Frankfurter Buchmesse: Jungeuropa, Kuhnke, Kehre – ein Lehrstück

Frankfurter Buchmesse (Bild: Von Nadiia Gerbish/shutterstock.com)
Frankfurter Buchmesse (Bild: Von Nadiia Gerbish/shutterstock.com)

Es ist bezeichnend, dass die bloße Existenz und Anwesenheit „rechter Verlage“ auf der Frankfurter Buchmesse  bereits genügt, um heftige Reaktionen im linksliberalen Establishment zu provozieren. Es zeigt, wo die Reise hingeht, wenn nicht intellektuell und (gegen-)kulturell Paroli geboten wird. Götz Kubitschek hat bei Sezession das verrückte Treiben rund um den Start der Buchmesse hier eingeordnet.

Ein Beitrag von Götz Kubitschek bei Sezession

Wer weiß, daß er nicht viel oder fast gar nichts zu sagen hat, kann andere dafür verantwortlich machen, wenn ihm keiner zuhört.

Wer unwichtig genug ist, um auf einer Buchmesse nicht aufzufallen, kann auffällig wegbleiben, indem er Lügengeschichten verbreitet und sich zum Opfer imaginierter Bedrohungen stilisiert.

Diese Techniken werden mittlerweile inflationär angewendet. Das kann man denen, die einfallslos sind, nicht verdenken; seltsam ist bloß, daß der intelligentere Teil des Feuilletons diese Spielchen mitmacht und sie nicht als das benennt, was sie sind: eine Masche.

Der Aufruhr um die Beteiligung von Philip Steins Verlag Jungeuropa und Jonas Schicks Zeitschrift Die Kehre an der seit heute laufenden Frankfurter Buchmesse ist ein Paradebeispiel für die Abfolge von Lüge, Megaphon und Zugzwang:

Das Boulevard-Phänomen Jasmina Kuhnke ist bekannt als Twitter-Account „Quattromilf“, hat nun einen ersten Roman vorgelegt (Schwarzes Herz) und war als „Überraschungsgästin“ (ihre Worte) für ein Präsentationsgespräch auf der Buchmesse vorgesehen. Nun hat sie diesen Auftritt mit der Begründung abgesagt, sie könne nicht teilnehmen, weil man es in Frankfurt dulde, „dass Menschen mit sichtbarer Migrationshistorie durch die Präsenz von Nazis auf dieser Messe gefährdet werden!“

Man muß, um solche Sätze verstehen zu können, manches wissen: Den „sichtbaren Migrationshintergrund“ schreibt sich Kuhnke selbst zu, sie hat eine deutsche Mutter und einen afrikanischen Vater, und weil wir allesamt zur Farbenblindheit erzogen worden sind, betont sie das Braune an ihrem Fall zurecht, denn nur so kann ihr die Aufnahme in eine Opfergruppe gelingen.

Mit der „Präsenz von Nazis“ ist der acht Quadratmeter große Stand von Jungeuropa und Kehre gemeint, nebst den Verlegern, Autoren und Lesern, die sich dort fünf Tage lang tummeln werden. Diese Leute, die ich (mit Ausnahme einiger Leser vielleicht) alle gut oder sogar sehr gut kenne, waren bisher für Frau Kuhnke nicht gefährlich und werden es auch auf der Messe und in den Jahren danach nicht sein, wenn darunter körperliche Gewalt oder Schlimmeres verstanden werden soll.

Aber wir alle wissen, daß eine andere Auffassung, ein anderer Gesellschaftsentwurf, eine andere Form von Humor, Spott, Pauschalisierung, ein anderer Stil und eine andere, wachsende Leserschaft für jeden gefährlich klingen mag, der „professionell empfindlich“ auf andere Meinungen reagiert und mit Unterstellungen kontert.

Solche Konter sind ein Treibstoff, der die Propagandamaschine des linken, also mittigen, jedenfalls woken politisch-medialen Komplexes auf Hochtouren laufen läßt. Die Aussagen Jasmina Kuhnkes werden derzeit also nicht gegengeprüft, auf ihre Redlichkeit, ihren Sitz im Leben, ihren geschäftlichen Hintergrund abgeklopft, sie werden keinem Fakten-Check unterzogen und nach dieser ganzen, normalen journalistischen Vorarbeit auch nicht als das abgetan, was sie sind: ein Geschäftsmodell oder – weniger hart – der bemitleidenswerte Versuch einer untalentierten Autorin, mit der Inszenierung eines Skandals auf ihren Erstling (und vielleicht Letztling) aufmerksam zu machen.

Frau Kuhnke bekommt zur Stunde alle Megaphone in die Hand gedrückt, die sie sich zuvor nicht zu wünschen wagte. Sie erfährt kritiklose Berichterstattung entlang ihrer denunziatorischen Vorgaben; sie nimmt Solidaritätsadressen in den Sozialen Netzwerken entgegen; der Titel ihres Buches wird in allen Medien genannt. Andere „Autoren“ haben ihr Kommen mittlerweile auch abgesagt. Und die Leitung der Frankfurter Buchmesse ist unter einen Druck geraten, der Stunde um Stunde verstärkt wird. Noch reagiert man dort einigermaßen stabil. Aus der jüngsten Pressemitteilung:

Die Frankfurter Buchmesse und der Börsenverein setzen sich weltweit für die Freiheit des Wortes und Publikationsfreiheit ein. Deshalb steht für uns auch fest, dass Verlage, die sich im Rahmen der Rechtsordnung bewegen, auf der Buchmesse ausstellen können, auch wenn wir ihre Ansichten nicht teilen. Das Verbot von Verlagen oder Verlagserzeugnissen obliegt in unserem Rechtsstaat den Gerichten, und nicht einzelnen Akteur*innen wie der Frankfurter Buchmesse.

Was ist das Ziel? Es gibt mehrere, auf verschiedenen Ebenen. Quattromilf-Kuhnke hat ihres bereits erreicht, vermutlich ist sie schon darüber hinaus geschossen: Ihr Buch wird von Amazon mittlerweile auf Verkaufsrang 82 gelistet und ihr Name sollte nach dieser Nicht-Beteiligung an einer Messe jedem zweiten an dieser Messe interessierten ein Begriff sein. Daß sie für diesen Popularitätszuwachs in Kauf nimmt, Jungeuropa nebenbei ebenfalls sehr viel bekannter und zum Messethema gemacht zu haben, nimmt eine Ich-Maschine wie sie gern in Kauf.

Das übergeordnete Ziel ist Meinungs- und Messereinheit (lies nicht: Messer-Einheit!): Soziale Gebilde bedürfen der Homogenität, streben nach substantieller Übereinstimmung in für ihren Zusammenhalt wesentlichen Fragen. Wenn nun mal Antaios (2017 massiv, 2018 mit dem Loci-Trick), mal Jungeuropa (gerade jetzt) wie rostige Nägel durch den sauberen Gipskarton stechen – dann erinnert das die Einheitsbreifähigen daran, daß genau dies mindestens „ausgehalten“ werden müßte, obwohl es für gleichgeschaltete Seelen vielleicht tatsächlich kaum auszuhalten ist. Daher mag es konsequent sein, diese rechten Nägel wieder zurückzudreschen.

Den Jungeuropäern vom Schreibtisch in Schnellroda aus: Daran, Bücher zu machen, die dem amazonasbreiten Mainstream nicht gefallen, ist nichts kriminell oder in jenem Sinne gefährlich, den Leute wie Jasmina Kuhnke erfinden müssen, um überhaupt etwas darzustellen.

Viel Erfolg also, und seid wachsam! Diese Messe scheint zu Eurer Messe zu werden!


P.S.: Wer das Jungeuropa-Programm durchstöbern und „gefährliche“ Bücher lesen möchte, wird hier fündig.