Ungeimpfte haben keine Lebensberechtigung: Lasst-sie-alle-sterben-Rufer in der Schweiz ganz laut

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In der Schweiz arbeiten Intensivstationen „wieder am Rande der Belastungsgrenze“. Die „vierte Welle“ überschwemmt das Land. Schuld sind – ganz klar – die vielen Ungeimpften. Jetzt fordern die ersten „Gesundheitsexperten“ einen Behandlungsstopp für sie. Eine erschreckende Haltung, die sich weltweit Bahn bricht.

In keinem Land Westeuropas würden sich weniger Menschen die neuartige Covid-19-Impfung verpassen lassen als in der Schweiz, weiß der Tagesspiegel. Nur 51 Prozent hätten bisher „ja“ gesagt zu dem „kleinen Piks“. Die Schweizer Zeitung Blick.ch ist im Panik-Modus: „Fakt ist: Am Donnerstag lagen 686 Personen auf Schweizer Intensivstationen, 275 davon wegen Covid-19 – deutlich mehr als noch vor einem Monat. Über 90 Prozent von ihnen sind ungeimpft. Damit sind die Intensivstationen zu rund 80 Prozent ausgelastet“. Laut Blick ist eine Betten-Aufstockung, wie zu Beginn der ausgerufenen Pandemie, zwar jeder Zeit möglich, es fehle aber am Personal. Und dann auch noch das: Corona-Kranke liegen länger flach als andere Patienten und machen „eineinhalb- bis zweimal mehr Arbeit“. Ein normaler Intensivpatient belegt im Schnitt 1,6 Tage die Intensivstation, Corona-Erkrankte „10 bis 14 Tage!“

Es schlägt die Stunde der „Triage-Fans“. Schon kriechen sie aus ihren Löchern und fordern, Ungeimpfte gefälligst ihrem selbstgewählten Schicksal zu überlassen und ihnen jede medizinische Hilfeleistung zu verweigern.

„Die Ärzte werden dann zuerst jene behandeln, die die besten Chancen haben zu überleben“, so der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (58) laut Tagesspiegel. „Das dürften eher die Geimpften sein.“

Schon jetzt müssten wegen der Engpässe wieder Operationen verschoben werden, dröhnt der Gesundheitsdirektor. „Und man kann sich fragen: Ist es korrekt, wenn wir jemandem einen Eingriff verweigern, nur weil wir Platz für einen ungeimpften Covid-Patienten brauchen? Die Leute müssen verstehen, dass die Lage ernst ist. Kein Verständnis habe ich bei jenen, die sich nicht impfen lassen, in die Ferien fliegen, feiern gehen und dann überrascht sind, wenn sie auf der Intensivstation landen“, so Schnegg und schiebt gleich noch eine Impfwerbung hinterher: „Es gäbe ein einfaches Rezept dagegen: die Impfung!“,

Auch der Berner Gregor Kaczala (46) hofft, nicht die Triage-Entscheidungen treffen zu müssen. Wenn doch, ja dann befürchte er „schlechtere Karten für Nichtgeimpfte“. Die Patienten, die nun auf der Intensivstation die Betten belegen, seien zwischen 20 und 50 Jahre alt, da würde neben Kriterien wie Alter und Gebrechlichkeit der Impfstatus eine wesentliche Rolle spielen. „Wenn man im Leben A sagt, sagt man auch B“, so der „Aussortierer“, der Kinder- und Jugendarzt ist.

„Wer Impfgegner ist, der müsste eigentlich eine Patientenverfügung ausfüllen, worin er bestätigt, dass er im Fall einer Covid-Erkrankung keine Spital- und Intensivbehandlung will. Das wäre echte Eigenverantwortung“, findet auch die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli. Ungeimpfte würden das Gesundheitswesen belasten, gibt sie im Tagesanzeiger.ch zu Protokoll.

Die neue Einteilung in „gute und böse Kranke“ bedeutet zwangsläufig konsequent weiter gedacht, daß demnächst auch Rauchern, Alkoholikern, Übergewichtigen, Nicht-Sporttreibenden etc., die Behandlung versagt wird, weil sie ja „selbst Schuld“ an ihren Krankheiten sind.

Genau davor fürchtet sich die Medizin-Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle: „Es wäre ein hochproblematischer Paradigmenwechsel, eine Krankheit plötzlich als Schuld zu qualifizieren“, erklärt die 64-Jährige gegenüber Blick.ch. Würden Menschen einzig aufgrund einer Impfung als mehr oder weniger lebenswert taxiert, widerspräche dies der humanitären Tradition (nicht nur) der Schweiz. „Solche Drohungen könnten auch Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben haben“, warnt Baumann-Hölzle angesichts der lauten neuzeitlichen „Lebenswert-Lebensunwert-Sortierer.“

Die Schweiz steht hier nicht allein: In den USA, Großbritannien und Teilen Europas bilde sich diese „heimtückische Haltung“ heraus, stellt der Arzt, Autor und Kulturbeobachter R.M.Huffmann fest: „Die ehemalige US-Senatorin aus Missouri Claire McCaskill fordert, dass die Versicherungsbeiträge der Ungeimpften erhöht werden. Piers Morgan, ein britischer TV-Prominenter, verlangt auf seinem von fast acht Millionen Menschen gefolgten Twitter-Account, dass das britische Gesundheitssystem den Ungeimpften Krankenhausbetten verweigern soll. Ein Notarzt in Arizona antwortete auf einen Videoclip in den sozialen Medien, der Menschen ohne Mundschutz in einem Lebensmittelgeschäft zeigt, mit „Lasst sie sterben“. Ein Chirurg in Massachusetts schlägt vor, dass die Ablehnung eines COVID-19-Impfstoffs durch einen Patienten von Ärzten generell als Anweisung zum „nicht Intubieren/nicht Wiederbeleben“ betrachtet werden sollte“, so der Arzt in seinem Artikel in RT.com.

Dies schaffe einen gefährlichen Präzedenzfall und erschüttere grundlegende Grundsätze der medizinischen Praxis im Kern, stellt auch Huffmann klar. (MS)