Südafrika: Auch der Tagesspiegel hat eine zweite Chance verdient

Südafrikanischer Winter: Johannesburg am 12.07.2021- Foto: Imago

In Südafrika vollzieht sich, was kluge Leute vor zwanzig Jahren bereits vorausgesagt hatten. Das Land versinkt im Chaos. Wer die Vorhersagen nicht ernstnehmen wollte, hat heute ein Erklärungsproblem. Der „Tagesspiegel“ hat zum Beispiel eines. Das will er keinesfalls wahrhaben. Umso drolliger fällt die Betrachtung zur Lage aus. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Nach einer Welle der Gewalt warnen Beobachter: Südafrikas Existenz steht auf dem Spiel. Es wäre das Ende eines einzigartigen Menschheitsprojekts.„, kommentiert Johannes Dieterich. Ob die Warnung der einfachen Beobachter wohl zutrifft? Hätte man nicht besser Beobachtungsexperten warnen lassen sollen? Und handelte es sich wirklich um ein „Menschheitsprojekt“, das da vor den Augen der Welt scheitert? Oder ginge es um ein „Menschheitsexperiment“, das da fehlgeschlagen ist? Eigentlich ein „Menschenexperiment“ an Südafrikanern. Hat man Experimentsexperten überhaupt schon um eine Stellungnahme gebeten? Die könnten vielleicht wissen, woran es denn nun genau liegt, daß Südafrikas Existenz auf dem Spiel steht, wenn sie denn tatsächlich auf dem Spiel steht. Wahrscheinlich steht die Existenz Südafrikas nicht auf dem Spiel. Rhodesien gibt es schließlich auch immer noch. Es heißt nur anders. Zimbabwe, das frühere Rhodesien, hätte eine Warnung sein können. Vor mindestens zwanzig Jahren schon. Und kluge Leute haben das damals bereits gewußt. Sie wurden jedoch niedergeschrieben, als Rassisten, Chauvinisten und ewiggestrige Kolonialisten gebrandmarkt. „Realisten“ wäre es gewesen. In Südafrika scheitert gerade ein Menschenexperiment, das im vergangenen Vierteljahrhundert mindestens eine halbe Million Menschen das Leben gekostet hat.

Auch Staaten verdienen eine zweite Chance„, heißt Dietrichs Schlagzeile. Woher weiß er das? Hat der Staat etwas falsch gemacht, oder waren es handelnde Personen? Hat der Apfelkorn auch eine zweite Chance verdient? Der hat sich vor vierzig Jahren ebenfalls viel besser verkauft als heute. So, wie die „Rainbow Nation“. „Rainbow Nation“ kauft heute keiner mehr, der gesunde Augen im Kopf hat. Überhaupt: Wenn es Staaten sind, die eine zweite Chance verdient haben, wie wäre es dann mit dem Versuch, die DDR noch einmal wiederaufleben zu lassen? Sowjetunion? Es gäbe schon noch Staaten außer Südafrika, die „eine zweite Chance verdient“ hätten, nicht? Südafrika hatte seit 1994 keine Chance mehr. Das Land verdient nicht die „zweite Chance“, sondern die erste. Man muß nicht so tun, als stünde nicht fest, woran es liegt, daß Südafrika im Chaos versinkt: Stammesdenken und ein ungeheures Ausmaß an Korruption, die Plünderung der Staatskasse durch „Volksvertreter“, komplettiert durch einen sozialistischen Staatsdirigismus der Inkompetenten. Die regierende Partei, der ANC, schwört auf sozialistische Modelle, und kein Mensch könnte sagen, wo ein solches Modell schon einmal funktioniert hätte. In Kuba revoltiert das Volk und Venezuela ist verelendet. Vor dreißig Jahren noch war Venezuela das Land mit dem dritthöchsten Lebensstandard in der südlichen Hemisphäre. Vor vierzig Jahren war Südafrika ein Land, das zwar die Apartheid hatte, neben der Apartheid aber eine vergleichsweise niedrige Gewaltkriminalität und einen vergleichsweise hohen Lebensstandard. Es gab (relative) Rechtssicherheit, die zweifellos ausbaufähig zwar, aber allemal besser verwirklicht als heutzutage.

In Südafrika scheitert nicht nur ein Menschenexperiment, sondern es scheitert eine ganze Ideologie. Das ist es, was man beim „Tagesspiegel“ – sprichwörtlich ums Verrecken (der anderen) – nicht wahrhaben will. Deshalb fällt Dieterichs Interpretation der Geschehnisse auch so drollig aus. Aus jeder Zeile spricht der verzweifelte Versuch, nicht sehen zu müssen, was so offensichtlich wäre.

In einem Land wie Südafrika ist womöglich nichts auf einen Nenner zu bringen.“ – Ach? „Zu vielfältig und verworren sind die Rassen-, Klassen- und Interessenkonflikte: Sie haben die Multikulti-Nation zu einem der komplexesten und unberechenbarsten Staaten der Erde gemacht.“ – Noch einmal: Ach? Dabei war es doch vor vierzig Jahren noch so einfach. Südafrika, das ist die Unterdrückung der Schwarzen durch Weiße. Deswegen gab es einen internationalen Boykott des Landes. Damals war nichts mit „vielfältig und verworren“ sind die Konflikte. Im Urteil der Welt war glasklar, was in Südafrika schief läuft. Und es war alles sehr schnell erklärt.

Analysten behelfen sich damit, dass sie für die Zerstörungswelle gleich mehrere Gruppen verantwortlich machen: die Armen, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen; Anstifter, die sich von einer Destabilisierung des labilen Schwellenlandes politische Gewinne und Straffreiheit versprechen. Schließlich Klein- sowie Großkriminelle, die Südafrika spätestens seit der Regierungszeit Jacob Zumas unterwandert haben.“ – Analysten sollten eigentlich analysieren, anstatt sich zu „behelfen“. Es ist ja nicht so, daß die Analyseexperten vor einer unlösbaren Aufgabe stünden. Der ANC war mit dem Versprechen angetreten, der weitverbreiteten Armut abzuhelfen. Nichts ist passiert, nicht erst „spätestens seit Zuma“ nicht, sondern schon vorher nicht. Von allem Anfang an, also seit 1994, dem Jahre der „Neugründung“ Südafrikas nach dem Ende der Apartheid, stieg der Reichtum der Weißen weiter an, wovon wiederum viele nichts mehr hatten, weil sie ermordet wurden. Dennoch: Dadurch, daß den Weißen systematisch staatliche Unterstützung und staatliches Wohlwollen entzogen worden war, sind viele in die wirtschaftliche Selbständigkeit gezwungen worden. Viele landeten auch in weißen Splatter-Camps. Die weiße Arbeiterklasse Südafrikas hatte nichts mehr zu erwarten vom ANC. Die weißen Aufsteiger jedoch waren ein paar Jahre später reicher als zu Apartheidszeiten, während sich – außer für wenige Günstlinge des ANC – für die Masse der Schwarzen nichts änderte. Dann die Landreform: Etwa 90 Prozent der Flächen, die an schwarze Landwirtschaftskombinate übereignet wurden, sind heute zu Brachflächen verkommen, auf denen niemand mehr irgendetwas sät und erntet. Am Programm der entschädigungslosen Enteignung wurde dennoch festgehalten. Eine korrupte Clique von Kleptokraten in der Regierung und Verwaltung schaffte Milliarden an Steuergeld aus dem Land und bunkerte Unsummen auf Auslandskonten.

Stammesdenken

Jacob Zuma vom Stamm der Zulu wurde zur Geisel des ganzen Landes. Inkompetent, korrupt, skrupellos und gierig baute er auf die Unterstützung seines Stammes, einem der größten in Südafrika. Als er nun, zunächst nur wegen Mißachtung der Justiz, verhaftet wurde, brach die Hölle los. Zulus fühlten sich auf einmal schlecht beleumundet, fürchteten um die Privilegien, die ihnen unter Zuma zugeschanzt worden waren. Von Zuma selbst aufgestachelt, begannen sie mit Zerstörung und Plünderung. Mehrere hundert Tote gab es inzwischen. Bürgerwehren verteidigen ihre Siedlungen. Einkaufszentren sind verwüstet, die Infrastruktur teilweise zerstört. Die Straßenverbindung zwischen Johannesburg und der wichtigen Hafenstadt Durban ist nur noch unter Gefahr für Leib und Leben zu benützen. Polizisten beteiligen sich an Plünderungen. Alles das ist von Realisten bereits vor Jahrzehnten prognostiziert worden.

Die Idee von einer Nation Südafrika ist eine europäische, so, wie eigentlich bei allen afrikanischen Nationen, die es heute gibt. Den Stämmen Afrikas ist der Nationalgedanke bis heute eher fremd geblieben, auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt. Es war von allem Anfang an illusionär, zu unterstellen, daß die Nation Südafrika friedlich bleiben würde, wenn man diejenigen von den Schalthebeln der politischen Macht entfernt, die fast als einzige mit dem Begriff der Nation etwas anzufangen wussten.

Gescheitert

In Südafrika ist kein „Menschheitsprojekt“ gescheitert, sondern ein Menschenexperiment. Außerdem gescheitert ist die Ideologie von den unterschiedslosen „die Menschen“. Das ist die Analyse. Behelfen muß sich niemand mit irgendetwas. Südafrika heute ist eine schallende Ohrfeige für alle die gewissenlosen Traumtänzer, die seit jeher die Realität ihren „Visionen“ opfern – im Dienst an der „besseren Zukunft“. Die Chance für Südafrika: Ein weißes „Management“ in Regierung und Wirtschaft, Verzicht auf die Rassentrennung und dadurch prinzipielle Durchlässigkeit für Schwarze, die das wollen und können, in Südafrika per Qualifikation aufzusteigen anstatt über Hautfarbe und Stammeszugehörigkeit. Eine andere Chance wird es wohl nicht geben, wenn Südafrika wieder zur prosperierenden Nation werden soll, in der Leib und Leben des Einzelnen ungeachtet seiner Hautfarbe etwas gelten, anstatt zum permanenten Propagandagebiet von Marxisten und zum Schlachtfeld von Stammeskriegen zu werden.

Daß man das beim „Tagesspiegel“ unter gar keinen Umständen wahrhaben will, steht auf einem ganz anderen Blatt. Johannes Dieterichs Kommentar zur Lage im Land ist fast schon lächerlich angesichts der Angestrengtheit, mit der er versucht, das Offensichtliche zu ignorieren. Südafrika war seiner ganzen Konstruktion und seiner ganzen Idee nach ein europäisches Land auf dem afrikanischen Kontinent. Wenn es das nicht bleiben kann, dann kann es auch keine Nation bleiben. Südafrika bliebe es dennoch. Schließlich liegt es am südlichen Ende des afrikanischen Kontinents.