Corona & Zwischenbilanz: Pandemischer Kopfschuß

Das Coronavirus ist politisch geworden - Foto: Imago

Bedroht ist das Leben wie vorher noch nie. Seit anderthalb Jahren herrscht Pandemie. Im Zuge der gar gräßlichen Seuche schrumpfte das Hirn, es wuchsen die Bäuche. „Die Menschen“ sind leider dicht nicht mehr ganz. Die schrecklich ernüchternde Zwischenbilanz.

von Max Erdinger

Das Besorgniserregendste an der „Pandemie“ nach Pandemiedefinition der Weltgesundheitsorganisation sind nicht die virologischen und epidemiologischen Fakten, sondern die Einsicht, daß Regierung und Medien während der „Pandemie“ eine Fülle an Gewißheiten über „die Menschen in Deutschland“ gewonnen haben, die sich dazu eignen, völlig gar abzuschaffen, was „die Menschen“ mehrheitlich ohnehin nicht zu verteidigen gewillt sind: Demokratie und freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Das Drama

Deutschland ist schon vor der Ankunft von „Pandemie“ merkwürdig gewesen, wenn man sich das einmal genauer überlegt. Immerhin konnte man sich in der Chefetage der AOK ausrechnen, daß es besser wäre, nicht länger mehr Krankenkasse zu sein, sondern Gesundheitskasse zu werden. Weil: Krankheit ist out, Gesundheit ist in. Wenn man das weiterspinnt und berücksichtigt, daß man bei der Gesundheitskasse noch immer nicht gesundheitsversichert, sondern krankenversichert geblieben ist, wird einem sofort klar, auf welche Weise man ratzfatz Multimillionär werden könnte. Man müsste nur das Wort „Lebensversicherung“ mit einem anderen Inhalt füllen. Realiter ist es ja so, daß die Lebensversicherung mitnichten das Leben versichert, sondern den Tod, weil sie lediglich ein finanzielles Trostpflaster für gramgebeugte Hinterbliebene darstellt. Die Lebensversicherung ist eigentlich eine Hinterbliebenenversicherung.

Multimillionär könnte man in Deutschland werden, wenn man eine sauteure Versicherungspolice verkauft, die tatsächlich das Leben gegen den Tod versichert, eine richtige Lebensversicherung also. Man müsste im Kleingedruckten nur dafür sorgen, daß im Falle eines vertragsbrüchigen Ablebens ausschließlich der Versicherungsnehmer selbst auf Auszahlung der Versicherungssumme klagen darf. Da würden unglaubliche Angebote möglich werden. „Für nur 500 Euro Monatsbeitrag zahlen wir Ihnen im Sterbefall 10 Milliarden.“ – So eine Versicherung würde in Deutschland weggehen wie warme Semmeln.

Die deutschen Gesundheiten

Der Mainstream-Deutsche putzt sich nach dem Aufstehen als erstes einmal die Zähne. Weil die Zahngesundheit die wichtigste aller Gesundheiten ist. Defekte Beißerchen können für Malheur im ganzen Körper sorgen. Weswegen auch wichtig ist, daß er die allerneueste Zahnbürstentechnik verwendet, eine, die der Werbung zufolge auch dieses Jahr wieder von weiß bekittelten Wissenschaftlern in geheimen Bürstenlaboratorien entwickelt worden ist. Das Entwicklungspotential von Zahnbürste und Zahnpasta ist nämlich ein unbegrenztes seit mindestens einem halben Jahrhundert andauernden Fortschritts. Danach trinkt er einen Schonkaffee, damit der Magen nicht gleich nach dem Zähneputzen einen Treffer abbekommt. Nebenher gibt es „etwas Gesundes“ zum Frühstück. So früh am Tag trägt der Mainstream-Deutsche also erst einmal den zu dieser Tageszeit wichtigsten Gesundheiten Rechnung, der Zahn- & Magengesundheit. Währenddessen überlegt er aber schon, was er im weiteren Tagesverlauf auch heute wieder alles nicht rauchen, nicht essen und nicht trinken wird, auf daß er keinesfalls vorzeitig das Zeitliche segne.

Alsdann verläßt er das Haus, um zur Arbeitsstelle zu radeln. Dazu setzt er sich ein Helmchen auf, damit im Fall der Fälle, dem sogenannten Unfall, der Aufwand für die Zahn- und Magengesundheit nicht vergeblich gewesen sein möge. So geht das Tag für Tag. Nur bei der geistigen Gesundheit ist der Mainstream-Deutsche extrem nachlässig, weswegen er logischerweise auch geisteskrank wird. Das kann man daran sehen, daß er außer über die Vielzahl seiner Gesundheiten, die zusammengenommen seine Gesundheit darstellen, gern über die diversen Gerechtigkeiten nachdenkt, aus denen sich sein Gerechtigkeitsgefühl zusammensetzt. Weil er inzwischen weiß, daß auch die Vielzahl der Gefühle enorm wichtig geworden ist. Besonders das ursprünglich profane Mitgefühl, weswegen er es im Jahr 2021 auch als „Empathie“ bezeichnet. „Empathie“ klingt weißkitteliger, als „Mitgefühl“. Gefühlt haben die Empathischen seine ganze Solidarität. Weil Solidarität mit den Empathischen gut ist. Was gut ist, ist auch enorm wichtig. Ein asozialer Hundsfott, wer ihm sein Gefühl mit dem Verstand ausreden will.

Die gefühlte Pandemie

Die Intensivbettenlüge, die Untauglichkeit des PCR-Tests zur Feststellung eines Infektionsgeschehens, die Unhaltbarkeit der Begriffsdefinitionen von „Coronatoter“, „Neuinfektion“ und „Inzidenz“, ziemlich normale Mortalitätsraten, das fehlende Absinken der durchschnittlichen Lebenserwartung, tödliche Hirnvenenthrombosen nach Impfung – alles glasklar nachgewiesen: Nichts davon scheint geeignet zu sein, ihn von seiner sauguten „Solidarität mit den Vulnerablen“ loszueisen. „Vulnerabel“ ist auch so ein Wort, das er recht empathisch erst in der „Pandemie“ gelernt hat. Mit seinem ganzen Gefühl ist er sich sicher, daß ein böser Mensch sein muß, wer ihm seine schöne Solidarität mit den Vulnerablen madig machen will.

Er lebt ja auch im Zeitalter der Leugnung. Da ist Vorsicht angebracht. Zuerst gab es nur den Holocaustleugner, dann kam der Klimaleugner hinzu, und inzwischen gibt es auch noch den Coronaleugner. Weiß der Geier, was gefühllose Menschen noch alles leugnen werden. Leugnung ist schließlich Leugnung. Besser, die Regierung schiebt der Leugnung einen Riegel vor. Einen Skepsisriegel sozusagen, der ihn davor schützt, seinem eigenen Gefühl gegenüber skeptisch zu werden. Wozu hat er sich schließlich die Zähne geputzt und ein Helmchen aufgesetzt? Damit er an sich und seiner empathischen Urteilskraft zweifelt? – Im Leben nicht. Außerdem: Die Mehrheit … die Nachrichten … die Meinung … die Gleichberechtigung … – wozu etwas wissen, wenn man auch so eine gleichberechtigte Meinung haben kann über die gefühlsleugnenden Verstandesmenschen? Sind halt Untermenschen, die sich nicht als erstes die Zähne putzen in der Früh, sondern bei einem doppelten Espresso lieber eine rauchen. Gab es auch schon immer. Gut, daß die Zigaretten vor lauter Solidarität mit der Lungengesundheit immer teurer werden.

Der ewige Untertan

Der deutsche Michel wurde schon früher nicht ganz zu Unrecht karikiert als einer, der mit der Schlafmütze auf dem Kopf und einer trüben Talgfunzel in der Hand die Gewißheit sucht. Auch 2021 könnte er ohne weiteres so karikiert werden. Es entgeht ihm nämlich eine ganze Menge, während er gefühlt gut ist wegen seiner empathischen Solidarität und seinem Instinkt für die Sicherheit vor praktisch Allem. Verwahren würde er sich allerdings dagegen, würde man ihm vorhalten, daß seinereiner genau der Typ sei, mit dem sich noch jede Regierungsform hat etablieren lassen. Und doch ist es so. Wenn es, wie etwa vor fünfzig Jahren noch, Ausweis eines „vorbildlich kritischen Bewußtseins“ gewesen ist, sich schon rein äußerlich als „Querdenker“ zu geben, etwa durch Schlaghosen und lange Haare, so ist es heute Ausweis eines „vorbildlich kritischen Bewußtseins“, die „Querdenker“ als Aluhutträger und Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen. Hoch lebe der Kaiser, lang lebe die Demokratie, Heil dem Führer, Cola und Kaugummi auf ewig – und heilig sei das Grundgesetz, solange es keine „Pandemie“ gibt. Sicherheit befiehl, wir folgen. Wo ist sie zu finden, die Sicherheit? – Bei der Mehrheit. Wie bitte? – 1933? – Pah! Wir haben 2021. Das ist etwas ganz anderes. Da liegen 88 Jahre Fortschritt dazwischen. Obwohl: 88? – Da war doch was, da war doch was …

Die mittlere Ebene der Staatsbediensteten funktioniert so zuverlässig wie eh und je, Kaiser, Führer, Besatzung, Honecker, Merkel – ganz egal. Allenfalls sind die Drangsale, die sie sich ausdenkt, noch ein bißchen blödsinniger geworden als zu Kaisers Zeiten. Das ist ebenfalls der heilige Fortschritt. Nicht so fortschrittlich ist hingegen der stoische Gleichmut, mit dem es der deutsche Untertan ablehnt, zu seinem Fürsten zu gehen. Lieber bleibt er „bei seinem Leisten“ und kocht „sein eigenes Süppchen“. Wenn ihn der Fürst aber ruft, dann ist der Stechschritt gar nicht schnell genug, um gehorsamst anzutreten und Meldung zu machen. Der deutsche Blockwartismus ist legendär. Andere beim Fürsten zu verpfeifen ist in Toleranzdeutschland so populär geblieben, wie es schon in Intoleranzdeutschland gewesen ist. Recht hat, wer bei der Mehrheit ist. Das alte Lied.

Die Optik

Die Fürsten sehen ein bißchen anders aus als anno dazumal. Sehr viel anders. Im Jahre 2021 sehen die Fürsten aus, als seien sie die größten Kritiker der Fürsten. Die größten Kritiker der Elche sind meist selber welche. Rote und Grüne sind längst Mainstream, gerieren sich aber noch immer, als seien sie die Revoluzzer gegen …. ja, wogegen eigentlich? Es ist ihnen doch alles abhanden gekommen, wogegen sie revoltieren könnten. Aber es paßt: Wo die Krankenkasse zur Gesundheitskasse wird, wo der Feminismuskritiker zum Frauenfeind wird, wo die Einbildung zur Pandemie – und der messerstechende Unintegrierbare zu Einmann, da wird auch die Revolution zur Unterdrückung, ohne daß die Verwechslung jemandem auffällt. Optisch ist alles in Butter.

Die deutsche Geschäftstüchtigkeit ist geblieben, auch wenn sie sich etwas verschoben hat. Früher setzte die Politik den Rahmen für die Geschäftstüchtigkeit. Heute sind die Politiker selbst geschäftstüchtig geworden, was mit einer gewissen Geringschätzung für die Geschäftstüchtigkeit des Volks einhergeht. Ressourcen sind nicht unendlich. Vorbei sind die Zeiten, als sich ein Nüßlein mit dem Scherflein begnügt hätte. Vorbei die Zeiten, als die Geschäftstüchtigkeit des Ministers für ein Einfamilienhäuschen reichte. Heute wohnt er nicht mehr, er residiert. Vorbei die Zeiten, als der Verfassungsrichter noch Verfassungsrechtler gewesen ist. Heute ist er Wirtschaftsrechtler. Vorbei die Zeiten, zu denen der Volksvertreter noch die Interessen des Volks vertreten wollte und regelrecht dafür brannte. Der Volksvertreter von heute vertritt lieber seine eigenen Interessen. Vorbei die Zeiten, als der arglose Kanzler wegen eines Spions in seiner direkten Umgebung zurücktrat, obwohl ihm der vom „Feind“ untergejubelt worden war. Der Kanzler von heute tritt nicht zurück – und wenn er das ganze Land verraten und verkauft hätte. Wenn der heutige Volksvertreter an der Misere des Volks verdienen kann, dann wird er es auch tun. Allein sein staatstragendes Gehabe ist dasselbe wie eh und je. Eher trägt er sogar noch ein wenig dicker auf, als früher. Für den deutschen Michel gilt schließlich: Du sollst überzeugt sein.

Was aber tut der ewige Untertan angesichts solcher Verschiebungen der Geschäftstüchtigkeit? – Nichts. Jedenfalls so lange nicht, wie er mit fest geschlossenen Augen daran glauben kann, seine Regierung halte die ihren Tag und Nacht offen, nur, um ihm seine heilige Sicherheit zu erhalten. Und die Gesundheit. Vor allem die Gesundheit. Denn die Gesundheit als Oberbegriff für seine diversen Gesundheiten ist das höchste Gut. Seit eh und je fehlen dem deutschen Gesundheitsbegriff aber die geistigen Aspekte. Weswegen sich alle paar Jahrzehnte eine Geisteskrankheit namens Kollektivismus ausbreitet, die einzige Konstantseuche, die es in Deutschland tatsächlich gibt. Das will er aber auch wieder nicht wahrhaben, der deutsche Michel. Vielmehr wähnt er sich allein schon deswegen für kollektivismusgeimpft, weil sein Nationalkollektivismus weg ist. Dabei existiert er als Mutation weiter. „Mutation“ ist auch so ein Wort, das er neuerdings neben „vulnerabel“ und „empathisch“ häufig verwendet. Sein Nationalkollektivismus mutierte zum Globalkollektivismus. Weswegen es auch keine Deutschen mehr gibt, sondern nur noch „die Menschen, die schon länger hier leben“. Die hatten sich aus Sicherheitsgründen z.B. umlagefinanzierte Sozialsicherungssysteme ausgedacht – und zwar mit dem Verstand, nicht mit dem Gefühl. Mit dem Gefühl allerdings meint & findet der infektionsfürchtige Deutsche in seinem neumenschlichen Globalkollektivismus, daß man das „umlagefinanziert“ vor „Sozialsicherungssystem“ nicht so verbissen sehen muß, weil diejenigen, die nie eingezahlt haben, auch nur „die Menschen“ sind. Und als solche haben sie ein Anrecht auf Teilhabe zu haben. Wegen der Globalmenschlichkeit.

Die große Enttäuschung

Wer heute 60 Jahre alt ist und die erste Hälfte seines bisherigen Lebens in der Bonner Republik verbracht hatte, für den brechen allerweil sämtliche Gewißheiten zusammen, die er hinsichtlich der allgemeinen geistigen Verfasstheit seiner nachkriegsdeutschen Landsleute hatte. Was hat er sich nicht, teils zwangsweise, teils aus eigenem Interesse, mit den Eigenheiten und den Übeln der deutschen Diktatur auseinandergesetzt – und wie sie überhaupt entstehen konnte. Was hat er nicht schon als Zwölfjähriger im Schein der Nachttischlampe Tränen vergossen angesichts der Trostlosigkeit dessen, was die ebenfalls zwölfjährige Anne Frank gar nicht so viele Jahre vorher in ihrem Tagebuch aufgeschrieben hatte. Was hat er nicht für eine feine Nase für die Entstehung von Totalitarismus entwickelt. So fein, daß er ihn schon riechen konnte, wenn ihm ein Erwachsener ein bloßes „weil ich das sage“ ohne jede weitere Erklärung als Antwort auf seine Fragen andiente. Was hatte er nicht für ein Mißtrauen entwickelt gegen Autoritäts- und Hierarchiegläubigkeit, gegen unbedingten Gehorsam und institutionalisierte Befehlsketten. Wie gern hat er Erich Kästner gelesen. Wie schockiert war er von Solschenizyns Archipel Gulag, vom Kriegstagebuch des Felix Landau, von den Schilderungen der Zustände während Maos chinesischer Kulturrevolution und denen von den Killing Fields in Kambodscha. Und wie stolz war er darauf, daß das alles zumindest in seinem eigenen Land überwunden gewesen zu sein schien.

Die große Enttäuschung 2021: Seinen geschissenen Nachkriegspatriotismus kann er in die Tonne treten. Deutsche denken mehrheitlich sozialistisch und bleiben daher immer die Kollektivisten, an denen und mit denen jedes Intellektmassaker und auch jedes andere Massaker möglich bleibt. Der gesunde Menschenverstand ist schon wieder mausetot. Und wenn der erst einmal krepiert ist, dann ist es wieder einmal kurz vor knapp. Weil dann die rechthaberische Hemmungslosigkeit die Macht ergreift. Und zwar sogar dann, wenn sie so dämlich daherkommt wie die „Pandemie“, die EKD, Fridays For Future, Black Lives Matter und die Grünen. Es ist doch einfach nur noch zum Kotzen. „Bildungsreformen“ – da breche ich doch nur noch in bitterstes Hohngelächter aus. Merkel, Esken, Baerbock, Roth und Göring-Eckardt … die aufgesetzte neudeutsche Gefühligkeit kommt aus einem Herzen, das so eiskalt ist wie seit jeher. Die deutsche Parlamentarierin ist nur ihrem Gewissen verpflichtet. Da lachen sogar die Hühner.

Die Essenz der Pandemie

Die „Pandemie“ ist ihrem Wesen nach bestens zusammengefasst worden von Alexander Solschenizyn, lange bevor überhaupt die Rede von ihr gewesen ist. Solschenizyn: „Wir wissen, sie lügen. Sie wissen, sie lügen. Sie wissen, daß wir wissen, sie lügen. Wir wissen, daß sie wissen, daß wir wissen, sie lügen. Und trotzdem lügen sie weiter.“ – Und außerdem wissen wir, warum sie weiterlügen. Das ist alles.

Halt, noch etwas. Für die wahren Covidioten. Bleiben Sie jung und dynamisch beim Altwerden. Dann können Sie dereinst rank und schlank selbst zum Bestatter radeln. Eine schöne Aussicht schlägt alles.