Transolympia: Die olympische Spielerin

Frau Hubbard bei der Olympiade - Foto: Imago

Bei der Olympiade in Japan kocht ein Thema hoch, das nur in völlig verrückten Zeiten überhaupt eines werden konnte: Ein Mann tritt bei den Gewichtheberinnen an, Frauen finden das unfair, müssen sich aber sagen lassen, daß der Mann gar kein Mann sei, sondern eine Frau, genauer: eine Transfrau. Und daß sie sich ihre Transfeindlichkeit sparen sollen. Es geht um Laurel Hubbard. Der stattliche Laurel hieß früher Gavin und wiegt 130 Kilo. Bei den Frauen trat er an, weil er sich als Frau fühlt. Weitergedacht.

von Max Erdinger

Man muß sich nicht wundern: In der Rechtsprechung gibt es eine Tendenz, von Beleidigung zu sprechen, wenn sich jemand beleidigt fühlt. Wenn Sie in sozialen Netzwerken bspw. behauptet hätten, jemand sei ein „Wi + + er“, dann darf er unterstellen, Sie hätten ihn einen „Wixxer“ genannt und sich fortan beleidigt fühlen. Für sein Gefühl sind Sie verantwortlich, auch, wenn Sie eigentlich „Witwer“ gemeint hatten. Natürlich hätten Sie nicht „Witwer“ gemeint, sondern „Wixxer“. Aber geschrieben hätten Sie es nicht. Wenn Sie also wegen Beleidigung verurteilt werden, dann nicht für das, was Sie geschrieben hatten, sondern für das, was der Kläger verstanden haben wollte. Ihren Einwand, daß Sie deswegen „Wi + + er“ geschrieben hätten, weil Sie „Wixxer“ nicht schreiben wollten, um niemanden zu beleidigen, wird man nicht gelten lassen. Man wird Ihnen mit der nächsten Unterstellung kommen und behaupten, Sie hätten nur deswegen „Wi + + er“ geschrieben, um einer Bestrafung für den Gebrauch des Wortes „Wixxer“ zu entgehen. Daß man für eine Verurteilung einen Schuldbeweis braucht, gilt heute nicht mehr. Heute reicht u.U. schon, daß das Gericht mit einer Unterstellung richtig gelegen haben könnte. Etwas, das theoretisch richtig gewesen sein könnte, führt also zu einer tatsächlichen Verurteilung. Das ist „Kindergarten“? – Natürlich ist das „Kindergarten“.

Früher, als der Bürger noch nicht Geisel des Nannystaats gewesen ist, hätten die honorigen Herren in ihren Talaren dem Kläger beschieden, daß sich die Justiz für nachgewiesene Tatbestände interessiert, nicht für gefühlte, und hätten ihn mit dem guten Rat, endlich erwachsen zu werden, wieder nachhause geschickt. Würden sie das heute machen, müssten sie eventuell damit rechnen, daß der Kläger in Berufung geht und behauptet, er habe gefühlt, daß ihn die honorigen Herren als infantiles Arschloch bezeichnet hätten, das sich gefälligst aus dem Gerichtsgebäude verpissen soll, womit sie sich dann glasklar im Ton vergriffen hätten. Weil er das gefühlt – und somit auch Recht habe.

Der Mensch als mündiger Bürger zählt heute vergleichsweise wenig einem Menschen mit seinem Gefühl gegenüber. Das läßt sich weiterspinnen. Warum nicht jemanden anzeigen, der die Gefühle von Parteimitgliedern der SED (die Linke) im vereinten Deutschland dadurch verletzt hätte, daß er Honecker und seine Clique als „üble Diktatoren“ bezeichnete? Das könnte von einem sehr zweifelhaften Erfolg gekrönt sein, wenn man es schafft, das Gericht davon zu überzeugen, die Bezeichnung „Deutsche Demokratische Republik“ sei zutreffend gewesen, weil es sich bei Honecker und seinen Spießgesellen eben nicht um Diktatoren gehandelt habe, sondern um „Transdemokraten“, die deswegen Demokraten gewesen seien, weil sie sich selbst für welche halten wollten.

Warum nicht auf dem Behindertenparkplatz sein Auto abstellen, wenn man notfalls behaupten könnte, man sei Transbehinderter und daß der Strafzettel hinter dem Scheibenwischer ein gräßliches Dokument ewiggestriger Transenfeindlichkeit sei, eine gesellschaftliche Sauerei ersten Ranges, da noch immer keine Behindertenausweise für gefühlte Behinderungen ausgestellt werden, weswegen man auch insofern diskriminiert worden sei, als daß man trotz Antragstellung keinen ausgestellt bekommen habe? – Gut, diesem Beispiel fehlt jetzt die Nachhaltigkeit, weil Sie einen darauf lassen können, daß es bald keine Behindertenparkplätze und keine Behindertenausweise mehr geben wird. Die Krüppel sind insgesamt auf dem Rückzug, weil sie bald zu „Menschen mit einer motorischen Andersbegabung“ geworden sein werden, für die es Andersbegabtenparkplätze und Andersbegabtenausweise geben wird. Warum nicht bei einer Polizeikontrolle ins Röhrchen blasen und hinterher behaupten, 1,6 Promille seien ein diskriminierender Wert, weil man statt Bier „Transmineralwasser“ getrunken habe? Daß man von Mineralwasser unmöglich besoffen werden kann, wüßte schließlich jeder. Ob die Polizisten etwa völlig verrohte Gestalten seien, die einfach ewiggestrig auf den Gefühlen von Transnüchternen herumtrampeln dürften, könnte man mit besserwisserischer Miene anfügen und dabei recht keck den Zeigefinger erheben.

Wahnsinnige Zeiten

Um auf die Olympiade zurückzukommen: Bei früheren olympischen Spielen hätte man jeden Mann aus dem Frauensport entfernt und hätte ihm gesagt, daß es für die Teilnahme an olympischen Wettkämpfen keine Rolle spielt, wie er sich vorkommt, weil alleine zählt, was er ist. Man interessiere sich nicht dafür, wie er sich fühlt, weil man davon ausgehe, daß er damit alleine zu Rande kommen kann. Wenn er privat gern Frauenkleider tragen wolle, dann sei ihm das derartig unbenommen, daß man es noch nicht einmal wissen wolle. Eine Privatolympiade gebe es eben nicht. Man interessiere sich dafür, welche Frau das höchste Gewicht heben könne, nicht dafür, wieviel ein Mann heben kann, der sich vorkommt wie eine Frau. Zuletzt bestehe noch jemand auf dem Erhalt der Goldmedaille, der nur so getan hat, als hätte er etwas gehoben, weil er eben Transgewichtheber – oder besser noch – Transgewichtheberin sei. Einem, der Luftgitarre spielt, ist aber noch nie der Grammy-Award verliehen worden.

Woher kommt dieser ganze Wahnsinn eigentlich? Um sich das zu erklären, muß man wahrscheinlich Anthropozentrismus und Kollektivismus zusammen denken. Eine Masse von maximal Individualberechtigten wäre schließlich noch immer ein Kollektiv, aber eben ein dysfunktionales. Wer eine Masse Menschen um sich herum erkennt, aber verinnerlicht hat, daß er keinem davon unterstellen darf, er sei das, wofür ihn zu halten er geneigt wäre, verliert die Masse die Kraft, die sie einer doktrinären Macht entgegenstellen könnte. Der Einzelne sieht die Masse zwar noch, aber er darf nichts mehr von ihr erwarten. Ich denke, das ist es, worum es letztlich geht: Totale Vereinzelung in der Masse mit dem Effekt, daß in der Masse lediglich noch die gemeinsame Überzeugung besteht, jeder sei als Feind zu identifizieren, der diese Vereinzelung nicht als eine je individuelle „Befreiung von überkommenen Zwängen“ interpretiert. Die Masse der anthropozentrisch Vereinzelten traut sich nicht mehr, einen kollektiven Willen zu unterstellen, der aus einer Vielzahl gemeinsamer Überzeugungen resultiert, sondern höchstens noch einen, der einer einzigen gemeinsamen Überzeugung geschuldet ist.

Diese einzige gemeinsame Überzeugung wäre die, daß jeder als Feind zu begreifen sei, der versucht, einem solcherart indivdudalanthropozentrierten Kollektiv „weiszumachen“, die je erfolgte „Befreiung von überkommenen Zwängen“ sei in Wahrheit keine, weil sie der Bildung eines kollektiven Willens gegen denjenigen der tatsächlichen Macht zuwiderläuft, was statt Befreiung letztlich Versklavung bedeute. Der bis zum Abwinken „berechtigte“ Einzelne kann keine Verbündeten mehr finden, außer eben solche, die seine Überzeugung teilen, daß diejenigen „die Guten“ seien, die ihn – und damit jeden anderen – „berechtigt“ und somit „befreit“ hätten.

Auf diese Weise wird eine potentiell regierungskritische Masse zu Staatsmündeln. Erschwerend kommt hinzu, daß den „Individualberechtigten im Gefühl“ permanent eingeredet wird, auf jeden Einzelnen käme es an. Seine Meinung zählt, er soll sich „einbringen“, vom Möbelhaus bis zum Mailprovider ist alles „seins“ („mein gmx“, „mein Möbelhaus“, „meine Versicherung“ usw.usf.), woraufhin er bald platzt vor Überzeugung von seiner je persönlichen Einmaligkeit und Wichtigkeit. Der Zeitgeist ist sozusagen ein Turbolader des Anthropozentrismus – und der wiederum ist das Navigationssystem in die Knechtschaft. Wer ständig nur an sich, seine Befindlichkeiten, seine Gefühle und seine Rechte allen anderen gegenüber denkt und das auch noch als seine persönliche „Befreiung von überkommenen Zwängen“ begreift, der müsste, um das in Frage zu stellen, erst einmal für möglich halten, daß er recht eigentlich ein ausgemachter Depp sein könnte. Dem steht aber auch noch das Toleranzdogma entgegen: Ich bin ok, du bist ok. Wer das nicht mitmacht, ist wahrscheinlich „Befreiungsleugner“.

Konfrontation mit der Realität

Und dann sind olympische Spiele. Plötzlich scheitert dieses „Ich-bin-wofür-ich-mich-im-Vollbesitz-aller-meiner-Rechte-halte“ daran, daß es von der Realität ad absurdum geführt wird. Die „Transfrau“ ist eben nur eine eingebildete Frau, tatsächlich aber ein Mann geblieben. „Sie“, also er, kann größere Gewichte heben, als die Frau, die sich im Wettbewerb mit „ihr“, also ihm, messen soll, um festzustellen, welche Frau objektiv das höchste Gewicht heben kann. Das ist kein Wunder. Schließlich ist nur das Geschlecht ein „konstruiertes“, das Gewicht aber ein tatsächliches.

An diesem Punkt kommt wieder „die Wissenschaft“ ins Spiel und bemüht sich beschwichtigend um den Nachweis, daß für eingebildete Frauen nur bestimmte Regeln eingehalten werden müssten, die sich samt und sonders um Fristen, Hormongaben und Hormonspiegel drehen – und die – ach? – selbst dann noch nicht verhindern, daß auch eine Transfrau nach Jahren von Hormongaben, ein Mann also, beim Sprinten immer noch um etwa 21 Prozent schneller ist als eine Frau. Und als ob das den ganzen Wahnsinn nicht für sich genommen schon als solchen kenntlich machen würde, unterbleibt dann auch noch die „Gegenrechnung“: Der „Transmann“ bleibt unberücksichtigt, womöglich eine zierliche, kleine Frau, die sich für Herkules hält, und unbedingt bei den Männern mitmischen will, was völlig aussichtslos wäre, ganz egal, mit wievielen Fristen, Hormongaben und Hormonspiegeln „die Wissenschaft“ argumentieren würde.

Was die Geschichte von Laurel Hubbard und der Olympiade zeigt, ist im Grunde, daß der kollektive Wahnsinn ausgebrochen ist. Daß das wiederum kaum jemand wahrhaben will, zeigt, zu welchem Ausmaß an Verblödung anthropozentrisches Denken führen kann. Der Mensch ist, was er ist. Was er gern wäre, ändert daran gar nichts. Frauen, die gegen die Teilnahme von Laurel Hubbard beim Gewichtheben der Frauen protestierten, taten das völlig zu Recht. Wir leben in völlig hirnverbrannten Zeiten und lassen uns von doktrinären, durchideologisierten Spinnern auf der Nase herumtanzen. Schluß damit! Am 26. September sind Bundestagswahlen. Wer die Herrschaft der doktrinären Spinner lieber zementieren möchte, anstatt sie loszuwerden, hat mehrere Auswahlmöglichkeiten. Wer sie hingegen beenden will, der hat nur eine.