Typisch Lügenpresse: Eine phantastische Erzählung über den grünen Wahlkampf in der „taz“

Abgestiegen: Annalena Baerbock (Foto: Imago)

In der „taz“ haute Chefredakteur Martin Unfried höchstselbst in die Tasten, um den Grünen einmal aufzuzeigen, wie man „Canceler:innenschaft“ macht. Der Leser wird Zeuge und sitzt staunend mit offenem Mund über der Lektüre. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Es ist ein Jammer. Noch vor ihrer Ernennung zur Canceler:innenkandidierenden der Grünen lies Annalena Baerbock in einem Doppelinterview mit Robert Habeck verlauten, daß es ein „kleiner Stich ins Herz“ wäre für sie, wenn Habeck statt ihrerselbst Cancelerkandidat der Grünen werden würde. Spätestens in dem Moment war klar, daß Baerbock das Kandidatenrennen machen wird. Einer Frau ins Herz zu stechen, kommt den Grünen nämlich nicht in die Tüte. Nun haben sie den grünen Kopfsalat. Annalena Baerbock ist in der Wählergunst abgestürzt wie einst der wachsbeflügelte Ikarus vom Himmel, weil er der Sonne zu nahe gekommen war. Die Chancen auf eine grüne Canceler:innenschaft dürften dahin sein. Viele unschöne Bezeichnungen wurden in den vergangenen Wochen für Annalena Baerbock gefunden. Von der Aufschneider:in bis zur Hochstapler:in war alles dabei. Eine Übertreibung nach der nächsten mußte sie aus ihrem Lebenslauf streichen, obwohl der ihren eigenen Worten nach ohnehin schon nur die „komprimierte Form“ gewesen war. Die Streichung der aufgeflogenen Übertreibungen wiederum nannte Baerbock nicht etwa „Korrekturen“ oder „Berichtigungen“, sondern „Präzisierungen“. Selbstverständlich hätte sie nie jemanden täuschen wollen. Der Absturz beschleunigte sich.

Daß es die Grünen insgesamt nicht so mit der Wahrheitsliebe haben, zeigte sich, als es um die Bestätigung der Canceler:innenkandidierenden auf dem Parteitag ging. Trotz aller bis dahin bekannt gewordenen Lügen im Lebenslauf der Annalena Baerbock wurde sie mit über 98 Prozent als Kandidierende für das Canceler:innenamt bestätigt.

Martin Unfried in der „taz“

Die kalkulierte Ungenauigkeit, wenn nicht gar die Lüge, ist ein beliebtes Instrument der Linken insgesamt, um ihre Zeitgenossen über die jeweils wahren Absichten im Unklaren zu lassen. Gern wird eine möglichst große Bedrohung als existent behauptet, dann die Notwendigkeit zum „Kampf“ gegen dieselbe beschworen – und zuletzt wird bekanntgegeben, womit genau die behauptete Bedrohung bekämpft werden soll. So ist das Wichtigste am Klimawandel, daß er „menschengemacht“ sein muß, weil das die Voraussetzung dafür ist, daß der Mensch auch etwas machen muß, um den Wandel zu besiegen. Also werden Gesetze formuliert, Steuererhöhungen („Bepreisungen“) beschlossen, der motorisierte Individualverkehr wird „bekämpft“, das Einfamilienhaus wird madig gemacht und es werden solche Fatalisten wütend „bekämpft“, die lakonisch behaupten, der Klimawandel mache auch ohne menschlichen Einfluß, was er will. Wenn sich nun Jahrzehnte später herausstellt, daß die Fatalisten Recht hatten, wäre das tatsächliche Ziel trotzdem erreicht worden. Der antiegalitaristische Individualverkehr wäre weg, statt Einfamilienhäusern gäbe es nun Wohnsilos im sich renitent weiterwandelnden Weltklima. Das Ende vom Lied wäre dann, daß Grüne und Linke behaupten würden, die Maßnahmen zur Steuerung des menschengemachten Klimawandel seien hinsichtlich des vorher behaupteten Ziels zugegebenermaßen wirkungslos geblieben, aber hey, wenn schon unabänderlicher Klimawandel, dann sei doch wenigstens schön, daß den widerlichen PS-Protzen und Eigenheimbesitzern der Garaus gemacht worden ist.

Es handelt sich mit diesen kalkulierten Ungenauigkeiten, wenn nicht gar den Lügen, um ein altes marxistisches Rezept zur Durchsetzung von Zielen, von denen die Linke genau weiß, daß sie nie die Zustimmung der Massen dafür erhalten würde, wenn sie nicht ein übergeordnetes, besonderes hehres Ziel als Generalmotiv für ihre Forderung nach bestimmten Maßnahmen behaupten würde. Martin Unfried führt in der „taz“ exemplarisch vor, wie das im linken Journalismus aussieht.

Er schreibt: „Man kann als Grüne jetzt natürlich rumheulen, wie unterirdisch dieser Bundestagswahlkampf sei. Dass die anderen so schlimm sind und die Medien so gemein. Aber das ist die Erklärungsstrategie von Verlierern. Nicht zu empfehlen.“ – und schon haben wir die erste, kalkulierte Ungenauigkeit. Wahr ist: Die Medien sind nicht gemein zu Annalena Baerbock, sondern sie suchen händeringend nach Verständnis und entlastenden Erklärungen für Baerbocks Aufschneidereien. Sie relativieren was das Zeug hält. Allenfalls wäre das eine Gemeinheit ihren Konsumenten gegenüber. Es geht auch nicht um die „Erklärungsstrategie“ von Gewinnern oder Verlierern, sondern ganz klar um diejenige einer Lügnerin. Ein Verlierer ist etwas anderes als ein Lügner. Und wer nicht lügen will, der braucht auch keine Erklärungs-„Strategie„, weil ihm ausreichen würde, ganz einfach die Wahrheit zu sagen. Das wäre ihm „Strategie“ genug. Schon in seinem ersten Absatz macht Unfried also klar, daß das Lügenholz, aus dem er geschnitzt ist, genauso grün resp. rot ist, wie das, aus dem die Canceler:innenkandidierende gemacht wurde.

Martin Unfried weiter: „Die Frage ist auch nicht, ob es im Vergleich mit Bereicherungsgepflogenheiten der Union Pipifax ist, was unter dem Strategiepunkt Charakterabwertung gegen Annalena Baerbock angeführt wird.“ – das ist eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich keine Erwähnung verdiente, wenn nicht die Erwähnung selbst wieder einer Strategie geschuldet wäre. Es ist nämlich auch keine Frage, ob es Pipifax ist, wenn am Tatort festgestellt wird, daß dem Mordopfer auch noch das Auto geklaut wurde. Raubmord ist ein Tatbestand für sich. Was Unfried hier treibt, ist die strategische Überlegung zu der Frage, wie sich am besten die Behauptung umschiffen läßt, sowohl bei der Union als auch bei den Grünen handle es sich um notorische Betrüger. Was wollte Unfried eigentlich? Wollte er behaupten, daß der 100-Euro-Dieb vertrauenswürdiger sei als der 200-Euro-Dieb? Und was soll der „Strategiepunkt Charakterabwertung“ sein? Niemand braucht eine Strategie, um Baerbocks Charakter abzuwerten. Weil sie das nämlich selbst getan hat. Genauer: Sie hat ihn nicht abgewertet, sondern offengelegt. Die vermeintliche „Abwertung“ ist nichts weiter als die Ankunft in der Realität.

Daß es Unfried selbst ist, der es vorzieht, lieber im Postulat zu verweilen, als sich der Realität zu stellen, wird bei seiner Konstruktion eines Zusammenhangs deutlich, der erst durch eine unbewiesene Behauptung überhaupt zu einem wird. Er schreibt: „ Es geht hier aber um eine reale Klimakrise.“ – um weiter unten dann herauszukommen bei: „Erfolgreiche Zukunftspolitik ist auf weitreichende und unhierarchische Allianzen unterschiedlicher Kompetenzen, Systeme, Kulturen und Machtbereiche angewiesen, das funktioniert weder mit Zentralisierung noch mit Abschottung. Aber kann man damit noch einen klimapolitischen Aufbruch erzwingen?“ – „Erfolgreiche Zukunftspolitik“: Das ist eine Phrase, die schon in sich so blöde ist, daß Unfried eigentlich die Gänse beißen müssten. Weil: Ob eine „Zukunftspolitik“ erfolgreich gewesen ist, läßt sich logischerweise erst in der Zukunft feststellen. Unfried schreibt aber in der Gegenwart. Außerdem sind eigentlich alle politischen „Weichenstellungen“ der Gegenwart auf die Zukunft ausgerichtet. Selbst bei der Bahn ist die Weichenstellung ein Vorgang, der erfolgt, bevor der Zug über die Weiche fährt, damit er „in der Zukunft“ auf dem richtigen Gleis weiterfährt. Ob die Weiche richtig gestellt wurde, läßt sich erst feststellen, nachdem der Zug sie passiert hat. Nebenbei bemerkt, stellt sich schnell heraus, wenn die Weiche falsch gestellt worden war.

Unfrieds „reale Klimakrise“: Wenn er schon unbedingt von „Klimakrise“ reden will, obwohl der „Klimawandel“ gemeint ist, dann müsste er die Tatsache, daß sich das Klima schon Abermillionen von Jahren vor dem erst jüngst – also vor ca.300.000 Jahren – erfolgten Eintreten des homo sapiens in die Welt dauernd gewandelt hat, zu der Behauptung nutzen, es habe seit dem Urknall nichts anderes als eine permanente Klimakrise gegeben. Was Linke und Ökologisten im Grunde immer meinen, wenn sie „Klimakrise“ sagen, ist „Menschenkrise“. Der Mensch bekommt im Angesichte des Klimawandels die Krise, weil er sich im Wahn von seiner eigenen Omnipotenz angewöhnt hat, sich sogar noch als einen klimatischen „Krisenmacher“ zu begreifen. Daß er das wiederum sei, muß er glauben, weil er es nicht wissen kann. Genauer: Er muß der Wissenschaft glauben. Nicht glauben muß er hingegen, daß „die Wissenschaft“ zu allen Zeiten korrumpierbar und käuflich war. Daß dem so ist – das kann er wissen, weil es bewiesen ist. „Die Wissenschaft“ hat sich schon oft zur nachträglichen Legitimation von „Maßnahmen“ instrumentalisieren lassen, die nichts anderem als der Durchsetzung eines Willens dienten. Daß dem auch in Fragen der „Klimakrise“ so sein könnte, muß er zunächst unterstellen, um dann ergebnisoffen zu untersuchen, ob seine Unterstellung zutrifft. Hilfreich sind dabei Beweise anderer Art, z.B. der unzweifelhaft vorliegende Beweis dafür, daß genau diese Ergebnisoffenheit mit aller medialen Macht sabotiert wird. Er kann also auch nach Gründen für die evident vorhandene Sabotage suchen – und wird dann wieder beim Wort „Strategie“ herauskommen.

Nicht bewiesen ist, ob sich Unfried das alles nicht überlegt hat, oder ob er eine solche Überlegung „strategisch“ ignorierte, um „zielführend“ bei der „Berechtigung“ seiner Frage zu landen, ob – und wenn ja – wie ein „klimapolitischer Aufbruch“ (vom „runden Tisch“ vielleicht? „Gemeinsamer“ Aufbruch?) zu erzwingen sei. Selbst ein linker Unfried müsste zunächst einmal absolut davon überzeugt sein, daß er Recht hat, bevor er etwas erzwingen wollen kann. Aber gut: Linken mangelt es zwar an vielem, niemals aber an der Überzeugung, Recht zu haben. Womit dann auch das Grundproblem benannt wäre, das die Menschheit mit Linken hat. Nichts illustriert diese Behauptung besser, als das folgende, typisch linke Postulat: „Es gibt keine Wahrheit. Der Mensch konstruiert sich seine je eigene Realität“. Linke sind derartig bescheuert in ihrer widerwärtigen Rechthaberei, daß ihnen noch nicht einmal mehr auffällt, wie grotesk die Erwartung ist, jemand möge die Behauptung, es gebe keine Wahrheit, begreifen als die Wahrheit dazu. Abgesehen davon: Was es gibt und was es nicht gibt, hängt keinsfalls davon ab, was der Mensch sich konstruiert. Die Konstruktion seiner Mausefalle ändert nichts daran, daß es genau den Elefanten gibt, den der Fallenbauer noch nie gesehen hat.

Nicht lohnenswert

Es lohnt sich nicht, sich hier weiter nur auf Unfried in der „taz“ einzuschießen. Der Chefredakteur der „taz“ hat bis hierhin schon in wenigen Zitaten bewiesen, auf welchen Füßen sein Beitrag zum grünen Wahlkampf im Allgemeinen und zu Baerbock im Besonderen läuft. Er redet von „Verlierern“, wenn er von „Lügnern“ sprechen müsste. Er behauptet eine „reale Klimakrise“, obwohl die einfache Klimakrise bereits als „real“ begriffen werden müsste, um überhaupt als Krise identifiziert zu werden. Es gibt keine „irreale Krise“. Das richtige Wort für „irreale Krise“ wäre „Einbildung“. Er redet von einer (fehlerhaften) „Strategie“, wo es a priori keine bräuchte, wenn stattdessen Wahrheitsliebe nachgefragt wäre. Es gibt keine Klimakrise, die etwas anderes wäre als eine „Menschenkrise“ – und die wiederum wäre recht eigentlich eine „Bewußtseinskrise“. Da der Medien-Mainstream unermüdlich daran arbeitet, per Meinungsmanipulation das „richtige Bewußtsein“ zu etablieren, und weil der Medien-Mainstream – von niemandem ernsthaft bestritten – in den vergangenen Jahrzehnten deutlich nach links gerutscht ist, um von dort aus blindwütig auf alles einzudreschen, was seiner Nach-links-Bewegung nicht folgte, handelt es sich bei der „Bewußtseinskrise“ letztlich um eine von Linken verursachte „Generalkrise des Denkvermögens“.

Die Strategie

Wer die Herrschaft über die Sprache hat, beherrscht auch das Denken der Sprecher. Deshalb ist es ein wichtiger Teil der linken Strategie, die Herrschaft über die Sprache zu erringen. Wer das Wort „Antifeminist“ im allgemeinen Bewußtsein als Ersatz für „Frauenfeind“ etablieren kann, neutralisiert eine Feminismuskritik, die sich eben nicht gegen Frauen, sondern gegen Feministen richtet. Über die Etablierung des Begriffs „Umwelt“ z.B. wurde es möglich, den Menschen in einen Gegensatz zu stellen zur Welt. Unsichtbar gemacht wurde dadurch die Tatsache, daß der Mensch in seiner Eigenart genauso Bestandteil der Welt ist, wie alles andere auch. Ist der Mensch gedanklich erst einmal aus der Welt herausgelöst worden und dann noch dem Wahn seiner Omnipotenz und seiner je persönlichen Wichtigkeit für das Ganze anheim gefallen, wird es möglich, ihm einzureden, er könne das Weltklima grundlegend verändern. Logisch ist zwar, daß jede Handlung eine Konsequenz zeitigt, bewiesen ist aber dadurch noch nicht, daß die Konsequenz der Handlung auch desaströs ist.

Der ubiquitär gebräuchliche Terminus „die Wissenschaft“ verschleiert die Tatsache, daß es sich bei „die Wissenschaft“ um einen Gottesersatz für Zivilreligiöse handelt, die, anstatt zu glauben, lieber glauben wollen, sie glaubten nicht, obwohl sie evident nur etwas anderes glauben. Die Aggressivität, mit der Linke als offizielle Atheisten dem Theismus begegnen, speist sich höchstwahrscheinlich aus dem Verdacht der eigenen Unterlegenheit einem externalisierten „Gesetzgeber“ gegenüber, der wegen seiner Ansiedlung im Außerirdischen dem Zugriff des menschlichen Willens entzogen bleibt – und somit gegen grundlegende Veränderungen immun ist, was dem Linken wiederum seine eigenen Grenzen aufzeigt. Die linke Strategie besteht darin, sich zu einem allgemein akzeptierten Ersatzgott aufzuschwingen. Für den Wahrheitssucher, der sich darauf beschränkt, die Lüge zu identifizieren, ohne dabei selbst „die Wahrheit“ zu verkünden, wäre ein solcher Gottestausch ein extrem nachteiliger Deal. Weswegen er sich einem solchen Deal auf jeden Fall verweigern muß.

Das Dumme an der linken Strategie ist, daß sie über diverse Gleichheitspostulate als unumstößliche Tatsache im Bewußtsein der Massen etablieren will, es gebe niemanden, der Linken intellektuell das Wasser reichen könne. Wohin das führen kann, war in Kambodscha unter PolPot zu sehen. Dort wurden Brillenträger umgebracht, weil ihnen unterstellt wurde, sie seien des Lesens kundig – und somit dazu in der Lage, eine abweichende Weltsicht zu entwickeln, derentwegen sie dann zu Feinden von PolPots herrschendem Idiotenystem werden könnten.

So gesehen sind linke Versuche á la Unfried in Deutschland, per Manipulation der öffentlichen Meinung, mit kalkulierten Ungenauigkeiten, per Framing und Euphemismus, der Anfüllung von Begriffen mit einer geänderten Bedeutung usw.usf. nichts anderes, als „kleine Morde an Brillenträgern“. So gesehen hat die „taz“ ihrem Chefredakteur wieder einmal als kleine „Mörderchenhöhle“ gedient. Typisch Lügenpresse eben. Komisch genug ist, daß das der Chefredakteur selbst noch nicht einmal bestreitet, indem er über den grünen Wahlkampf schreibt: „Es geht um eine gute, glaubwürdige Erzählung„. – Ja, ja, die liebe Glaubwürdigkeit. Wer ein bißchen mehr Verstand hat, der setzt nicht auf Glaubwürdigkeit, sondern auf Wahrheit. Daß Leute wie Unfried allerdings für wichtiger halten, was Leute glauben, bestätigt alles, was ich oben dazu geschrieben habe.