Der Tod der Politik: Wahlkampf ohne Künstler

Wahlhelfer für die Bolschewisten? Grönemeyer zeigt sein wahres Gesicht (Foto: Imago)

Sorry, wir sind leider verstorben, melden Campino, Die Ärzte, Herbert Grönemeyer, während Udo Lindenberg „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf einem alten Kamm von Elvis Presley bläst. Die deutsche Gesellschaft hat sich derart zugerichtet, niedergemacht und auseinandergestritten, dass auf die großmäulige Politisch-Korrekt-Apartheid nun der Zerfall des Gesamten folgt. Sichtbares Zeichen dafür ist die künstlerische Totenstille in diesem Wahlkampf, den man mit Blick auf die Kandidaten eigentlich auch „Die Nacht der reitenden Leichen“ nennen kann. Das deutsche Geistesleben, wozu natürlich das gesamte künstlerische Spektrum mitsamt seiner Akteure und Stars gehört, ist mausetot.

Von Hans S. Mundi

Deutschland in den Achtzigerjahren: die Hochzeit der Alternativ- und Friedensbewegung. Viele Künstler – allen voran Udo Lindenberg mit seiner Idee einer „Bunten Republik“ – mischten sich ein. Sie traten bei Veranstaltungen gegen den Bau der Frankfurter Startbahn West auf und unter dem Motto „Rock gegen Atom“ gegen die Stationierung von Atomraketen. Die 1981 gegründete Initiative „Künstler für den Frieden“ organisierte gleich mehrere große Konzerte. 1982 traten vor etwa zweihunderttausend Zuschauern in Bochum über zweihundert Künstler auf, darunter Esther Bejarano, Harry Belafonte, Joseph Beuys, die Bots, Franz Josef Degenhardt, Katja Ebstein, Maria Farantouri, Gitte Hænning, André Heller, Hanns Dieter Hüsch, Udo Lindenberg, Miriam Makeba, Ulla Meinecke, Bill Ramsey und Konstantin Wecker. Ein Jahr später zogen einige dieser Künstler unter dem Namen „Grüne Raupe“ in den Wahlkampf für die Grünen. Es waren Wahlkampfveranstaltungen der besonderen Art. Musiker waren auch vorher schon – vor allem für die Sozialdemokraten unter Willy Brandt – für Parteien aufgetreten. Doch meist stellten sie – ob Rockgruppen oder Marschmusikkapellen – nur gut bezahltes Rahmenprogramm für die Politikerreden dar.“

Over and over. Peter Maffay mit Armin „Angela“ Laschet bei der Eröffung einer Landesgartenschau? Udo Lindenberg mit Annalena „Ich-war-schon-in-der-Schule-so-doof“ Baerbock bei einer Wahlverstaltung der Grüninnen und Annalenix moderiert an: „Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Diversen….. lasst uns Europa rocken, ich begrüße jetzt ganz herzlich einen unser Freunde, ein Star, den ich immer schon toll fand, hier kommt…. Herbert Grönemeyer!“ Tja, und dann guckt Udo am Bühnenrand dumm aus der Wäsche und denkt an die Warnungen vor dem Baerbockmist, der auch in linken Kreisen bestens bekannt ist. Fehlt nur noch tote Hose Campino? Der ist als Bänkelsänger der Kanzlerin Merkel leider bereits vergeben, er trauert bereits im Übungsraum, dass diese tolle Politikern jetzt geht. Und wer soll mit Olaf Scholz losmarschieren?! Entertainment trifft Büroklammer?! Xavier Naidoo (?), der dann auf der Bühne des Willy-Brandt-Hauses einem Lynchmob der Jusos zum Opfer fällt?! Markus Söder. Mit Bushido. Lach. Es ist eigentlich alles nur noch Satire. Realsatire. Aber die echten Satiriker haben sich unter die Tische, hinter die Sessel und in ihre Keller verkrochen – und warten darauf, dass diese Totenwahl auf dem politischen Friedhof der Republik endlich vorbei ist.

Kulturschaffende unterliegen auch in Deutschland Zwängen. Diese sind vor allem finanzieller Natur – unabhängige Häuser sind zwar frei in ihrem künstlerischen Handeln, müssen sich aber entweder über das Publikum, Sponsoren oder sonstige Förderungen finanzieren. Öffentliche Kulturinstitutionen sind von diesem unmittelbaren Gelddruck befreit, da sie aus Haushaltsmitteln der Länder und Kommunen finanziert werden. Doch auch diese nehmen indirekt Einfluss auf die Kunst, wie der Musikwissenschaftler und Kulturmanager Markus Kiesel erklärt. Nicht nur, dass sie für gewöhnlich über die Ernennung der Intendanten entscheiden. „Die Länder und Kommunen haben auch das Recht, einen Kulturauftrag – beispielsweise an einen Intendanten oder an ein Museum – zu erteilen. Darin könnte etwa stehen, dass die jeweilige Institution eine gewisse Menge an Einnahmen erzielen muss. Bereits hier wäre die Kunstfreiheit beschränkt, weil nun der Wirtschaftsplan Einfluss auf die künstlerische Gestaltung bekommt.““

Und siehe da: In medialen Foren und Newslettern kultureller Organisationen tauchen dann quasi in Fussnoten langsam auch mal vorsichtigste Hinweise/andeutungen auf mögliche Anpassung, Speichellecker und Opportunisten auf – denn diese Charaktere werden in Zeiten massiven Konformitätsdrucks extrem gefördert. Institutionen kuschen korporativ und devot gleich und sofort, man will ja nicht von den fetten Subventionströpfen abgehängt werden – und sich etwa auf dem freien Markt plötzlich wiederfinden. Aber: Eine beschränkte Kunstfreiheit ist gar keine Kunstfreiheit. Wer in solchen Zeiten aber die Klappe weit aufreisst und „auf die Barrikaden“ will, wie Prinzen-Pumuckl Sebastian Krumbiegel, der ist staatlich-verbaler Schlägertrupp, Oppositionsbekämpfer im Dienste der Obrigkeit. Wer jetzt „Demokratie verteidigen“ schreit und neben Naidoo noch Nena, Andreas Gabalier, Peter Cornelius oder Frei.Wild von der Bühne zerren und möglichst mit lebenslangem Berufsverbot belegen möchte, der ist Stasi, KGB, Rote Khmer, Maos Revolutionsgarden und sonstiger stinkender Abfalll der weltlichen Tyrannengeschichte (aus der linken Ecke). Deutschland ist tot, weil es tot gemacht wurde. Gratulation, Grönemeyer, Krumbiegel und Campino, ihr seid keine Helden sondern winzige Krümel zwischen der Poritze der (FDJ-)Kanzlerin Merkel – als ihre Aktivfürze habt ihr mit eurem Anpassergestank die Luft im ganzen Land verpestet und vielen Zeitgenossen den Atem geraubt. Es ist eben alles schrecklich – klar!

In den letzten Jahren hat zudem der politische Rechtfertigungsdruck auf öffentliche Kunst- und Kulturinstitutionen zugenommen. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wie viele Haushaltsmittel in die Finanzierung von Hochkultur fließen sollen, da sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung erreicht. Laut dem Theaterintendanten und Vorsitzenden des Bühnenvereins Klaus Zehelein steht für Kulturschaffende deshalb häufig nicht mehr die Frage im Mittelpunkt, welche gesellschaftspolitischen Themen behandelt werden sollen, sondern wie man welche Bevölkerungsgruppe ins Opernhaus lockt. Echtes freies Denken gibt es deshalb in der Kulturszene gar nicht, ist Mela Chu, Kuratorin und Dozentin für Creative Management, überzeugt – und das gilt nicht nur für die großen Institutionen. „Um Erfolg zu haben, bleiben Künstler innerhalb ihres Umfeldes konform“, sagt sie. „Linkspolitische Stellungnahme ist heute gern gesehen. Aber wer zum Beispiel realpolitisch argumentieren möchte, wird es in der Kunstwelt schwer haben – sowohl beim Publikum als auch bei der Fördermittelakquise.“ In der Theorie bedarf die freie Kunst keiner demokratischen Mehrheit, sagt Kiesel. „In der Realität werden Gelder jedoch ausschließlich aufgrund demokratischer Mehrheiten zugewiesen. Und da liegt im Grunde das große Konfliktpotenzial zwischen Politik und freier Kunst.“

 

Sage keiner, er hätte nichts gewußt. So. Und nun den Sargdeckel drauf. Der Wahlkampf 2021 ist hiermit beerdigt.