Das große Geschäft der Pharmaindustrie: EU zahlt 31 Milliarden Euro mehr für Covid-Impfstoffe als geplant

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Nach einem Jahr haben zwei der vier Impfstoffhersteller inzwischen ihre Preise massiv in die Höhe getrieben. Von dem Versprechen der EU, eine Dosis werde zwischen 5 und 15 Euro kosten, ist offenbar nichts übrig geblieben. Über 31 Milliarden Euro zuviel soll die EU mittlerweile für Covid-Impfstoffe gezahlt haben.

Im September 2020 versprach die für die Impfstoff-Verhandlungen zuständige oberste EU-Gesundheitsbeamtin Sandra Gallina den EU-Abgeordneten eine Covid-Impfung für „kleines“ Geld: „Wir können bestimmte Grenzen nicht überschreiten, weil es nicht bezahlbar wäre“, erklärte sie damals dem Gesundheitsausschuss. Leere Worte, heiße Luft, wie sich heute herausstellt. 10 bis 15 Euro pro Dosis, mehr sei nicht drin, hieß es damals.

Nur ein Jahr später verlangt Pfizer statt 15,50 Euro satte 19,50 pro Dosis. Auch Moderna hat die Preise kräftig erhöht – der Pharmakonern läßt sich statt der vereinbarten 22,50 US-Dollar nun 25,50 US-Dollar (knapp 22 Euro) bezahlen, berichtet die Financial Times, die die Dokumente eingesehen haben will. Brisant: Die Herstellungskosten in der Massenproduktion für eine mRNA-Impfung liegen bei nur 1,18 US-Dollar – sprich EINEM Euro – lautet das Ergebnis einer Studie des Imperial College London. Legt man diese Einschätzung zugrunde hat die EU sage und schreibe 31 Milliarden Euro (Steuergeld) zu viel bezahlt, meint die People’s Vaccine Alliance, eine Koalition von mehr als 70 humanitären Organisationen.

Richard Bergström, Impfstoffkoordinator der schwedischen Regierung sieht die EU trotzdem auf der Gewinnerseite und spricht von einem „guten Deal“. Er gibt laut euobserver.com an, daß sich die Preise für Medikamente immer nach ihrem Wert und nicht nach den Herstellungskosten berechnen. Nach dieser Regel „sollten die Moderna- und Pfizer-Impfstoffe mehr als 100 US-Dollar pro Dosis kosten, so die Ansicht der Märkte und der Analysten“. Preise, die die EU nicht zahle, erklärt Bergström.

Die Verträge zwischen den Pharmakonzernen und der EU blieben lange geheim und viele Details sind bis heute unbekannt. Offensichtlich hat man auf beiden Seiten wenig Interesse an der vielgerühmten Transparenz.

„Verträge wurden erst nach monatelangem Druck der Zivilgesellschaft, der Europaabgeordneten und des Europäischen Bürgerbeauftragten freigegeben“, erklärt Olivier Hoedeman von der NGO Corporate Europe Observatory. Die 1997 gegründete Nichtregierungsorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, den privilegierten Zugang von Unternehmen und Lobbygruppen und ihren Einfluss auf die Politik der Europäischen Union offenzulegen und anzugreifen. Sie hatte im September 2020 bei der Kommission zwei Anfragen zur Informationsfreiheit eingereicht, um Zugang zu Aufzeichnungen zu erhalten. Neben Verträgen wurden 365 interne Dokumente identifiziert, aber nur 80 veröffentlicht.

„Leider wurden sie so stark redigiert, dass ihre Offenlegung praktisch keine sinnvolle Transparenz bot“, sagt Hoedeman und fügt hinzu, dass die EU ihre Verhandlungsmacht nicht genutzt habe, um zu verhindern, dass Pfizer, BioNTech und Moderna ein Monopol auf mRNA-Impfstoffe erlangen.

Bisher wurden nur vier Impfstoffe von der europäischen Regulierungsbehörde zugelassen. Astra Zeneca und Johnson & Johnson, die versprochen haben, Dosen auf gemeinnütziger Basis bereitzustellen, verwenden konventionelle Techniken, indem sie abgeschwächte Formen des Virus züchten. Aber ihre Produkte wurden aufgrund von Verzögerungen und Berichten über seltene Blutgerinnsel zunehmend gemieden.

Im Gegensatz dazu nutzen Moderna, Pfizer und der deutsche Partner BioNTech die neuere mRNA-Technologie, die menschlichen Zellen beibringt, eine Immunantwort auszulösen, und die voraussichtlich kostengünstiger herzustellen ist. Dennoch sind ihre Preise hoch und ihre Gewinne explodieren.

Zusammen haben diese Unternehmen in den Jahren 2021 und 2022 über 60 Milliarden US-Dollar an Impf-Umsätzen eingefahren. Allein BioNTech könnte Deutschlands Wirtschaft in diesem Jahr um 0,5 Prozent ankurbeln.

Während Pfizer/BioNTech und Moderna saftige Schecks von der EU forderten, hielten sie Quellen zufolge Angaben zu ihren Kosten und Gewinnanteilen zurück. „Das ganze System basiert darauf, dass man durch Geheimhaltung mehr Preiswettbewerb bekommt“, erklärt Richard Bergström. Sowohl die Industrie als auch die öffentliche Seite glaube, daß man dadurch bessere Angebote bekomme.

„Wir haben es richtig gemacht, weil wir es europäisch gemacht haben“, trompetete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Gewerkschaft in der vergangenen Woche und lobt die „Großzügigkeit“ der EU. In einer EU-Erklärung heißt es: „Rund 236 Millionen Dosen wurden von COVAX in 139 Länder geliefert. Das ist eine großartige gemeinsame Leistung.“ Die EU hat sich verpflichtet, in diesem Jahr 200 Millionen Impfungen zu spenden.

Die Europäische Kommission lehnte es weiter ab, sich zu den Vertragspreisen zu äußern, bekräftigte jedoch ihr Bekenntnis zur globalen Zusammenarbeit. BioNTech und Moderna standen für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung. Investigate Europe wandte sich an Dutzende von EU-Beamten und Regierungen, die meisten antworteten nicht.

Bis heute hat die Europäische Kommission nach eigenen Angaben bis zu 4,6 Milliarden Dosen für eine Bevölkerung von rund 750 Millionen Menschen gesichert. (MS)