Kulturkampf gegen das Auto: „Das Auto ist ein Geldgrab“

Geldgräber auf dem Autofriedhof - Foto: Imago

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schlaumeiert Frau Lilly Bittner zum Thema „Kosten für die Gesellschaft“ und kommt dabei zu der sensationellen Erkenntnis, daß es sich beim Auto nicht nur um ein Fortbewegungsmittel handelt, sondern auch um ein Geldgrab. Wer so schlau ist wie die Frau Bittner, der fällt auch gleich die nächste Frage ein: Schont denn das Fahrrad auch den Geldbeutel? – Die schonungslose Medienkritik.

von Max Erdinger

In Deutschland befindet man sich gern auf dem falschen Dampfer, wie spätestens seit dem Untergang der „Wilhelm Gustloff“ bekannt ist. Untergegangen ist sie, wenn man etwas tiefer zu den Ursachen forscht, deswegen, weil sich die meisten der 9.000 Passagiere auf dem Schiff zuvor haben führen lassen von einem Führer und dessen Führungsclique. Das hätte eine Lehre sein können. War es aber nicht. In Deutschland gilt: Stellt sich heraus, daß der Führer und seine Führungsclique die falsche Farbe hatten, muß man sie bloß anders anstreichen – und schon paßt der Lack wieder. Das scheint in Deutschland „alternativlos“ zu sein. Auf zu neuen Führungen!

Was eine klassisch deutsche Führung ist, erkennt man daran, daß sie für die Geführten deren Feinde identifiziert und vor ihnen warnt. Die Feinde müssen nicht unbedingt Personen sein. Auch Gegenstände können zum Feind erklärt werden. Schnapsflaschen eignen sich, auch Zigaretten, oder eben das Automobil. Frau Lilly Bittner hat sich in der FAZ für das Auto als zu identifizierenden Feind entschieden und wirft dem Feind vor, er verursache „Kosten für die Gesellschaft“. Bis vor wenigen Jahren galt noch, daß das Auto Kosten für seinen Besitzer verursacht – und fast alle waren sich führungslos einig, daß umso besser sei, je weniger Kosten das Auto für seinen Besitzer verursacht. Das war auch ein starkes Motiv für die Weiterentwicklung des Autos. Verbrauchte ein VW-Käfer des Baujahres 1970 in seiner stärksten Version mit 50 PS noch bis zu 14 Liter verbleiten Benzins, so begnügt sich ein VW-Passat Diesel des Baujahres 2020 trotz dreifacher Motorleistung mit einem Drittel der Kraftstoffmenge. Und das, obwohl das Gewicht des modernen Passat etwa doppelt so hoch ist, wie das eines Käfers von damals. Verringert haben sich die Kraftstoffkosten seltsamerweise nicht. Alles, was über den gesunkenen Verbrauch durch technische Weiterententwicklung eingespart werden konnte, holte sich der Staat. Das führt zu der Frage, ob wirklich das Auto ein Geldgrab ist, oder ob es nicht der Staat ist. Wahrscheinlich ist es der Staat. Hätte sich der zum Passat weiterentwickelte Käfer so vergrößert wie der Staat im vergangenen halben Jahrhundert, dann würde heute kein Volkswagen mehr auf die Straße passen.

Daß das Auto ein Geldgrab sei, ist als Behauptung ein Ablenkungsmanöver. Würde man nicht fragen, was ein Auto ist, sondern stattdessen fragen, was ein Geldgrab ist, dann fielen einem vermutlich viele Dinge ein, bevor man daraufkäme, daß eventuell auch das Auto eines sein könnte. Schlußfolgerung: Es kann Frau Lilly Bittner unmöglich um das Schlechtmachen von Geldgräbern gehen, sondern um die üble Nachrede dem Automobil gegenüber. Wenn sie das in der FAZ tut, dann hätte sie das auch nicht in der Rubrik „Kosten für die Gesellschaft“ tun müssen, weil die Rubrik „Klatsch & Tratsch“ auch gereicht hätte.

Boom!

Der Fahrradmarkt boomt, schreibt Frau Lilly Bittner, um gleich bei der spitzfindigen Frage zu landen, was dieser Boom nützt. Viele Antworten wären denkbar. Die Entschleunigung des Lebens, der positive Effekt des Radfahrens für Gesundheit & Fitness des Stramplers, die Lautlosigkeit der Fortbewegung und etliche andere. Viele Antworten zur Frage des Nutzens der strampeligen Fortbewegung verderben den Brei aber mindestens genauso wie viele Köche. Frau Lilly Bittner deshalb: „Eine Antwort kann man finden, wenn man die Konsequenzen der Fahrzeugwahl in Geld umrechnet.“ – Nur so läßt sich also eine Antwort finden. Damit teilt Frau Lilly Bittner das beklagenswerte Schicksal vieler ihrer Zeitgenossinnen. Wenn sie nicht alles in Geld umrechnen, können sie keinen Nutzen erkennen. Allgemein-Experten sprechen von intellektueller Degeneration. Etymologie-Experten sprechen von Materialismus und verweisen dabei auf das lateinische „mater“ (Mutter) als den Wortstamm von Materie und Materialismus. Einigkeit herrscht unter den Experten aller Art lediglich hinsichtlich der Feststellung, daß einmal dringend die „Kosten für die Gesellschaft“ berechnet werden sollten, die dadurch entstehen, daß Frauen wie Lilly Bittner eine gleichberechtigte Meinung haben- und sie auch noch äußern dürfen. Interessant wäre auch eine retrospektive Antwort auf die Frage, wieviele Radfahrer unter gesellschaftlichen Kostensenkungs-Aspekten ihr schickes Fahrrad beizeiten gegen ein schnödes Automobil getauscht haben würden, wenn sie dafür die extrem kostspielige Bundeskanzlerin losgeworden wären. Die „Kosten für die Gesellschaft“, die von dieser einen Frau verursacht worden sind, stellen garantiert alle Kosten in den Schatten, die für die Gesellschaft durch das Auto entstanden, seit Carl Benz das erste Automobil im Jahre 1893 zum Patent angemeldet hat. Eine überaus lohnenswerte Überlegung könnte daher sein, wieviele Kosten für die Gesellschaft sich einsparen ließen, wenn man statt vom Auto aufs Fahrrad von Merkel auf Erhard umsteigen – und sich zudem der Bekämpfung der extrem teuren, epidemischen Grünsucht widmen würde.

Wahre Rechenkünstler

Frau Lilly Bittner bezieht sich aber lieber auf einen Bericht des Umweltbundesamtes. Dort hat man nämlich auf der Grundlage von Daten aus dem Jahr 2017 ausgerechnet, „wie viel die Gesellschaft für das Autofahren bezahlen muß.“ Veröffentlicht wurde das Ergebnis vor vier Monaten, im März 2021. Es scheint sich also um eine saumäßig schwierige Rechnung gehandelt zu haben. Schade, daß es kein Bundesmathematikamt gibt. Mit einem solchen Bundesamt hätte sich bestimmt viel Rechenzeit für die Gesellschaft einsparen lassen. Freilich hätte man dann auch ein Bundesobermathematikamt gebraucht, welches die Kosten für die Gesellschaft, die durch die Schaffung eines Bundesmathematikamtes für die Gesellschaft entstanden wären, vom Nutzen des schnelleren Rechenergebnisses für die Gesellschaft wieder abgezogen hätte. Aber auch so fragt man sich, was es an Kosten zu kritisieren gibt, die für die Gesellschaft entstehen. Wenn es doch für die Gesellschaft ist? Gesellschaft ist schließlich voll knorke! Volk ist der letzte Scheiß! Und der Bürger ist der letzte Kleinscheiß, wenn man ihn erst einmal ins Verhältnis zur Erhabenheit von „Gesellschaft“ gesetzt hat. Der Kleinscheiß ist nichts, die Gesellschaft ist alles. Was der Kleinscheiß zahlt, ist unerheblich, wenn seine Zahlung die Gesellschaft etwas kostet. Als Vernunftmensch ist man geneigt, dem Kleinscheiß zuzurufen: „Zahle lieber gar nichts, Kleinscheiß! Deine Zahlung ist zu kostspielig für die Gesellschaft!“

Aber ist das so? Frau Lilly Bittner verläßt sich da ganz auf eine andere Frau. Die andere Frau heißt Frau Nadja Richter und ist beim Bundesumweltamt als Rechenkünstlerin angestellt. In der FAZ wird der bundesamtliche Rechenweg verraten. „Hierfür rechnet der Bericht den Energieverbrauch des Autos, Treibhausgas- und Luftschadstoffausstöße sowie Lärmemissionen in Geld um. Nadja Richter vom Umweltbundesamt erklärt, wie das geht: Die Umweltfolgen des Autofahrens wirken sich negativ auf die Gesundheit aus, denn der Lärm etwa kann bei Anwohnern zu Stress oder Tinnitus führen. Außerdem komme es durch die Emissionen zu Gebäude- und Materialschäden, Ernteausfällen und Biodiversitätsverlusten. Wenn sich das Klima wandelt, müssen indes Maßnahmen vorgenommen werden, die die Infrastruktur an das geänderte Wetter anpassen.“ – Da steht plötzlich der Verdacht im Raum, daß es ohne Östrogen keine richtige Mathematik geben könnte. Mit richtiger Mathematik für die Gesellschaft läßt sich nämlich alles für die Gesellschaft ausrechnen, wie es scheint. Was kostet der einzelne Haifisch die Gesellschaft, wenn man die Behandlungskosten der Traumatherapie für diejenigen „die Menschen“ berücksichtigt, deren Angehörige von einem Haifisch gefressen worden sind? Auch die Kosten für die prophylaktische Behandlung einer Haifischphobie könnten berücksichtigt werden, weil Phobien Ängste sind, die das Leben mindestens so sehr verkürzen wie ein ausgewachsener Tinnitus. Auch ließe sich ausrechnen, wieviel Geld und Kosten sich für die Gesellschaft einsparen ließen, wenn man sich die energieaufwendige Glasflaschenherstellung für die Gesellschaft verkneift, um das Bier für die Gesellschaft in Jutebeutel für die Gesellschaft abzufüllen. Erst mit Östrogen und Umwelt wird die Mathematik zur wahren Rechenkunst. Ohne Frau Lilly Bittner in der FAZ und Frau Nadja Richter im Bundesumweltamt wäre vermutlich die ganze Mathematik nichts als die reine Spökenkiekerei geblieben. Heutige Frauen können nämlich absolut alles in Geld umrechnen. Das ist schon toll. Wenn sie jetzt noch ausrechnen, wie viel Lebensfreude ihre Rechenkunst diejenigen kostet, die im Kopfe normal geblieben sind, und wie viel dieser Verlust in Geld umgerechnet ist, wäre schnell klar, daß man bei den Rechenkünsten der beiden Grazien ansetzen müsste, um „Kosten für die Gesellschaft“ einzusparen.

Geld oder Leben

Die ganze Umrechnerei von Wrschtlpfrmpft in Geld führt natürlich viel weiter. Frau Lilly Bittner ist eine wahre Entdeckerseele und hat deshalb auch herausgefunden, wieviel das menschliche Leben in Geld umgerechnet wert ist. Allerdings mußte sie dazu erst einen Professor fragen, der noch viel besser rechnen kann. Der Professor heißt Stefan Gössling und ist als Forschungsexperte für Tourismus und Humanökologie bei der Universität Lund in Schweden angestellt. Keinesfalls sollte man den guten Mann mit dem „verrückten Professor“ von 1963 verwechseln. Der hieß Jerry Lewis, was nur so ähnlich klingt wie „Stefan Gössling“. Aber auch so hat Professor Gössling den Wert eines Menschenlebens in Geld umgerechnet. Ob er von irgendwelchen schwedischen Feministinnen mit vorgehaltener Knarre dazu gezwungen wurde, ist nicht ganz klar. Seine Rechenkünste zu jenen Kosten für die lebende Gesellschaft, welche das Automobil verursacht, sind sogar noch ausgefeilter als die von Frau Nadja Richter. Gut möglich, daß es diese männliche Überlegenheit ist, derentwegen es auch unter Feministinnen heterosexuelle „die Menschen“ gibt.

Frau Lilly Bittner in der FAZ: „Im Gegensatz zum Umweltbundesamt bezieht er aber auch noch Gesundheitseffekte durch die Fahrzeugnutzung und die Ausgaben, die durch Unfälle entstehen, mit ein. Letztere berechnet Gössling, indem er schaut, wie wahrscheinlich es beim Rad- oder Autofahren ist, dass man sich verletzt oder gar stirbt. Diesen Prozentsatz setzt er dann in Beziehung mit dem Wert, der für ein Menschenleben angesetzt wird. Wie hoch der ist, erklärt er im Interview am Telefon: Ökonomen seien da auf knapp zwei Millionen Euro gekommen, die sich hauptsächlich durch Versicherungs- und Lohnkosten zusammensetzen. ‚Man muss hierbei jedoch beachten, dass emotionale Werte und Sekundärfaktoren wie Trauer oder Kosten für mögliche Psychotherapien nach Unfalltraumata ausgeklammert sind. Daher ist der Wert eher unter- als überschätzt‘. “ – So klingt das, wenn sich ein Großmeister der allerhöchsten Mathematik mit der Lösung einer saumäßig schwierigen Rechenaufgabe befaßt hat.

Die Gegenrechnung

Die Faktoren, mit denen man es bei der Gegenrechnung zu tun hat, sind in der Östrogenal- und Umweltmathematik leider verpönt. Wer sie zum Ausrechnen verwendet, gilt als Mathematikleugner und ist wahrscheinlich obendrein auch noch Klimaleugner, Umweltleugner, Gefahrenleugner und Verstandesleugner. Ach was, alles zusammen ist er. Und ein Mathematikpopulist ist er obendrein. Tatsächlich ist er nur Kompensationsmathematiker. Der Kompensationsmathematiker rechnet einfach das Geld, das durch die Umrechnung von allem möglichen entstanden ist, zurück in das, was das Leben wirklich lebenswert macht: In die Freude am Leben. Bevor er seine Rechnung aufmacht, beobachtet er solche „die Menschen“, um deren Freude es abseits aller Gesellschaft geht. Was sieht er?

Glückliche Menschen mit Reinigungstüchern in ihren Händen, elegante, auf Hochglanz polierte Karossen, prächtige V8-Motoren, schicke Alufelgen und edle Ledersitze. Einladende Asphaltbänder sieht er, die sich in ihrem schicken Grau an die Eintönigkeit einer bunten Landschaft anschmiegen und zu schier unbegrenzt vielen Zielen führen, viel Begeisterung und Hingabe sieht er, eine prosperierende Automobilindustrie, die vielen glücklichen Menschen ein Einkommen sichert, welches sie kurz lächeln läßt, bevor sie auf ihrer Lohnabrechnung in die Spalte mit den Steuern und Abgaben stoßen – kurz: Er sieht das, was jedem Einzelnen in der Gesellschaft viel Freude, mobile Unabhängigkeit und Stolz beschert: Das Automobil in seiner vielfältigen Erscheinungsform als reines Transportmittel, als Kunstobjekt, als Liebhaberstück und ganz generell als „begeisterndes Ding“.

Er sieht den glücklichen Kleinscheiß, den vormaligen Bürger, kratzt sich am Kopf und beschließt angesichts all dessen, was er da sieht, das Rechnen einfach sein zu lassen. Die natürliche Lebensfreude ist der Feind aller gekünstelten Mathematik. Dann kramt der Kompensationsmathematiker seinen BMW-Schlüssel heraus, setzt sich hinters Steuer seines schicken und hübsch motorisierten Coupés, drückt auf den Startknopf und murmelt dabei leise: „Die linken Gesellschaftsschwafler können mich allesamt am Arsche lecken. Hierzulande leben nur 1,15 Prozent der Weltbevölkerung. Das waren einmal sehr kultivierte 1,15 Prozent. So soll es wieder werden.“

Sauteuer

Es ist der Staat, der mit weitem Abstand die meisten „Kosten für die Gesellschaft“ verursacht. Die einzigen, die davon etwas haben, sind linksideologische Klugscheißer. Der vormalige Bürger, der heutige „Kleinscheiß in der Gesellschaft“, hat von diesem grotesk aufgeblasenen, maßlos gefrässigen und impertinenten Monster namens Staat überhaupt nichts mehr. Auspressen, bevormunden und maßregeln lassen muß er sich bloß noch im Gegenzug dafür, daß er diese monströse Ungeheuerlichkeit namens Staat auch noch mit immer mehr von seinem Geld finanziert. Der vormalige Bürger, der heutige „Kleinscheiß in der Gesellschaft“, rechnet anders.

Seine Rechnung wäre dann auch diejenige, die es endlich aufzumachen gälte: Was kostet ein Staat, der grotesk überbläht, impertinent und völlig zum Selbstzweck verkommen ist? Und wenn schon „Gesellschaft der Kleinscheiße“: Wie ließen sich die „Kosten für die Gesellschaft“ dadurch auf ein erträgliches Maß herunterfahren, daß man den Staat in eine regelrechte Hungerkur hineinzwingt, ihn so von seiner stark gesundheitsschädlichen Fettleibigkeit befreit, während man ihm gleichzeitig die Tugenden von Demut und Bescheidenheit – im übertrageen Sinne – in „seinen gesellschaftsversifften Schädel hineinprügelt“, um das wieder hervorzubringen, was der Kleinscheiß früher einmal gewesen ist, nämlich ein freier, unbevormundeter, von Linksideologen verschonter Bürger, der Freude an seinem Bürgerleben hat?

Der ständige Driss mit der staatlichen Ideologenpest, diesen selbsternannten Volkspädagogen, wirkt nämlich stark gesundheitsschädigend – und somit lebensverkürzend. Ob das Frau Lilly Bittner, Frau Nadja Richter und dieser Jerry Lewis aus Schweden jemals in einen geldwerten Nachteil umrechen würden? – Wohl kaum. Es handelt sich um Gläubige, genauer: um Staatsgläubige. Staatsgläubige verursachen ebenfalls enorme „Kosten für die Gesellschaft“. Und so bald die FAZ billiger wird als Toilettenpapier, überlegt sich der Vernunftbegabte, ob er sie abonnieren soll.