Regenbogen-Uniformität

Rainbow (Bild: shutterstock.com/v)

Die deutsche Gesellschaft krankt an einem signifikanten Widerspruch: Zum einen ist ihr ultimativ „Diversität“ verordnet, zum anderen aber findet sie sich gerade dadurch in Regenbogenfarben uniformiert wieder. Vormundschaftliche Tendenzen mitten in der sogenannten freiheitlich-demokratischen Grundordnung erkennen zu wollen, gilt als Anzeichen von Anfälligkeit für Verschwörungstheorien. Allerdings erleben wir im Politischen und Kulturellen tatsächlich eine dreiste Vormundschaft.

Von Heino Bosselmann für Sezession

Daß in meiner Stadt gegenwärtig alle Straßenbahnen regenbogenbeflaggt fahren, mag ja nett bis gut gemeint sein, aber wesentlich ist, daß sie diese Symbolik präsentieren müssen; irgendwer hat eine Dienstanweisung gegeben und diese politische Botschaft angeordnet, weil sie nach Auffassung dieses Entscheidungsträgers als richtig und notwendig so rigoros wie unbedingt zu gelten hat. Imperativ! Aus eigenem Motiv bringen die Straßenbahnfahrer die Fähnchen nicht an; sie werden dazu in die Pflicht genommen. Von wem?

Ein solches Vorgehen, ein Zwang zur Beflaggung, unterscheidet sich in nichts von der einstigen SED-Propaganda: Es wird vorausgesetzt, daß alle Menschen unmittelbar ein Einsehen in die Zielsetzungen ideologischer Kampagnen haben müßten; und es wird impliziert, jeder, der auch nur Vorbehalte äußere, sei als Gegner anzusehen und müsse mindestens umerzogen werden. Wer etwa das Bekenntnis zur „unverbrüchlichen Freundschaft mit dem Lande Lenins“ offen nicht bejaht hätte oder wer zu Feiertagen versäumte, ja gar vermied, die Fahne rauszuhängen, wäre diszipliniert worden. Dies ist mittlerweile wieder genauso.

Gesellschaften neurotisieren so ähnlich wie Persönlichkeiten, insofern es entsprechend dem persönlichen Bewußtsein ein kollektives gibt. Nur ist die individuelle Neurose eine Fehlleistung oder Krankheit, die eine eigene Anamnese hat und daher eine individuelle Veränderung erfordern mag, für die man sich selbst, aber keinen anderen in die Pflicht nimmt.

Die kollektive Neurose, etwa im Sinne von Zwanghaftigkeiten oder Zwangshandlungen, ist gefährlich, weil sie vermeintlich kollektive Wahrnehmungen kraft Anordnungen auf alle zu übertragen versucht und genau damit jene individuelle Freiheit einschränkt, die ja tatsächlich die Voraussetzung für die Freiheit aller ist. Marx stellte dieses Diktum zwar als Kriterium für die kommunistische Gesellschaft auf, aber als Verfassungsversprechen gilt die individuelle Freiheitsgarantie im Denken und Urteilen ganz im Sinne der opferreich errungenen bürgerlichen Liberalität.

Dieses Versprechen wird gerade aufgehoben. Wir sollen Regenbogen-Propaganda und das Niederknien von Fußballspielern gerechtfertigt, ja notwendig finden; wir sollen dem folgen und uns botmäßig verhalten. Wir haben Anfeindungen und Nachteile zu erwarten, wenn wir dem geradeheraus widersprechen. Wo aber nicht mehr widersprochen werden darf, ohne daß Sanktionen drohen, da ist die Diktatur nicht weit.

Wir finden uns mal wieder zwangsvereinnahmt. Geschieht das, müssen wir achtsam sein, denn solche Tendenzen korrigieren sich nicht selbst, im Gegenteil, sie gewinnen in Eigendynamik Totalität.

Daher ist es wichtig, zunächst genau nach dem Agens, nach dem Ursprung und dem Träger solcher Vereinnahmungsbefehle zu fragen: Wem genau ist es anordnungspolitisch wichtig, daß sich die Gesellschaft in Regenbogenfarben präsentiere, wer genau verlangt, daß niedergekniet werde? Und warum? Welchen Zwecken und Zielen wird da gefolgt?

Die Arroganz der Regierenden, für jemanden sprechen zu wollen und sich einzubilden, man personifiziere geradezu das Volk, genau das erinnert so an den vormundschaftlichen Staat: Nicht wir wollen euch etwas vorschreiben und verordnen, nein, ihr selbst wünscht es euch doch so, wie wir es verlangen.

Regierungssprecher Steffen Seibert, ganz Propagandafunktionär: „Die Regenbogenfahne steht dafür, wie wir leben wollen – mit Respekt füreinander und ohne Diskriminierung.“ Man beachte, er spricht in der ersten Person Plural, also von „wir“. Außerdem: Ohne Diskriminierung? Man war umstandslos bereit, die ungarische Nation zu diskriminieren. Und im Niederknien mindestens den weißen Mann.

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Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.