Afghanistan-Flüchtlinge: Die wundersame Vermehrung der „Ortskräfte“

Handelte es sich hier auch schon um Ortskräfte? (Foto: Imago)

Wunder gibt es immer wieder, man muss nur an sie glauben. Und in Deutschland ist nicht einmal das erforderlich: Das neue Narrativ der „Ortskräfte“ ist der Schlüsselbegriff zum neuen Sommermärchen 2021, dank dem die Flüchtlingslobby ihre feuchten Träume seit 2016 endlich wahr werden sieht: Evacuate Afghanistan ist nicht nur die Parole der Berliner Migrantifa-Demonstranten vom Wochenende, sondern inoffiziellen Programm der deutschen Politik im Vollrausch. Störende Fakten interessieren da keinen.

Denn die knifflige und entlarvende Frage, wieviele dieser „Ortskräfte“ es in Afghanistan überhaupt gibt, scheint niemanden zu kümmern. Von welcher Zahl an Personen, denen eine zweifellos gegebene moralische Verpflichtung zur unbürokratischen Aufnahme in Deutschland verhelfen könnte, reden wir eigentlich? Hierzu existieren sehr wohl eindeutige Erkenntnisse und dass diese bis heute keinen Eingang in die Diskussion gefunden haben, ja von der Bundesregierung der eigenen Bevölkerung absichtsvoll verschwiegen werden, ist der eigentliche Skandal.

In ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag gab die Bundesregierung im November 2018, also rund zweieinhalb Jahren vor dem Beschluss zum ISAF-Mandatsende, die Zahl der afghanischen Ortskräfte mit 576 Personen an. Hierin enthalten waren die Mitarbeiter und Bediensteten sämtlicher im Land tätiger deutscher Organisationen einschliesslich der Bundeswehr.

Da das Kontingent seither nicht aufgestockt wurde und mit zunehmenden seitherigen Gebietsgewinnen der Taliban die Zahl der in Afghanistan tätigen NGO’s eher rückläufig gewesen sein dürfte, ist eher von einer Reduzierung dieser Zahl seitdem auszugehen, erst recht während der Corona-Zeit.

Aus einigen Hundert macht Zehntausende

Doch selbst wenn man diese offiziellen Regierungsangaben von 2018 zugrundelegt und die „Angehörigen“ dieser Kräfte großzügig in die Evakuierungspläne einbezieht, kommt man auf eine maximal untere vierstellige Zahl realer Ortskräfte, über deren Aufnahme maximal geredet werden dürfte. Dies ist um Dimensionen entfernt von den abenteuerlichen und großzügigen Pi-mal-Daumen-(Über)schätzungen, die absichtsvoll von interessierten Aktivisten und Journalisten in die Runde gestreut werden und sich so als „Verhandlungsbasis“ verselbständigen.

Schon im Juni, lange bevor Kabul fiel, schwante der ARD-„Tagesschau“ wohl, was die nähere Zukunft bringen würde – weshalb sie schonmal über die zukünftige Situation der „Ortskräfte“ berichtete. Listig wurde hier auf die Unterscheidung zwischen den für die deutschen Streitkräfte und Organisationen tätigen und den insgesamt für die internationale Schutztruppe aktiven afghanischen Aushilfen verzichtet: „Zehntausende Afghanen waren als sogenannte Ortskräfte für die internationalen Truppen tätig. Mit deren Abzug fürchten viele eine Rache der Taliban„, leistete die ÖRR-Framer schonmal die erwünschte Vorarbeit geleistet.

Darauf lässt sich jetzt aufbauen: Man setzt ganz offensichtlich auf Gewöhnungseffekte, indem mit möglichst hohen Zahlen hantiert wird. Bundesinnenminister Horst Seehofer fabulierte bekanntlich schonmal von fünf Millionen zu erwartenden Flüchtlingen. Von „Peanuts“ wie hunderten oder tausenden Betroffenen spricht niemand mehr, stattdessen werden generell in Kabul auf Ausreise hoffende Afghanen begrifflich mit den Ortskräften vermengt. Wir wissen, wie es weitergeht: Am Ende ist jeder Afghane, der seit August 2021 deutschen Boden betrifft, „Ortskraft“ gewesen. (DM)