In der „Welt“: Poschardts Abrechnung mit der Linken

Der Mittelfinger - Foto: Imago

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt liest einer elitistischen Linken die Leviten. Seine These: Die weniger Gebildeten seien ausgerechnet von der Linken ihrer demokratischen Mitspracherechte beraubt worden. Einigkeit mit Poschardt besteht hier hinsichtlich der Konsequenzen, die das für das vielbeschworene „gesellschaftliche Miteinander“ hat. Allerdings hätte Poschardts Ursachenforschung durchaus weiter in die Tiefen linker Bewußtseinsbildung vordringen dürfen. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Daß die vormalige Bundesrepublik und heutige Bunte Republik von einem demokratisch-freiheitlichen Gemeinwesen zu einer stocktotalitären Veranstaltung degeneriert ist, bei der selbsternannte Superklugscheißer aus dem „juste milieu“ sich aufführen, wie in den frühen Jahren der Bundesrepublik allenfalls ein paar Kindergärtnerinnen, die bei der Entnazifizierung durchs Raster gefallen sind, kann nur noch der allergrößte Realitätsverweigerer bestreiten. Aber sogar einem solchen Träumer kann nicht länger mehr verborgen bleiben, daß ihm zunehmend mit Hass und Verachtung, im günstigeren Fall mit Spott & Hohn begegnet wird. Jede Wette, daß man in den oberen Etagen bspw. der SPD genau weiß, welchen Abgehobenheiten der Abstieg zur unbedeutenden Kleinpartei geschuldet ist. Und jede Wette, daß man das in der Parteiführung dennoch ums Verrecken nicht wahrhaben will, weil die personellen Konsequenzen, die ein Handeln entlang der schonungslosen Eigenanalyse erfordern würde, von der Partei nur noch das Logo übriglassen würde. Wer vor vierzig Jahren noch als „SPD-Urgestein“ durchgegangen wäre und vom Typ her die Partei wieder näher an ihr eigentliches Wählerklientel heranführen könnte, wurde parteiintern längst zur Unperson erklärt. Die sich elitär wähnende Linke in der SPD mobbt lieber verdiente Parteimitglieder wie Sarrazin und Buschkowsky und startet Parteiausschlußverfahren gegen solche, die den hypermoralistischen Pädagogendünkel und die Arroganz benennen, denen der Niedergang der Partei in der Wählergunst geschuldet sind. Weder Willy Brandt noch Helmut Schmidt, die beiden verstorbenen Altkanzler, würden ihre Partei heute noch wiedererkennen. Zumindest Schmidt würde wohl, wäre er noch am Leben und in dem Alter, in welchem er einst Kanzler geworden war, sogar aus der Partei geworfen werden. Das derzeitige „Spitzenpersonal“, Leute wie Saskia Esken, Norbert Walter Borjans und Kevin Kühnert, hätte allerdings auch keine Chance, zu Pragmatismus und Realität zurückzufinden, da die Partei zunehmend zu einer geriatrischen Ansammlung gutsituierter und selbstgefälliger Wohlstandsbürger verkommen ist, die sich darin gefällt, das je persönliche Vorteilsdenken hinter globalistischen Gutmenschlichkeitsattitüden zu verstecken. Der „Kampf gegen rechts“ ist lediglich noch eine Behauptung, welche die Sozialdemokraten davor bewahrt, sich ihrem eigenen Totalitarismus zu stellen. Die Partei ist zu einem Haufen widerwärtiger Pharisäer verkommen, in welchem Wissen und Realitätssinn ersetzt worden sind durch doktrinäre Meinungsstärke in einer Hypermoral, die mit Moral nicht das geringste mehr zu tun hat. Dünkel und selbstgefällige Attitüden so weit das Auge reicht.

Ganz ähnlich verhält es sich bei den Grünen, der Union und bei der Linkspartei. Boris Palmer (Grüne), Hans-Georg Maaßen und Wolfgang Bosbach (CDU), Peter Gauweiler (CSU) und Sahra Wagenknecht (Die Linke) können ein Lied von der totalitären, parteiinternen Diskursverweigerung singen. Keine Frage: Was von der einzigen, real existierenden Opposition behauptet wird, trifft zu. Die Bürger der vormaligen Bundesrepublik sind mit einem Altparteienkartell geschlagen, das der SED und ihren Blockparteien immer ähnlicher geworden ist, und das es sich angesichts der Distanz, die es zur Realität inzwischen zurückgelegt hat, auch gar nicht mehr leisten kann, Korrekturen vorzunehmen, da solche Korrekturen schonungslos das vorherige Vollversagen offenlegen – , und dann wiederum zu personellen Konsequenzen führen müssten. Wer schon immer wissen wollte, wie man sich einen an die Wand zu nagelnden Pudding vorzustellen hätte, der denke an Christian Lindner, den Parteichef der FDP. So ist also zu konstatieren: Die vormalige „Parteienvielfalt“ ist der Tatsache zum Opfer gefallen, daß die ideologisch weitgehend gleichgeschalteten Medien als Meinungsbildner eine politische Agenda diktieren, welcher das Altparteienkartell Folge zu leisten hat. Es sind Parteipolitiker, die vom meinungsinhabenden Volk gewählt werden müssen, nicht Chefredakteure und auch nicht die Intendanten öffentlich-rechtlicher Sender. Was das Verhältnis der Gewählten zu den Medien angeht, läßt sich sagen, daß nicht nur in Deutschland der Schwanz inzwischen mit dem Hund wedelt, und daß nicht zuvörderst mit den Altparteien aufgeräumt werden müsste – mit denen zwar auch -, sondern daß das primäre Problem mit den Meinungsbildnern, den Medien also besteht, die gar nicht mehr daran denken, zu berichten, was ist, sondern es vorziehen, doktrinär tagein-tagaus zu verkünden, was werden soll. Stichwort: „Haltungsjournalismus“.

Ausgerechnet ein sozialdemokratischer Bundeskanzler ist es gewesen, der die Gefahren erkannt hatte, welche einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft drohen, wenn Totalitäre an die Schalthebel der politischen Macht gelangen. Das war Willy Brandt. Mit seinem sog. Radikalenerlaß wollte er 1971 den von den Totalitären propagierten „Marsch durch die (staatlichen) Institutionen“ verhindern – und hat der Bundesrepublik ungewollt einen Bärendienst damit erwiesen. Wer unter der Schranke des Radikalenerlaßes gerade noch so durchschlüpfen konnte, kam trotzdem in den Staatsdienst – und wem der angedachte „Marsch durch die Institutionen“ wegen des Radikalenerlaßes verwehrt blieb, der marschierte eben an den Institutionen vorbei direkt in die Parteien (Kaperung der Grünen, Jungsozialisten in der SPD) und in die Redaktionsstuben. Von dort aus erfolgte dann der Schulterschluß mit denen, die es in den Staatdienst geschafft hatten. Es gibt in deutschen Redaktionen quer durch die Presselandschaft eine, im Verhältnis zu den tatsächlichen Wahlergebnissen für die Grünen, schier groteske, überproportionale Präferenz für jene Ökototalitaristen, die selbst ihren Ökologismus nur noch als Monstranz vor sich hertragen, auf das möglichst niemand erkennen möge, wie sehr es ihnen inzwischen um die Befriedigung einer Funktionärsgier nach Macht, Geld und gesellschaftlichem Einfluß geht. Hunderttausende von durch Windräder geschredderten Vögeln, darunter seltene Arten wie der Rotmilan, Milliarden gekillter Insekten und vertrocknete Böden unter riesigen Solarfeldern sind die Zeugen der Anklage gegen die grüne Heimsuchung. Wie weit sich gerade die Grünen bereits von der Realität verabschiedet haben, läßt sich daran erkennen, daß man dort ernsthaft davon überzeugt gewesen sein mußte, ausgerechnet ein wissensarmes aber meinungsstarkes Persönchen wie Annalena Baerbock lasse sich den Deutschen als superfähige Kanzlerin andrehen. Realist ist, wer unterstellt, daß es ausgerechnet Annalena Baerbock selbst sein muß, die keinen blassen Dunst hat von der Geschichte jenes deutschen Nachkriegsradikalismus´, dessen Siegeszug sie selbst ihr Bewußtsein sowie ihre politische Karriere verdankt. Die Frau hält sich selbst vermutlich für „völlig normal“.

So gesehen wäre es als ein tragisches Paradoxon zu begreifen, daß ausgerechnet diejenigen, die unbedingt aus der Geschichte des Dritten Reichs hatten ihre Lehren ziehen wollen, zugleich auch diejenigen gewesen sind, die mit ihrem als geboten empfundenen Liberalismus dafür sorgten, daß sich die nächste Generation von Totalitaristen bewußtseinsbildend einnisten konnte im System – und bis heute reichlich ideologische Nachkommenschaft großgezogen hat. Der relative Liberalismus, mit dem man in der Bundesrepublik der Sechziger- und Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts selbst innerhalb der damals noch konservativen Union jenen „Wirrköpfen“, „Hippies“ und `68ern“ begegnet ist, deren Nachkommenschaft sich heute als das „Gewissen der Nation“ geriert, ist im umgekehrten Fall 2021 undenkbar geworden.

Westdeutsche Arroganz

Die deutsche Wiedervereinigung 1990 hatte einen verheerenden Nebeneffekt, mit dem damals aus Arroganzgründen niemand gerechnet hatte. Im Westen saß die Überzeugung derartig tief, daß es in der DDR nichts als Dankbarkeit dafür gebe, endlich in der „freien Welt“ angekommen zu sein, daß man die ehemaligen SED-Kader und ihre Mitläufer weitgehend ungeschoren ließ. Nicht nur das. Mit Karola Wille konnte eine Altkommunistin zur MDR-Intendantin werden, die SED lebte als „Die Linke“ weiter – und eine ehemalige FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda, die sogar in Moskau studiert hatte, wurde 2005 Bundeskanzlerin des wiedervereinigten Deutschland. Die durchaus dekadenten Salonbolschewisten aus dem Westen verschmolzen peu à peu mit den Knallhart-Kommunisten aus der untergegangenen DDR, die sich natürlich über die Rehabilitation ihrer zunächst diskreditierten Weltsicht ein Loch in den Bauch freuten. Kurze Zeit später hatte sich eine Dreistigkeit etabliert, mit der sogar bestritten wurde, daß es sich bei der DDR um einen krassen Unrechtsstaat gehandelt habe, Mauertote hin oder her. Allein in der Berliner Stadtverwaltung sollen an die 2.000 ehemalige Staatsdiener der DDR untergekommen sein, der heutige Berliner Innensenator Geisel von der SPD ist ein Beispiel für die Karrieren, die SED-Mitglieder im wiedervereinigten Deutschland machen konnten. Und so sieht das ganze Land inzwischen auch aus: Wie ein 2021er Abklatsch der untergegangenen DDR. Doktrinäre Totalitaristen diktieren, was gedacht, gesagt und veröffentlicht werden darf. Sie etikettieren hemmungslos jeden Abweichler von der „reinen Lehre“ mit Plaketten wie „Rechtspopulist“, „Ewiggestriger“, „Reaktionär“, Rechter“, „Nazi“, Faschist“, „Sexist“, Rassist“, „Chauvinist“ – und wenn das nicht reicht, erkären sie Abweichler zu Leuten mit allerlei Krankheiten. „Homophob“, „xenophob“ und „islamophob“ sollen sie sein. Der ehemalige SPD-Vorsitzende Gabriel fand die Kurzform für das alles, indem er einfach von „Pack“ sprach. Wohlgemerkt: Der ehemalige Parteivorsitzende einer ehemaligen Volkspartei fand diesen Ausdruck für Bürger, die seine eigene parasitäre Existenz mit ihren Steuergeldern finanzierten. Kein Wunder, daß inzwischen die weitverbreitete Überzeugung herrscht, beim wahren „Pack“ handle es sich zuvörderst um einen Politikertypus wie Sigmar Gabriel. Der ist tatsächlich weitverbreitet. Und er hat ein vormals freies Land in einen totalitären Kindergarten verwandelt, wohlwissend, daß er im traditionell staats- und obrigkeitshörigen deutschen Michel jenes passive Schaf finden würde, das es braucht, um eine Groteske wie „Deutschland 2021“ herzustellen. Mit einer Bundesrepublik, wie sie im Grundgesetz 1949 entworfen worden war, hat das alles nicht das geringste mehr zu tun.

Ulf Poschardt in der „Welt“

Poschardt unterläßt einen Ausflug in die jüngere Geschichte, weswegen ich ihn hier nachgeholt habe. Der Chefredaktuer der „Welt“ stellt aber fest: „Fast jeder zweite Deutsche hat das Gefühl, seine Meinung nicht mehr frei sagen zu können. Dieser Eindruck ist das Werk eines vorrangig linken Establishments, das weniger Gebildeten ständig ein Gefühl der Minderwertigkeit vermittelt: vom Klima bis zur Gendersprache.“ – und so sehr Poschardt natürlich Recht hat mit der Tendenz seiner Feststellung, so ungenau ist sie dennoch formuliert. Fast jeder zweite Deutsche hat nicht nur ein Gefühl, sondern das Wissen, daß er gefälligst sein „renitentes Maul“ zu halten hat, wenn er sich nicht Schwierigkeiten einhandeln will, die er laut Grundgesetz gar nicht bekommen dürfte dafür, daß er laut sagt, was er denkt. Das trifft nicht nur Beamte, bei denen der Staat die „Loyalitätspflicht“ inzwischen engstirniger auslegt, als zu jeder anderen Zeit seit 1949, sondern jeden, der in irgendwelchen Abhängigkeitsverhältnissen steht. „Renitente Mäuler“ werden bei ihren Arbeitgebern denunziert, ihre Kündigung wird gefordert, -und allerlei Repressalien anderer Art gibt es zu befürchten für das Äußern einer „falschen Meinung“. Und wer sich erdreistet, in der „ganz falschen Partei“, der AfD nämlich, aktiv zu sein, der muß bald schon froh darüber sein, wenn es nur sein Auto gewesen ist, das „von denen im Geiste der internationalsozialistischen Solidarität“ abgefackelt wurde – und nicht sein Haus. AfD-Mitglieder und Funkrionäre werden ins Krankenhaus geprügelt, ihre Kinder werden in der Schule gemobbt – und ihre Hunde u.U. auf dem eigenen Gartengrundstück vergiftet. Die SA der Gegenwart nennt sich einfach „Antifa“ – und wähnt sich schon dadurch aus dem Schneider. Bei der nächsten „Entnazifizierung“ wird man sich deutlich stärker dem „zi“ im Nazi widmen müssen, als dem „Na“.

Regelrecht grotesk ist die implizite Behauptung Poschardts, es gebe jemanden, der noch ungebildeter sein könnte, als jenes „linke Establishment“, das den „weniger Gebildeten ständig ein Gefühl der Minderwertigkeit vermittelt“. Ob jemand gebildet ist – und nicht nur zum Fachidioten ausgebildet wurde – läßt sich leicht daran feststellen, daß er neugierig geblieben ist und es für möglich hält, sich eines Besseren belehren lassen zu müssen, um dann seine Ansichten zu revidieren. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die damit einhergehende Distanz zur „Absolutheit der eigenen Meinung“ ist ein wesentliches Merkmal von Bildung. Wenn man dieses Merkmal jedoch einem Urteil zur Bildung der tonangebenden Linken zugrunde legt, kommt man nicht umhin, in genau diesem Establishment den barbarischsten Sauhaufen seit Hitler und Honecker zu identifizieren, eine wahre Intellektpest. Und verpesten kann dieser barbarische Sauhaufen die Gehirne der Massen, weil Bildung zu sehr spezifischer Ausbildung verkommen ist. Um das Allgemeinwissen war es noch nie schlechter bestellt, als heutzutage. Wer nur weiß, daß „Nazi irgendwie das allerletzte ist“, ohne daß er Genaueres über die zeitgeschichtlichen Umstände des Entstehens der NSDAP wüsste, oder darüber, daß sich die Nazis selbst als die „deutsche Linke“ begriffen haben, der weiß auch oft nicht mehr, was die DDR überhaupt gewesen ist, wo sie lag, wie sie entstand, wie sie ihren Bestand vierzig Jahre lang sicherte und-und-und. Den barbarischen „Gewissensmenschen“ von heute stört das aber noch nicht einmal mehr. Er ist schließlich „meinungsgleichberechtigt“ – und zwar nur er. Die mit der anderen Meinung natürlich nicht. Weil die nämlich eine „ganz falsche Meinung“ haben. Seine moralische Urteilskraft ist über jeden Zweifel erhaben. Dessen ist er sich „ganz, ganz sicher“ und er wird auch nicht müde, das mit „ganz, ganz vielen Wörtern“ andauernd exhibitionistisch auszustellen. Wer ihn wegen seines winzig kleinen Wissenszipfelchens auslacht, ist eben „Nazi“.

Ulf Poschardt: „Diese Ausgrenzung geschieht auch auf einer klassenkämpferischen Folie, die bildhaft illustriert, wie sehr sich die Linke von einer progressiven zu einer nostalgisch-restaurativen Kraft verändert. Die neuen Sprachregeln kommen aus der gehobenen akademischen Mittelschicht oder den Mitmachern aus der Oberschicht. Sie werden nach unten durchgestellt.“ – und das ist sehr gut beobachtet. Es rächt sich hier auch, daß es den Linken seit Jahrzehnten durchgeht, sich zum extremen Gegensatz von „rechts“ zu stilisieren, obwohl „rechts“, so wie es die Linken gern verstanden wissen wollen, mit „braunlinks“ zu übersetzen wäre. Mit „rechts“, wie es gebildete Liberale, Libertäre und Konservative verstehen, hat die linke Definition von „rechts“ zum eigenen Wohl und Frommen nämlich gar nichts zu tun. Es gab deswegen 1986/1987 den sogenannten Historikerstreit, den die „(Rot)linken“ nur deswegen und nur anscheinend für sich entscheiden konnten, weil damals bereits die öffentliche Meinungsbildung von Rotlinken und heftigst Angegrünten betrieben worden ist. Fakt bleibt: Der Unterschied zwischen „links“ und „rechts“ ist nicht, wie von diskursbehrrschenden Linken in ihrem manichäischen Weltbild mantraartig gepredigt, der von „Gut“ und „Böse“, sondern der von „Nationalsozialismus“ und „Internationalsozialismus“. Es sind Sozialisten und Kommunisten, ganz egal, ob „völkisch“ oder nicht, die allein in den vergangenen 120 Jahren höhere Leichenberge angehäuft haben, als es sie in der gesamten Menschheitsgeschichte bis dahin gegeben hatte. Es sind Sozialisten und Kommunisten, die seit mindestens 100 Jahren noch jeder Generation den letzten Nerv und viel von ihrer Lebensfreude geraubt haben dadurch, daß sie ständig „Fortschritt“ und „bessere Zukunft“ versprachen, ohne zu berücksichtigen, daß es sich bei der Zukunft für die in der Gegenwart Lebenden naturgemäß um eine äußerst begrenzte Sache handelt. Es ist nachgerade ein Wesensmerkmal des Linken, daß ihm eine Agenda umso lieber ist, je weiter entfernt deren behauptete Ziele in der Zukunft liegen. Weil ihm das auf jeden Fall zu seinen eigenen Lebzeiten auskömmlich „Kampfmaterial“ liefert. Linke sind durch und durch martialische Charaktere bei all´ ihrem beteuerten Pazifismus. Wegen nichts „kämpfen“ sie nämlich nicht fortwährend – und sei es lediglich ein Radweg, für den sie „kämpfen“. Kämpfen-kämpfen-kämpfen … – das ganze Linkenleben ist ein einziger Kampfkrampf. Wahr ist: Von solchen gottverdammten Pennern läßt sich das Volk heutzutage das Maul verbieten.

Aber gut, wenigstens erfahren die Roten auch in ihrer grünen Erscheinungsform, daß ihre Hirngespinste weit weniger gefragt sind, als sie wohl gedacht hatten. Poschardt macht das am Niedergang der Umfragewerte für die Grünen und deren Canceler:innenkandidierende Baerbock fest, genauer: An deren Ablehnung von des Deutschen liebstem Kind, dem Automobil. Poschardt: „Auch für die Grünen gibt es Hinweise, dass ihre Überheblichkeit Probleme aufwirft. Aktuelle Umfragen in Berlin, wo zeitgleich wie im Bund gewählt, zeigen, dass die Grünen bei den Bürgern mit Hauptschulabschluss innerhalb von sieben Wochen von 23 auf fünf Prozent abgestürzt sind. Die „Berliner Morgenpost“, die die Zahlen erhoben hat, vermutet, dass es am grünen Kulturkampf gegen das Auto liegt.“ – Einmal abgesehen davon, daß „kein Hauptschulabschluß“ unmöglich ein Kriterium für Urteilsfähigkeit sein kann angesichts dessen, was habilitierte und promovierte Akademiker in den Altparteien abliefern: Mit dem Auto trifft Poschardt einen wunden Punkt. Da treffen wirklich zwei Welten aufeinander, nämlich die der Lebenden und die der lebensfeindlichen Utopisten. Die Vorzüge, derentwegen die Motorisierung der Massen überhaupt stattfand, existieren nämlich unbestritten noch heute. Mit dem eigenen Wagen zu jeder Tages- und Nachtzeit wohin auch immer aufbrechen zu können, dabei „für sich“ zu bleiben, auch, seinen Status in der Gesellschaft der realiter Ungleichen mit einem Automobil dokumentieren zu können, bleibt nämlich von den zeitgeistig behaupteten Nachteilen der Massenmotorisierung gänzlich unberührt. Das Auto ist völlig zu Recht ein „heilix Blechle“. Weil es Unabhängigkeit und Eigenständigkeit verspricht, und – ganz im Gegensatz zu Ideologen und Politikern – sein Versprechen auch einlöst. Außerdem ist es längst zum Kulturgut geworden, wie die Existenz von Automuseen nahelegt. Daß das Auto regelrecht geliebt wird, läßt sich obendrein daran erkennen, daß sich Designer seit jeher viel Mühe dabei geben, es mit einem ansprechenden Äußeren zu versehen. Für das Automobil sind Attribute gebräuchlich, die sonst nur auf Lebewesen Anwendung finden. Es gibt „sinnliche Autos“ mit „aufregenden Formen“, „Muskelautos“ (muscle cars), „sportliche Autos“ usw.usf. – nein: Wer sich mit des Deutschen liebstem Kind anlegt, kann nur verlieren. So stark ist diese Liebe, daß nicht einmal der abgefeimteste Ideologenjournalismus etwas an dieser überaus berechtigten Liebe ändern kann, obwohl er das offensichtlich glaubt. Diese Liebe ist auch nicht unvernünftig, denn vernünftig ist, ein Leben zu führen, das einem gefällt. Womit wir wieder bei den rötlich-grünlichen Moralpredigern wären. Die wollen nämlich allen Ernstes, daß sich der Deutsche des Jahres 2021 auch noch für das schämen soll, was ihm Freude macht. Eigentlich wollen sie, daß er begreifen soll, etwas anderes sei es, das ihm gefälligst Freude zu machen habe. Das kommentiert der lebenserfahrene Realist nur noch mit einem: „Da scheißt euch der Hund was. An irgendeinem Punkt holt auch euch zuverlässig die Realität ein“. – Ja, der grüne Kulturkampf gegen das Auto ist keiner, den die Grünen für sich entscheiden könnten. Umso ärgerlicher ist, daß sie, weil sie das partout nicht einsehen wollen, glauben, sie seien zu Zwangsmaßnahmen berechtigt. Aber so ticken doktrinäre Totalitaristen eben. Das ist nicht wirklich neu. Aber schön ist es allemal, sie an ihrer eigenen Überheblichkeit zugrunde gehen zu sehen. Wahrscheinlich sollte man sogar das grüne Wahlprogramm zur Bundestagswahl im September jeden Tag in jeder Zeitung abdrucken, um dafür zu sorgen, daß von den Grünen nichts Nenneswertes in Prozentzahlen übrigbleibt.

Letztlich kommen aber Poschardt und meinereiner zum selben Resultat. Poschardt drückt es so aus: „Es geht um die Durchsetzung ihrer Sprach-, Denk- und Moralgebote. Es geht darum, den weniger Gebildeten den akademischen Marsch zu blasen. Es geht darum, ihnen das Gefühl der Minderwertigkeit und des Randständigen zu geben. Es geht ihnen um die Entmündigung und das Treiben in die Unterwerfung unter die absurden Codes aus dem Proseminar. Nur: So funktioniert es in Demokratien nicht.“ – Meinereiner: Die Demokratie liegt im Sterben. Es muß um die Beendigung eines von Ideologen versaubeutelten Jahrhunderts zum Wohle eines Lebens in Freiheit unter künftiger Absenz von Staats- und Obrigkeitshörigkeit gehen. Es muß auch Schluß sein mit der Vorstellung, es sei ein Zeichen besonderer Kultiviertheit, sich Jahr um Jahr um einen Dialog zu bemühen, den die andere Seite gar nicht mehr führen will, weil sie sich inzwischen in eine Position hineingeputscht zu haben glaubt, aus der heraus sie diesen Dialog nicht mehr führen zu müssen glaubt. Weswegen auch die Vorstellung unrealistisch ist, man müsse es als einen Mangel an eigener Zivilisiertheit begreifen, daß man tagtäglich von der Sehnsucht befallen wird, seinen „Kindergärtnern“ deren pestilenzartiger Arroganz wegen im übertragenen Sinne des Wortes nur noch „derbe aufs Maul zu hauen“. Das Ende der Debatte ist jedenfalls erreicht.