Die „Zeit“-Redaktion als stalinistisches Strafgericht: Wie Jens Lehmann das Rückgrat gebrochen wurde

Lehmann, Aogo (Fotos:Imago)

Zum Gesagten stehen und dafür aufrecht stehend untergehen bzw. in der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit durch Ächtung versinken – oder öffentliche Abbitte leisten und Reue zeigen: Das sind die beiden verbleibenden Alternativen für jene, die es gewagt haben, sich dem jakobinerhaften linken Zeitgeist und einer um sich greifenden Unkultur von Denk- und Sprechverboten zu widersetzen. Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann hat sich für letztere entschieden: Statt zu seinem geleakten, launigen Insider-Witz vom „Quotenschwarzer“ über seinen „Sky“-Kommentator Dennis Aogo zu stehen, der rein nichts mit Rassismus zu tun hatte, spielt Lehmann mit und tut öffentlich Buße.

Offenbar glaubt Lehmann, es lohne sich, in diesem Deutschland noch seinen Ruf zu verteidigen, und kämpft um eine zweite Chance – indem er seinen Anklägern in Medien und „Zivilgesellschaft“ das sagt, was sie hören wollen, weil sie anders keine Ruhe geben würden und er auf seine Rehabilitierung vergeblich waren kann. Zur Läuterung gehört der öffentliche Bußgang vor den Gesinnungs-Volksgerichtshof, vertreten durch ein Medium des woken, kultursensiblen Apparats – ein Part, den im Fall Lehmann die Hamburger „Zeit“ dankbar übernahm. Im Gespräch mit deren Redakteuren gab ein nicht mehr wiederzuerkennender, umgepolter Lehmann Statements vor sich, die klingen, als seien sie ihm von BLM-Aktivisten oder einem Asta-Ausschuss für postkoloniale Geschichte eingebimst worden.

Er, Lehmann, habe sich in den vergangenen Wochen intensiv mit seinem eigenen Verhalten auseinandergesetzt. „Ich muss zugeben, so tiefgreifend habe ich mich vorher nie mit dem Thema beschäftigt. Mit Diskriminierung. Mit systemischem Rassismus und Kolonialismus„, so ein rundum enteierter und gehirngewaschener Lehmann. Besonders habe ihn immer wieder die Frage beschäftigt: „Wie komme ich dazu, den Begriff `Quotenschwarzer` zu verwenden?“ Im Mai hatte Lehmann in einer privaten Textnachricht den ehemaligen Fußballprofi Dennis Aogo als „Quotenschwarzen“ betitelt – erkennbar sarkastisch und augenzwinkernd. Ein Furor der linken Tugendwächter war die Folge, bei Sky wurde er gefeuert – danach blieb es über ihn in der Öffentlichkeit still. Nun äußerte sich der ehemalige Nationalspieler nun ausführlich zu den Folgen. „Binnen Stunden„, so Lehmann, hätten sich viele seiner Geschäftspartner von ihm getrennt. „Aber ich tue alles dafür, das Vertrauen der Partner zurückzugewinnen.“ Ist das also der Grund für seine servilen neuen Töne?

So zerknirscht wie Lehmann klingen Menschen, deren Geist und Willen gebrochen wurde. Seine Aussagen erinnern an die „dialektische Selbstkritik“ und Selbstgeißelung von Dissidenten, die aus dem sowjetischen Gulag oder maoistischen Umerziehungslagern kamen und vor Gericht genau das zu Protokoll gaben, was ihre Häscher von ihnen hören wollten. Auch im Mittelalter endete die Folter „besagter“, also denunzierter Unschuldiger erst, wenn sie ihre Teufelsbuhlschaften und Hexentaten zugaben. Retten vermochte die erzwungene Bekehrung freilich keinen von ihnen – weder vor dem Scheiterhaufen noch vor dem Erschießungskommando. Das letzte, was die unter Stalin zum Tode Verurteilten über den Gefängnishof brüllten, ehe sie den Genickschuss erhielten, waren die Worte „Lang lebe der geliebte Genosse Stalin!„.

Wie bei der Inquisition

Natürlich wird heute nicht mehr gefoltert, und Umerziehungslager gibt es keine (zumindest noch nicht). Erschossen wird – ebenfalls noch – niemand, der als Rassist oder Nazi „geflaggt“ wurde, obwohl es nicht wenige gibt, die sich auch diesmal wieder allzu gerne an physischen „Säuberungen“ beteiligen würden. Sehr wohl aber werden Menschen vernichtet – sozial, reputativ, beruflich – und die Säuberungen sind eher subtil. Doch es gibt sie, und der sich aus drohenden Konsequenzen unmittelbare ergebende Zwang ist enorm und lässt viele, die eine ständige Ausgrenzung und Etikettierung fürchten, sich im Staub wälzen. Es ist enttäuschend, dass Lehmann – der zumindest materiell keine Not dazu hat – so schnell klein beigibt und seine Seele verkauft.

Statt sich diesem unsinnigen, heuchlerischen und aufgesetzten Kesseltreiben durch Gleichgültigkeit zu entziehen und sich den Schuh des „Rassismus“ erst gar nicht anzuziehen, schwurbelt und druckst er reumütig herum: „Ich will mich null rechtfertigen. Ich kann jeden verstehen, der das Wort als respektlos empfunden hat. Dafür habe ich mich entschuldigt. Und das tue ich hier noch mal: Ich habe einen Fehler gemacht, weil sich durch dieses Wort wahrscheinlich Leute angegriffen gefühlt haben. Auch Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, mir das mitzuteilen.“ Welchen Fehler hat Lehmann gemacht? Allenfalls den, seinen Witz in einem nicht sicheren Chat geschrieben zu haben. Würde man bei jedem Deutschen Worte derart auf die Goldwaage legen, dann wären wir alle Sexisten und Rassisten.

Allerdings habe es durchaus unterschiedliche Reaktionen gegeben: „Im Internet ging es mit Beleidigungen los„, so Lehmann Hatte er also Angst vorm Scherbengericht? Immerhin: Zwischen den Zeilen räumt der Ex-Star ein, dass ihm wohl hinter vorgehaltener Hand – und nur dort entspricht in Deutschland bekanntlich noch das tatsächlich Gemeinte dem tatsächlich Gesagten – vielen seiner Freunde und Bekannte mehr die Folgen des „Quotenschwarzer“-Shitstorms zu schaffen machten, als seine harmlose, ironische Aussage selbst. Lehmann: „Privat habe ich auch viele Nachrichten und Anrufe bekommen. Und der Großteil dieser Leute sagte: War zwar nicht gerade schlau von dir, aber wir sind alle total verunsichert. Wir wissen nicht mehr, wie wir was sagen sollen, obwohl wir es gut meinen.“ Wieso hat Lehmann nicht dies – die immer weiter Verengung des zulässigen Meinungsäußerungsspektrums und die Angst der Menschen, frei zu sagen, was sie eigentlich denken, in den Mittelpunkt seines „Zeit“-Gesprächs gestellt? Offenbar war er dafür bereits zu eingeschüchtert – oder zu feige. (DM)