Die Wahl – die Reaktionen

Scholz kann sich einmal wieder selbst an die Nase fassen... (Foto: Imago)

Der erste Akt im neuen Kasperletheater namens Bundestag ist beendet, es folgt der zweite, weitaus langwierigere Akt: Die Gründung einer Koalition. Das wird wahrlich dauern, bis sich die Politik-Darsteller zusammengefunden haben, um für vier Jahre einen weiteren Stillstand zu vereinbaren, während das Land weiter Richtung Eisberg wankt.

Hier die Presseschau:

Tichy

Über Merkels politische Fehler ist viel geschrieben worden: Eine Energiewende, die Deutschlands Industrie und Wohlstand zerstört, eine maßlose Zuwanderung, die Deutschlands Identität verändert, eine Europa-Politik, die nach Großbritannien dabei ist, auch die osteuropäischen Staaten in den Exit zu treiben: Eigentlich reicht es.
Aber all das könnte man, wenn man wollte, korrigieren. Sehr viel schwieriger ist es, die Demontage der demokratischen Institutionen zu korrigieren. Das Bundesverfassungsgericht wurde zu einem Bestätigungsgerichtshof der Richtigkeit des Regieurngshandelns, indem nicht mehr exzellente, unabhängige Richter das Sagen haben, sondern Parteifunktionäre mit Staatsexamen. Damit fällt eine der wichtigsten Institutionen aus, die den Bürger vor dem Irrtum und der Willkür der Regierung und ihrer Mehrheit schützt.

Welt

…Eigentlich müsste sich die CDU in der Opposition erholen, sie ist erledigt. Doch auch wenn dieses lausige Ergebnis ein All-time-low ist, es kann noch weiter bergab gehen. Angela Merkel, die die Dinge vom Ende her verstehen will, hat die Partei an den Abgrund geschoben. Dort wackelt sie jetzt. Ob es noch schlimmer kommt, weiß niemand…Wie provinziell die Bundesrepublik künftig regiert wird, bleibt abzuwarten. …..Der Wahlkampf hatte etwas selbstzentriert Vermufftes. Der Ehrgeiz, wirtschaftlich, kulturell und innovativ Europa und die Welt mit zu führen, war nirgendwo zu spüren. 40 Prozent der jungen Menschen wollen Beamte werden. Es ist eine Zeit erschreckender Selbstgenügsamkeit. Wo bleibt der Mut?…

Tagesspiegel

…Zu Beginn des Wahlkampfes konnte man von einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen beiden Parteien ausgehen. Die Grünen sahen sich schon als neue Öko-Volkspartei und die Union glaubte, nach 16 Jahren Angela Merkel, das Kanzleramt einfach vererbt zu bekommen. Beides entpuppte sich als das, was es von Beginn an war: eine Illusion…….Aber die beiden größeren Parteien hängen nun am Tropf der kleineren Parteien. Und diese Machtverschiebung hat FDP-Chef Christian Lindner am Wahlabend schon deutlich gemacht, indem er erstmal den Grünen Gespräche angeboten hat, bevor mit SPD oder Union gesprochen werde. Über Koch oder Kellner einer künftigen Koalition mag das noch nichts sagen. Aber sehr wohl darüber, wer bestimmt, was überhaupt auf dem Speiseplan steht….

MZ

…In der Ruhe liegt die Kraft und von dieser Ruhe strahlt der SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz ganz besonders viel aus. Diese Bedächtigkeit hat ihm und seiner Partei nicht geschadet. Im Gegenteil. Er hat von den Fehlern seiner Kontrahenten profitiert und bei der Bundestagswahl etwas geschafft, was ihm lange niemand zugetraut hat: Die Trendwende für die Sozialdemokraten………Die CDU hat für ihren Parteiegoismus – Laschet statt Markus Söder in den Wahlkampf zu schicken – nun die Quittung bekommen. Bei diesem Ergebnis ist davon auszugehen, dass in der CDU und CSU ganz heftig über Konsequenzen debattiert werden wird.
Die Einzige aus der Union, die sich trotz der Verluste bestätigt fühlen darf, ist Angela Merkel. Sie hat 16 Jahre souverän regiert und hat nun schwarz auf weiß: In CDU und CSU gibt es niemanden, der ihr das Wasser reichen kann und auf absehbare Zeit ihre Popularität erreichen wird…

Zeit

Scholz ist topfit, er, der früher ein Sportmuffel war, joggt und rudert jetzt regelmäßig. Außerdem verzichtete er im Wahlkampf weitgehend auf Alkohol. Asketisch und hochkonzentriert – auch darin wirkte er wie ein Gegenpol zu Laschet, über den gern Zigarilllo-Geschichten erzählt werden und der sich öffentlich mehrfach verhaspelte oder verrannte. Schon seinen ersten Satz am Sonntagabend auf der Bühne in der Parteizentrale bringt Laschet nicht gerade zu Ende. Etwas, was Scholz fast nie passiert……Scholz gibt sich betont demütig und unprätentiös………Scholz will Kanzler werden. …..Scholz ist, gemessen an den Verlusten der anderen, der Wahlsieger des Abends. Jetzt muss er weiter konzentriert und diszipliniert bleiben. Sein Ehrgeiz sei es, die Regierungsbildung schneller hinzukriegen als 2017, sagte Scholz. Mit „politischer Führung“ und „Kompromissfähigkeit“ sei es möglich, dass nicht Angela Merkel, sondern der neue Kanzler die Neujahrsansprache 2022 halte. Wenn es nach Scholz ginge, würde dieser aus Hamburg kommen…….

Bild

Überall in unserem schönen Land spazierten Menschen am frühen Morgen zuallererst ins Wahllokal, um ihre Bürgerpflicht zu erfüllen. Eltern erklärten ihren Kindern vor den Wahlurnen, wie Demokratie funktioniert. Senioren, die sich womöglich noch an dunkle Zeiten erinnern, füllten gewissenvoll ihre Stimmzettel aus.

Es ist unmöglich, an so einem Tag nicht sentimental zu werden, keine Gänsehaut zu haben.

Umso beschämender waren die Bilder aus unserer Hauptstadt. Die Rot-Rot-Grüne Landesregierung hat alles getan, um die Wahlen für den Bundestag und das Berliner Abgeordnetenhaus zu sabotieren. Eine Regierung, die am Wahltag einen Marathon veranstaltet und Straßen sperrt, ist eine Schande für die Demokratie.

Das wird aufzuarbeiten sein, das muss politische Konsequenzen haben. Doch das Wunder der Demokratie überstrahlt selbst die inkompetente Landesregierung unserer Hauptstadt.

Allen Pannen zum Trotz, ganz gleich, wer als Gewinner dieser Wahl hervorgeht: Heute war ein Festtag für unser Land.

Süddeutsche Zeitung

…Dem Volke scheint rein rechnerisch auch in Zukunft ein Leben in der GroKo weiterhin möglich, aber sinnlos. Es geht also: um Jamaika oder Ampel. Weswegen die Hauptrollen in dieser Talkshow FDP-Generalsekretär Volker Wissing sowie Cem Özdemir von den Grünen spielen, denn ihre Parteien sind jetzt – Regierungsauftrag an SPD oder CDU hin oder her – die Kanzlermacher.

Schon bekommt der Zuschauer eine Ahnung davon, wie schwierig die Verhandlungen sein werden. Weswegen denn auch betont wird, dass man sich im großen Ziel ja einig sei, nämlich dem Klimaschutz. Nicht das Ob, nur das Wie ist also die Frage. Kristina Dunz, Journalistin vom Redaktionsnetzwerk Deutschland, stellt allerdings fest, dass keine Partei ein Programm vorgelegt habe, dass der Begrenzung der Erderwärmung wirklich gerecht werde. Und dass diese Wahl nur zeige, dass die Mehrheit gar nicht wirklich einen Wandel wolle. „Dass die einen abgeben müssten und die anderen mehr kriegen, das ist noch eine große Angst in diesem Land.“

Aber ein bisschen Punkrock will das Land schon, also zumindest nicht mehr die GroKo. Oder um es mit Klingbeil zu sagen: „Mit der kaputten Union garantiert nicht.“ Allerdings ist in Deutschland wirklich gerade alles offen…