Das Impf-Regime (3)

Impfzwang (Bild: shutterstock.com/ Von LookerStudio)
Impfzwang (Bild: shutterstock.com/ Von LookerStudio)

Im letzten Teil dieses Beitrags stellte ich die Frage, welche „Impfquote“ theoretisch das Wunder der Herdenimmunität erzeugen soll.

Von Martin Lichtmesz für Sezession

Die im März 2020 von Gavi genannte Zahl von 60% wurde im Laufe der folgenden Monate kontinuierlich gesteigert. Hier ein paar zufällig ausgewählte Stichproben, um einen Überblick zu bekommen, mit besonderem Augenmerk auf Österreich:

Der amerikanische „Corona-Zar“ Anthony Fauci, der seine Meinungen wohl noch häufiger wechselt als sein deutsches Pendant Drosten, nannte schon Ende April 2020 die Zahl „70-80%“, um Herdenimmunität zu erreichen. Im Dezember des Jahres war er gar bei 90%  angelangt.

Zu diesem Zeitpunkt war die Option der „natürlichen“ Herdenimmunität längst vom Tisch; wenn Fauci nun “75, 80, 85 %” oder andere Hausnummern nannte, dann war bereits von Impfquoten die Rede.

Am 29. November 2020 berichtete die ÄrzteZeitung, „die oberste Impf-Expertin der WHO, Katherine O’Brien“ habe eine „Durchimpfungsrate von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung“ für „notwendig“ erklärt, um „eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen“. Diese Empfehlungen der WHO wurden auch in Österreich übernommen.

Anfang November 2020 gab Renée Gallo-Daniel, die Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller (ÖVIH), die Parole aus, daß sich „70% und mehr der Bevölkerung“ impfen lassen „müssten“, „damit wir das neue Coronavirus wirklich in den Griff bekommen.“

Anfang Dezember 2020 „wünschte“ sich Clemens Martin Auer, Covid-Sonderbeauftragter im österreichischen Gesundheitsministerium, das Erreichen einer „epidemiologisch notwendigen Durchimpfungsrate zwischen 60 und 65 Prozent“, während „sein Minister“ Anschober beteuerte, schon mit einer Rate „von zumindest 50 Prozent ‚plus einem großen X'“ zufrieden zu sein.

Zu diesem Zeitpunkt zeigten Umfragen in der Bevölkerung eine eher magere Impfbereitschaft – nur ein Drittel der Befragten zeigte sich willig. Die Zahl der Impfwilligen wurde im Laufe eines Monats durch Lockdown, Testpflicht und sozialen Druck beträchtlich in die Höhe getrieben. Die Angst vor „Corona“ scheint dabei nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben – die meisten wollten ihr „normales Leben“ wieder zurückbekommen.

Im Januar 2021 berechneten „Experten“, daß die Pandemie in Österreich erst im Jahr 2025 enden werde, wenn weiterhin im Schneckentempo geimpft werde: „Bleibt die aktuelle Impfgeschwindigkeit konstant, dann wird es noch 1.774 Tage dauern, bis eine Immunität von 70 Prozent der Bevölkerung erreicht ist.“

Seither hat sich das Impf-Tempo erheblich gesteigert, allerdings haben dieselben „Experten“ die Latte inzwischen etwas höher gelegt: aktuell verkündet ihre Netzseite, daß ein Pandemieende erst im August 2022 in Aussicht steht, wenn „eine landesweite Immunität von 80% in Österreich erreicht ist.“ Am 14. 9. 2021 ist man in Österreich erst bei  59,49%% „Vollimmunisierten“ angelangt.

Ebenfalls im Januar 2021 war man in Deutschland schon viel weiter. Der WDR und der Verband Forschender Arzneimittelhersteller e. V. (ww.vfa.de) nannten eine notwendige Durchimpfungsrate von 80-85%, wobei sie sich auf eine Kölner Infektiologin („Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie infektiös das Virus ist“und einen populären Experten namens Karl Lauterbach beriefen.

Bei dieser Zielvorgabe sollte es auch bleiben: Am 22. Juli 2021 nannte eine seither nicht mehr aktualisierte Informationsseite des Bundesministeriums für Gesundheit eine „Zielimpfquote (Impfschutz durch vollständige Impfung) von 85 % für die 12– 59-Jährigen sowie von 90 % für Personen ab dem Alter von 60 Jahren“.

Mitte Juni 2021: Nachdem auch in Österreich die „indische Variante“, inzwischen bekannt als „Delta“, aufgetaucht war, prophezeite der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) im Herbst eine „vierte Welle“, die nur durch „eine Durchimpfungsrate von 80 Prozent der Bevölkerung“ aufgehalten werden könne (zu diesem Zeitpunkt waren nur 25% „vollimmunisiert“.)

Ende August 2021 drohte Italien, eine „Impfpflicht“ einzuführen, wenn die Impfrate unter 80% bliebe. 95% seien notwendig, erklärte „der Experte Walter Ricciardi, ein Berater des italienischen Gesundheitsministeriums“, inklusive der Kinder; am 13. September ist man erst bei 64,5% angelangt, das Ziel ist nun 90%, und wie angedroht „erwägt“ die Regierung Draghi die Impfpflicht.

Und was sagt die österreichische Regierung selbst? Als pünktlich zu Weihnachten 2020 die ersten Impfstoffdosen in Österreich verfügbar wurden, verkündete Kanzler Kurz, das Eintreffen dieser „Gamechanger“ signalisiere den „Anfang vom Sieg über die Pandemie“.

In einem Strategiepapier des Gesundheitsministeriums vom 21. Dezember 2020 ist zwar von erwünschten „hohen Durchimpfungsraten“ die Rede, eine konkrete Zahl wird jedoch nicht genannt. Die „Ziele der Nationalen Impfstrategie“ sahen zu diesem Zeitpunkt so aus:

Die Bundesregierung hat das Ziel, allen Menschen in Österreich, die sich impfen lassen möchten, einen umfassend geprüften, sicheren, effektiven und zugelassenen COVID-19-Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Dabei soll es keine allgemeine Impfpflicht geben. In Abhängigkeit von den Eigenschaften bzw. der Zulassung des oder der verfügbaren Impfstoffe wird es eine klare Empfehlung geben, wer geimpft werden soll. Die Impfstoffe werden der Bevölkerung kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Die Ziele der Nationalen Impfstrategie inkludieren die Reduktion der Krankheitslast durch COVID-19 und Vermeidung von Todesfällen, den Schutz vulnerabler Bereiche, wie etwa Alten- und Pflegeheime und das Gesundheitssystem, die Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur sicherzustellen (z. B. Lebensmittelhandel, öffentliche Verkehrsmittel, Schulen und Kindergärten) und letztendlich die Normalisierung des öffentlichen Lebens – soweit mit Impfungen möglich – durch rasches Erreichen hoher Durchimpfungsraten.

Dieses Strategiepapier wurde seither nicht aktualisiert. Es bleibt im Dunkeln, wann denn die Impfrate hoch genug und die „Krankheitslast durch COVID-19“ ausreichend reduziert ist, damit die Ziele der Regierung erreicht sind.

Wäre Dänemark ein Vorbild? Dieses Land ist nun offiziell aus dem Pandemie-Karussel ausgestiegen und hat eine hohe Durchimpfungsrate (was für ein häßliches Wort!) erreicht – je nach Zählung sind es 74% der Bevölkerung (Stand 16.9.) oder über 80% „der Menschen ab zwölf Jahren“(tagesschau, 26. 8. 2020). Ist diese magische Schwellenzahl von annähernd 80% die notwendige Voraussetzung für den „Freedom Day“ (Jens Spahn)?

Der Schein trügt: Andreas Rosenfelder wies in der Welt darauf hin (wie fast immer bei coronakritischen Beiträgen hinter Bezahlschranke), daß Dänemark die meisten Beschränkungen bereits im Juni ausgesetzt hatte, als die Impfrate noch bei 48% lag. Lockdownartige „Maßnahmen zur Verlangsamung des öffentlichen Lebens“ gab es überhaupt nur zu Beginn der Pandemie, im März und April 2020.

Dänemark verfolgt auch keine „Zero Covid“-Strategie (wie Neuseeland und Australien, die darob völlig irre geworden sind): Laut worldometers.info verzeichnet das Land am 16. 9. 2021 6,712 „aktive“ („symptomatische“) Fälle, davon 28 „im kritischen Zustand“. Das sind etwa doppelt so viele aktive und achtmal so viele kritische Fälle als vor einem Jahr, am 16. 9. 2020.   

Noch ein Vergleichswert: Am Anfang des Monats standen gar 1151/4 Fälle (31. August 2020) 12,646/21 Fällen (31. August 2021) gegenüber. Als die dänische Regierung die Aufhebung aller Maßnahmen ankündigte, gab es in Dänemark also zehnmal so viele aktive Coronafälle als zum selben Zeitpunkt im Vorjahr.

Auch die Zahl der täglichen Sterbefälle scheint nicht gesunken zu sein, wie die Kurven und die Stichproben zeigen: Am 14. September 2020 gab es zwei Sterbefälle in Dänemark, am 15. September 2021 drei.

Es gab im September 2020 auch keinen Lockdown in Dänemark, sondern nur lokale Regelungen in Kopenhagen und einigen Gemeinden in dessen Ballungsraum: Versammlungsbeschränkungen und geringfügig frühere Sperrstunden für Restaurants und Cafés. 

Die Impfkampagne hat in Dänemark also weder die Fallzahlen noch die absoluten Sterbezahlen gesenkt; allenfalls könnte man die Daten so interpretieren, daß zwar mehr Leute erkranken, aber prozentuell weniger sterben.Vielleicht zeigt sich im Winter ein deutlicherer Unterschied, den man irgendwie den Impfungen zuschreiben kann, vielleicht wird man Corona auch einfach vergessen, wenn nicht mehr flächendeckend getestet wird.

Dies alles muß man freilich aus einer übergeordneten Perspektive betrachten: Insgesamt hat sich in Dänemark für ein Land mit 5,8 Millionen Einwohnern lächerlich wenig abgespielt, im September 2020 ebenso wie im September 2021. Den Spitzenwert erreichte Dänemark, immer nach worldometers.info, am 23. Dezember 2020, mit 43,089 „aktiven“ und 83 „kritischen“ Fällen.

Die höchste Sterberate pro Tag war am 14. Januar 2021 erreicht, mit 43 Todesfällen. 2020 sind in Dänemark 54,645 Menschen gestorben (was dem üblichen Jahresdurchschnitt entspricht), das wären auf das Jahr verteilt rund 150 Menschen pro Tag.

Dänemark hat sich also genausowenig „freigeimpft“ wie Schweden (Quote der vollständigen Impfungen 16.9.: 60,8%), in dem es bekanntlich keine Lockdowns gab, nicht einmal Maskenpflicht. Es sieht eher danach aus, als ob hätte die dänische Regierung die Impfquote als Alibi benutzt, um das Coronatheater zu beenden, ohne im In- und Ausland ihr Gesicht zu verlieren.

Allerdings zeigen diese beiden skandinavischen Länder, daß sich eine hohe Impfbereitschaft mancherorts auch ohne allzu großen oder gar keinen Lockdown-Druck herstellen läßt.

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