Heidelberg: Als Joschka Fischer einmal Recht hatte

Wird öfter zärtlich getätschelt als geschlagen: Joschka Fischer - Foto: Imago

Mit Zitaten grüner Politiker muß man aufpassen. Es sind jede Menge unbelegter Zitate unterwegs, – und Grüne klagen gern, wenn sie falsch zitiert werden. Ein Zitat ist aber sehr gut belegt. Es stammt von Joschka Fischer. Auf den Kommunalen Ordnungsdienst der Stadt Heidelberg paßt es wie die Faust aufs Auge. Maß genommen.

von Max Erdinger

Für das folgende Fischer-Zitat gibt es gleich mehrere Quellen. Die Zeitschrift „Pflasterstrand“, Ausgabe 133 aus dem Jahr 1982, Wikiquote und das „Duisburger Archiv für alternatives Schrifttum“ bezeugen die Authentizität. In einer Polemik als Antwort auf Karl Heinz Bohrer schrieb Fischer im „Pflasterstand“ auf den Seiten 12 – 14 u.a. Folgendes: „Deutsche Helden müsste die Welt, tollwütigen Hunden gleich, einfach totschlagen.

Daß beim Kommunalen Ordnungsdienst der Stadt Heidelberg wahre Helden beschäftigt sind, läßt sich schwerlich bestreiten. Daß außerdem Besucher aus der ganzen Welt nach Heidelberg kommen, um sich vom Flair der alten Universitätsstadt am Neckar bezaubern zu lassen, ist ebenfalls unstrittig. Leider verlottern auch in Heidelberg die guten Sitten immer deutlicher. Der Kommunale Ordnungsdienst hat alle Hände voll zu tun. Vorbei die Zeiten, als der Ehrenmann noch dazu in der Lage gewesen ist, seinen Rausch in Würde nach Hause zu tragen.

An den Wochenenden gibt es das Gegröle der Besoffenen in der Altstadt bis in der Früh um halb fünf, am Sonntagmorgen die Glasscherben von zerbrochenen Flaschen – und vor den Hauseingängen der Häuser in der Altstadt das Erbrochene der besoffenen Dekultivierten. Der Kommunale Ordnungsdienst wird von einer wahren Übermacht gedemütigt. Die Anwohner machen nolens volens den Dreck selber weg. Das ist eine der Schattenseiten, wenn man in der pittoresken Altstadt von Heidelberg wohnt.

Einer lebt schon sehr lange dort. Er heißt Kurt Baust und wird im August 105 Jahre alt. Herr Baust ist der älteste Bürger Heidelbergs. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr wohnt er im Haus in der Pfaffengasse, dem schönsten in der Heidelberger Altstadt. „Blumenkästen mit wunderschönen Kakteen schmücken die Fassade, Sandsteinkübel rechts und links der schmucken Haustür sind üppig bepflanzt.„, schreibt die „Rhein-Neckar-Zeitung“ (NRZ). Seit Kurt Baust denken kann, saßen die Bewohner des Hauses gern vor der Haustür. Er selbst sitzt gern auf einem Stuhl an einem schmalen Tischchen, das nicht breiter ist, als jeder der beiden hübsch bepflanzten Sandsteinkübel. Aber jetzt darf er nicht mehr.

Niemand mehr darf in den Gassen der Heidelberger Alstadt vor den Häusern auf dem Gehsteig sitzen. Obwohl es eigentlich gar keine Gehsteige gibt. Der Kommunale Ordnungsdienst der Stadt duldet es nicht mehr länger. Was seit 100 Jahren ging, geht auf einmal nicht mehr. Und die Stadtverwaltung verteidigt ihren KOD, wie die RNZ schreibt: „Man wolle kein „Biergarten-Chaos“ in der Stadt etablieren, es dürfe grundsätzlich nichts die Gehwege blockieren, Rettungswege müssen frei bleiben und die Menschen sollen sich nicht daran gewöhnen, dass das Sitzen auf den Gehwegen geduldet wird.„. – Ja, nach bald hundert Jahren scheint es wirklich an der Zeit zu sein, der einsetzenden Gewöhnung etwas entgegenzusetzen.

Feuerwehr und Rettungswagen kämen jederzeit problemlos durch, sagt der Sohn von Kurt Baust, selbst wenn sein Vater zufällig an dem Tischchen vor seinem Haus säße, wenn es in der Nachbarschaft gerade brennt. Sogar die Müllabfuhr kommt durch, obwohl in der Pfaffengasse auch Autos parken, von denen jedes doppelt so breit ist wie sein Tischchen. Sein alter Vater verstehe die Welt nicht mehr.

Solche Geschichten

Es sind solche und ähnliche Geschichten, die im Kleinen verdeutlichen, was hierzulande auch im Großen schiefläuft. Das Volk wird von impertinenten Verordnungs- und Verbotsberserkern drangsaliert. Sowohl die politische- als auch die mediale und die bürokratische Klasse müssen sich derartig mit einem Vogelvirus infiziert haben, daß man ihr Haupthaar nur noch als aufgeplustertes Gefieder bezeichnen kann. Die halten sich anscheinend für Helden. Und der deutsche Bürger in seinem Obrigkeitsdenken läßt sich von diesen heldenhaften Berserkern bis zur völligen Bewußtlosigkeit vögeln, sozusagen. Das macht das Vogelkraut gar fett. Den Vogelkraut macht es auch vorher schon fett.

Und in diesem Zusammenhang stimmt das Zitat von Joschka Fischer absolut. Es gibt gar kein besseres. Deswegen noch einmal: „Deutsche Helden müsste die Welt, tollwütigen Hunden gleich, einfach totschlagen.“ – In Heidelberg könnte das passieren, weil sich die Welt dort trifft. Ein knapp 105-jähriger Deutscher könnte das nicht, selbst dann nicht, wenn er unbedingt wollte.