemeine Weinbergschnecke in Thruxtonschnecke umbenennen.

von Max Erdinger

In Großbritannien hat eine Veteranenorganisation einen neuen Rekord für die weiteste Fahrt einer Renault Zoe mit nur einer Akkuladung aufgestellt. Das Serienfahrzeug fuhr in 24 Stunden 765 km weit. Dabei ließen sich die Fahrer aber enorm viel Zeit.„, berichtet die Seite „e-fahrer„.

Einmal abgesehen davon, daß es „der Renault“ heißt – und nicht „die Renault“: Möglich geworden sind die elektrischen 765 Kilometer bei Tempo 30 nicht mit der Werksbereifung, sondern erst, nachdem Reifen mit einem nochmals verringerten Rollwiderstand aufgezogen worden waren, – sogenannte Pizzaschneider. Aber auch so wäre der neue Reichweiten-Weltrekord für ein E-Auto noch weiter zu verbessern. Was haben sich die Tester eigentlich gedacht? Mit Tempo 15 wären bestimmt 1.000 Kilometer drin gewesen. Und wenn man so ein E-Auto vollständig auflädt, um es dann einfach auf der Rennstrecke von Thruxton stehen zu lassen, käme es theoretisch genau so schnell nie ans Ziel wie ein vollgetankter Diesel, der auf der Rennstrecke zum direkten Vergleich neben dem E-Auto geparkt wird. Was einen eindrucksvollen Beweis für den technischen Fortschritt abliefern würde, den E-Autos zu bieten haben.

Daß der Test von einer Veteranenorganisation durchgeführt worden ist, erklärt natürlich einiges. Mit dem Alter kommt nämlich die Demenz. Und dement muß sein, wer erst stundenlang ein E-Auto auflädt, um als nächstes den ganzen schönen Strom binnen 24 Stunden bei Tempo 30 sinnlos zu verballern. Veteranen sind Ruheständler, die viel Zeit – und nichts als Unfug im Kopf haben. Unter Experten ist das schon lange bekannt.

Ein Verrückter

Völlig durchgeknallt muß sein, wer seinen Freunden – ja, auch ein elektrischer Renault Zoe kostet viel Geld, das er nicht wert ist – mit stolzgeschwellter Brust den frisch erworbenen Neuwagen präsentiert, um ihn mit den Worten zu rühmen, daß er bei konstant Tempo 30 und mit speziellen Reifen 765 Kilometer weit durch die liebe Umwelt rollen könnte, wenn sein Besitzer das wollte. Und wenn er zu diesem Zweck erst einmal 30 Kilo abgenommen hätte.

Im Vergleich zu einem derartig Durchgeknallten gälte jeder Fettwanst als die Personifizierung aller Vernunft, der seinen Freunden einen Neuwagen mit 765 PS aus acht Zylindern, 6 Litern Hubraum und einer Reichweite von 30 Kilometern bei konstant Tempo 350 als sein Eigentum vorstellen würde. Allein deswegen schon, weil die Wahrscheinlichkeit größer ist, daß er nach 30 Kilometern eine Tankstelle findet, wohingegen der elektrische Renaultkriecher nach 765 Kilometern äußerst unwahrscheinlich genau vor einer Ladesäule zum Stehen kommt. Was besonders ärgerlich wäre, weil der Reservekanister noch nicht erfunden ist, aus dem man einfach Strom in den Akku nachkippen könnte. Und wer weiß, was dem elektrofetischistischen Freund von Zoe noch alles blüht. Schließlich sind schon die Renaults mit Verbrennungsmotoren nicht gerade als Ausbund an Zuverlässigkeit bekannt. Überall auf der Welt identifizieren Erkennungsexperten den Renaultfahrer auch ohne sein Auto anhand der Tatsache, daß er bereits im Alter von 30 Jahren graue Haare hat.

Infantil

In Zeiten der allgemeinen Infantilisierung ist es aber kein Wunder, daß sich Publikationen wie „e-fahrer“ und „e-ltern“ angleichen. So, wie man es bei „e-fahrer“ für sensationell hält, wenn ein wenig begehrenswertes Blechkütschlein bei Tempo 30 mit speziellen Reifen 765 Kilometer weit kommt, so hält man es bei „e-ltern“ für sensationell, wenn das kleine Erdenmenschlein zum ersten Mal ins Töpfchen statt in die Windeln macht.

Die verdienstvollen Enthüllungsexperten von „Top Gear“, einer automobilfreundlichen Sendereihe der BBC, hatten vor Jahren bereits einen Toyota Prius als Hybridfahrzeug gegen einen BMW M3 mit V8-Verbrenner zwecks Verbrauchsmessung antreten lassen – und zwar ebenfalls auf einer Rennstrecke. Der Prius wurde mit allem, was er zu geben hatte – was nicht viel gewesen ist – , über die Rennstrecke geprügelt, eierte mit quietschenden Reifen durch die Kurven und röchelte unter Vollast die Steigungen der Rennstrecke hinauf, während der BMW M3 lässig und gemächlich hinter ihm hertrabte. Hinterher wurde abgerechnet. Resultat: Für die etwas zügige Fortbewegung des 420-PS-BMW war weniger Energieaufwand nötig gewesen, als für die würdelose Vorstellung, die der asthmatische Toyota ablieferte.

Unter Vernunftaspekten betrachtet, halte ich einen 2020er Skoda Superb Kombi für ein Wunder der Ingenieurskunst. Der Laderaum hat die Ausmaße des Spiegelsaals von Versailles. Motorisiert ist er mit einem Euro 6 – Diesel und Ad-Blue-Einspritzung, der 150 PS aus zwei Litern Hubraum anbietet und um die 5 Liter Diesel auf 100 Kilometer verbraucht. Bei Bedarf erreicht er eine Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h (bergab auch 250 lt. Tacho) – und vollgetankt zeigt er eine Reichweite von sagenhaften 1.300 Kilometern an. Durch das weit gespreizte Sechsgang-Getriebe liegt die Drehzahl auch bei 200 km/h nur knapp über 2.000 U/min. Und das alles zu einem vernünftigen Anschaffungspreis.

Aber noch nicht einmal mit dem Skoda käme mir das Wort „Rennstrecke“ in den Sinn. Trotzdem: Hätte ich den Skoda mit Tempo 30 über die Rennstrecke von Thruxton bewegt, dann hätte ich diesen Artikel nicht schreiben können, weil ich noch immer mit dem Dahinschleichen beschäftigt wäre. Und es wäre fraglich, ob ich das Ende des Diesels im Tank zu meinen Lebzeiten noch mitbekommen würde.

Der Zeitgeist: Man bewege ein Elektrowägelchen mit Tempo 30 über eine Rennstrecke, um 765 Kilometer weit zu kommen. Das ist schon doof. Aber noch doofer ist es, einen sensationsheischenden Artikel über diesen wahnsinnigen Fortschritt zu veröffentlichen – und dabei auch noch das Wort „Weltrekord“ zu verwenden. Wo so etwas unwidersprochen durchgeht, besteht auch die Möglichkeit, daß Frau Baerbock nach 16 Jahren Merkel für eine super Kanzlerkandidatin gehalten wird. Das ist doch alles nur noch zum Heulen.