Berlin: Die Lastenstrampler

Elektrisch unterstütztes Lastenfahrrad in Berlin - Foto: Imago

Berlin soll innerhalb des S-Bahn-Rings autofrei werden. Seit Monaten sammeln Unterstützer von „Berlin autofrei“ Stimmen für einen entsprechenden Volksentscheid. Zwischenzeitlich führte ein Automobilclub eine Umfrage zum Thema durch. 77 Prozent der Befragten würden gegen ein Autoverbot in der Innenstadt votieren. Nun soll es dem innerstädtischen Lieferverkehr an den Kragen gehen. Es ist geplant, motorisierte Lieferwagen durch Lastenfahrräder zu ersetzen. Warum eigentlich nicht Eselskarren?

von Max Erdinger

Die größten Dreckschleudern sind Kreuzfahrtschiffe, behauptet der Volksmund. Ob das wahr ist oder nicht, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall wäre die Luft über den Weltmeeren und letztlich auch das Wasser sauberer, wenn man den Galeerensklaven wieder einführen würde. Formel 1-Rennen müssten auch nicht unbedingt mit lauten Spritsäufern veranstaltet werden. Warum nicht Tretautos? Wozu überhaupt noch Motoren, wenn es doch Arme, Beine, Ruder, Tretkurbeln und Pedale gibt? – So ungefähr muß der Denkvorgang ausgesehen haben, an dessen Ende dann der Entschluß stand, den motorisierten Lieferverkehr aus der Berliner Innenstadt zu verbannen und anstatt des dieseligen Lieferwagens sogenannte Lastenfahrräder zu verwenden. Die „taz“ weiß Näheres.

Das unübersehbare Problem

Das Problem ist nicht zu übersehen, denn es steht mitten im Weg: Lieferwagen, die eine Straße blockieren. Gerne mehrere davon gleichzeitig, in beiden Richtungen, sodass sie Au­to­fah­re­r:in­nen zum Halten und Fahrradfahrende zu mitunter lebensgefährlichen Ausweichmanövern zwingen.„, heißt es im Fachblatt für linkes Rückschreitendes aller Art. Außerdem: „Dass das Aufkommen der Lieferfahrzeuge nicht nur gefühlte Realität ist, zeigen die Zahlen: Über 4 Milliarden verschickte Sendungen zählt der Bundesverband Paket und Expresslogistik für das vergangene Jahr. Das sind über 10 Prozent mehr noch im Vorjahr.“ – Das offenbart zwar, daß man bei der „taz“ weiß, wie vergleichsweise unbedeutend die „gefühlte Realität“ der knallhart „ungefühlten Realität“ gegenüber ist, dafür weiß aber der Leser nicht, ob die 4 Milliarden Pakete, die der Bundesverband Paket und Expresslogistik gezählt hat, allesamt in der Berliner City ausgeliefert wurden, oder ob sich die Zahl auf das gesamte Bundesgebiet bezieht. Wer die Berliner Innenstadt vom vermaledeiten Lieferwagen befreien will, schreibt es besser nicht dazu, weil „4 Milliarden“ dann am eindrucksvollsten klingt, wenn der Leser den Bezug auch so zu „Berliner Innenstadt“ herstellt. Um die Berliner Innenstadt geht es schließlich.

Die Pein der Doppelpunktigen in der allgemeinen Lebensgefahr

Die dortigen Autofahrer haben auch Doppelpunkte im Gesicht, was im Stand hinter einem Lieferwagen ein bißchen doof aussieht, weil einem die Fußgänger so lange ins Gesicht starren können, wie man eben hinter dem Lieferwagen steht. „Sie haben da etwas im Gesicht!“, würden nicht wenige der überaus hilfsbereiten Fußgänger sagen, auf ein Tempotaschentuch spucken und es den Doppelpunktigen freundlich zum geöffneten Seitenfenster in die blecherne Wartekiste hineinreichen. Aber das ist nicht das einzige Kuriosum in Deutschlands Hauptstadt. Überall sonst im Land vollziehen Radfahrer ein Ausweichmanöver. Nur in der Hauptstadt sind Ausweichmanöver lebensgefährlich – und damit von den heiligen Stramplern keiner selbst daran schuld ist, wenn sein Ausweichmanöver lebensgefährlich wird, muß er auch noch zum lebensgefährlichen Ausweichmanöver gezwungen worden sein. Das klingt gleich viel besser. „Sah sich veranlaßt, den geparkten Lieferwagen gut gelaunt in einem eleganten Bogen zu umkurven“, klingt halt nicht so furchtbar nach Unterdrückung des freien Willens wie: „wurde zu einem lebensgefährlichen Ausweichmanöver gezwungen“.

Matschige Birnen

Die Idee mit den Lastenrädern bleibt dennoch merkwürdig, wenn man unterstellt, daß der Plan von der autofreien Innenstadt in Berlin noch immer Realität werden soll. Weil: Wenn die Innenstadt tatsächlich autofrei geworden sein sollte und sich nur noch Müllautos, Krankenwagen, Feuerwehr, Polizei und eben Lieferautos dort aufhalten dürften, müssten die Doppelpunktigen gar nicht mehr hinter Lieferautos stehenbleiben, weil sie ohnehin nicht mehr mit dem Auto durch die Innenstadt fahren dürften. Die lebensgefährlichen Ausweichmanöver der fremdgesteuerten Radfahrer würden deutlich ungezwungener ausfallen. Schlußfolgerung: Die Fans der Idee vom Lastenfahrrad rechnen entweder selbst nicht damit, daß die Berliner Innenstadt autofrei werden wird, oder sie sind ausgesprochene Schmalspurdenker für den Fall, daß sie eben doch damit rechnen sollten. Das wäre auch eine interessante Studie wert: Macht das Großstadtleben die Birne matschig? Ist Berlin eine Weltmetropole oder eine riesige rot-grüne Suhle?

Das alles sind keine Fragen, zu deren Beantwortung man bei der „taz“ in die Zerebralpedale getreten hätte. Der informationsgenerierte Scharfsinn regiert in der dortigen Redaktion auch so. „Für das Jahr 2025 erwartet der Verband ein Volumen von 5,7 Milliarden verschickten Sendungen. Das heißt: Noch mehr Lieferwaren, die die Straßen verstopfen, noch mehr Unfälle und Beinaheunfälle. Oder?“ – Yeah. „Beinaheunfälle“ sind die schrecklichsten, weil sie fast zum lebensgefährlichen Zwangsunfall zwischen den Standmobilen der Doppelpunktigen geworden wären. Gegen gefühlte Beinaheschwangerschaften könnte man sich selbst bei der „taz“ noch selber helfen. Dem gefühlten Zwang zum gräßlichen Beinaheunfall hat man aber auch dort nichts entgegenzusetzen. Außer eben ein Lastenfahrrad, so albern das auch aussieht. „Straßen verstopfen“ wäre übrigens angesichts von 5,7 Milliarden verschickten Sendungen deutlich zwangsalarmistischer gegangen: „Asphalt-Thrombose“! Wahrscheinlich hat man das Wort nur deshalb vermieden, weil es Assoziationen zu „Hirnvenenthrombose“ wecken würde, was wiederum vermieden werden sollte, weil man bei der „taz“ sehr dafür ist, die Doppelpunktigen zu impfen und das dazu benötigte Langzeit-Gift per Lastenfahrrad heranzuschaffen. Das „Oder?“ am Ende des Absatzes begründet aber den Verdacht, daß man bei „taz“ ein Rezept gegen die erzwungene Lebensgefahr durch Ausweichen und die Asphalt-Thrombose hat.

Kilometer zu Meilen

Tatsächlich: Es gibt laut „taz“ Konzepte, „die sogenannte letzte Meile“ bis zu den „Kund:innen“ – die ebenfalls Doppelpunkte in ihren Großstadtgesichtern haben – „etwas verträglicher für Umwelt, An­woh­ne­r:in­nen und Ver­kehrs­teil­neh­me­r:in­nen zu gestalten.„. Außerdem gibt es Tim Holthaus, der an der Bergischen Universität Wuppertal zum Thema forscht. Holthaus kennt veränderungsbedürftige Kernpunkte. Kernpunkte sind keinesfalls mit Doppelpunkten zu verwechseln. Das aber nur nebenbei. Der erste Kernpunkt sieht aus wie ein Transportfahrzeug, sagt Holthaus. Der forsche Forschende von der Bergischen Hochschule in Wuppertal: „Ein Lastenrad ist für die letzte Meile das Mittel der Wahl“ ( … ) Weniger Emissionen, weniger Platzverbrauch. Zweitens: der Konkurrenzkampf. „Wir müssen dahin kommen, Verkehre zu bündeln.“ Selbst wenn die Auslieferung per Lastenrad erfolgt, sollten nicht Räder von mehreren Anbietern dieselbe Straße bedienen müssen. Und drittens: „Auch die Städte sind in der Pflicht.“ Zum Beispiel Ladezonen für Lastenräder einrichten. – Meine Forderung seit Jahren: Schwerter zu Pflugscharen und Kilometer zu Meilen!

Sherlock Holmes

Mein englischer Freund Sherlock Holmes, der mir gerade bei der Lektüre der „taz“ über die Schulter schaut, sagt aber, daß man sich gar nicht auf die „letzte Meile“ beschränken müsste, wenn man den Lieferanten statt Lastenrädern Siebenmeilen-Stiefel und große Lastenrucksäcke verpassen würde. Und mit der Pflicht, in welcher die Städte sich zwanghaft befinden, sagt er, sei es so: Wer pflichtbewußt Ladezonen für Lastenfahrräder einrichten kann, der könnte auch welche für motorisierte Lieferwagen einrichten. Da ein motorisierter Lieferwagen 5,7 Milliarden Pakete durch die Berliner Innenstadt transportieren könnte, das Lastenfahrrad aber nur 1,3 Milliarden, müssten Ladezonen, die für motorisierte Lieferwagen eingerichtet worden sind, auch nicht so häufig angefahren werden wie Ladezonen, die exclusiv für Strampel-Laster eingerichtet worden wären. Der einzige Vorteil, den man vom Laststrampler hätte, sagt Sherlock Holmes, wäre der, daß nach einigen Jahren des intensiven Laststrampelns in Berlin berechtigte Hoffnung besteht, die Tour de France würde für alle Zeiten von Berliner DHL-Stramplern gewonnen werden, was wiederum sehr praktisch wäre, weil die sowieso schon ein gelbes Trikot anhätten. Dr. Watson pflichtet ihm übrigens bei.

Ausdiskutiert

Übereinstimmend sind Sherlock Holmes, Dr. Watson und ich also zu der Erkenntnis gelangt, daß Lastenfahrräder in einer Stadt, in der außer Feuerwehr, Polizei, Müllkutschern und Sanitätern ohnehin niemand mehr ein Auto benutzen darf, eine Diskriminierung der Laststrampler darstellen würden. Das Ganze gehe auch noch mit Lohnkosten für die Frachtpedaleros einher, die letztlich auf die paketsempfangenden Doppelpunktigen zurückfallen würden, was gar nicht sein müsste, weil sich die Esel vor dem Eselslastkarren mit ein wenig Heu und frischem Wasser begnügen würden, was wiederum die Transportkosten erheblich senken würde. Sinnvoll wären Lastenräder in einer ansonsten autofreien Innenstadt eigentlich nur zu Trainingszwecken für den alljährlichen Gewinn der Tour de France durch gelbe Berliner. Da winke durchaus der Bruch des bisherigen deutschen Rekords, welcher in einer unrühmlich endenden Siegesserie von vier Siegen in vier aufeinanderfolgenden Jahren bestehe, was aber auch schon wieder verdammt lang her sei.