Abt. Zicke-Zacke: Hühnerkacke – was heißt hier „Plagiator:in“?

"Peanuts"? - Annalena Baerbock - Foto: Imago

Franziska #Giffey ergreift Partei für #Annalena Baerbock. Ein Schelm, wer unterstellt, sie hätte sich nichts dabei gedacht. Die Humorlosigkeit.

von Max Erdinger

Deutschkurs für Anfänger: Was bedeutet das Wort „kackendreist“? Kackendreist wäre zum Beispiel ein überführter Dieb vor Gericht, der dem Haftrichter klarzumachen versucht, daß die Justiz leider generell dazu neige, nicht die Tat, sondern den Dieb als komplette Person zu verurteilen, weswegen recht eigentlich auch nicht er selbst-, sondern der Haftrichter reuevolle Worte zu finden hätte. Das wäre „kackendreist“.

Bei „SPIEGEL„-Online liest der schockierte Nachrichtensurfer:

– Nach den Plagiatsvorwürfen gegen Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat Ex-Familienministerin Franziska Giffey den Umgang mit Politikern kritisiert. „Was hier deutlich wird, ist, daß es in Deutschland einen Automatismus gibt: Es muß sich nur einer finden, der einen Plagiatsvorwurf erhebt, schon wird die Person komplett infrage gestellt und damit beschädigt“, sagte Giffey der „Bild am Sonntag“. –

Komplette Personen, die infrage gestellt werden? Wenn der Dieb rechtmäßig als Dieb bezeichnet werden darf, dann bezieht sich das auf seine komplette Person, nicht nur auf Teile seines Brustkorbs und das linke Knie. Man unterstellt ihm nämlich völlig zu Recht, daß er auch ein komplettes Diebsgehirn hat, mit dem er denkt. Von einem Teildiebsgehirn hat noch nie jemand etwas gehört. Ganz genau so verhält es sich mit „der Plagiator:in“. Sie ist Plagiator:in von Kopf bis Fuß. Die komplette Person. Und ob sie genau das ist oder nicht, hängt nicht davon ab, daß jemand den Vorwurf erhob, sondern davon, daß er zutreffend gewesen ist. Beschädigt hat sie sich ganz alleine. Allerdings wäre Frau Franziska Giffey eher nicht der Typ, der sich in einer Schaufensterscheibe wohlgefällig beim eigenen Vorbeiflanieren zuschaut, um dann bei „dumm gelaufen“ herauszukommen. Aus eigenem Verschulden hat bei Frau Dr. Giffey gefälligst nichts dumm gelaufen zu sein. Wie stünde sie denn da?

Schuldzuweisung statt Verantwortungsübernahme

Frau Dr. Giffey ist blond und klug. Und wenn es ihr nützt, dann kann sie jederzeit Anmut & Liebreiz verströmen, ganz im Gegensatz zu Karl Lauterbach oder Ralf Stegner. Müssen tut sie aber nicht. Sie kann ja auch Annalena Baerbock hernehmen, wenn es ihr nützt. Die Top-Kombi ist: Anmutig den liebreizenden Eindruck erwecken, als sorge sich Frau Dr. um den Umgang mit jener Annalena, von der man inzwischen annimmt, daß sie nicht nur den ersten, sondern auch noch den zweiten Teil ihres Nachnamens von den Tieren abgeschrieben haben könnte. – In eigener „Dr.– Sache“ hätten Franziska Giffey rein zufällig auch Anmut & Liebreiz nicht mehr geholfen. Weswegen die blonde und kluge Frau Dr. wohl der Herrin im Himmel dafür dankbar sein wird, daß sie nicht nur den Bock, sondern auch jenen Bären erschaffen hat, den man jemandem aufbinden kann. Und weil sich sonst ein „zerstörerischer Automatismus“ Bahn bräche, selbstredend.

Wer gern vor zerstörerischen Automatismen warnt, kalkuliert damit, aufgrund seiner feinen Frühwarnantennen für besonders konstruktiv gehalten zu werden, was sich immer in Pluspunkten auszahlt. Auch ohne Anmut & Liebreiz. Der absolute Bringer, ein richtiger Pluspunkteklopper ist jedes Mal die staatstragend vorgetragene, tiefe Sorge um die höheren Güter. Frau Dr. Giffey weltmeister:innenlich: „Wenn jemand, der sich politisch engagiert, Freiwild ist für jede Form des Angriffs, der Diffamierung und der rücksichtslosen Hetze, ist das eine Gefahr für die Demokratie.“ – In Wahrheit geht es natürlich um die Gefahren für eine blonde und kluge Frau, deren Karriere einen Knick bekommen hat, nicht um irgendwelche Gefahren für die Demokratie, eigentlich „den Demokratismus“.

Der Applaus aller derjenigen, die sich, bislang womöglich noch unertappt, recht fleißig beim politischen Engagement im Bundestag tummeln, ist ihr für die obige Einlassung aber auf jeden Fall sicher. Fein kalkuliert. Vorsorge ist besser als Nachsorge. Ein bißchen Beliebtheitsvorsorge kann Frau Dr. allerweil nicht schaden. Die vergebungsvolle Loyalität ihres Politikerstandes auch nicht. Da kann Frau Dr. schon einmal nützlich eine Lanze für den umgangsgepeinigten Politiker brechen. Schließlich ist sie unstrittig eine Gefahr für jene Aufrichtigkeit gewesen – und ist es noch immer -, die man politsch braucht, um sich als Demokratist mit stolzgeschwellter Brust einen Demokraten nennen zu dürfen. Zumal als Volksvertreter.

Zur Aufrichtigkeit gehört aber leider auch, für seine Durchstechereien – wenn man sich schon hat ertappen lassen – die Verantwortung zu übernehmen, anstatt sie lernresistent weiterhin von sich zu schieben, obwohl man doch als Politiker angetreten war, um Verantwortung zu übernehmen.

Der einfache Experte spricht in einem solchen Fall von Unreife und infantiler Zurückgebliebenheit, der chauvinistische Spezialexperte von „typisch Weiber“. Wer redet denn ständig von der „verantwortungsvollen Politik“? Und wenn Frau Dr. Giffey auch noch von „jede Form des Angriffs“ erzählt, wird man sie wohl fragen müssen, ob sie auch wirklich keine übersehen hat. Bestimmt wird sie grundehrlich antworten. Sie selbst hat sich auf jeden Fall nicht ins eigene Knie geschossen. So viel steht fest … hat gefälligst festzustehen. Andernfalls: Frauenfeindlichkeit, strukturelle Benachteiligung, Sexismus – suchen Sie sich was raus.

Bezeichnend?

Das hat eine jüngere Analogie. Wie meinte doch Frau Annegret Kramp-Karrenbauer über den medialen und sozialmedialen Umgang mit der blonden und freundlichen Ignorantin auf Listenplatz 2 der saarländischen Grünen, – Sie wissen schon – die mit den anmutigen, liebreizenden und knallroten Riesenlippen, die vor lauter Scham angesichts ihrer unübersehbar gewordenen, totalen Ahnungslosigkeit beim Landesparteitag wenigstens nicht nur von der Kandidatur zurück – sondern anstandshalber gleich ganz aus der Partei ausgetreten ist? – Das hier meinte Frau Annegret Kramp-Karrenbauer: So viel gnadenlose Häme wegen „ein bißchen unprofessionell“ habe die bedauernswerte Grünova aus der Ukraine nicht verdient. Der chauvinistische Spezialexperte hingegen: „Ja, wofür hat sich die grüne Frau Schämova denn aufstellen lassen? Für den Kindergartenbeirat in Saarbrücken oder für den Bundestag? Dem Deutschen Volke – was? Ein Parlament von Nullchecker:innen? – Wohl kaum. Hier hat die gnadenlose Häme einmal öfter das Schlimmste verhindert. Laßt uns froh und hämisch sein!“.

Hören Sie, wie still es jetzt ist? Was Sie gerade noch so hören können, ist kein anschwellender Baerbocksgesang mehr, sondern das ferne Hintergrundgackern der Hühner. Göttlich, diese Ruhe.