Je mehr sich Corona zurückzieht, desto größer die Delta-Panikmache

Panik (Bild: shutterstock.com/Von diy13)
Panik (Bild: Imago/Von diy13)

Sie können es gar nicht erwarten, bis endlich wieder die „Zahlen“ steigen und die heraufbeschworene „vierte Welle“ losgeht, bis „Delta“ auch bei uns um sich greift und endlich wieder alles dichtgemacht wird: Wie Landwirte in einer Dürreperiode, die auf jede entfernte Regenwolke am Horizont stieren und für den Wolkenbruch beten, beschwören deutsche Corona-Journalisten der etablierten Medien derzeit die Delta-Periode und blicken geradezu wehmütig bis neidvoll nach England, wo die Inzidenzen steigen – oder neuerdings nach Fernost, wo schon wieder erste Ausgangssperren und Einreisestopps greifen. Unterdessen warnt Kassenärztechef Andreas Gassen vor „Delta-Panikmache“ – jedoch leider als Rufer in der Wüste.

Thailand, Indien, Malaysia: Die Delta-Welle – Jetzt macht Asien wieder dicht„, titelte gestern mit geradezu sabberndem Duktus „Focus.de„, und berichtete unheilvoll: „Die Ausbreitung der Delta-Variante zieht Konsequenzen nach sich!„. Deutlich ist der Erfolg einer sechzehnmonatigen Gehirnwäsche zu sehen: Zwischen „Zahlen“, „Inzidenzen“ ohne jede Aussage über Symptome, reale Krankheitslast und vor allem Infektiosität, und real ansteckenden Erkrankten – einst der wesentliche, ja einzige ärztliche und gesundheitspolitische Unterschied zwischen Entwarnung und Warnung – wird inzwischen überhaupt nicht mehr differenziert. Deutschland liegt aktuell bei einer 7-Tages-Inzidenz von 5,2 – Tendenz weiter fallend, doch selbst wenn sie 500 oder 600 betrüge, wäre damit noch keine Aussage über den Krankheitswert möglich; zumal nicht angesichts der voranschreitenden Impfkampagne. Deshalb sind Rufe nach „Maßnahmen“ vollkommen deplatziert.

Genau deshalb trauen sich zumindest die letzten verbliebenen couragierten und rückgratstarken Ärztefunktionäre im deutschen Gesundheitswesen, Tacheles zu reden und die Panikprediger in Politik und Medien auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. So kritisiert der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, die Diskussion um schärfere Regeln zum Schutz vor der Delta-Variante als „unverantwortliche Panikmache“ – und wirft der Bundesregierung „irrationales Handeln“ vor: „Ich halte die Debatte derzeit für in Teilen fast schon hysterisch„, sagte Gassen dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland„. Es sei unverantwortlich, immer wieder „mit Endzeitszenarien zu operieren„, fügte er hinzu.

Dass „Delta“ Ende Juli hierzulande die dominierende Mutante werden dürfte, sei kein Grund zur Aufregung. Auch wenn sie statistisch womöglich ansteckender ist, sei die Variante nach derzeitigen Erkenntnissen nicht wesentlich gefährlicher als die bisherigen Varianten, argumentierte Gassen. Es könne zwar durchaus sein, dass die Infektionszahlen wieder hochgingen. „Aber es gibt bisher keine fundierten Hinweise darauf, dass dadurch auch der Anteil der schweren Erkrankungen wieder steigt, zumal Geimpfte zuverlässig geschützt sind„, sagte er. Man müsse dies natürlich genau beobachten – doch „der von einigen verbreitete Alarmismus ist völlig fehl am Platz„, so Gassen; eine klare Breitseite gegen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, RKI-Cheftierarzt Lothar Wieler und vor allem SPD-Alarmtröte Karl Lauterbach.

Unverantwortliches Operieren mit Endzeitszenarien

Gassen plädiert für ein Umdenken bei der Beurteilung der Infektionslage: „Es war schon immer falsch, nur starr auf die sogenannte Inzidenz zu schauen. Aber angesichts des enormen Impffortschritts wird es immer absurder, das weiter zum Maßstab des Handelns zu machen„, argumentiert er. Wenn immer mehr Menschen durch eine Impfung vor schweren Krankheitsverläufen geschützt seien, dürfe die Infektionszahl nicht die entscheidende Rolle spielen. „Wir können eine gewisse Inzidenz akzeptieren und das werden wir perspektivisch auch müssen„, sagte er. Kritik übte Gassen insbesondere an den Reiseregeln. „Die Bundesregierung ist dabei, Vertrauen in der Bevölkerung zu verspielen“, sagte er.

Portugal mit seinen harten Lockdowns wird lange als Musterland der Corona-Bekämpfung dargestellt, für das Reisen wird mit großem Brimborium der digitale Impfpass eingeführt. Doch dann wird über Nacht der Urlaub in Portugal quasi unmöglich gemacht, weil alle Rückreisenden – ob geimpft oder nicht – in 14-tägige Quarantäne geschickt werden„, schimpft Gassen, und fordert, die Quarantäne für vollständig geimpfte Reiserückkehrer aus sogenannten Virusvariantengebieten zu streichen. „Wir wissen, dass vollständig Geimpfte auch gegen Delta hervorragend geschützt sind. Daher darf man nicht alle über einen Kamm scheren.

Doch leider wird die Regierung auch diese qualifizierte Kritik, da sie in die aus ihrer Sicht „unerwünschte“ Richtung zielt, in den Wind schlagen. Wetten, dass in einigen Monaten wieder alles zu ist? (DM)