Mogelpackung „Baerziege“: Zwischen Phrase und Paraphrase

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende Buendnis 90/die Gruenen und Kanzlerkandidatin. Berlin (Foto:Imago/photothek)

Am Anfang sollen es nur einige harmlose Passagen von Drittquellen gewesen sein, die ohnehin nicht ins Gewicht fallen, weil es sich ja angeblich um „kein Sachbuch“ handelt (was sie selbst zuvor erklärt hatte) – doch inzwischen sprengt das von Annalena Baerbocks vorgelegte Machwerk „Jetzt. Wir wir unser Land erneuern“ alle Plagiatsdimensionen. Gegen das zusammenkopierte Machwerk der Grünen-Kanzlerkandidatin sind Franziska Giffeys und Karl-Theodors Doktorarbeiten Perlen der Eigenschöpfung. Doch unbelehrbar gibt sich nicht nur Baerbock selbst, sondern auch ihre Parteiführung – die das Märchen weiterspinnt, hier würde eine „Kampagne“ von rechten Chauvinisten gegen eine weibliche Kandidatin geführt.

Die von Plagiatsjäger Stefan Weber inzwischen aufgedeckten 43 Passagen, die Baerbock abgekuppelt hat, beinhalten sogar in der Ich-Form geschilderte Fremderlebnisse aus Reisen mit „hochemotionalem“ Unterton, wie „Bild“ berichtet: So schildert sie im Kapitel „Herz und Verstand„, wie sie als Bundestagsabgeordnete in den Irak und die Autonome Region Kurdistan reiste: „Ich wollte mir selbst ein Bild von der Lage der jesidischen Frauen und Kinder machen, die der Gefangenschaft und jahrelangen Qual beim IS entkommen waren„, und berichtet über die Qualen und Nöte der Jesidinnen, die ihr die Fassung raubten: „Mir rannen Tränen über die Wangen. Beim Schreiben tun sie das noch heute.“ Und weiter: „Die befreiten Mädchen haben mit acht, zwölf, vierzehn Jahren sexualisierte Gewalt in brutalster Form überlebt. Den Jungen ist es nicht besser ergangen. Knapp die Hälfte wurde als Kindersoldaten missbraucht. Permanente Schläge, Hunger und Durst, schwerste Misshandlungen. Sie wurden an Waffen ausgebildet und unter Todesdrohungen zum Kämpfen gezwungen…„. Eine klare Paraphrasierung eines Beitrags der „Deutschen Welle“, der sich auf eine Studie von Amnesty International bezog.

Damit nicht genug: Selbst bei ihrer Schilderung von Firmenbesuchen greift Baerbock auf Fremdquellen zurück; so etwa bei ihrer „Erinnerung“ an einen Termin beim Energieunternehmen „50 Hertz“, für die sie erstaunlicherweise auf Texte von der Unternehmens-Website zurückgreift, um ihre persönlichen Erfahrungen zu beschreiben, wie „Bild“ moniert. In der betreffenden Passage „lockert“ sie die Homepagetexte durch eigene Einschübe auf, um ihnen eine authentische Note zu geben („wir diskutierten damals rauf und runter“), greift aber immer wieder auf die Unternehmensveröffentlichung zurück.

Nach diesen neuerlichen Enthüllungen steht außer Zweifel: Diese Frau hat nicht nur ihre Anhänger und Leser, die Käufer ihres Buches, arglistig getäuscht; sie hat sich damit auch für öffentliche Ämter, erst recht für das wichtigste Amt Deutschlands – die Kanzlerschaft – nachhaltig desavouiert, für das sie ohnehin nie das Format, die Qualifikation und charakterliche Eignung mitbrachte. Natürlich will ihre Unterstützerfront davon nichts wissen. Nach der Devise „jetzt erst recht“ stehen ihr endverblendete Grüne trotzig bei ihrer Geisterfahrt bei, wie etwa dieser Tweet zeigt:

(Screenshot:Twitter)

Auch andere Mainstream-Matadoren des linksgrünen Lagers – etwa die öffentlich-rechtlichen „Satiriker“ von extra3, hier in einem übrigens bierernst gemeinten, völlig abwegigen Vergleich mit der Luther’schen Bibelübersetzung – entblöden sich nicht, eine bereits erledigte Kandidatin trotz erwiesener Verfehlungen und des erweislichen Totalbankrotts ihrer Restintegrität mit allen Mitteln obenzuhalten:

(Screenshots:Twitter)

Unterdessen kamen gestern noch weitere Ungeheuerlichkeiten ans Licht; so etwa der Umstand, dass Baerbock für ihren – dann nie beendeten – Promotionsversuch von der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung sagenhafte 40.000 Euro erhalten hat – aus einem Fördertopf für „Begabte“, in Form eines Promotionsstipendiums, das ihr zwischen 2009 und 2013 ganze 39 Monate lang monatlich 1.050 Euro einbrachte. Allen mit dem Stipendium verbundenen Pflichten sei Baerbock zwar nachgekommen, so der „Tagesspiegel“ – doch dessen Zweck und Ziel, die Promotion, erfüllte sie dann nicht.

Doch je mehr die „Baerziege“ unter Druck gerät, umso stärker der Rückhalt selbst seitens der Granden ihrer eigenen Partei; von ihnen ist hier keine überfällige Distanzierung zu erwarten, im Gegenteil: So attackierte Jürgen Trittin die „taz“, die selbst Baerbocks Rückzug gefordert hatte, scharf und unterstellte ihr, im Geiste „rechter Trolle“ zu agitieren. Vor allem an „taz“-Autorin Silke Mertens („Es ist vorbei, Annalena“) reagierte sich der grüne Altkommunist und Ex-Umweltminister ab. Dabei zählt Trittin selbst abstruserweise zu Baerbocks „Opfern“, bei denen sie sich für ihr Buch bedient hat.

Und sogar von der SPD bekommt Baerbock jetzt Schützenhilfe – weil sie eine Frau ist und deshalb, na logisch, die Kritik an ihr gegen sie natürlich zwingend antifeministisch sein muss. So schrieb gestern SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, die Grünen-Chefin werde im Wahlkampf als Frau „zum Teil härter angegangen„. Die Gleichstellung von Männern und Frauen, die „mir sehr wichtig ist„, sei „längst nicht erreicht„, so Scholz zum „Redaktionsnetzwerk Deutschland„. Das mache sich auch im Wahlkampf bemerkbar: „auch im Umgang mit Annalena Baerbock ist manches nicht fair und gerecht„, setzte er hinzu. Was es mit „hart angehen“ zu tun hat, wenn geistiger Diebstahl, Copy&Paste-„Autorentätigkeit“ und dreistes Schmücken mit fremden Federn öffentlich angeprangert wird, bleibt wohl Scholz‘ Geheimnis. (DM)