Unterwegs im verwüsteten Ahrtal, über zwei Wochen nach der Flut: Erschütternde Bilder wie im Krieg

Zerstörte Brücke im Ahrtal (Foto:Imago/FutureImage)

Am vergangenen Wochenende besuchte ein Team des Bündnisses „Wir machen auf“ mit journalistischer und fotografischer Begleitung die von der verheerenden Flutkatastrophe getroffenen Krisengebiete, insbesondere die vom Hochwasser stark zerstörten Orte an der Ahr. Für Jouwatch fasst Gastautor Dirk Feller seine persönlichen Eindrücke in einem Erlebnisbericht zusammen.

Am Sonntag früh trifft sich unser Team. Wir machen uns gleich auf, um Ahrweiler und die Nachbarorte zu besuchen. Wir, das sind Thoma, Björn, der medizinische Journalist und Fotograf Mecit und meine Wenigkeit. Ziel unserer Reise ist es, die besonders von der Katastrophe betroffenen Anwohner in persönlichen Gesprächen unserer Unterstützung zu informieren, und ihnen mitzuteilen, dass bereits Strafanzeigen am Laufen sind gegen die Verantwortlichen der Regierung und des Katastrophenschutzes, wegen deren mutmaßlich gravierenden Versäumnisse bei der rechtzeitigen Alarmierung der Bevölkerung vor der Flut – trotz Vorliegen eindeutiger Warnhinweise.

Wir fahren los. Die A61 ist teils gesperrt, wir müssen Umwege nehmen. Das Wetter ist trocken, viele Bauern fahren ihre Ernte ein. Wenige hundert Meter vor dem Ortseingang von Ahrweiler ist die Strasse staubig, uns kommt uns ein schweres Gerät nach dem anderen entgegen, beladen mit Bauschutt und zertrümmerten Autos. Vorwiegend sind Traktoren und Lastfahrzeuge privater Bauunternehmen im Einsatz, dazwischen auch immer wieder schwere vierachsige, geländegängige Militärfahrzeuge. Am Bahnhof finden wir einen Parkplatz und begeben und zum Stand des Deutschen Roten Kreuzes, wo sich auch das große mobile Impfzentrum in einem Sattelaufleger befindet, nebst einem Bus, mehreren Zelten und einem Container. Gleich daneben steht die Würstchenbude – hier nicht für Impflinge, sondern ehrenamtlich zur Essensausgabe von Helfern und Anwohnern betrieben. Daneben sind unzählige Wasserflaschen hoch aufgetürmt, denn schließlich gibt es weder fliessendes Wasser, Strom, noch Gas.

Wir laufen über den lädierten Straßenbelag weiter Richtung Fluß. Am Strassenrand sehen wir zuerst verdreckte, dann zertrümmerte Autos, viele bis zur Unkenntlichkeit mit getrocknetem Schlamm bedeckt und teilweise auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Länge zusammengedrückt, auf- und übereinandergeschoben, so wie die Flut sie zurückgelassen hat. Alle Menschen, die wir sehen, wirken wie in einem Funktionsmodus: Ernst, routiniert, zuweilen apathisch. Man versucht sich irgendwie mit dem noch immer Unbegreiflichen zu arrangieren. Von Anwohnern möchten wir wissen, ob sie vor der Katastrophe gewarnt worden sind, ob es irgendeinen Alarm gab. Die Antwort ist stets dieselbe: Kopfschütteln und Achselzucken. Ein Mann erzählt uns, dass ein altes Ehepaar etwas weiter unterhalb in seinem Bungalow ertrunken sei. Beide wurden im Schlaf von den Wassermassen überrascht.

Verzweifelte Versuche, sich mit dem Unbegreiflichen zu arrangieren

Man erkennt an den Gebäuden die Hochwassermarke, die Linie des Wassers, über der Höhe des Erdgeschosses. Über Trümmer und kaputte Fahrzeuge erreichen wir ein zerstörtes Fabrikgelände; die Mitarbeiter dort wollen oder dürfen uns nichts sagen. Überall stehen mit einem Kreuz und Gefahrenhinweisen gekennzeichnete Behälter herum. Es geht weiter talabwärts, unten am Fluß erkennt man etwas, das wohl einmal eine Uferbewehrung oder Befestigung war. Die Ortsbrücke ist zusammengebrochen (über 40 Ahr-Brücken wurden bei der Katastrophe vollkommen zerstört). Hier unten stand das Wasser bis im ersten Obergeschoss, ja nach Lage oftmals fast im Dachboden. Wir passieren eine Ruine, die offenbar einmal ein Altenheim war. Hier sind alle Fenster sind zerstört, das Gebäude darf wegen Einsturzgefahr nicht betreten werden, weil die Wände fehlen. Ein Mann erzählt uns von mehreren Menschen, die hier gestorben sind; anders als unsere früheren Gesprächspartner erzählt er, es sei am Abend vor dem Unwetter ein Auto durchgefahren mit einer Lautsprecherdurchsage, es könne sein, dass der Strom ausfällt und man möchte sich bitte Wasser in Eimern bereitstellen. Von der Flut sei jedoch nicht die Rede gewesen.

Wir kommen am Friedhof vorbei, dieser ist von Bundeswehrsoldaten abgeriegelt. Uns wird gesagt, es müssten viele Leichen umgebettet werden und es gelte die Seuchengefahr zu reduzieren. Wir gehen durch die einst so idyllische Altstadt wieder zurück. Eine Anwohnerin erzählt uns, dass in der nahegelegenen Tiefgarage offenbar einige Menschen nicht mehr aus ihren Autos herausgekommen und ertrunken wären. Sie selbst habe größte Mühe gehabt, sich in den zweiten Stock ihres Hauses zu retten, so schnell sei das Wasser angestiegen; danach, sagt sie, hätte sie eine Art Filmriss erlitten und könne sich an nichts mehr erinnern.

Vielerorts sehen wir zivile Helfer, die mit Schaufeln und Eimern versuchen, Schutt und Schlamm aus den Häusern zu beseitigen. Alle hölzernen Trümmer und Dämmmaterial muss so schnell es geht entfernt werden, denn die Häuser sind innen feucht und überall beginnt es bereits zu schimmeln. Wir gelangen auf den Marktplatz; auch hier steht eine fahrbare Essensbude, wo ebenfalls umsonst Essen für alle ausgegeben wird.

Wir kehren zum Auto zurück und fahren die Ahr weiter stromabwärts, dorthin, wo es eng wird im Tal. Hier soll die Flutwelle an die 11 Meter hoch gewesen sein, sie habe komplette Häuser weggerissen, erzählt man uns. Was genau passiert ist und wie es anderswo aussieht, wissen selbst Einheimische nicht so genau: Es gibt kein durchgehend funktionierendes Mobilfunknetz, viele haben ihre Smartphone und Handys verloren. Bislang konnten sich die Hilfstrupps noch immer nicht überall hin vorarbeiten. Noch immer werden viele Menschen vermisst, es ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Toten noch steigt; womöglich wird man sie nie genau kennen.

Szenen wie aus Kriegsgebieten

Hier sieht es aus wie nach dem Krieg: Überall zerstörte Häuser, Straßen ohne Belag, völlig unterspülte Bahngleise hängen in der Luft. Und überholt ein offener Geländewagen mit orangenem Rundumlicht, auf der Ladefläche stehen zwei Männer und halten eine schwere Plane fest; darunter ragt ein Gummistiefel hervor. Pioniere haben eine Behelfsbrücke errichtet und versorgen alle Helfer, die mit Nutz- und Einsatzfahrzeugen hierher durchkommen, mit Dieselkraftstoff. Pro Tag, erfahren wir, werden alleine in diesem Krisengebiet 35 Tonnen Diesel von den schweren Baumaschinen und all den eingesetzten LKW und Traktoren verbraucht. Viele Bauunternehmer engagieren sich bei den Rettungsmaßnahmen, so auch die Firma Zintel. Wir treffen ihren Inhaber, denn zufällig kommen er und seine Männer gerade mit schwerem Gerät und Bagger angefahren. Sie wollen versuchen, so gut es geht, den Flußlauf freizuschaufeln, Steine, Morast und Trümmer wegzuräumen, damit sich die Ahr hier nicht aufstaut. Außerdem gilt es, neue Zufahrtswege für die Helfer aufzuschütten und zu befestigen.

Immer wieder, erzählt uns Zintel, fänden er und seine Maschinenführer Leichen oder Leichenteile. Einen Mitarbeiter musste er bereits schon beurlauben, weil dieser den psychischen Stress und die traumatischen Erlebnisse nicht mehr verkraften konnte. Ob er vom Staat für seinen Einsatz finanzielle Zusagen erhalten hat oder bisher, zweieinhalb Wochen nach der Katastrophe irgendeinen Kostenausgleich bekommen hat? Zintel verneint. Auch andere Unternehmer treten bislang in Vorleistungen und arbeiten vorerst auf eigene Rechnung. Im Moment geht es darum, mit der Situation fertig zu werden; alles andere ist dagegen nachrangig, hören wir oft.

Mit verstörenden Bildern und Eindrücken kehren wir zu unserem Auto zurück und machen uns auf den Heimweg. Wir kehren in die Zivilisation zurück, in die Normalität – doch für die Menschen im Ahrtal und in den anderen Flutgebieten geht dieser Alptraum weiter. Auf der Fahrt schweigen wir und hängen unseren Gedanken nach.

Später fällt uns auf, worauf wir alles keine Antwort bei unserem Besuch bekommen haben – und auch die Menschen in den Katastrophengebieten vielerorts nicht: Wieso wurden so wenige Gebäude zu Notkrankenhäusern umfunktioniert, da doch die Klinikversorgung in den betroffenen Gebieten zusammengebrochen ist? Wieso haben wir keinen Hubschrauberlandeplatz gesehen für medizinische Notfälle, um diese auszufliegen – gerade wo noch immer Menschen vermisst und potentiell Verletzte oder von der Zivilisation abgeschnittene Überlebende geborgen werden könnten? Wo waren mobile ärztliche Behandlungszentren für die ambulante ärztliche Versorgung der Bevölkerung?Wieso haben wir außer den besagten Bratwurstständen und dem Impfzentrum keine Suppenküchen von THW oder DRK gesehen? Wieso waren hier, außer dem Militär, keine Bestattungsunternehmen vor Ort, die entsprechend geschult und mit der Leichenbergung nach Naturkatastrophen vertraut sind?

Und wie soll es eigentlich im Winter weitergehen, wenn bis dahin die Strom-, Gas- und Wasserversorgung nicht wieder hergestellt ist, und sie auch die Verkehrs- und sonstige Infrastruktur nicht funktioniert? Wenn Häuser weiterhin baufällig sind, wenn Türen und Fenster fehlen? Uns fallen noch so viele Fragen ein, auf die wir keine Antworten haben. Immerhin waren wir tief beeindruckt von der selbstlosen großen Hilfsbereitschaft und Solidarität der Menschen vor Ort. Wir möchten allen Helfern, auch im Namen der Opfer, den höchsten Respekt für ihr Engagement zollen. Sie wachsen in der Not über sich selbst hinaus, während der Rest Deutschlands wieder zur Tagesordnung übergegangen ist.

 

Nachfolgend einige Impressionen vor Ort:

(Foto:Imago/Bonnfilm)
(Foto:Imago/Bonnfilm)
(Foto:Imago/Bonnfilm)
(Foto:Imago/Bonnfilm)