Anteil der „Delta“-Variante klettert in Deutschland auf 74 Prozent, Krankenhäuser bleiben leer

Jeder hat jeden im Blick, Abweichler werden nicht geduldet Symbolbild: dts Nachrichtenagentur)

In ganz Deutschland sind gerade mal noch etwas über 400 Intensivbetten mit Menschen belegt, bei denen angeblich das Coronavirus nachgewiesen wurde.

Aber was haben sie geschrien und gewarnt, die Profiteure der Pandemie. Die Delta-Variante sei viel gefährlicher als alle Viren, die jemals die Erde heimgesucht haben. Und auch diese Zahlen sollen uns wohl alle schockieren und dann ins Impfzentrum treiben:

Die früher „indische“ und mittlerweile „Delta“ genannte Corona-Variante hatte in Deutschland in der vorletzten Woche einen Anteil von 74 Prozent, nach 60 Prozent eine Woche zuvor. Das steht im neuen Bericht zu Virusvarianten von Sars-CoV-2 in Deutschland, den das Robert-Koch-Institut (RKI) am Mittwoch veröffentlichte. Der Anteil der in den letzten Monaten dominierenden „Alpha“-Variante sank innerhalb einer Woche von rund 32 auf nunmehr etwa 22 Prozent, so das RKI. Auch in absoluten Zahlen gehen die Neuinfektionen mit „Delta“ nach oben.

In der 26. Kalenderwoche dürften auf Basis der offiziellen Zahlen täglich im Durchschnitt 443 Corona-Neuinfektionen mit der zuerst mit Indien in Verbindung gebrachten Mutation stattgefunden haben, in der Woche davor waren es 395. Neuere Daten liegen noch nicht vor.

Das Virus hat sich also, wie von einigen Experten vorausgesagt, in einen ziemlich harmlosen Sommerschnupfen verwandelt. Und so gibt es hier und da jetzt auch einen Sinneswandel, auch wenn dieser die Impfungen vorschiebt:

Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, warnt mit Blick auf die Corona-Situation im kommenden Herbst vor Alarmismus. „Wir gehen zuversichtlich in den Herbst hinein, dass es nicht zur Überlastung kommen wird“, sagte er der „Welt“ (Donnerstagausgabe). „Wir gehen davon aus, dass wir bereits jetzt durch die Durchimpfung der Risikogruppen einen großen Schutz vor schweren Erkrankungen erzielt haben.“

Bereits jetzt habe sich durch die erreichte Impfquote der Zusammenhang zwischen mehr Infektionen und gleichermaßen mehr Krankenhausbelegungen und Todesfällen deutlich entkoppelt, so Gaß weiter. „Ein Wiederanstieg der Inzidenz im Herbst wird nicht dazu führen, dass ebenso wie in den ersten drei Wellen die Krankenhäuser volllaufen werden.“ Eine gewisse Zurückhaltung beim Impfen sei nur bei den Gruppen zu beobachten, die nach einer Corona-Infektion deutlich weniger schwere Krankheitsverläufe zu erwarten hätten.

„Die Risiken sind massiv ungleich verteilt. Wir müssen jetzt schrittweise von der kollektiven zur individuellen Verantwortung kommen.“ Zur Vermutung des Bundesrechnungshofs, dass manche Kliniken absichtlich zu hohe Auslastungen der Intensivkapazitäten gemeldet haben könnten, um Ausgleichszahlungen für freigehaltene Krankenhausbetten zu erhalten, sagte Gaß: „Hier wird ein Generalverdacht gegen Krankenhäuser erhoben, für den es keine Begründung gibt. Das weise ich deutlich zurück.“ Der Volkswirt und Soziologe spricht sich gegen eine Impfpflicht für das Gesundheitspersonal aus. In drei Viertel der Krankenhäuser liege die Impfquote unter den Ärzten und Pflegern bei 80 bis 90 Prozent.

„Es ist die Aufgabe der Politik und Arbeitgeber, durch weitere Aufklärungsarbeit die individuellen Sorgen zu nehmen, um überall eine sehr hohe Impfquote zu erreichen.“ Ärztepräsident Klaus Reinhardt will dagegen Impfanreize setzen, indem man Ungeimpften ab Herbst keine kostenlosen Corona-Tests mehr anbiete. „Wenn bis zum Ende des Sommers alle die Chance für eine vollständige Impfung bekommen haben, ist es angemessen, dass Ungeimpfte Schnell- oder PCR-Tests selbst bezahlen müssen, wenn sie in den Urlaub fahren, ins Restaurant oder ins Kino gehen wollen“, sagte er dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (Donnerstagausgaben). „Es darf eben am Ende nicht so sein, dass die Gemeinschaft für den Impfunwillen Einzelner aufkommen muss“, sagte er. Die Politik sollte schon jetzt klarstellen, „dass es auf Dauer immer mehr Nachteile für Ungeimpfte geben wird“, so der Ärztepräsident. Reinhardt plädierte zudem dafür, die Informationskampagne der Bundesregierung für Corona-Impfungen auszuweiten. „Wir benötigen eine umfassende Aufklärungskampagne zum Impfen in allen Medien, in der gezielt Vorurteile und Falschbehauptungen aufgegriffen und richtig gestellt werden“, forderte er.

Hier weitere aktuelle Meldungen aus der Corona-Hölle:

Städtetag gegen flächendeckende mobile Lüftungsgeräte in Schulen

Der Deutsche Städtetag ist gegen einen flächendeckenden Einsatz von mobilen Luftfiltern in Schulen. „Mobile Geräte können in den Fällen helfen, die Luftqualität zu verbessern, in denen Räume schlecht zu belüften sind“, sagte Verena Göppert, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Städtetages, der „Rheinischen Post“ (Donnerstagausgabe). Dass der Bund und auch einige Länder diese Geräte förderten, sei zu begrüßen.

„Mobile Lüftungsgeräte sind jedoch kein taugliches Mittel, um damit alle Schulräume und Gebäude auszustatten“, sagte Göppert. Das Bundeskabinett hatte am Mittwoch den Ländern und Kommunen für mobile Luftfilter 200 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. „Die Bundesförderung für mobile Lüftungsgeräte ist sinnvoll, um in bestimmten Räumen die Luftqualität in Schulen zusätzlich zu verbessern“, so die Städtetags-Vertreterin.

Die allermeisten Schulräume ließen sich gut und ausreichend durchlüften, der Luftaustausch sei gewährleistet. „Und auch da, wo sie eingesetzt werden, müssen die Räume weiterhin regelmäßig möglichst gut gelüftet werden, damit Frischluft hineinkommt“, so Göppert. Damit Kinder, für die es noch kein Impfangebot gebe, in Schulen vor dem Virus geschützt würden, blieben Tests, Maskentragen, die Einhaltung der Hygieneregeln und Lüften das A und O.

Debatte um kostenpflichtige Corona-Tests bei Impffortschritten

Der Vorstoß von CSU-Chef Markus Söder für kostenpflichtige Corona-Tests bei fortgeschrittener Impfkampagne stößt auf Widerstand. „Die Durchführung von Tests, wie etwa der Antigen-Schnelltests, ist und bleibt ein essenzieller Bestandteil unserer Pandemie-Bekämpfungsstrategie“, sagte CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich der „Welt“ (Donnerstagausgabe). Hier sollten aus seiner Sicht keine Hürden aufgebaut werden, um Menschen davon abzuhalten, sich testen zu lassen.

„Insbesondere vor dem Hintergrund von bestimmten Virusvarianten ist aktuell noch nicht auszuschließen, dass sich auch vollständig geimpfte Personen mit dem Coronavirus anstecken können. Auch um diese Infektionen zügig zu erkennen, könnten solche Tests bei diesen Personen in bestimmten Fällen, etwa bei Symptomen, ratsam sein.“ Zuspruch für Söders Vorstoß kommt hingegen aus der FDP: „Selbstverständlich ist es unsinnig, kostenlose Tests auf unbestimmte Zeit fortzusetzen“, sagte die FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus.

„Sobald allen Impfwilligen ein Impfangebot gemacht worden ist, sind kostenpflichtige Tests für Bürgerinnen und Bürger, die sich impfen lassen können, sinnvoll.“ Auszunehmen seien dabei aber Schwerkranke und Kinder. Die SPD fordert, bis auf Weiteres an der bisherigen Praxis festzuhalten.

„Ich freue mich, dass die Bürgertests so gut angenommen werden. Wir sollten dieses Angebot aufrechterhalten, solange es notwendig ist“, sagte SPD-Fraktionsvize Bärbel Bas. Sowohl die Impfungen als auch die Tests dienten „nicht nur dem individuellen Schutz“.

Vielmehr könnten dadurch auch Infektionen vermieden und somit gerade diejenigen geschützt werden, „die sich selbst nicht impfen lassen können“. Scharfe Kritik kommt aus der Linksfraktion. Deren gesundheitspolitischer Sprecher Achim Kessler sagte der „Welt“ dazu: „Impfverweigerer zu Übernahme der Kosten ihrer Corona-Tests zu zwingen, um an bestimmten Aktivitäten teilnehmen zu können, ist nichts anderes als eine indirekte Impfpflicht, von der sich Wohlhabende auch noch freikaufen können.“ Aber auch eine solche indirekte Impfpflicht trage nicht dazu bei, so Kessler, „Menschen davon zu überzeugen, dass sie sich impfen lassen, um sich und andere zu schützen, oder ihnen den Zugang zur Impfung zu erleichtern“.

Die Bundesregierung habe es bisher „wieder einmal verschlafen, rechtzeitig mit einer intensiven Informationskampagne für die Corona-Impfung zu werben“. Die AfD hingegen fordert, viel weniger Tests durchzuführen – nämlich nur bei Menschen mit corona-typischen Symptomen, dann aber die Kosten zu erstatten. „Personen mit Symptomen, die sich testen sollten beziehungsweise dies wollen, sind aus unserer Sicht wie Patienten zu betrachten, die sich untersuchen lassen. Somit ist das eine Leistung, die die Krankenkassen übernehmen sollten“, sagte der gesundheitspolitische AfD-Fraktionssprecher Detlev Spangenberg. Bei Menschen ohne Symptome seien Tests „nicht zielführend beziehungsweise nicht notwendig“.

Spahn und Karliczek fordern Lolli-Tests in Schulen und Kitas

Gesundheitsminister Jens Spahn und Bildungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) wollen flächendeckende Lolli-Tests in Schulen und Kitas. So könnten die Einrichtungen nach den Sommerferien offen bleiben, heißt es in einem Brief der beiden Minister an ihre Länderkollegen, aus dem die Zeitungen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ (Donnerstagausgaben) zitieren. „Insbesondere die Methode der Pool-PCR-Testung durch sogenannte Lolli-Tests eignet sich für ein systematisches und sensitives Testkonzept bei Kindern.“

Die Lolli-Testung bei Kindern habe sich als leicht durchführbar erwiesen und treffe bei Kindern und Eltern daher auf breite Akzeptanz. „Zudem ist die Sensitivität und Spezifität der PCR-Testung trotz der Weiterentwicklung von Antigenschnelltests weiterhin überlegen und lässt deutlich weniger falsche Testergebnisse erwarten“, schreiben die Minister. Eine Abfrage habe jedoch ergeben, dass die wenigsten Länder Pool-PCR-Testungen nutzten oder beabsichtigten, diese Möglichkeit nach den Sommerferien flächendeckend in Schulen zum Einsatz zu bringen, heißt es weiter in dem Brief.

„Vor dem Hintergrund der genannten Vorteile der Pool-PCR-Testung bitten wir eindringlich, diese Möglichkeit in die Präventionskonzepte in Kitas und Schulen zu integrieren“, so die Minister. Dies könnte „zu einer deutlichen Reduzierung des Infektionsgeschehens und damit zur Aufrechterhaltung des Regelbetriebs von Kitas und Schulen beitragen“. Sie weisen zudem darauf hin, dass in der Corona-Testverordnung bereits der Anspruch auf einen PCR-Test nach einem positiven Pool-Test verankert sei.

„Nach den Sommerferien sollte es unser gemeinsames Ziel sein, das Pandemiegeschehen ohne weitere Schließungen von Kitas und Schulen zu beherrschen“, so Karliczek und Spahn. Wegen der Ausbreitung der Delta-Variante müssten weitere Vorkehrungen getroffen werden, um die Auswirkungen möglicher Inzidenzsteigerungen so gering wie möglich zu halten. Die Pool-PCR-Testung durch sogenannte Lolli-Tests hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) vor wenigen Tagen empfohlen. (Mit Material von dts)