Byzantinismus der übelsten Sorte: Hemmungslose Merkel-Anschleimerei in der ARD

Tagesschau: Frame on (Foto: Collage)

Hätte den Kommentar, den die Franka Welz vom Hessischen Rundfunk gestern über Merkel anlässlich ihrer letzten Jahressommerpressekonferenz schrieb, jemand dem „Postillon“ oder „Titanic“ angeboten, er wäre fraglos als Satiretext eingeordnet worden. Doch was die Redakteurin im ARD-Hauptstadtstudio hier zum Besten gab, war ernstgemeint – und kann deshalb immerhin als Realsatire verbucht werden, als ein Zeitdokument hemmungsloser unkritischer Regierungsergebenheit im Deutschland des Jahres 2021.

Der auf der Webseite der ARD-Tagesschau veröffentlichte Kommentar reiht sich in eine ganze Anthologie hemmungslos serviler und applaudierender Abschieds-Suaden ein, in denen der mediale Mainstream heute, mit einer Träne im Knopfloch vor dieser im September (hoffentlich) endlich abtretenden „Kanzlerin der Herzen“ (nicht der Hirne), einen letzten Kotau macht. Dass es nach der Pressekonferenz gestern nicht noch Standing Ovations für Merkel gab, war grade alles. Selbst ihre arrogante, von Verachtung für kritischen Journalismus nur so strotzende Replik auf die Frage des BPK-Außenseiters und von fast allen staatshörigen Servicemedienvertretern gemiedenen Boris Reitschuster wird da zur großen Schlagfertigkeit gemünzt, was sogar – und das sagt alles aus – Sawsan Chebli tief beeindruckte:

(Screenshot:Twitter)

Doch zurück zur ARD und Franka Welz. Unter dem Titel „Das muss ihr erstmal einer nachmachen!“ lobhudelt Welz hier eine Ergebenheitsinteresse, die es in sich hat. Merkels Fußstapfen seien groß. Sie verfüge über „Tugenden, die jede und jeder mit Ambitionen aufs Kanzleramt mitbringen sollte.“ Damit meint die Redakteurin aber nicht die fürwahr erstaunliche Fähigkeit Merkels, opportunistisch und machttaktisch seit 16 Jahren das exakte Gegenteil all dessen umzusetzen, was sie selbst zuvor vertreten hat – von Atomkraft über Wehrpflicht und Mindestlohn bis Zuwanderung. Oder die Opposition ebenso zu ignorieren wie die zunehmende Entfremdung eines großen Teils der Wähler von den etablierten Parteien, was sich unter anderem in der Gründung der AfD niederschlug. Oder fortwährend Gesinnungspolitik über Verantwortungspolitik zu stellen.

Sondern Welz denkt dabei, offenkundig ironiefrei, an Merkels „kühle“ Urteilsfähigkeit „als Wissenschaftlerin„, etwa beim Klimawandel; an ihre „Fähigkeit zu Analyse und Nachdenklichkeit„; und vor allem: an ihre „Ehrlichkeit und die Souveränität, die eigene Meinung auch begründet zu ändern„. Rückgratlosigkeit als Ausweis von Souveränität? Darauf muss man erst einmal kommen. Ebenso bizarr die anerkennenden Lobpreisungen über Merkels „Trittsicherheit„: Es sei nämlich „in all den Jahren im Amt… der große Merkel-Skandal ausgeblieben und das bestimmt nicht, weil niemand danach gesucht hätte.

In welchem gebührenfinanzierten Luftschloss hat diese Hauptstadtredakteurin bittesehr die vergangenen sechs Jahren verbracht? Bei Merkel gibt es tatsächlich nicht den einen großen Skandal – sondern ihre gesamte Amtszeit IST ein großer Skandal. Noch nie hat ein Kanzler das Volk so sehr gespalten. Nie hat ein bundesdeutscher Regierungschef infantil-idealisierte Emotionen und anmaßende moralische Imperative über Grundgesetz und Rechtslage gestellt wie Merkel mit ihrer „Wir schaffen das“- und „Willkommens“-Unkultur. Noch nie wurde in Deutschland so respekt- und schamlos umgesprungen mit Verfassungsinstitutionen und demokratischen Gepflogenheiten, ob es um die „Rückgängigmachung“ von Wahlen oder die Aushöhlung der Verfassung in der Corona-Krise durch angebliche Alternativlosigkeiten geht, Merkels Totschlagargument für alles. Ihre alte Schule als DDR-Parteiagitatorin hat sich bezahlt gemacht.

Die Prioritäten linker Gesinnungsmedien

Uncharismatisch, als Rednerin eine Katastrophe, unaufrichtig und heuchlerisch und, wenn es sein muss, über Leichen gehend (und seien diese nur erfunden, so wie Klimatote von übermorgen oder die toten Großeltern, die Merkel als Opfer ihrer eigenen Enkel an die Wand malte, um diese herzlos von innerfamiliären Kontakten abzuhalten) – so tat sich Merkel seit jeher hervor. Die Hauptstadtpresse hat es beharrlich ignoriert bis zuletzt. Doch für das etablierte linke, gesinnungsorientierte Journalistenmilieu zählen andere Prioritäten, und Welz macht daraus gar keinen Hehl: „Sie hat nie versucht, sich größer zu machen, als sie ist, sondern ist mit ihren Aufgaben gewachsen. Witze über Toiletten für das dritte Geschlecht oder im unpassendsten aller möglichen Momente für alle sichtbar herzhaft zu lachen, wäre einer Angela Merkel nie passiert, ist ihr nie passiert.

Den Vogel schießt die ARD-Hofsülzerin dann aber mit ihrer Würdigung von Merkels Verhalten anlässlich der jüngsten Hochwasserkatastrophe ab. Kein Wort von ihr natürlich darüber, dass Merkel zu keinem Zeitpunkt das Versagen der Bundesregierung bei der rechtzeitigen Alarmierung der Bevölkerung, bei der ausgebliebenen strukturellen Sicherstellung eines funktionierenden Warnsystems selbstkritisch reflektierte, sondern stattdessen noch die rotzige Freiheit besaß, in den Hochwassergebieten die Deutschen um Geldspenden anzubetteln, während unter ihrer Regierung Deutschland zum Zahlmeister für die halbe Welt (und zum Sozialamt für deren Emigranten) wurde, und zudem die Flutkatastrophe schamlos für ihre Klima-Agenda ausnutzte.

Dafür hören wir in der ARD dann diese Sätze: „Merkel menschelt nicht, sie handelt zutiefst menschlich, zeigt Interesse, Mitgefühl und Respekt für diejenigen, die sie trifft. Zuletzt bei ihren Besuchen in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebieten, davor auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie. Als die oft so spröde wirkende Bundeskanzlerin offen zeigte, wie nahe ihr das durch die Krise verursachte Leid ging.“ Korrekterweise hätte wenigstens der letzte Halbsatz lauten müssen: „…wie gleichgültig ihr das von ihr verursachte Leid ist.“ (DM)